Schiff vor Anker: Erzählungen

Part 6

Chapter 63,887 wordsPublic domain

Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen, und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort. Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib. Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des Dänenhauptmannes.

Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.

Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging davon.

Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische und dänische Flüche schollen hinwider.

* * * * *

Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge, blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.

Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen: wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht glauben.

Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte. Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an, brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.

Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter, aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige Gunst und ließ sie mit hinein.

Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel dabei.

Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe, dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte, schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen. Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte. Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern. Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und dieser wußte den Blick recht zu deuten.

Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen, er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es müsse noch einmal geschickt werden.

Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei. Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl.

Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof, damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn, Kniphof noch nichts zu sagen.

* * * * *

Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen! Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...

* * * * *

Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.

Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.

* * * * *

Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch, stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel. Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich. Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten. Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.

Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege. Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.

* * * * *

Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.

Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.

Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.

Schiffbrüchig.

Auf meiner dritten Reise.

Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu still zum Fischen.

Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln, das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.

Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir jetzt nach Wind aus.

»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange* -- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht. Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.

»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.

»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.

»Worüm?«

»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich.

Nun lachte er.

»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«

Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht einzuschlafen.

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Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers. Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest? In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen. Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an Deck und erbebte.

Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er sich gurgelnd seitwärts senkte.

»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer wieder rutschte ich hinunter.

Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.

»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.

»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi weg kommt.«

Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes, stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...

Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum bloß? ... Die Bootsleine! Die ...

Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem untergehenden Ewer.

»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.

»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.

»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und der See und den aufschießenden Blasen.

Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.

Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen. Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht -- jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief: die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ...

Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden waren.

Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.

War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.

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Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*, lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß er das Knarren der Gaffeln übertönte.

Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.

Schön und sternenklar war die Nacht.

Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte er sich und fragte:

»Na, wat is er los?«

»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«

»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in der Koje.

»In Gotts Nomen, Hinnik!«

Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem Wasser als nach den Häusern.

Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert.

Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut.

Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.

So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das Herz warm.

Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.

»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen.

»Gu'n Dag, Jan-Unkel.«

»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du denn beschicken?«

Hinrich guckte nach der Elbe.

»Ick will giern up'n groten Kutter.«

»No See, Junge?«

»Jo.«

Der Baas sah ihn lange und prüfend an.

»Dien Vadder is bleben, Hinnik.«

»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See gohn,« antwortete der Junge.

»Is din Mudder dormit inverstohn?«

Der Junge stockte.

»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd zu.

Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als zu dem Jungen und klinkte die Tür auf.

Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als Fischerjunge.

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Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht wurde noch bleicher.

»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no See?«

Jan Siebert nickte ernst.

Sie faltete die mageren Hände.

»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol 't ne ut.«

Er schwieg.

»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.«

Der Baas war sich einig geworden.

»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.«

Sie atmete erleichtert auf.

»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.«

»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie schüttelte nur den Kopf.