Part 99
„Und da steht er nun vor seinen Richtern, die über sein Leben zu entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, in denen uns bei unserer Pflicht fast Grauen packt vor Mitleid mit dem Menschen. Furchtbar ist es uns vor dem Menschen und furchtbar für ihn! Das sind die Augenblicke, in denen einen jenes tierische Entsetzen ansieht – wenn der Verbrecher schon begreift, daß alles für ihn verloren ist, doch trotzdem noch kämpft, trotzdem noch mit seinem Richter bis zur letzten Verzweiflung ringen will. Das sind die Augenblicke, in denen sich alle Instinkte der Selbsterhaltung plötzlich in ihm erheben, und er in seiner Lebensangst uns mit durchbohrendem, flehend-bittendem und leidendem Blick ansieht, wenn er unseren Blick zu erhaschen versucht, wenn er uns, unser Gesicht, unsere Gedanken erforschen, erraten will, wenn er wartet, von welcher Seite wir ihn wohl anfassen werden, und er in seinem erschütterten Gehirn tausend Pläne gebiert, – und doch scheut er sich, zu sprechen, aus Furcht, sich zu ... versprechen! Diese erniedrigendsten Augenblicke für die Seele des Menschen, dieser Gang der Seele durch alle Höllenqualen, dieser Gang durch die Purgatorien, dieser tierische Trieb der Selbstrettung – sind furchtbar anzusehen! Sie erschüttern zuweilen selbst den Richter und rufen in ihm tiefes Mitleid hervor. Dieses ganze Entsetzen haben wir damals gesehen. Ganz zuerst war er wie betäubt, und im Schreck entschlüpften ihm ein paar Worte, die ihn stark kompromittieren: ‚Blut! Ich hab’s verdient!‘ waren seine ersten Worte. Doch er bezwang sich schnell. Was er sagen, was er antworten sollte – alles das wußte er noch nicht, er hatte noch nichts vorbereitet – außer der einen ganz allgemeinen Ableugnung: ‚Am Tode meines Vaters bin ich unschuldig!‘ Das ist vorläufig sein Zaun, dort aber, hinter dem Zaun, werden wir vielleicht noch etwas arrangieren können: irgendeine Barrikade vielleicht! Er beeilt sich, indem er unseren Fragen zuvorkommen will, seinen ersten kompromittierenden Ausrufen einen anderen Sinn unterzuschieben. Er sagt, daß er sich nur an dem Tode Grigorijs schuldig erkläre. ‚An diesem Blute trage ich die Schuld, wer aber hat den Vater erschlagen, meine Herren, wer hat ihn erschlagen? Wer hat das denn tun können, _wenn nicht ich_?‘ Hören Sie, danach fragt er _uns_, _uns_, die mit eben dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten Sie es, meine Herren, dieses kleine vorauseilende Wort: ‚wenn nicht ich‘, diese tierische Schlauheit in der Naivität, diese Karamasoffsche Ungeduld! Nicht ich habe erschlagen, so etwas darf niemand auch nur zu denken wagen. ‚Ich wollte ihn erschlagen, meine Herren, ich wollte ihn erschlagen‘, gesteht er schnell ein – oh, er beeilt sich, beeilt sich ungeheuer – ‚aber trotzdem bin ich unschuldig, nicht ich habe ihn erschlagen!‘ Er gibt uns also zu, daß er habe erschlagen wollen: Jetzt seht ihr sozusagen selbst, wie aufrichtig ich bin, nun, dafür aber glaubt mir jetzt schneller das andere, daß nicht ich erschlagen habe. Oh, in solchen Fällen kann der Verbrecher zuweilen unglaublich leichtsinnig und leichtgläubig sein. Und nun plötzlich wird an ihn, ganz wie zufällig, treuherzig die Frage gestellt: ‚Aber sollte dann nicht vielleicht Ssmerdjäkoff der Mörder sein?