Schein und Sein: Nachgelassene Gedichte
Part 2
Wie ein Kranker, den das Fieber Heiß gemacht und aufgeregt, Sich herüber und hinüber Auf die andre Seite legt --
So die Welt. Vor Haß und Hader Hat sie niemals noch geruht. Immerfort durch jede Ader Tobt das alte Sünderblut.
So nicht.
Um's Paradies ging eine Mauer Hübsch hoch vom besten Marmelstein. Der Kain, als ein Bub ein schlauer, Denkt sich: Ich komme doch hinein.
Er stieg hinauf zu diesem Zwecke An einer Leiter mäuschenstumm. Da schlich der Teufel um die Ecke Und stieß ihn samt der Leiter um.
Der Vater Adam, der's gesehen, Sprach, während er ihn liegen ließ: Du Schlingel! Dir ist recht geschehen. So kommt man nicht in's Paradies.
Laß ihn.
Er ist verliebt, laß ihn gewähren, Bekümmre dich um dein Pläsir, Und kommst du gar, ihn zu bekehren, Wirft er dich sicher vor die Thür.
Mit Gründen ist da nichts zu machen. Was Einer mag, ist seine Sach, Denn kurz gesagt: In Herzenssachen Geht Jeder seiner Nase nach.
Bis auf weiters.
Das Messer blitzt, die Schweine schrein, Man muß sie halt benutzen, Denn Jeder denkt: Wozu das Schwein, Wenn wir es nicht verputzen?
Und Jeder schmunzelt, Jeder nagt Nach Art der Kannibalen, Bis man dereinst Pfui Teufel! sagt Zum Schinken aus Westfalen.
Gründer.
Geschäftig sind die Menschenkinder, Die große Zunft von kleinen Meistern, Als Mitbegründer, Miterfinder Sich diese Welt zurecht zu kleistern.
Nur leider kann man sich nicht einen, Wie man das Ding am besten mache. Das Bauen mit belebten Steinen Ist eine höchst verzwickte Sache.
Welch ein Gedrängel und Getriebe Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage, Und unaufhörlich setzt es Hiebe, Und unaufhörlich tönt die Klage.
Gottlob, es giebt auch stille Leute, Die meiden dies Gewühl und hassen's Und bauen auf der andern Seite Sich eine Welt des Unterlassens.
Entrüstet.
Zu gräßlich hatt er mich geneckt. Wie weh war mir zu Sinn. Und tief gekränkt und aufgeschreckt Zum Kirchhof lief ich hin.
Ich saß auf einem Leichenstein, Die Augen weint ich roth. Ach lieber Gott, erbarm dich mein Und mach mich endlich todt.
Sieht er mich dann in meinem Sarg, So wird er lebenssatt Und stirbt vor Gram, weil er so arg Mein Herz behandelt hat.
Kaum war's gesagt, so legten sich Zwei Arme um mich her, Und auf der Stelle fühlte ich, Wer das gethan, war er.
Wir kehrten Arm in Arm zurück. Ich sah ihn an bei Licht. Nein, solchen treuen Liebesblick Hat doch kein Bösewicht.
Wiedergeburt.
Wer nicht will, wird nie zunichte, Kehrt beständig wieder heim. Frisch herauf zum alten Lichte Dringt der neue Lebenskeim.
Keiner fürchte zu versinken, Der in's tiefe Dunkel fährt. Tausend Möglichkeiten winken Ihm, der gerne wiederkehrt.
Dennoch seh ich dich erbeben, Eh du in die Urne langst. Weil dir bange vor dem Leben, Hast du vor dem Tode Angst.
Frisch gewagt.
Es kamen mal zwei Knaben An einen breiten Graben. Der erste sprang hinüber, Schlankweg je ehr je lieber. War das nicht keck? Der zweite, fein besonnen, Eh er das Werk begonnen, Sprang in den Dreck.
Glückspilz.
Geboren ward er ohne Wehen Bei Leuten, die mit Geld versehen. Er schwänzt die Schule, lernt nicht viel, Hat Glück bei Weibern und im Spiel, Nimmt eine Frau sich, eine schöne, Erzeugt mit ihr zwei kluge Söhne, Hat Appetit, kriegt einen Bauch, Und einen Orden kriegt er auch, Und stirbt, nachdem er aufgespeichert Ein paar Milliönchen, hochbetagt; Obgleich ein jeder weiß und sagt: Er war mit Dummerjan geräuchert!
Immerfort.
