Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt

Part 2

Chapter 22,998 wordsPublic domain

Gestossen und geschoben kommen wir allmählich in dem Gewühl vorwärts. Der Weg vom deutschen Postamt bis zur Stelle, wo der Szemalu von der Kiang-nan Road gekreuzt wird, kann man noch ziemlich ungestört gehen. Was jenen Teil der Strasse auszeichnet, sind die chinesischen Drogerien und die Ateliers der Zahnkünstler. Beide erfreuen sich, trotz der Abendstunden, eines lebhaften Zuspruchs; denn in ihnen liegt die Quelle des innern und äussern Wohlergehens für den Chinesen. Innerlich, weil in den Drogerien westländische und japanische Allerweltsheilmittel verkauft werden, die angeblich ebenso sicher bei nervösem Asthma wie bei schmerzenden Hühneraugen wirken, wodurch also die Erfüllung des Lebenswunsches eines jeden Chinesen nach „schou“ (langes Leben) gewährleistet wird; äusserlich, weil in den Zahnateliers gleissend goldene Zähne verfertigt werden, die, den zernagten angeschmolzen, eine prahlerische Zahnreihe schaffen, die das stets geübte Lächeln vergolden, wodurch vor Allem zum Ausdruck kommen soll, dass der Besitzer zur Schau getragener Goldzähne wirtschaftlich in der Lage ist, sich ein solches Vergnügen zu leisten. Das hat den Vorteil, dass der Kredit gestärkt wird, und mancher Gläubiger, auch die des weiblichen Geschlechts, die von den verführerischen Zahnreihen bezaubert wurden, raufen sich oft die Haare, weil sie so dumm waren und um eines vergoldeten Zahns willen so weitherzig Kredit gegeben hatten. In der Foochow Road dem Vergnügen nachzugehen, ist für den mit den Verhältnissen nicht vertrauten chinesischen Lebemann nicht immer leicht. Wer aus den tiefsten Quellen geniessen will, dem muss ein kreditfähiger Name, der durch die Einführung eines bekannten Freundes erworben werden kann, vorausgehen. Der Provinzler, der ohne die nötige Einführung durch die Foochow Road bummelt, schöpft nur von der Oberfläche. Man findet ihn deshalb fast nur in den Teehäusern mit und ohne Gesang, die auch für den Einheimischen billige Stätten der Unterhaltung und des Vergnügens sind. In dem Teehaus ohne Musik trinkt man Tee, knappert Melonenkerne und versucht, möglichst einen Platz auf den langen, nach der Strasse liegenden Veranden zu ergattern, wo man in das bunte Strassengewühl blicken kann. Die männliche jeunesse dorée schätzt diese Art Teehäuser nicht besonders, weil ihre Gegenwart nicht von sangesfrohen Damen verschönt wird. Dafür gibt es aber Stätten, wo ebenso wie aus der Teekanne das heisse Getränk, Mädchengesang ohne Unterlass aus den Kehlen quillt. Betritt ein Gast den zu dem ersten Stockwerk des Teehauses führenden Treppenaufgang, so stösst ein Bedienster einen kurzen Zuruf aus, der oben, aus mehreren Kehlen klingend, seinen Widerhall findet. Für die Aufwärter ist der Zuruf ein Zeichen, dass sich ein Gast naht. Ist man inzwischen die Treppe emporgeklommen, so wird man von der Aufwärterschar empfangen, die sich bemüht, jeder für seine Abteilung, den Gast unterzubringen; zugleich wird aber durch den Zuruf die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste nach dem Treppenfirst gelenkt, die in infolgedessen Gelegenheit haben, den Ankömmling zu mustern und, wenn es ein Freund ist, ihn zu begrüssen. Es ist eine geräumige Halle, die wir betreten. Die vier Wände sind völlig mit Wandrollen, die sinnige Inschriften tragen, geschmückt. Geschenke, die dem Unternehmer vor einigen Jahren oder Jahrzehnten aus Anlass der Geschäftseröffnung von Freunden überreicht wurden. An einer Reihe viereckiger, braun gebeizter Tische, deren Flächen mit Marmorplatten eingelegt sind, sitzen die Gäste; andere machen es sich auf den an bessere Opiumhöhlen erinnernden Bänken, auf denen sie mit angezogenen Beinen ruhen, bequem. An der hintern Wand befindet sich die Bühne mit rot und gold bemaltem, verschnörkelten Schnitzwerk. Auf der Bühne steht ein langer Tisch, um den fünf Sängerinnen sitzen. Sie lösen sich gegenseitig im Singen ab. Eine klassische Melodie steht auf dem Programm; ein Gesang aus dem Theaterstück „Yang-gia-dsiang“, das das Schicksal eines hohen verdienten Staatsbeamten aus der Sungzeit schildert, dem ein Aufstand Macht und Ansehen raubte und der, verlassen von Allen, den Hungertod stirbt. Die Seelenkämpfe des qualvoll Endenden behandelte ein Lied, an das sich der Klagegesang eines Trauernden schloss. Für Begleitmusik sorgte die Hauskapelle, die aus Trommel, Zimbel, Fiedel und Flöte bestand. Derweilen der gedämpfte Sterbegesang der Kehle einer Sängerin entquoll, lag ein kremefarbig gekleideter, langbeiniger Flegel auf der Bank, guckte mit dem Kopf nach der Decke, und spuckte die nicht essbaren Ueberreste von Melonenkernen in weitem Bogen durch die Luft. Die Sängerinnen wechselten häufig. Sie waren nicht prunkvoll gekleidet, sondern trugen schlichte Leinenkleider. Ihre tägliche Einnahme ist äusserst gering; für ein Lied erhalten sie etwa zwanzig Zent Singhonorar. Jeden Abend treten sie nach einander in vier bis fünf Teehäusern auf; das macht im Monat kaum dreissig Dollar. Es ist klar, dass die Mädchen auf Nebenverdienst angewiesen sind; noch klarer ist, dass dieser nicht in Stricken und Häkeln besteht.

