Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt
Part 5
Wie aus der gedrängten Inhaltsangabe hervorgeht, ist es eine Darstellung der Ereignisse wie sie sich im Wesentlichen in den Monaten Oktober und November in den Wu Han-Städten abgespielt haben. Manches, ja Vieles, lehnt sich wahrheitsgetreu an die Geschehnisse an. Anderes ist aber stark zu Gunsten der revolutionären Sache gefärbt. Das Stück ist kein Drama eines Helden in westländischem Sinne, wie der Titel vielleicht ahnen lässt. Nicht Li Yüan hung wirkt als Heldennatur gestaltend auf die Ereignisse, sondern er wird von ihnen getragen. Ob damals Li Yüan hung, überzeugt von der Schädlichkeit der Mandschuherrschaft, aus freiem Entschluss das Banner der Empörung ergriffen hat, ist stets von unparteiischen Kennern bezweifelt worden. Weit eindrucksvoller und der historischen Wahrheit näher liegend wäre die auch später von Li Yüan hung bestätigte Szene gewesen, als damals, in der kritischen Nacht vom 8ten auf den 9ten Oktober, Angehörige seiner Brigade auf sein Zimmer kamen, ihm das Schwert an den Nacken setzten und ihn zwischen Tod oder Gefolgschaft wählen liessen. Li nahm das Letztere. Und von diesem Augenblick an hatte er seine Natur als Held an seine Umgebung verkauft, die ihm jede seiner Handlung vorschrieb. Anzuerkennen ist jedoch, dass ihn das Stück nicht von vorneherein als einen Umstürzler hinstellte, der nicht wie andere deshalb nach Rang und Würde im Heer strebte, um rascher zu seinem Ziel zu gelangen; das geht daraus hervor, dass er zuerst in einer Unterredung mit der „weiblichen Verwandten“ und den beiden Revolutionären für die Sache der Ko ming tang, der er zunächst unwissend, ablehnend gegenübersteht, gewonnen werden muss. Solche Feststellungen müssen westländischen Kreisen gegenüber gemacht werden, damit sie nicht Opfer einer Geschichtsklitterung werden, die jetzt von „national“ gesinnten chinesischen Kreisen getrieben wird. Das trifft auch auf Tschang Piao zu. Seine Gestalt wird ins allzu Lächerliche karrikiert, doch immerhin für chinesische Auffassung noch so glaubwürdig, dass jeder kritiklose Beobachter mit dem Namen Tschang Piao die feige Jammergestalt verknüpft. Möge das häusliche Idyll, das Tschang Piao in den launigen Händen von zwei Frauen zeigt, auch zutreffen, im Kampf gegen den überlegenen Feind hat er sich in jenen kritischen Tagen, als er mit ein paar Getreuen den Bahnhof Kilometer Zehn verteidigte, als ein Held gezeigt. Und seinem Heldentum setzte er die Krone auf, als er in einer sternenklaren Novembernacht allein auf schwankendem Kahn über den Han-Fluss ruderte, eine dicke Hanftrosse nach sich zog und sie in unmittelbarer Nähe des feindlichen Lagers an seinem Pfahl festmachte, wodurch er das Schlagen der Brücke über den Han ermöglichte und auf diese Weise die Einnahme von Han yang vorbereitete! General Feng Kuo tschang, der Eroberer von Hanyang und Hankou, bleibt in dem Stück von Lächerlichkeiten verschont. Kein verulkendes Lachen ertönte aus dem Zuschauerraum, als er auftrat. Die Maske des Schauspielers war vorzüglich; Feng Kuo tschang, wie er leibt und lebt! Aus seinen Zügen leuchtete Tatkraft und Entschlossenheit; er war noch nicht gramgebeugt wie von jenem Tage ab, als ihm die Nachricht aus dem Norden zuging, dass fanatische Revolutionäre seine Familie ausgerottet und die Gräber seiner Ahnen geschändet hätten. Das Stück bemüht sich, den Wutschanger Aufstand so unblutig wie möglich darzustellen. Flüchtende Mandschus werden von den Soldaten angehalten und nach kurzem Verhör weiter gelassen. Das entspricht nicht den geschichtlichen Tatsachen. Viele wurden grausam niedergemacht, ganz zu schweigen von den achthundert mandschurischen Männern, Frauen und Kindern, die im Revolutionseifer von der Wutschanger Stadtmauer gestürzt wurden, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen blieben. Doch die Zeit heilt. Sie heilt auch die Erinnerung an die Schattenseiten und unbedachte Grausamkeiten der Revolution, und nur das Lichte, Ideale soll der Nachwelt erhalten bleiben. In diesem Sinne ist auch das Stück „Li Yüan hung“ aufzufassen.