Das Sonnenstäubchen fern im Raume, Das Tröpfchen, das im Grase blinkt, Das dürre Blättchen, das vom Baume Im Hauch des Windes niedersinkt --
Ein jedes wirkt an seinem Örtchen Still weiter, wie es muß und mag, Ja selbst ein leises Flüsterwörtchen Klingt fort bis an den jüngsten Tag.
Verfrüht.
Papa, nicht wahr, Im nächsten Jahr, Wenn ich erst groß Und lesen kann und schreiben kann, Dann krieg ich einen hübschen Mann Mit einer Ticktackuhr An einer goldnen Schnur. Der nimmt mich auf den Schooß Und sagt zu mir: Mein Engel, Und giebt mir Zuckerkrengel Und Kuchen und Pasteten. Nicht wahr, Papa? Der Vater brummt: Na na, Was ist das für Gefabel. Die Vögel, die dann flöten, Die haben noch keinen Schnabel.
Nörgeln.
Nörgeln ist das Allerschlimmste, Keiner ist davon erbaut; Keiner fährt, und wär's der Dümmste, Gern aus seiner werthen Haut.
Vertraut.
Wie liegt die Welt so frisch und thauig Vor mir im Morgensonnenschein. Entzückt vom hohen Hügel schau ich Ins frühlingsgrüne Thal hinein.
Mit allen Kreaturen bin ich In schönster Seelenharmonie. Wir sind verwandt, ich fühl es innig, Und eben darum lieb ich sie.
Und wird auch mal der Himmel grauer; Wer voll Vertraun die Welt besieht, Den freut es, wenn ein Regenschauer Mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
Tröstlich.
Die Lehre von der Wiederkehr Ist zweifelhaften Sinns. Es fragt sich sehr, ob man nachher Noch sagen kann: Ich bins.
Allein was thut's, wenn mit der Zeit Sich ändert die Gestalt? Die Fähigkeit zu Lust und Leid Vergeht wohl nicht so bald.
Unfrei.
Ganz richtig, diese Welt ist nichtig. Auch du, der in Person erscheint, Bist ebenfalls nicht gar so wichtig, Wie deine Eitelkeit vermeint.
Was hilft es dir, damit zu prahlen, Daß du ein freies Menschenkind? Mußt du nicht pünktlich Steuern zahlen, Obwohl sie dir zuwider sind?
Wärst du vielleicht auch, so zu sagen, Erhaben über gut und schlecht, Trotzdem behandelt dich dein Magen Als ganz gemeinen Futterknecht.
Lang bleibst du überhaupt nicht munter. Das Alter kommt und zieht dich krumm Und stößt dich rücksichtslos hinunter Ins dunkle Sammelsurium.
Daselbst umfängt dich das Gewimmel Der Unsichtbaren, wie zuerst, Eh du erschienst, und nur der Himmel Weiß, ob und wann du wiederkehrst.
Zwei Jungfern.
Zwei Jungfern giebt es in Dorf und Stadt, Sie leben beständig im Kriege, Die Wahrheit, die Niemand gerne hat, Und die scharmante Lüge.
Vor jener, weil sie stolz und prüd Und voll moralischer Mücken, Sucht Jeder, der sie nur kommen sieht, Sich schleunigst weg zu drücken.
Die andre, obwohl ihr nicht zu traun, Wird täglich beliebter und kecker, Und wenn wir sie von hinten beschaun, So hat sie einen Höcker.
Unbequem.
Ernst und dringend folgt mir eine Mahnung nach auf Schritt und Tritt: Sorge nicht nur für das Deine, Sondern für das Andre mit.
Demnach soll ich unterlassen Was mir von Natur genehm, Um das Gute zu erfassen? Ei, das ist mal unbequem.
Zu einem Wohlthätigkeitsbazar in Berlin geschickt. Dezember 1905.
Rechthaber.
Seine Meinung ist die rechte, Wenn er spricht, müßt ihr verstummen, Sonst erklärt er euch für Schlechte, Oder nennt euch gar die Dummen.
Leider sind dergleichen Strolche Keine seltene Erscheinung. Wer nicht taub, der meidet solche Ritter von der eignen Meinung.
Bös und gut.
Wie kam ich nur aus jenem Frieden In's Weltgetös? Was einst vereint, hat sich geschieden, Und das ist bös.
Nun bin ich nicht geneigt zum Geben, Nun heißt es: Nimm! Ja, ich muß tödten, um zu leben, Und das ist schlimm.