Besser ist es um die Klasse der Sängerinnen bestellt, von denen wir eine Vertreterin auf Bestellung hören sollten. So glatt auch Alles am Nachmittag schon eingeleitet war: als die Ausführung kommen sollte, stiessen wir auf Schwierigkeiten. Wir besuchten eine Reihe der ersten Restaurants, um ein kleines Zimmer zu erhalten; aber sie waren besetzt. Es blieb nichts weiter übrig, als ein zweitklassiges Restaurant zu wählen. Arglos füllten wir einen Zettel aus, der den Namen des Restaurants trug, und baten unsere Sängerin, die zu den besten und bekanntesten Schanghais zählt, uns mit dem bestellten Gesang zu erfreuen. Dem Ruf wich aber unsere Freundin vorläufig aus und schickte zur nähern Auskundschaftung ihre Dienerin, die sich scheinbar etwas bestürzt in unserm spiessbürgerlich mittelstandsmässig eingerichteten Speisezimmer umsah, einige entschuldigende Worte sprach und verschwand. Unterdessen wurde ein kleiner Imbiss aufgetragen; es gab Huhn in Scheiben mit würziger Tunke, geschmorte Krabben und kleine, in brauner Tunke schwimmende Fische; 1898er Wein aus Schauhsing würzte den Imbiss. Es schmeckte, aber der verdauende Gesang fehlte immer noch. Eine zweite Dienerin kam, sprach und ging. Wir wurden ungeduldig. Gerade als ein zweiter Zettel abgeschickt werden sollte, erschien unsere Freundin, liess sich, wie üblich auf der Seite des Gastgebers nieder und sang. Aber leider nicht die von uns gewünschte Parodie, sondern das Original, das berühmte Lied von den „Fünf Nachtwachen“, das kurz nach der Revolution mit zu den volkstümlichsten Schlagern gehört. Es ist in der Begeisterung entstanden, die damals in gewissen Kreisen herrschte, als es hiess, ein „nördliches Expeditionskorps“ der Revolutionäre rüste sich zum Vormarsch gegen Peking, und es ist den Eroberern zum Geleit gedichtet und in Marschmusik gesetzt worden. Das Lied ist von dem in chinesischen Kreisen rühmlichst bekannten Liederdichter Lin Butsing verfasst worden und zuerst in der Liedersammlung „Hsiaoyehhun“ erschienen. Die nicht in Reim und Rhythmus gezwängte Uebersetzung des Liedes, wie es uns die Sängerin am jenem Abend vortrug, lautet:

Der erste Schlag ertönt. Der Mond geht auf. Beeilt euch, Soldat zu werden. Ajo, ajo! Wir fürchten nicht den Tod, denn wir sind voller Mut. Wir setzen unsere Kraft ein und werden überwinden. Je eher wir schlagen, Desto früher wird uns der Sieg. Auf, nach Peking heisst die Losung. Ajo, ajo! Der zweite Schlag ertönt. Der Mond steht hoch. Haltet Stand. Ajo, ajo! Wir müssen ein Verdienst erwerben Und einmal alle Kraft einsetzen, Wir, ein liebend Brüdervolk. Die Erfüllung naht. Schart Euch um eure Führer. Ajo, ajo! Der dritte Schlag ertönt. Der Mond steht in der Mitte. Schliesst die Reihen. Ajo, ajo! Wir ziehn bestimmt nach Norden. Der Name Li-Yüan-hung sei unser Leitstern. Nehmt alle Kraft zusammen. Ajo, ajo! Der vierte Schlag ertönt. Der Mond neigt sich westwärts. Freut euch und seid nicht traurig. Ajo, ajo! Lasst die Banner der Ko-ming wallen. Wenn auch das Blut auf dem Schlachtfeld dampft, seid fröhlich. Und dann atmet auf und ziehet siegreich heimwärts. Ajo, ajo! Der fünfte Schlag ertönt. Der Mond geht unter. Das krafterfüllte Volksheer Ajo, ajo! ernennt einen starken Präsidenten, der furchtlos und treu die alte Ordnung vernichtet. Sein Name wird ewig genannt. Ajo, ajo!

Es ist eine Melodie, die jedes ausländische Ohr erfreuen würde; es haftet ihr aber in Takt und Rhythmus etwas Unchinesisches an, doch ist es wohl gerade die Eigenart, die dem Ausländer gefällt. Wenn man den Text einigermassen beherrscht und die Melodie dazu singen hört, kann man sich sogar für das Lied begeistern; so lebendig und rhythmisch ist der Gesang, dass man den Marschschritt der Soldaten zu vernehmen glaubt und sich mitten in dem Kampf wähnt. Unsere Freundin, die ein dünngewebtes, gazeeartiges Kleid trug und aus deren Haar eine stark duftende Jasminblüte einen erfrischenden Duft verbreitete, blieb nach dem Gesang noch eine Weile plaudernd bei uns. Und dann klärte sich auch auf, weshalb sie zu kommen gezögert hatte. Einfach deshalb, weil zwischen ihrem Ruf als erstklassiger Sängerin und dem zweitklassigen Restaurant, das wir, der Not gehorchend, wählen mussten, eine schier unüberbrückbare Kluft bestehe. Wir mussten ihr Recht geben. Unser Verhältnis wurde aber dadurch nicht getrübt. Sie lud uns freundlich ein, sie in einer Stunde in ihrer Wohnung zu besuchen. Der kleine Zwischenfall gab zu denken, und er hat bewiesen, dass man chinesisches Wesen nicht immer aus chinesischen Verhältnissen heraus erklären muss, sondern dass auch in Einzelfällen westländisches Taktgefühl als Massstab geübt werden kann. Denn wer würde es wagen, eine grosse Künstlerin zum „Strammen Hund“ in Berlin zu bitten, die Unnahbare, die nur auf Dressel und höher abgestimmt ist?

