Sämtliche Werke 9-10

Part 81

Chapter 813,795 wordsPublic domain

„Einen neuen Menschen oder einen Bernard, und der wird dann _à la_ Bernard entscheiden. Denn ich selbst bin, wie es scheint, ein verächtlicher Bernard!“ sagte Mitjä mit bitterem Lächeln.

„Aber Mitjä, hast du denn gar keine Hoffnung mehr, dich morgen rechtfertigen zu können? Wie ist das nur möglich?“

Mitjä zuckte mit den Achseln und schüttelte verneinend den Kopf.

„Aljoscha, mein Liebling, es ist Zeit, daß du gehst!“ sagte er plötzlich eilig, als wollte er ihn schneller forthaben. „Der Aufseher hat schon auf dem Hof gerufen, er wird gleich herkommen. Es ist spät. Wir wollen doch die Ordnung nicht stören. Umarme mich rasch, küsse mich, segne mich, Liebling, segne mich, damit ich das Kreuz morgen tragen kann ...“

Sie umarmten sich und küßten einander.

„Iwan aber,“ sagte Mitjä plötzlich, „schlägt mir wohl vor, mir zur Flucht zu verhelfen, selbst aber glaubt er, daß ich den Vater erschlagen habe!“

Ein gequältes, spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Hast du ihn gefragt, ob er es glaubt?“ fragte Aljoscha.

„Nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich wollte ihn fragen, aber ich konnte es nicht, die Kraft reichte dazu nicht aus. Doch das bleibt sich ja gleich, ich sehe es ja an den Augen. Nun, leb wohl!“

Noch einmal küßten sie sich eilig, und Aljoscha verließ bereits das Zimmer, als ihn Mitjä plötzlich wieder zurückrief.

„Stell dich vor mich hin, sieh mich an.“

Und er erfaßte ihn wieder mit beiden Händen an den Schultern. Sein Gesicht wurde unheimlich bleich, so daß es selbst in der matten Dunkelheit entsetzlich anzusehen war. Die Lippen verzerrten sich, und der Blick bohrte sich starr in Aljoschas Augen.

„Aljoscha, sage du mir die volle Wahrheit, sage wie Gott dem Herrn: Glaubst du, daß ich der Mörder bin oder glaubst du es nicht? Du, du, ob du es glaubst oder nicht glaubst? Die Wahrheit sage! – Lüge nicht!“ schrie er plötzlich laut in seiner Verzweiflung auf.

Aljoscha war es, als wankte er auf den Füßen unter dem Druck der Hände des Bruders, und über sein Herz, das fühlte er, glitt etwas Scharfes, Spitzes ...

„Was ... was tust du, laß gut sein, genug ...“ stammelte er wie geistesabwesend.

„Die Wahrheit, die Wahrheit! Lüge nicht!“

„Keine Sekunde lang ... habe ich geglaubt, daß du der Mörder wärest!“ stieß Aljoscha mit schwankender Stimme fast atemlos hervor, und er erhob die rechte Hand, als wolle er Gott zum Zeugen für seine Worte aufrufen.

Wie Seligkeit breitete es sich über Mitjäs bleiches Gesicht.

„Ich danke dir ...“ sagte er langsam, als wenn er nach einer Ohnmacht aufatmete. „Du hast mich von den Toten auferweckt ... Wirst du es mir glauben: – bis zu diesem Augenblick habe ich mich gefürchtet, dich zu fragen, dich, dich! – denk nur, Liebling, dich! ... Nun, geh jetzt, geh! Gestärkt hast du mich für morgen, Gott segne dich dafür! Nun, geh ... und liebe Iwan!“ rang es sich noch als letztes Wort aus Mitjä heraus.

Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt, nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je.

V. „Nicht du, nicht du!“

Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen, dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr, als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische, laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna.

„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl. Du gehst zu ihr?“

„Ja.“

„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie noch mehr erregen.“

„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen Sie von ihm?“

„Ja, ich war bei ihm.“

„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“

In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha.

„Sie hat gehorcht!“ brummte er angehalten leise vor sich hin, Aljoscha aber hörte es doch.