‘ Und es geschah, was wir erwartet hatten: Es ärgerte ihn maßlos, daß man ihm zuvorkam und so plötzlich damit überraschte, während er noch nicht Zeit gehabt hatte, sich vorzubereiten, den Augenblick zu wählen und zu benutzen, wann es am glaubwürdigsten und für ihn folglich am vorteilhaftesten sein werde, mit Ssmerdjäkoff herauszurücken. Seiner Natur gemäß warf er sich sofort aufs äußerste Gegenteil, und er fing an, uns aus allen Kräften davon zu überzeugen, daß Ssmerdjäkoff nicht habe erschlagen können, daß er zu so etwas überhaupt nicht fähig sei. Glauben Sie aber seiner scheinbaren Überzeugung nicht, sie ist nur seine Schlauheit: Er gibt die Idee, Ssmerdjäkoff auszuspielen, noch längst nicht auf. Im Gegenteil, er wird ihn schon ausspielen – denn wen sollte er sonst beschuldigen? – Nur wird er es in einem anderen Augenblick tun, da jetzt die Sache vorläufig verspielt ist. Vielleicht wird er ihn erst am nächsten Tage anbringen, oder vielleicht auch erst nach einer Anzahl Tage, in einem günstigen Augenblick, in dem er uns dann selbst plötzlich zuschreien kann: ‚Sie wissen doch noch, ich selbst habe ja mehr als Sie die Täterschaft Ssmerdjäkoffs abgeleugnet und ihn verteidigt, jetzt aber habe auch ich mich überzeugt, daß er den Mord verübt hat, nur er allein, und wie sollte er es denn nicht getan haben!‘ Vorläufig aber ergeht er sich in finsterer und gereizter Verneinung, die Unduldsamkeit und der Zorn flüstern ihm die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Schilderung ein, wie er in das Fenster des Vaters hineingeblickt habe und ehrerbietig wieder fortgegangen sei. Das Wichtigste ist, daß er die ganze Sachlage noch nicht kennt, daß er noch nicht weiß, was der wieder zu sich gekommene Grigorij ausgesagt hat. Wir gehen zur Besichtigung und Durchsuchung über. Die Durchsuchung erzürnt, aber ermutigt ihn auch wieder: Das ganze Geld hat man doch nicht gefunden, sondern nur tausendfünfhundert Rubel. Und selbstverständlich kommt ihm erst in diesem Augenblick zornigen Schweigens zum erstenmal im Leben die Idee von dem _früher_ eingenähten Gelde. Zweifellos fühlt er selbst die ganze Unwahrscheinlichkeit seiner Erfindung und quält sich, quält sich entsetzlich, indem er nachdenkt, wie er sie wahrscheinlicher machen könnte, ob sich die Sache nicht so erklären ließe, daß ein ganz glaubhafter Roman daraus entstehe. In solchen Fällen ist aber die erste Bedingung, daß man den Verbrecher überrumpelt, daß man ihn ganz unverhofft fängt, damit er seine vielversprechenden geheimen Pläne in der ganzen, sie bloßstellenden Offenherzigkeit darlegt, damit ihre Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten noch auffallender hervortreten. Zum Sprechen kann man den Verbrecher nur durch eines zwingen: Durch die plötzliche und anscheinend unbeabsichtigte Mitteilung irgendeiner neuen Tatsache, irgendeines besonderen Umstandes, dessen Bedeutung erdrückend ist, den er aber bis dahin noch gar nicht geahnt und auch überhaupt nicht vorausgesetzt hat. Eine solche Tatsache hatten wir schon in Bereitschaft, schon lange in Bereitschaft: Das war die Aussage des Dieners Grigorij in betreff der offenen Tür, durch die der Angeklagte aus dem Hause hinausgelaufen ist. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und daß Grigorij sie gesehen haben könnte, daran hatte er nicht einmal gedacht. Der Effekt war denn auch danach: Er sprang plötzlich auf und schrie: ‚Ssmerdjäkoff ist es, Ssmerdjäkoff hat es getan!‘ und sofort kommt er mit seinem geheimen Entwurf heraus, und er gibt ihn in der aller unwahrscheinlichsten Form zum besten, denn Ssmerdjäkoff hätte den Alten doch nur dann erschlagen können, nachdem der Angeklagte Grigorij niedergeschlagen hatte und fortgelaufen war. Als wir ihm aber nun mitteilten, daß Grigorij die offene Tür zuvor gesehen, und beim Hinaustreten aus seinem Schlafzimmer Ssmerdjäkoff hinter dem Bretterverschlage stöhnen gehört habe – da war Karamasoff wie zerschmettert. Mein Kollege, unser ehrenwerter, scharfsinniger Nikolai Parfenowitsch, hat mir später eingestanden, daß er ihn in jenem Augenblick bis zu Tränen bemitleidet habe. Und in diesem Augenblick nun entschließt er sich, um die Sache wieder gutzumachen: erzählt uns von dem berühmten Säckchen, in das er das Geld eingenäht, und das er am Halse auf der Brust getragen haben will –: ‚So mag es denn sein, so hören Sie denn auch das!