Bilder am Wege.
Die Freude am Licht.
Es gibt Gassen in Schanghai, die in regenschweren Tagen von einem düstern Halbdunkel durchwoben sind. Es sind eigentlich gar keine Gassen, sondern schmale Gänge, die von einer Hauptstrasse abzweigen und stracks durch die Häuserblöcke führen. Die Gänge werden mit Namen bezeichnet, die manchmal sehr merkwürdig klingen und dem ganzen „Milieu“ Hohn sprechen. Hier sind einige Gassenbezeichnungen: „Die ewige Kostbarkeit,“ „die ewige Tugend,“ „der ewige Frühling,“ „der friedliche „Ursprung“,“ „die vollendete Schönheit,“ „das immerwährende Glück,“ „die hundert Harmonien,“ „die unwandelbare Gerechtigkeit“ und „der erhabene Friede.“
Eines Tages ging ich durch die „Gasse der „unwandelbaren Gerechtigkeit“.“ Zu beiden Seiten waren hohe Häuserwände und die Gasse war so schmal, dass man, wenn man sich in ihre Mitte stellte, mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände die Wände berühren konnte. Die steilen, schmutzig grauen Wände wurden oben vom Himmel abgeschlossen, der von einem düstern Grau umflort war. Braun und klitschig von Regen und aufgeweichtem Staub war das Pflaster. Ein Geruch von Moder und Kellerdunst erfüllte die Luft. In der Gasse schien alles Leben ausgestorben. Nein, doch nicht. Denn dort, an die Wand gekauert, lag ein Sack aus groben, ackerfarbenem Tuch. Unter dem Sack war Leben. Vielleicht lag ein Hund darunter. Nein, es war nur ein Häufchen zusammengeknäueltes menschliches Elend. Auf dem Sack, der als kälteschützende Schlafdecke diente, kramte sich eine magere Hand hervor und schlug abwehrend in die Luft. Dabei verzog sich die Decke und ein Kopf kam zum Vorschein. Ein würdiger Greisenkopf. Das Gesicht war braun wie die Sackleinwand. Der Bart und die spärlichen Zopfhaare weiss wie frischgefallener Schnee. Die Augen waren zum Schlaf geschlossen. Da surrte eine Fliege heran, die, in irgend einem warmen Unterschlupf aufgestöbert, im Zickzackflug durch die Luft taumelte, sich auf dem Greisengesicht niederliess, und ihren schwarzglänzenden Leib an der von warmem Blut durchströmten Wange des Schlafenden wärmte. Der Greis lag offenbar im Halbschlaf; er erhob die Hände und klatschte nach der Fliege; unbeirrt kam sie immer wieder. Und plötzlich ging ein Aufleuchten durch die düstere Gasse; es flammte auf und verschwand wie ein Streichholz, das man in einem dunstigen, düstern Keller anzündet. Und dann leuchtete es wieder auf, das würdige Greisengesicht mit Helle überstrahlend und den schwarzen Leib der vorwitzigen Fliege mit grünschillernden Ringen umgürtend. Es war die Sonne, die, die graue Wolkenwand zerschneidend, ihre Strahlen in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ spielen liess. Noch merkte der schlafende Greis das Wirken der Lichtspenderin nicht, obwohl die Fliege eindringlich zum Erwachen mahnte. Als aber die Sonne mit all ihrer Leuchtkraft in die muffige Gasse fuhr, da zwinkerte es um die verwitterten Augenwinkel des Greises, und langsam, langsam öffneten sie sich und blickten so hell und freudig in die Sonne, wie die frohen Augen eines kleinen Kindes, das beim Erwachen seine Mutter erblickt. Und dann schlossen sich die Augen wieder, und um den Mund des Bettlers zog sich ein stilles Lächeln.