„Sie gestatten, daß ich im Mantel bleibe,“ sagte er, als er in den Salon eintrat. „Ich bin nur auf eine Minute zurückgekommen, ich werde mich nicht setzen.“

„Setzen Sie sich, Alexei Fedorowitsch,“ forderte Katerina Iwanowna auf, obgleich sie selbst gleichfalls stehen blieb. Sie hatte sich in der Zwischenzeit wenig verändert, nur ihre dunklen Augen glühten und schienen zu drohen. Aljoscha erinnerte sich später, daß sie an jenem Abend außerordentlich schön gewesen sein mußte.

„Was läßt er mir sagen?“

„Nur das eine,“ sagte Aljoscha und blickte ihr offen ins Gesicht: „daß er Sie bittet, sich zu schonen und morgen vor Gericht nichts von ...“ (er stockte ein wenig) „... von dem zu sagen ... was früher zwischen Ihnen vorgefallen ist ... in der Zeit Ihrer ersten Bekanntschaft ... in jener Zeit ...“

„Ah so, Sie meinen die Verbeugung ... damals ... für das Geld!“ griff sie sofort auf und lachte stolz. „Wie, fürchtet er für sich oder für mich – hm? Er hat also gesagt, ich solle ‚schonen‘ – aber wen denn schonen? Ihn oder mich? Sagen Sie es doch, Alexei Fedorowitsch.“

Aljoscha blickte sie forschend an, bemüht, sie zu verstehen.

„Sowohl sich selbst wie auch ihn,“ sagte er leise.

„So so!“ bemerkte sie eigentümlich boshaft, und plötzlich errötete sie heiß.

„Sie kennen mich noch nicht, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie drohend, „– aber auch ich kenne mich noch nicht ganz. Vielleicht werden Sie mich morgen nach dem Zeugenverhör mit den Füßen zerstampfen wollen.“

„Sie werden auf Treu und Gewissen aussagen,“ erwiderte Aljoscha, „und außer der Ehrlichkeit ist nichts nötig.“

„Ein Weib ist häufig unehrlich,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Noch vor einer Stunde glaubte ich, daß es mir schrecklich wäre, dieses Ungeheuer zu berühren ... als wäre er ein Scheusal ... und doch, doch ist er noch ein Mensch für mich! Ja hat er denn überhaupt erschlagen? Hat denn er es getan?“ rief sie plötzlich, fast außer sich geratend, indem sie sich hastig zu Iwan Fedorowitsch wandte.

Aljoscha begriff sofort, daß sie dieselbe Frage vielleicht noch vor zwei Minuten an Iwan gestellt hatte, und nicht zum erstens, sondern zum hundertstenmal, und daß sein Bruder deswegen fortgegangen war.

„Ich war bei Ssmerdjäkoff ...,“ fuhr sie fort, Iwan starr ins Gesicht blickend. „_Du_ bist es, _du_, der mich davon überzeugt hat, daß Mitjä der Mörder sei! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“

Iwan lächelte. Es war aber, als hätte er seine ganze Kraft dazu nötig, um dieses Lächeln zustande zu bringen. Aljoscha war bei dem unerwarteten _Du_ zusammengezuckt. Solche Beziehungen zwischen den beiden hatte er nicht ahnen können.

„Ich denke, jetzt dürfte es genügen,“ sagte Iwan kurz. „Ich gehe. Morgen werde ich wiederkommen.“ Und damit verließ er sofort das Zimmer und ging hinaus.

Katerina Iwanowna ergriff krampfhaft Aljoschas Hände. Es lag etwas Befehlendes in ihren Worten, in ihren Bewegungen.

„Gehen Sie ihm nach! Holen Sie ihn ein! Verlassen Sie ihn keinen Augenblick,“ flüsterte sie ihm fieberhaft erregt zu. „Er ist wahnsinnig! Wie, – Sie wissen es noch nicht, daß er wahnsinnig ist? Er hat Fieber, Nervenfieber! Mir hat es der Doktor gesagt, gehen Sie, laufen Sie ihm nach ...“

Aljoscha verließ sie sofort und eilte seinem Bruder nach. Iwan Fedorowitsch war kaum fünfzig Schritt gegangen. Er blieb plötzlich stehen und wandte sich heftig zurück, als er sah, daß Aljoscha ihm nachlief.

„Was willst du?“ stieß er rauh hervor. „Sie hat dir befohlen, mir nachzulaufen, weil ich verrückt sei. Ich kenne das auswendig,“ fügte er gereizt hinzu.