‘ Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen schon gesagt, warum ich diese Erfindung von dem vor einem Monat eingenähten Gelde nicht nur für eine Anekdote, sondern für die allerunwahrscheinlichste Dichtung, die man sich im gegebenen Fall nur denken kann, halte. Ja, selbst wenn man einen Wettbewerb veranstalten wollte, in diesem Fall etwas noch Unwahrscheinlicheres sich auszudenken, so würde man gewiß nichts finden, was jene Erklärung in der Beziehung noch übertrumpfte. In einem solchen Falle kann man den triumphierenden Romantiker vor allem mittels der Details schlagen, mittels jener selben Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit stets so reich ist, die aber von diesen unglücklichen und unfreiwilligen Dichtern, eben als völlig bedeutungslose und unnötige Kleinigkeiten, überhaupt nicht beachtet werden. Oh, in einem solchen Augenblick ist es ihnen nicht um die kleinen Einzelheiten zu tun! Ihr Verstand schafft ein grandioses Ganzes, – und da wagt man es, ihnen mit solchem Kleinzeug zu kommen! Aber gerade das ist ja die Falle, mit der man sie fängt. Man stellt dem Angeklagten kurz folgende Frage: ‚Nun, aber wo haben Sie denn das Material zum Säckchen hergenommen, wer hat denn den Sack genäht?‘ – ‚Ich habe ihn selbst genäht.‘ – ‚Und von wo haben Sie das Zeug dazu hergenommen?‘ Dadurch fühlt sich der Angeklagte bereits gekränkt, er glaubt, daß man sich mit diesem Zeuge über ihn lustig machen wolle, und zwar glaubt er das im Ernst, im Ernst, sage ich Ihnen! Aber so sind sie ja alle! – ‚Ich habe von einem meiner Hemden ein Stück abgerissen.‘ – ‚Vortrefflich. Dann werden wir morgen unter Ihrer Wäsche ein Hemd finden, von dem ein Stück abgerissen ist.‘ Und bedenken Sie doch nur, meine Herren Geschworenen, wenn wir nun dieses Hemd gefunden hätten (und wie hätte es sich denn inzwischen verlieren können, wir hätten es doch sicherlich in einem Koffer oder in der Kommode gefunden, wenn ein solches Hemd mit einer abgerissenen Ecke nur jemals auch tatsächlich existiert hätte) – das aber wäre ein Faktum, ein greifbares Faktum zugunsten des Angeklagten gewesen, ein, wenn auch schwacher Beweis für die Wahrheit seiner Aussage! Er aber scheint darauf überhaupt nicht zu verfallen. – ‚Ich erinnere mich nicht mehr, vielleicht riß ich das Zeug auch nicht vom Hemde ab ... ich glaube, ich nähte das Geld in die Haube der Hauswirtin ein.‘ – ‚In was für eine Haube?‘ – ‚Ich hatte sie einmal von ihr fortgeschleppt, sie trieb sich da irgendwo umher, ein alter Kattunlappen.‘ – ‚Und Sie erinnern sich dessen genau?‘ – ‚Nein, genau erinnere ich mich dessen nicht ...‘ Und dabei ärgert er sich über alle Maßen. Indessen, fragt man sich, wie kann er denn das so schnell vergessen haben? Gerade diese kleinen Nebensächlichkeiten prägen sich dem Menschen von allen Eindrücken, die er in gleich schrecklichen Lebensstunden empfängt, am schärfsten ein, und gerade ihrer erinnert er sich später am deutlichsten. Der Verbrecher, der zum Richtplatz geführt wird, der vergißt zuweilen alles, ein irgendwo flüchtig bemerktes grünes Dach aber, oder eine Dohle auf einem Kreuze – die behält er. Als der Angeklagte dieses Zeugsäckchen für das Geld zusammennähte, da wollte er doch nicht von den übrigen Hausbewohnern überrascht werden. Er verbarg sich vor ihnen. So müßte er sich auch noch erinnern, wie er, mit der Nadel in der Hand, voll Erniedrigung die Angst empfunden hat, es könne jemand zu ihm hereinkommen, und wie er beim ersten Geräusch aufgesprungen ist, um sich hinter dem Vorhang zu verstecken ... Doch wozu rede ich so ausführlich von diesen Nebensachen, dem sogenannten Kleinkram?