Seit diesen kleinem Erlebnis sind für mich ein durch die Wolken dringender Sonnenstrahl und das Lächeln des Bettlergreises in der „Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ zwei unzertrennbare Begriffe.
Der Erdnusshändler.
In einem der vielen Seitengänge, die sich von der Nanking Road in die dahinter liegenden Häuserblöcke bohren, hat seit Jahren ein Verkäufer von verzuckerten Erdnüssen seinen Stand aufgeschlagen. Die hohe Gestalt, die braunrote Gesichtsfarbe und die starkknochigen Finger, mit denen er die gezuckerten Früchte in senffarbenes Papier wickelt, oder mit denen er ab und zu eine überdauerte Winterfliege mit dem Federwedel verjagt, deuten daraufhin, dass er nicht ein eingeborener Schanghaier ist, sondern von einem andern Teil des Reiches in die Weltstadt zog. Der Erdnussverkäufer stammt aus Schantung; er gehört zu meinen Freunden, wie Alles, was von dort kommt. Eines Tages machte er mir einen Besuch und überreichte mir seine knabenfusslange, knallrote Visitenkarte, darauf in schwarzer Tuschschrift zu lesen stand: Wang Tung hai. Seit dem Besuch, den ich in seiner Wohnung in der Peking Road erwidert hatte, wurden wir Freunde, ein für das Studium soziologischer Verhältnisse in China wichtiger Umstand. Ich sprach über Dieses und Jenes mit ihm. So fragte ich ihn gelegentlich auch wie er sich in der Weltstadt Schanghai durchschlüge. Da erzählte er mir, dass er an regenfreien Tagen im Durchschnitt sechs chinesische Pfund gezuckerte Erdnüsse verkaufe. Er bezieht die Erdnüsse von einem Zwischenhändler, der sie wieder vom Produzenten in Kiangsu kauft. Die sechs Pfund Erdnüsse kosten ihm, einschliesslich Zuckerung und Einschlagpapier, zwanzig Zent. Der Tagesverdienst beträgt nach dem Verkauf der sechs Pfund fünfundvierzig Zent oder zwölfeinhalb Dollar im Monat. Wenn es regnet, bleibt er zu Hause und trommelt mit den Fingern an die vom Staub erblindeten Fensterscheiben; denn an Regentagen ist der Verdienst so gering, dass er lieber ganz darauf verzichtet. Als durchschnittlichen Monatsgewinn rechnet Freund Wang zehn Dollar; er hat aber in ganz besonders guten Zeiten schon fünfzehn Dollar verdient. Davon bestreitet er die Kosten für seine mit zweieinhalb Dollar im Haushalt veranschlagte Wohnung und sein mit Schantunger Leibgerichten gewürztes Essen, das die Summe von sechs Dollar nicht überschreiten darf. Der Mehrverdienst der guten Monate muss über die schlechten hinweghelfen. Und die machen fast die Hälfte des Jahres aus. Besonders graut es Freund Wang vor der „toten Saison“, die die Sommermonate umfasst. Denn zu dieser Zeit sind die gezuckerten Erdnüsse am Wenigsten schmackhaft. Deshalb klappt Wang beim Beginn der heissen Zeit den Verkaufstisch zusammen, isst des Morgens den Rest der ihm verbliebenen Zuckernüsse zum Frühstück und besucht ein halbes Jahr lang die Stadtkundschaft eines Getreidegeschäftes. Das bringt noch weniger ein, als der Erdnussverkauf, hält aber den wackern Schantunger so lange in der Weltstadt über Wasser, bis wieder die Zeit anbricht, wo er seine gezuckerte Ware verkaufen und, je nachdem, mit den harten Fingern auf den Fensterscheiben trommeln kann, gegen die der unerbittliche, geschäftsstörende Herbstregen schlägt.
Der Heiratsvertrag.