Doch eine Sehnsucht blieb zurücke, Die niemals ruht. Sie zieht mich heim zum alten Glücke, Und das ist gut.
Immerhin.
Mein Herz, sei nicht beklommen, Noch wird die Welt nicht alt. Der Frühling ist wiedergekommen, Frisch grünt der deutsche Wald.
Seit Ururvätertagen Stehen die Eichen am See, Die Nachtigallen schlagen, Zur Tränke kommt das Reh.
Die Sonne geht auf und unter[1] Schon lange vieltausendmal, Noch immer eilen so munter Die Bächlein in's blühende Thal.
Hier lieg ich im weichen Moose Unter dem rauschenden Baum, Die Zeit, die wesenlose, Verschwindet als wie ein Traum.
Von kühlen Schatten umdämmert, Versink ich in selige Ruh; Ein Specht, der lustig hämmert, Nickt mir vertraulich zu.
Mir ist, als ob er riefe: Heija, mein guter Gesell, Für ewig aus dunkler Tiefe Sprudelt der Lebensquell.
[1] An Paul Lindau gegeben für Wilbrandts Gedenkbuch 1907.
Erbauliche Bescheidenheit.
Sehr schlecht befand sich Mutter Klöhn. Sie kann nicht gehn, Ist krumm und lahm Und liegt zubett und rührt sich nicht. Seit zwanzig Jahren hat sie schon die Gicht. Herr Küster Bötel, welcher häufig kam, Um gute Bessrung ihr zu wünschen, Erzählt ihr auch des weitern, Um sie ein wenig zu erheitern, Die Mordgeschichte, die man jüngst verbrochen. Ja, denken Sie nur mal, Der Präsident von Frankreich ist erstochen Von einem Strolch Mit einem Dolch. Ist das nicht ein Skandal? Oh, Lü und Kinners, rief sie voller Graun, Wat gift et doch vär Minschen. Sau wat könn _eck_ doch nich e daun!! Herr Bötel sprach und sah sie freundlich an: Dies Wort von Ihnen mag ich leiden. Ein guter Mensch ist niemals unbescheiden Und thut nicht mehr als was er kann. Adieu, Frau Klöhn! Auf fröhlich Wiedersehn!
Ich bin Papa.
Mitunter schwitzen muß der Schreiner, Er stößt auf manchen harten Ast. So geht es auch, wenn unsereiner Sich mit der Grübelei befaßt. Zum Glück hat meine gute Frau, Die liebevoll an alles denkt, Mir einen kleinen Fritz geschenkt, Denn oft erfreut mich dieser Knabe Durch seinen kindlichen Radau, Wenn ich so meine Schrullen habe. Heut mittag gab es wieder mal Mein Leibgericht, gespickten Aal, Und wie ich dann zur Körperpflege, Die Weste auf, die Augen zu, Die Hände friedlich auf dem Magen Im Polsterstuhl mich niederlege, Oh weh, ein Schwarm von dummen Fragen Verscheucht die heißersehnte Ruh. Ach, wird es mir denn niemals klar, Wo ich gewesen, eh ich war? Schwamm ich, verkrümelt in Atome, Gedankenlos im Wirbelstrome, Bis ich am Ende mich verdichtet Zu einer denkenden Person? Und jetzt, was hab ich ausgerichtet? Was war der Mühe karger Lohn? Das Geld ist rar, die Kurse sinken, Dagegen steigt der Preis der Schinken. Fast jeden Morgen klagt die Mutter: Ach Herr, wie theuer ist die Butter! Ja, selbst der Vater wird gerührt, Wenn er sein kleines Brödchen schmiert. Und doch, trotz dieser Seelenleiden, Will keiner gern von hinnen scheiden. Wer weiß? Ei sieh, wer kommt denn da? Hallo, der Fritz! Nun wird es heiter, Nun machen wir den Eselreiter. Flugs stell ich mich auf alle Viere, Indem ich auf und ab marschiere, Und rufe kräftig mein Ih -- ah! Vor Wähligkeit und Uebermuth. Ih -- ah! Die Welt ist nicht so übel. Wozu das närrische Gegrübel? Ich bin Papa, und damit gut.
Gründliche Heilung.
Es saß der fromme Meister Mit Weib und Kind bei Tisch. Ach, seine Lebensgeister Sind nicht wie sonst so frisch.
Er sitzt mit krummem Nacken Vor seinem Leibgericht, Er hält sich beide Backen, Worin es heftig sticht.
Das brennt wie heiße Kohlen. Au, schreit er, au, verdammt! Der Teufel soll sie holen, Die Zähne allesammt!