“ unterbrach sich plötzlich Hippolyt Kirillowitsch. „Ich tue es ja nur darum, weil der Angeklagte nach wie vor aufs hartnäckigste auf dieser abgeschmackten Erfindung besteht, selbst heute noch! Während dieser ganzen zwei Monate hat der Angeklagte nichts mehr zu erklären vermocht, seit jener Schicksalsnacht hat er zu seinen früheren phantastischen Aussagen, die er in derselben Nacht gemacht hat, nichts mehr hinzugefügt. ‚Alles das sind, sozusagen, nur kleinliche Nebensachen, glauben Sie mir lieber auf mein Ehrenwort!‘ Oh, wie gern würden wir glauben, wie würden wir uns freuen, wenn wir daran glauben könnten, und wäre es auch nur auf das Ehrenwort hin! Sind wir denn etwa Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Geben Sie uns, beweisen Sie uns nur eine Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns darüber freuen, – nur selbstverständlich eine greifbare, reale, nicht nur eine Folgerung nach dem Gesichtsausdruck des Angeklagten, die noch dazu dessen leiblicher Bruder macht, oder so eine Behauptung, daß er, als er sich mit der Hand auf die Brust schlug, damit unbedingt auf das Geldsäckchen habe weisen wollen, und das noch dazu in der Dunkelheit. Wir werden uns von Herzen darüber freuen, ich werde der erste sein, der die Anklage zurückzieht, ich werde mich beeilen, meine Anklage zurückzuziehen. Jetzt jedoch fordert die Gerechtigkeit, daß sie befriedigt werde, und ich bestehe darauf, daß es geschehe, denn wir können kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen.“ Hippolyt Kirillowitsch ging darauf zum Schluß über. Er war wie im Fieber, er schrie nach Sühne für das vergossene Blut, für das Blut des Vaters, den der Sohn erschlagen hatte, um ihn „in der niedrigsten Weise zu berauben“. Er wies unerbittlich auf das tragische und verhängnisvolle Zusammentreffen der Tatsachen hin. „Und was Sie auch von dem Verteidiger des Angeklagten, dessen Talent weit bekannt ist, hören mögen“ (Hippolyt Kirillowitsch konnte sich diese Bemerkung doch nicht verbeißen), „ja, wie beredte und rührende Worte hier auch ertönen mögen, die es auf Ihre Sentimentalität abgesehen haben, so vergessen Sie doch nicht, daß Sie sich in diesem Augenblick im Heiligtum unserer Gerechtigkeit befinden. Vergessen Sie nicht, daß Sie die Verteidiger unserer Wahrheit sind, die Verteidiger unseres heiligen Rußland, die Verteidiger seiner Grundfesten, seiner Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, in diesem Augenblick vertreten Sie ganz Rußland, und Ihr Urteil wird nicht nur hier in diesem Saale erschallen, nein, über ganz Rußland hin wird es erklingen, und ganz Rußland wird Ihre Worte vernehmen, wie die Worte seiner Verteidiger und Richter, und es wird durch Ihren Urteilsspruch entweder ermutigt oder niedergebeugt werden. Peinigen Sie unser Rußland nicht, meine Herren Geschworenen, enttäuschen Sie nicht seine Erwartungen! Die Troika unseres Schicksals jagt dahin – vielleicht kopfüber ins Verderben. Schon lange streckt man in ganz Rußland die Hände empor, der rasenden Troika entgegen, und man ruft alle auf, um die besessene, irrsinnige, schonungslose Jagd aufzuhalten. Und wenn die anderen Völker bisher noch vor dem blindlings daherjagenden Dreigespann zur Seite getreten sind, so haben sie das vielleicht durchaus nicht aus Ehrerbietung getan, wie es der große Dichter wünschte, sondern einfach aus Entsetzen – das sollte man sich merken. Aus Entsetzen, vielleicht aber auch aus Ekel vor ihr. Und es ist noch gut, daß sie sich abwenden, was aber dann, wenn sie aufhören, beiseite zu treten, sich vielmehr plötzlich wie eine feste Mauer vor der jagenden Erscheinung erheben, um selbst der wahnsinnigen, wilden Jagd unserer Zügellosigkeit Einhalt zu tun, um sich selbst, die ganze Aufklärung und die ganze Zivilisation zu retten! Ja, solche erregte Stimmen aus Europa haben auch wir schon vernommen. Schon beginnen sie zu ertönen. Verlocken Sie sie nicht zur Tat, fordern Sie sie nicht heraus, indem Sie den Mord des Vaters durch den leiblichen Sohn gutheißen!“ ...