Vor Kurzem war ich Zeuge einer Verkehrsstockung in der Szechuan Road. Das ist an sich kein sonderliches Erlebnis. Sonderlich genug war aber die Ursache, die zu der Verkehrsstockung führte. Halblinks von mir ging ein alter, behäbig-vornehm gekleideter Chinese; es war eine typisch chinesische Erscheinung vom Zopf bis zur Sohle. Die Gestalt erinnerte an einen biedern Provinzonkel, der sich einmal Schanghai „ansehen“ wollte. Die muntere Art, mit der er seine Aeuglein über das Grossstadtgetriebe spielen liess, zeigte, dass er sich an all dem Neuen, das rings um ihn herandrängte, ergötzte. Das Spielen seiner Gesichtsmuskeln liess einen Schluss in Das zu, wie er seine Eindrücke innerlich verdaute. Bald verzogen sich seine Züge zu einem behaglichen Lächeln, bald braute es vorwurfsvoll um Stirn und Augen. Da bleibt der Alte plötzlich wie angewurzelt auf der Mitte der Strasse stehen, den Kopf lauernd nach vorn gebogen, die Augen aufgerissen, und hinter ihm staute sich der Verkehr. Rickschas, Automobile, Kutschen und Fussgänger hielten an, und gar schrecklich bimmelte der ungeduldige Wagenführer der Elektrischen, als sich sein Wagen im Gewühl verrannte. Der Alte stand immer noch lauernd da, bis ihn schliesslich ein hochstämmiger rotbeturbanter indischer Schutzmann zur Seite schob und dem angestauten Verkehr freie Bahn schaffte. Der alte Chinese setzte wie eine vom Räderwerk aufgezogene Puppe seinen Gang fort, die Augen immer unverwandt nach vorn gerichtet. Ich ging unauffällig neben ihm her und versuchte mit meinen Augen das Ziel seiner Blicke zu ergründen. Endlich fand ich es. Es war eine tannenschlanke Chinesin der besseren Gesellschaftskreise; sie trug eine grüne Wollmütze und eilte mit ihren lackierten Lederschühchen über den Asphalt, den langen Rock mit der linken Hand ein wenig knöchelfrei hochschürzend.
Der Alte beschleunigte seinen Schritt und ging immer hinter her, immer hinterher... Mir fiel dabei eine wahre Geschichte ein, in der ein alter Chinese und eine „moderne“ Chinesin eine Heldenrolle spielten, und die fast genau so anfing wie die, die zu der Verkehrsstockung Anlass gegeben hatte. Im winterlich eisbestarrten Herzen des alten „konservativen“ Tsai, eines Bücherlesers, wurde es noch einmal Frühling. Es begann zu sprossen wie einst im Mai. Eine keck gekleidete, jugendliche Landsmännin hatte es ihm angetan. Seitdem er Fräulein Edelstein an jenem Abend gesehen hatte, wo sie als begeisterte Agitatorin für das Frauenstimmrecht den Männern den Krieg erklärte, musste Tsai kapitulieren. „Du gleichst der Sonne am klaren Winterhimmel. Aus deinen Augen leuchtet der lautere Quell des Herzens. Deine Stimme ist so süss, wie die einer Nachtigall im vom Abendwind durchflüsterten Bambushain. Deine Lippen gleichen hellroten Frühkirschen.“ So himmelte er sie an, verbrach Gedichte und suchte in alten Klassikern nach sinnreichen Stellen, die seinem Liebesgestammel den Schein tiefgründiger Gelehrsamkeit geben sollten. Die Angebetete blieb hart. Sie sah ihn mit kalten Augen an und sagte rauh, dass sie sich mehr für Politik als für die Ehe interessiere. Dadurch immer mehr angestachelt, nahm er den letzten Anlauf. Und er gelang. Tsai führte die Heissumkämpfte heim. Er eroberte die Sonne, deren Licht ihm die Augen verblendet hatte. Vorher machten Beide einen Heiratskontrakt, darin zu lesen stand: „Der Unterzeichnete führt Fräulein Edelstein als seine Frau heim. Er ist damit einverstanden, dass sie, als seine rechtmässige Gattin 352 Tage im Jahre zu Zwecken der Agitation für das Frauenstimmrecht alle Plätze des Reichs bereisen darf. Die unterzeichnete Gattin verpflichtet sich, während des Neujahrsfest nach Schanghai zurückzukehren; sie braucht jedoch den Aufenthalt nicht über acht Tage auszudehnen.“
Der Schauspieler.