Doch gleich, wie es in Nöthen Wohl öfter schon geschah, Begann er laut zu beten: Hilf, Apollonia!
Kaum daß aus voller Seele Er diesen Spruch gethan, Fällt aus des Mundes Höhle Ihm plötzlich jeder Zahn.
Und schmerzlos, Dank dem Himmel, Schmaust er, wie sonst der Brauch, Nur war es mehr Gemümmel, Und lispeln thät er auch.
Pohsit! Wie klingt so niedlich Des Meisters Säuselton. Er trank, entschlummert friedlich, Und horch, da schnarcht er schon.
3. August 1907 an die »Lustige Woche« gegeben.
Frühlingslied.
In der Laube von Syringen, Oh, wie ist der Abend fein. Brüder, laßt die Gläser klingen, Angefüllt mit Maienwein.
Heija, der frische Mai Er bringt uns mancherlei. Das Schönste aber hier auf Erden Ist lieben und geliebt zu werden, Heija, im frischen Mai.
Ueber uns die lieben Sterne Blinken hell und frohgemuth, Denn sie sehen schon von ferne, Auch hier unten geht es gut.
Wer sich jetzt bei trüber Kerzen Der Gelehrsamkeit befleißt, Diesem wünschen wir von Herzen, Daß er bald Professor heißt.
Wer als Wein- und Weiberhasser Jedermann im Wege steht, Der genieße Brod und Wasser, Bis er endlich in sich geht.
Wem vielleicht sein altes Hannchen Irgendwie abhanden kam, Nur getrost, es gab schon Manchen, Der ein neues Hannchen nahm.
Also, eh der Mai zu Ende, Aufgeschaut und umgeblickt, Keiner, der nicht eine fände, Die ihn an ihr Herze drückt.
Jahre steigen auf und nieder; Aber, wenn der Lenz erblüht, Dann, ihr Brüder, immer wieder Töne unser Jubellied.
Heija, der frische Mai, Er bringt uns mancherlei, Das Schönste aber hier auf Erden Ist lieben und geliebt zu werden, Heija, im frischen Mai.
Zu Neujahr.
Will das Glück nach seinem Sinn Dir was Gutes schenken, Sage Dank und nimm es hin Ohne viel Bedenken.
Jede Gabe sei begrüßt, Doch vor allen Dingen: Das, warum du dich _bemühst_, Möge dir gelingen.
In trauter Verborgenheit.
Ade, ihr Sommertage, Wie seid ihr so schnell enteilt, Gar mancherlei Lust und Plage Habt ihr uns zugetheilt.
Wohl war es ein Entzücken, Zu wandeln im Sonnenschein, Nur die verflixten Mücken Mischten sich immer darein.
Und wenn wir auf Waldeswegen Dem Sange der Vögel gelauscht, Dann kam natürlich ein Regen Auf uns hernieder gerauscht.
Die lustigen Sänger haben Nach Süden sich aufgemacht, Bei Tage krächzen die Raben, Die Käuze schreien bei Nacht.
Was ist das für Gesause! Es stürmt bereits und schneit. Da bleiben wir zwei zuhause In trauter Verborgenheit.
Kein Wetter kann uns verdrießen. Mein Liebchen, ich und du, Wir halten uns warm und schließen Hübsch feste die Thüren zu.
Was das Großmütterlein sang.
Surre surre surre! Mein gutes Rädchen schnurre! Für unser kleines Kätchen Dreh mir ein feines Fädchen So lang von hier bis Köllen Wohl mehr als tausend Ellen. Wir wollen es winden Und Docken von binden, Meister Weber es geben, Soll Leinen uns weben, Das breiten wir beide Auf blumige Heide Auf Anger und Wiesen Und wollen es sonnen Benetzen und gießen Aus Bächen und Bronnen. Ach, komm du lieber Sonnenschein Und bleiche unser Leinen rein. Dann kriegt mein Herzenstäubchen Wohl manch ein feines Hemd Und Tüchlein oder Häubchen, Bis daß der Freier kömmt. Schön guten Tag, Herr Freiersmann! Was schaut er so mein Kätchen an? Das Kätchen geben wir nicht her, Und wenn's für Tausend Thaler wär. Ei, Mutter, nur nicht gleich geschmält! Den hübschen jungen Knaben Den will und muß ich haben; Den Krauskopf, den Krauskopf Hab ich mir auserwählt. Und willst du denn ein Bräutchen sein, So geb ich meinen Segen drein. So manches Blümlein wachsen mag Von Ostern bis Michelistag, So manches Körnlein, als man sät, So mancher Halm in Aehren steht, So vielmal Gutes wünsch ich dir Aus meines Herzens Grund herfür. Und wenn die Pfeifen klingen, Dann tanzen wir und springen; Dann spring ich wohl und tanz ich Von Danzig bis nach Nanzig -- Knipp knapp! Da reißt mein Faden ab!