Zwar hatte Hippolyt Kirillowitsch sich schon zuvor nicht wenig hinreißen lassen. Nun schloß er in dieser Weise mit dem höchsten Pathos – und, in der Tat, der Eindruck, den seine Rede hinterließ, war wirklich außerordentlich. Er selbst aber ging, kaum daß er sie beendet hatte, eiligst hinaus und, wie gesagt, im anderen Zimmer soll er beinahe in Ohnmacht gefallen sein. Das Publikum klatschte nicht Beifall, aber die ernsten Leute waren befriedigt. Nur die Damen waren es weniger, doch hatte schließlich auch ihnen seine Beredtsamkeit gefallen, um so mehr, als sie an dem Endergebnis noch immer nicht zweifelten und von Fetjukowitsch alles erwarteten: „Zum Schluß wird er das Wort ergreifen und dann selbstverständlich alle besiegen!“
Zunächst wandten sich alle Blicke zu Mitjä, und man beobachtete ihn neugierig. Während der ganzen Rede des Staatsanwalts hatte er stumm dagesessen, die Arme gekreuzt, die Zähne zusammengebissen, den Blick zu Boden gesenkt. Nur ein paarmal hatte er den Kopf ein wenig erhoben und aufgehorcht. Besonders als von Gruschenka die Rede gewesen war. Als der Staatsanwalt Rakitins Ausspruch über sie zitiert hatte, war auf Mitjäs Lippen ein verächtliches Lächeln erschienen, und er hatte ziemlich hörbar gesagt: „_Ce Bernard!_“ Als aber Hippolyt Kirillowitsch darauf zu sprechen gekommen war, wie er ihn in Mokroje ausgefragt und gequält hatte, da hatte Mitjä plötzlich den Kopf erhoben und mit höchster Aufmerksamkeit zugehört. An einer Stelle der Rede hatte es fast geschienen, daß er sofort aufspringen und etwas dazwischenschreien würde, doch hatte er sich bezwungen und nur einmal verächtlich mit der Achsel gezuckt. Über diesen Schlußteil der Anklagerede, besonders über die Leistung des Staatsanwalts beim ersten Verhör in Mokroje, wurde später viel in unserer Gesellschaft gesprochen und bei der Gelegenheit auch über Hippolyt Kirillowitsch gelacht: „Der gute Mann konnte doch seine Fähigkeiten nicht mit Stillschweigen übergehen,“ hieß es da, „sonst wird man ja so leicht unterschätzt!“
Die Sitzung wurde unterbrochen, aber nur auf eine sehr kurze Zeit, auf fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten. Im Publikum unterhielt man sich währenddessen, und es wurden verschiedene Meinungen geäußert. Einige von ihnen habe ich behalten.
„Hm, eine ernste Rede,“ bemerkte mit krauser Stirn ein Herr in einer Gruppe neben mir.
„An Psychologie hat er ein gehöriges Quantum verpufft,“ meinte eine andere Stimme.