Mehr als ein Dutzend Male habe ich den berühmten Schauspieler Wu Tschan djiao auf der Bühne des Theaters Hsin wu tai gesehen, viertausend Zuhörer mit seiner melodischen Nordsprache und seinem eindrucksvollen Mienenspiel im Bann haltend. Unvergleichlich war er in dem klassischen Stück: „Die lachende Kaiserin“ als Staatsminister Sze Lang oder in dem Stück „Tsie Tsien“, das in die Zeit der „Drei Reiche“ versetzt. Die ganze Skala feinsinnigster bis zur berstenden Leidenschaft ausartender Gemütsbewegungen beherrschte er. In klassischen Stücken atmeten seine Rollen verhaltene Leidenschaft, die nach der alten chinesischen Schauspielkunst in scharf umgrenzte, rhythmische Bewegungen eingeschachtelt werden muss, aber darum nicht weniger eindrucksvoll ist. Dem westländischen Empfinden und Fühlen kam Wu in den modernen politischen Stücken am Nächsten. Da durfte er kühn alle, die innere Leidenschaft hemmenden Banden von sich streifen, da durfte er, frei von konventionellen Zunftüberlieferungen toben, schreien, begeistern, überzeugen, und ganz in seiner Rolle aufgehen, wimmern und schluchzen wie ein Kind. In solchen Augenblicken stand nicht mehr ein Schauspieler auf der Bühne, sondern ein Volksredner, der den Instinkt der Masse auszunutzen versteht; dann wurde das Theater zu einem politischen Versammlungsort, von mitgerissenen Zuhörern geworfen, prasselten Armspangen und harte Dollar auf die Bühne. Wer Wu Tschan djiao als Verschwörer Sun Wu in dem Revolutionsstück „Li Yüan hung“ gesehen hat, wird ihn nicht so leicht vergessen. Wu Tschan djiao war aber eine Kampfnatur. Die Bühne wurde ihm zu eng, und er suchte sich ein anderes Feld. Sein Streben ging höher. Nicht mehr auf viertausend Zuhörer wollte er wirken, sondern auf vierhundert Millionen, die -- wie er meint -- mehr oder weniger nichts Anderes als Zuschauer der grossen politischen Tragikomödie sind, an der unfreiwillig das gesamte chinesische Beamtenheer, die fremden Gesandten und der unter der Steuerschraube seufzende Bauer und Hunderttausende von Statisten mitwirken. Vor diese vierhundert Millionen ist vor Kurzem der Schauspieler Wu Tschan djian hingetreten und hat gerufen: „Achtet auf die gefrässigen Russen. Sie wollen den Zusammenbruch Chinas. Sie wollen Euch, meine heissgeliebten Brüder, zu Sklaven machen. Achtet auf den „lebenden Buddha“, der im Solde Russlands steht!“ Und die Augen der vierhundert Millionen Zuschauer sind seit dem auf Wu gerichtet; die chinesischen Zeitungen berichten getreulich über Alles, was er tut. Und die Neuigkeitsucher machten sogar nicht vor Wu Tschan djiaos Privatwohnung Halt. Dort spielte sich eine eindrucksvolle Szene ab. Wu rief seine beiden Frauen und sprach: „Von heute ab zähle ich nicht mehr zu den jüngeren Brüdern des Pfirsichgartens. Jetzt bin ich General. Ich muss in den Kampf nach der Mongolei. Das Vaterland ruft.“ Da brachen die beiden Frauen in herzbrechendes Weinen aus. Sie sahen den Körper des geliebten Mannes von mongolischen Aufständischen zerfleischt, zerrissen und die Knochen auf gelbem Wüstensand bleichen, und zogen an Arm und Rock, damit er nicht von ihnen gehe. Wu Tschan djiao riss sich los und griff nach dem Abschiedstrank und sprach, fest mit strengen Augen seine Frauen anblickend: „Ich gehe.“ Die Frauen trockneten ihre Tränen, und sie hörten gefasst auf die Anordnungen des Mannes. Der ältern Frau vertraute er die Erziehung des kleinen Ahing an; er müsse fleissig lernen, um später ein tüchtiger Mensch zu werden. Die jüngere, die ihn sparsam dünkte, erhielt die Verwaltung des Vermögens. Jetzt ist Wu Tschan djiao schon im Norden und eifrig dabei, die Söldnerzahl um sich zu scharen, die seine Stellung als General rechtfertigen soll. Das schlecht bezahlte Schauspielervolk Chinas, besonders die, die müde sind, den Thespiskarren weiter durch den Schlamm zu ziehen, eilen zu den Fahnen Wu Tschan djiaos. So ist es den Erfolglosen, den Vielzuvielen, denen mit dem Schauspieler Wu Tschan djiao zu spielen verwehrt war, vielleicht noch vergönnt, unter dem General Wu Tschan djiao zu kämpfen. Hei, das wird ein heisses Streiten auf der mongolischen Steppe! Schulter an Schulter kämpfen dann die alten Heldengestalten, Tsao Tsao, Tschang Fe, Liu Pei, Kung Ming, wie sie Alle heissen, gegen den gemeinsamen Feind. Weh dir, Hutuktu!