Am Vorabend von Rosens Geburtstag.
Lauschend am Fenster sitzt der Poet. -- Draußen die Blumen und Pflänzchen Halten ihr Abendkränzchen Auf dem Gartenbeet. Der Mond in Silberlivree, Leise geschäftig, Kredenzt den Thau, den Blüthenthee, Anregend und kräftig. Und von Kelch zu Kelche Geht ein Geflüster: Also morgen ist er!
_Frau Ehrenpreis_ (Veronika).
Ja, morgen feiert sie Ihren werthen Entsprießungstag --
_Taubnessel_ (mit dem Hörrohr).
Hä was? Hä welche?
_Frau Ehrenpreis_ (lauter).
-- -- Drüben im Garten die schöne Frau Rose -- --
_Taubnessel._
Ah! mit den zwei Knospen die!
_Frau Ehrenpreis._
-- -- die tadel- und dornenlose -- --
_Distel_ (für sich).
Wer's glauben mag!
_Frau Ehrenpreis._
-- Von Duft und Glanz umwoben.
_Distel._
Man weiß, man weiß! Die gute Frau Ehrenpreis Muß immer loben. Und doch hat unser Röschen, das feine Allerlei kleine Grillen und Räupchen Unter dem zierlichen Häubchen.
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Distel._
Bald steht sie da so mildiglich Und senkt die Blätter, Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich, Je nach dem Wetter.
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Klatschrose._
Ja reizend, das wollt ich meinen! Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn, Den Rittersporn und den Baldrian Dort wachsen und erscheinen.
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Klatschrose._
Ja reizend, ganz recht! Und dann dieser Musenknecht, Dieser Dichter --
_Distel._
Der Versetrichter --
_Klatschrose._
-- mit den langen Locken --
_Distel._
-- mit dem Loch im Socken.
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Klatschrose._
Alltäglich kläglich mit Gefühl In ihrer Nähe Entlockt er seinem Saitenspiel Lieblich Getön Und singt so schön --
_Distel._
-- wie 'ne Mantelkrähe.
_Klatschrose._
Zum Beispiel, noch gestern -- --
_Lilie_ (sanft).
Geliebte Schwestern! --
_Frau Ehrenpreis._
Ihr Muster der Milde! Ihr Tugendgebilde!
_Lilie._
Wen sollte der festliche Tag nicht rühren! Ich denke doch -- --
_Levkoje_, _Tulpe_, _Päonie_, _Flox_ etc.
Ja ja, wir alle gratuliren!!
_Frau Ehrenpreis._
Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte, Ein hochgeschickter -- Fräulein Federnelke --
_Federnelke._
Oh, bitte!
_Distel_ (für sich).
Blaustrumpf, verrückter!
_Frau Ehrenpreis._
-- -- Federnelke, die wundersame, So lautet ihr holder botanischer Name. Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen Und schreibt und dichtet ein Billet, Duftend, geistvoll und nett. Das möge dann die dienende Biene, Unsere süße geflügelte Schleckerkathrine, Hinschwebend im frühesten Morgenwind, Dem hohen Geburtstagskind Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen.
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Federnelke_ (schreibt und liest).
»Veredelte Rose und Nachbarin! »Nehmet dies Brieflein gnädig hin, »Sintemalen dasselbe geschrieben »Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben. »Verleihe der Himmel Euer Gnaden »Beständig ein sanftes Sonnenlicht »Und frischen Thau und meinetwegen »Auch hie und da ein wenig Regen, »Nur Sturmwind nicht, »Denn dieser thut der Schönheit Schaden. »Ergebenst mit Herz und Honigmund »Das Blumenkränzchen: Tugendbund.«
_Gänseblümchen._
Oh wie reizend!
_Federnelke._
Ich denke, es macht sich so!
_Alle._
Bravo bravissimo!
_Mond._
Noch 'n Täßchen Thee gefällig?
_Levkoje._
Ich trank schon drei.
_Flox._
Ich fünf.
_Tulpe._
Ich acht.
_Päonie._
Mein Mieder kracht!