„Ja, aber es ist doch alles wahr, was er gesagt hat, unantastbare Wahrheit!“
„Ja, darin ist er Meister.“
„Er hat das Fazit gezogen.“
„Auch für uns, auch für uns hat er das Fazit gezogen!“ ließ sich eine dritte Stimme vernehmen. „Erinnern Sie sich noch, wie er zu Anfang der Rede sagte, daß alle so seien wie Fedor Pawlowitsch!“
„Und zum Schluß sagte er es noch einmal. Nur braucht es deshalb noch nicht wahr zu sein.“
„Und stellenweise war er auch etwas unklar.“
„Bißchen hitzig.“
„Aber es war doch ungerecht, wenn man’s genau nimmt, das war es schon.“
„Na, wissen Sie, das kann man schließlich doch nicht so sagen, er hat’s immerhin geschickt gemacht. Lange genug hat der Mann gewartet, jetzt hat er endlich mal die Gelegenheit gehabt, sich auszusprechen, hehe!“
„Wer weiß, was der Verteidiger sagen wird.“
In einer anderen Gruppe:
„Aber den Petersburger konnte er doch nicht ungeschoren lassen, nur war die Bemerkung ganz überflüssig: ‚Die es auf Ihre Sentimentalität abgesehen haben,‘ wissen Sie noch, kurz vor dem Schluß?“
„Ja, das war etwas ungeschickt.“
„Hatte es zu eilig.“
„Ein nervöser Mensch.“
„Ja ja, wir haben gut lachen, wie aber muß dem Angeklagten zumute sein?“
„Das ist schon wahr, wie mag es in Mitjenka aussehen!“
„Was meinen Sie, was wird der Verteidiger sagen?“
In einer dritten Gruppe:
„Was ist das da für eine Dame, diese mit dem Lorgnon, die dicke, die an der Ecke sitzt?“
„Das ist eine Generalin, eine geschiedene Frau, ich kenne sie.“
„Na ja, da geht’s natürlich nicht mehr ohne Lorgnon.“
„Altes Gerümpel.“
„Das finde ich nicht, scheint sogar ganz pikant zu sein.“
„Neben ihr, zwei Plätze weiter, sitzt eine Blondine, die ist besser.“
„Aber das haben sie doch geschickt gemacht, wie sie ihn in Mokroje geklappt haben, nicht?“
„Ja, das läßt sich nicht leugnen. Darum hat er es auch hier wieder erzählt. Und wievielmal hat er es dabei schon bei seinen Bekannten zum besten gegeben!“
„Und auch jetzt mußte es wieder herhalten. Nichts als Eigenliebe!“
„Ein gekränkter Mensch, hehe!“
„Und der sich dazu noch sehr leicht gekränkt fühlt. Viel Rhetorik, lange Phrasen.“
„Und dann will er uns schrecken, das nicht zu vergessen, will uns Angst machen. Zum Beispiel, was er da von der Troika sagte, Sie wissen doch noch? ‚Dort gibt es Hamlets, bei uns aber gibt es vorläufig noch Karamasoffs!‘ An sich war es ja ganz treffend.“
„Das hat er aus Berechnung gesagt, für die Liberalen natürlich. Der Kerl fürchtet sich!“
„Und auch den Advokaten fürchtet er.“
„Ja, weiß Gott, was Fetjukowitsch sagen wird!“
„Nun, was er auch sagen sollte, unsere Bauernköppe wird er doch nicht unter den Tisch reden.“
„Sie glauben?“
In einer vierten Gruppe:
„Was er da von der Troika sagte, war gut. – Du weißt doch noch, als er von den Völkern sprach, daß sie nicht warten würden.“
„Wieso?“
„Nun, im englischen Parlament ist schon in der vorigen Woche wegen der Nihilisten ein Mitglied aufgestanden und hat die Minister gefragt, ob es nicht Zeit wäre, in die Vorgänge der barbarischen Nation einzugreifen und ihr Bildung beizubringen – das heißt also: uns. Darauf hat Hippolyt angespielt, ich weiß es genau, daß er das gemeint hat. Noch in der vorigen Woche sprach er davon.“
„Hoho! Noch hat der Fuchs den Braten nicht!“
„Welchen Braten? Wieso noch nicht?“
„Was dann, wenn wir ihnen Kronstadt vor der Nase abschließen und ihnen kein Korn geben – wo wollen sie es dann hernehmen?“
„Aber aus Amerika! Jetzt nehmen sie alles aus Amerika!“
„Red keinen Unsinn!“
Da ertönte die Glocke, und alles stürzte zu den Plätzen. Fetjukowitsch bestieg die Tribüne.
X. Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei Enden