Bis zum Besuch der Sängerin hatten wir noch eine gute Stunde, die mit dem Besuch des in dem westlichen Teil der Fuchou Road gelegenen Theater Tanguidi itai ausgefüllt wurde. Seine innere Einrichtung ist völlig europäisch. Ein reicher elektrischer Lichtglanz bestrahlt die vielhundertköpfige Zuschauermenge, die, gleichfarbig gekleidet, gar würdevoll und peinlich sauber ausschaut. Es wird ein leichter Schwank: „Der geheilte Spieler“ gegeben; der Dialog ist überaus gewandt und witzig, und er hält die Zuschauer fortwährend in Spannung. Der Held und seine Frau, die sich bald zärtlich anschäkern, bald erregte Auftritte haben, sprechen Schanghaier Dialekt, während der Schwiegervater und die Schwiegermutter in schönem Norddialekt dazwischen poltern. Der Schwiegervater ist eine köstliche Figur, die jetzt noch dem wirklichen Leben entnommen werden kann, in einigen Jahrzehnten vielleicht der Vergangenheit angehört und sich in Theaterstücken und Romanen nur noch künstlich als behäbiger Biedermeier erhält. Der Westländer, der dem Schwank zu folgen vermag, wird anregend unterhalten, und er verlässt das Theater fast mit demselben Genuss wie eine europäische Aufführung.

Nun noch rasch einen Blick in das japanische Panoptikum; an den Wänden stehen Kästen mit Drehkurbeln. Für einen Zent sieht darin der Chinese anschauliche, bewegliche Bilder, wie sie in der Wirklichkeit zu schauen auch dem reichsten Chinesen verschlossen bleiben. Jeder Kasten trägt eine chinesische Aufschrift, die kitzelnd andeutet, was darin zu sehen ist. Aufschriften wie: „Amerikanerinnen Zigaretten rauchend“, „Amerikanerinnen im Bade“, „Amerikanerinnen beim Schlafengehen“ bedürfen keines weitern Kommentars. Im Interesse des Ansehens der Westländer ist eine solche Schaustellung höchlich bedauernswert, und die Foochow Road würde wirklich keiner Eigentümlichkeit beraubt werden, wenn von massgebender Seite eine Schliessung dieses Lokals erfolgen würde.

Zur festgesetzten Stunde sassen wir unserer Freundin in ihrer Häuslichkeit gegenüber. Die erste Scheu, einen „Nakoning“ (Ausländer) zu bewirten, war bald überwunden, nachdem einige erheiternde Scherzworte gefallen waren. Das Zimmer war hoch und sehr geräumig. An dem hintern Ende stand eine aus schwerem Ningpoholz geschnitzte Lagerstätte; an der Wand die üblichen kleinen Empfangstische und nach Süden eine bequeme mit rotem Polster ausgelegte Ruhebank. Die nur zwei Sekunden glimmende Wasserpfeife, die mit einem Fidibus, der durch geschicktes Anblasen in Brand gerät, angezündet wurde, machte die Runde. Doch: Sieh da, Timotheus! Zwei Stückchen deutsche Heimat hängen dort an der Wand: billige Drucke mit der Unterschrift: „Winter am Main“ und „Windmühlen in Schleswig“, wodurch das Gespräch neue Anküpfungspunkte erhielt. Aus der weitern Unterhaltung erklärte sich auch, weshalb unsere Freundin nicht die „Neuen fünf Nachtwachen“ sang. Um das Weitere zu verstehen, muss der Leser zunächst mit der Tendenz der Parodie vertraut gemacht werden, die einen Mitarbeiter der „Schenpao“ zum Verfasser hat. Die ersten zwei Strophen lauten:

„Der erste Schlag ertönt. Der Mond geht auf. Eine merkwürdige Geschichte hat sich ereignet. Ajo, ajo! Der Ministerpräsident ist weggelaufen samt Familie nach Tientsin. Das hatte seinen Grund, Yüan-Shih-kai sitzt in der Patsche, Weil er der Stimme eines Schauspielers glaubte. Der zweite Schlag ertönt. Der Mond steigt höher. Die Parteien plärren sich an. Ajo ajo! Telegramme höhnten Tang. Der Blumen- und Wein-Tutu wollte eine Erklärung; die Antwort blieb aus. Darob war er erbittert, Und er pfiff auf den Posten eines Handelsministers. Das war sehr dumm.“