Das Fest der Literaten.
Der berühmte, achtzig Jahre alte Bücherleser Wang Hui kai aus Hunan hat am Fest des „Erwachens der Insekten“ den ehemaligen Provinzialschatzmeister Wu Hsi kai, den frühern Minister der Ta Tsing Dynastie Ku Hung chi und einige andere hochgebildete Literaten im Garten Li hsüan zu sich einladen, um sich zu unterhalten und „Gedichte zu machen“. So war vor einiger Zeit in einem Schanghaier chinesischen Blatt, das zu den „gemässigten“ Republikanern gehört, am Liebsten aber sein republikanisches Mäntelchen gegen einen Kaisermantel eintauschen möchte, zu lesen. Zwischen all den Artikeln und Artikelchen über Parteiquacksalbereien, tollgewordenen Hunden, Lokalpolitik und Verschwörergesellschaften, wirkte das Lesen jener kleinen Mitteilung erquickend, wie ein kräftiger Landregen im heissen Sommer. Die Mitteilung hatte „Erdgeruch“. Endlich wieder einmal eine Neuigkeit, die Einen daran erinnert, dass man in China lebt. Ich kenne weder den Herrn Wang Hui kai noch den gewesenen Schatzmeister Wu Hsi kui und die Anderen. Ich weiss nur, dass sie echte Chinesen sind, Chinesen, die in der Zeit des Umsturzes und der politischen Zersetzung in ihrem tiefsten Herzensschrein noch ein Fünkchen Liebe für ihre alte Kultur bewahrt haben. Und das bedeutet viel, sehr viel. Bei den sogenannten Jungchinesen wäre ein solches Fest, das der achtzigjährige Wang Hui kai aus Hunan im Garten Li hsüan veranstaltet hat, ganz undenkbar. Wo heute zwei Jungchinesen zusammensitzen, wird über Politik gesprochen. Nein, nicht gesprochen, sondern geprahlt, unerreichbaren Phantomen nachgejagt, statt hübsch mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben und tapfern Auges umherzublicken. Da wird der Mund recht voll genommen, gemäkelt, kritisiert, geschimpft, verschworen, eine andere Zeit herbeigesehnt und stumm die Hand gedrückt: „Na warte, wenn wir ans Ruder kommen!“ So ringt das immer gärende Jungchinesentum nach Gärung, in Wirklichkeit wühlt es den Schlamm im unergründlichen Brackwasser der sogenannten neuen chinesischen Weltanschauung immer tiefer auf. Anders ist es bei den „Altchinesen“, wie sie Herr Wang Hui kai im Garten Li hsüan um sich geschart hatte. „Um Gedichte zu machen“ stand auf der Einladungskarte. Herr Wang hatte mich mit keiner Einladung beehrt. Darob zürnte ich ihm nicht; denn wie könnte er doch auch von einem „fremden Teufel“ annehmen, dass er sich für seine literarischen Schmausereien interessiere, ein „fremder Teufel“, der dazu noch in einer von chinesisch westländischem Materialismus beglückten Weltstadt wohnt. Aber die kurze Mitteilung in dem chinesischen Blatt liess das ganze Fest der Literaten vor mir entstehen, liess es mich innerlich miterleben.