_Alle._
Gute Nacht, gute Nacht!
(Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet, nachdem er noch einen Blick in die Nacht hinaus gebohrt, schließt leise das Fenster.)
Peinlich berührt.
Im Dorfe wohnt ein Vetter, Der gut versichert war Vor Brand und Hagelwetter Nun schon im zehnten Jahr.
Doch nie seit dazumalen Ist ein Malör passiert, Und so für nichts zu zahlen, Hat peinlich ihn berührt.
Jetzt, denkt er, überlasse Dem Glück ich Feld und Haus. Ich pfeife auf die Kasse. Und schleunig trat er aus.
Oweh, nach wenig Tagen Da hieß es: Zapperment! Der Weizen ist zerschlagen Und Haus und Scheune brennt.
Ein Narr hat Glück in Masse, Wer klug, hat selten Schwein. Und schleunig in die Kasse Trat er halt wieder ein.
Das traurige Röslein.
Ein Röslein war gar nicht munter, Weil es im Topfe stand, Sah immer traurig hinunter Auf die Blumen im freien Land. Die Blumen nicken und winken. Wie ist es im Freien so schön Zu tanzen und Thau zu trinken Bei lustigem Windeswehn. Von bunten Schmetterlingen Umgaukelt, geschmeichelt, geküßt; Dazwischen der Vöglein Singen Anmuthig zu hören ist. Wir preisen dich und loben Dich, fröhliche Sommerzeit; Ach, Röslein am Fenster droben Du thust uns auch gar zu leid. Da ist ins Land gekommen Der Winter mit seiner Noth. In Schnee und Frost verklommen Die Blumen sind alle todt. Ein Mägdlein hört es stürmen, Macht fest das Fenster zu. Jetzt will ich dich pflegen und schirmen, Du liebes Röslein du.
Der Thürmer.
Der Thürmer steht auf hohem Söller Und raucht sein Pfeifchen echten Kneller, Wobei der alte Invalid Von oben her die Welt besieht. Es kommt der Sommer allgemach. Die Schwalben fliegen um das Dach, Derweil schon manche stillbeglückt Im Neste sitzt und fleißig drückt. Zugleich tritt aus dem Gotteshaus Ein neuvermähltes Paar heraus, Das darf sich nun in allen Ehren Getreulich lieben und vermehren. -- Der Sommer kam, und allenthalben Schwebt ungezählt das Heer der Schwalben, Die, wenn sie flink vorüberflitzen, Des Thürmers alten Hut beschmitzen. Vom Platze unten tönt Juchhei, Die Klosterschüler haben frei, Sie necken, schrecken, jagen sich, Sie schlagen und vertragen sich Und grüßen keck mit Hohngelächter Des Thurmes hochgestellten Wächter. -- Der Sommer ging, die Schwalben setzen Sich auf das Kirchendach und schwätzen. Sie warten, bis der Abend da, Dann flogen sie nach Afrika. Doch unten, wo die Fackeln scheinen, Begraben sie mal wieder Einen Und singen ihm nach frommer Weise Ein Lebewohl zur letzten Reise. Bedenklich schaut der Thürmer drein. Still geht er in sein Kämmerlein Zu seinem großen Deckelkrug, Und als die Glocke zehne schlug, Nahm er das Horn mit frischem Muth Und blies ein kräftiges Tuhuht.
Buch des Lebens.
Haß, als minus und vergebens, Wird vom Leben abgeschrieben. Positiv im Buch des Lebens Steht verzeichnet nur das Lieben. Ob ein Minus oder Plus Uns verblieben, zeigt der Schluß.
Von diesem Buche ist zugleich mit dieser Ausgabe auch
eine Luxusausgabe in 1200 numerirten Exemplaren erschienen.
Sie ist auf handgeschöpftes Büttenpapier gedruckt, in Leder gebunden und kostet Mk. 8.--.
Im September 1908 erschien im gleichen Verlage:
»Hernach«
von
Wilhelm Busch.
Ein stattlicher Band mit 95 zum Theil farbigen Zeichnungen nebst Versen.
~A.~ Facsimile-Ausgabe in 1000 numerirten Exemplaren, die Zeichnungen in Lichtdruck, die Texte in des Dichters Handschrift reproduzirt, auf 60 Cartons gelegt. Gebunden in Kalbleder
Preis Mk. 16.--.
~B.~ Gewöhnliche Ausgabe, in Buchdruck hergestellt auf starkem, getöntem Papier. In Leinwand gebunden
Preis Mk. 5.--.