Neben den Ausfällen gegen Tang Shau i und den „Blumen- und Wein-Tutu“ (damit ist der Tutu von Schanghai Tschen Ki mei gemeint, der den ihm angebotenen Posten eines Handelsministers im ersten republikanischen Kabinett nicht antrat) enthalten die drei letzten Strophen scharfe Angriffe gegen die kantonesische Partei Tungmenghui, ferner wird über die belgische Anleihe, über die keine Abrechnung vorliege, gespottet, und der neue Ministerpräsident Lu Tscheng-hsiang wird gerühmt, dass er sich auf die auswärtige Politik wohl verstehe. Also: „Ein garstig Lied. Pfui! Ein politisch Lied.“ Wenn sich eine namhafte Sängerin wie unsere Freundin nicht in ihrem Erwerb schädigen will, so darf sie ein solches Lied, das ein Kampfmittel der gemässigten Republikaner gegen die kantonesische Partei darstellt, nicht in ihr Repertoir aufnehmen; denn Shanghai ist noch eine starke Hochburg der Kantonesen. Aber trotzdem wird der Sang von Mädchen schon verschwiegen gepflegt. Man kann sich leicht ausmalen, wie es manchem eingefleischten gegnerischen Parteigänger gleich Balsam über die Seele tropft, wenn aus einem kleinen, ein wenig karmesinrot betupften Mündchen die Moritaten Tang Shau yis und seiner Parteigenossen ertönen. Unsere Freundin bleibt aber neutral; sie kennt den Text und schweigt. Man sieht, dass die neue Politik, die in Peking gemacht wird, ihren Einfluss sogar auf die Welt der Sängerinnen ausübt.

Bei der anregenden Unterhaltung ist es inzwischen Mitternacht geworden; es ist Zeit zum Aufbruch. Durch zahllose Winkelwege führt der Weg auf die Foochow Road. Dort herrscht noch immer brausendes Leben. Die Theatereingänge speien ununterbrochen hellfarbige Menschenketten aus, unzählige Wagen und Rickschas drängen sich dazwischen, stauen sich und fahren mit Gästen davon. Allmählich kommt Ordnung in den Menschenschwarm, der sich in die Seitengasssen und in den zahlreichen Restaurants verteilt, wo vor dem Schlafengehen noch rasch ein kleiner Imbiss genommen, politisiert und geschwelgt wird. Aus kleinen winkligen Gässchen tönt hie und da noch ein später Gesang mit Fiedelbegleitung; er wird aus holdem Mund den Lebemännern gesungen, die ohne ihn keine erquickliche Nachtruhe finden können.

Die Revolution in der Nanking Road.

Eine blutrünstige Ueberschrift, nicht wahr, meine Gnädige? Wenn man in China nur das Wort Revolution hört, verknüpft man (die Erfahrung lehrt es) gleich etwas Schreckliches damit. Henkersschwert, lose sitzende Köpfe, Bomben und abgerissene Gliedmassen. Man denkt dabei auch an Fürsten, die ihre verbrieften Herrscherrechte scheinbar aus den Händen gegeben haben, weil das Volk, zornig mit dem Fuss stampfend, darauf bestand; man denkt an Männer, die sich bei dem Streben nach Neuerungen von wahrem Patriotismus leiten lassen, aber auch an Schreier, Schwätzer und unreife Politiker. Nichts von alle Dem will ich Ihnen erzählen. Denn Sie wissen, dass eine Revolution nicht immer politisch grausam zu sein braucht, sie kann auch wirtschaftlich friedlich sein. Und darüber möchte ich mit Ihnen plaudern, wenn Sie im Geiste Ihren Arm in den meinen legen wollen, damit ich Sie ohne Fährnisse vom Bund bis zum Rennplatz führen kann.

Wenn Sie an jenem grossen westländischen Kaufhaus an der Ecke der Szechuan Road stehen bleiben, so sind Ihnen schon gelegentlich im Schaufenster in protzig chinesischer Schrift geschriebene Ankündigungen aufgefallen. Sie haben sicher schon darüber ihren Kopf geschüttelt, haben Ihre Augen bestürzt über die krausen Schriftzeichen wandern lassen und vergeblich nach dem Preis gesucht, ohne aber auf den Gedanken zu kommen, etwas zu kaufen; die Güte des Ausgestellten und die chinesische Anpreisung sagten Ihnen, dass die Waren nicht für Westländer bestimmt sind. Hier haben Sie es schon: Revolution. Vor ein paar Monaten hätte kaum ein westländisches Geschäft daran gedacht, auf diese Weise chinesische Kundschaft heranzuziehen. Wie sollte es auch, wo das chinesische Gewerbe und die Industrie leistungsfähig genug waren, die Bedürfnisse der chinesischen Massen zu befriedigen. Wie viel Chinesen dachten vor ein paar Monaten an Schuhe, Hemden, Strümpfe und dergleichen Erzeugnisse westländischer Art? Heute ist es anders geworden. Bleiben Sie bitte noch ein Weilchen vor dem Schaufenster stehen und schauen Sie ab und zu nach dem Eingang. Jetzt hält ein Ponygespann an. Ihm entsteigen drei vornehme Chinesinnen. Sie betreten das Kaufhaus. Eine Schiebetür hinter dem Schaufenster öffnet sich, Sie sehen die drei Damen nach Gegenständen deuten. Die zierliche flinke Verkäuferin vermag kaum noch Alles auf ihren Armen zu halten; das kleine Köpfchen verschwindet fast hinter dem Stapel Baumwollwaren. Gerade als der Pony unruhig zu stampfen anfängt, kommen die drei Vornehmen, mit Paketen beladen, aus der Eingangstür, und die Fahrt geht weiter. Sie aber sehen mich entrüstet an. Ihre Augen scheinen zu sprechen: „Wie kann man nur...“ Ich weiss genau, was Sie sagen wollen: Wie so vornehme Frauen so billige Ware kaufen können. Die verwöhnte Westländerin verlangt natürlich die feinsten Stoffe, weisses Linnen oder knisternde Seide. Alles Andere hält sie für „shocking“. Was Sie so entrüstet, ist jetzt aber bei der vornehmen Frauenwelt Chinas Mode. Und die Mode ist eine eigensinnige Dame.

Jetzt kreuzen wir die Strasse und betreten die deutsche Buchhandlung. Während wir die neu eingetroffenen Bücher ansehen, kommen einige Chinesen und zuletzt eine Chinesin in den Laden. Ich weiss bestimmt, wenn Sie Verkäuferin wären, dass Sie in Ihrem Schanghaier Kosmopolitismus gefragt hätten: „Woat ting wantschie?“ Aber lauschen Sie nur. „N’ Tag, möchte mir ’mal Ihre Bücher ansehen.“ Ein junger Chinese spricht es in fliessendem Deutsch und begibt sich auf die Wanderung durch die Menge der ausgelegten Bücher. Ein anderer tritt ein und spricht, den Oberkörper steif biegend, kurz und abgehackt militärisch deutsch: „Famoses Buch, die Kriegsgeschichte von General Müller. Ist mir leider während der Revolution abhanden gekommen. Möchte nachbestellen. Sein Sohn stand übrigens mit mir in Halberstadt in Garnison.“ Und er kauft sich die neuen deutschen Dienstvorschriften, einen Kriegsroman und einen Neuruppiner Bilderbogen von der preussischen Garde für seinen Jungen. Und von den anderen Chinesen nimmt der Eine ein technisches Fachwörterbuch, der Andere die Verfassung des Deutschen Reiches, und wieder ein Andrer interessiert sich für Berg- und Hüttenwesen. So geht es Tag für Tag. Sprechen solche Augenblicksbilder in dem deutschen Buchladen nicht ganze Bände? Sieht man nicht daraus, wie sich merklich das Interesse für deutsches Wesen unter den Chinesen zu regen beginnt. Ist es nicht ein Stückchen geistige Revolution? Doch beinahe hätten wir die junge Chinesin vergessen. Sie steht ein wenig schüchtern abseits und endlich verlangt sie -- Hand aufs Herz -- das bekannte Buch vom „imponierenden Auftreten“ und ein Werk über moderne Frauenfragen.