„Darin täuscht sie sich natürlich, aber in einem hat sie recht: Du bist wirklich krank,“ sagte Aljoscha. „Ich habe soeben dein Gesicht bei ihr gesehen: Du siehst sehr krank aus, Iwan, und du bist es auch.“

Iwan ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Aljoscha folgte ihm.

„Weißt du vielleicht, Alexei Fedorowitsch, wie das ist, wenn man verrückt wird?“ fragte nach einer Weile Iwan mit einer ganz anderen, leisen, gar nicht mehr gereizten Stimme, aus der plötzlich die treuherzigste Neugier hervorklang.

„Nein, das weiß ich nicht; ich nehme an, daß es sehr verschiedene Arten von Wahnsinn gibt.“

„Kann man aber auch an sich selbst beobachten, wie man verrückt wird?“

„Ich glaube, daß man sich selbst in dem Falle nicht mehr gut beobachten kann.“ Aljoscha wunderte sich.

Iwan schwieg eine Weile.

„Wenn du mit mir sprechen willst, so habe die Güte und ändere das Thema,“ sagte er plötzlich.

„Hier, um es nicht zu vergessen, ich habe diesen Brief für dich,“ sagte Aljoscha schüchtern, indem er den Brief Lisas aus der Tasche zog und ihn dem Bruder reichte. Sie näherten sich gerade einer Laterne. Iwan erkannte sofort die Handschrift.

„Ah, das ist von jenem Teufelchen!“ sagte er boshaft auflachend, und plötzlich, ohne das Kuvert aufzubrechen, zerriß er den ganzen Brief und warf die Stücke in den Wind. Die kleinen Papierstücke flatterten umher.

„Noch keine sechzehn Jahre, glaube ich, und schon bietet sie sich an!“ sagte er verächtlich und schritt weiter.

„Wieso bietet sie sich an, wie meinst du das?“ fragte Aljoscha erstaunt.

„Man weiß doch, wie verderbte Frauen sich anbieten.“

„Was fällt dir ein, Iwan, was redest du? Das ist doch ein Kind, du beleidigst ein Kind!“ verteidigte sie Aljoscha eifrig und traurig zugleich. „Sie ist krank, sogar sehr krank, sie ist vielleicht gleichfalls dem Wahnsinn nahe ... Ich konnte unmöglich dir den Brief nicht geben ... Ich, ich wollte von dir noch etwas Näheres hören ... um sie retten zu können.“

„Du wirst nichts von mir hören. Wenn sie noch ein Kind ist, so bin ich nicht ihre Amme. Schweig, Aljoscha. Sprich nicht mehr davon. An die denke ich überhaupt nicht.“

Sie schwiegen wieder.

„Jetzt wird sie die ganze Nacht zur Gottesmutter beten, damit diese sie erleuchte, wie sie morgen vor Gericht aussagen soll,“ sagte Iwan wieder ganz plötzlich und boshaft.

„Du ... du sprichst von Katerina Iwanowna?“

„Ja. Soll sie als Mitjenkas Retterin oder Verderberin erscheinen! Auf daß ihre Seele erleuchtet werde, – darum wird sie beten. Sie weiß selbst noch nicht, was sie tun soll; sie scheint noch nicht Zeit genug gehabt zu haben, um sich vorzubereiten. Auch sie hält mich für ihre Kinderfrau und will, daß ich ihr eiapopeia singe.“

„Katerina Iwanowna liebt dich, Bruder,“ sagte Aljoscha, den ein trauriges Gefühl ergriffen hatte.

„Möglich. Nur begehre ich sie nicht.“

„Sie leidet. Warum sagst du ihr dann ... zuweilen ... solche Worte, daß sie hoffen kann?“ Ein schüchterner Vorwurf lag in Aljoschas Stimme. „Ich weiß doch, daß du ihr Hoffnung gemacht hast ... verzeih, daß ich so spreche,“ fügte er ängstlich hinzu.

„Ich kann hierbei nicht so handeln, wie ich müßte: Kann nicht brechen und ihr offen alles sagen!“ sprach Iwan gereizt. „Ich muß abwarten, bis das Urteil über den Mörder gesprochen ist. Wenn ich jetzt mit ihr bräche, so würde sie aus Rache morgen vor Gericht dieses ... Scheusal seinem Schicksal überantworten, denn sie haßt ihn, und sie weiß es, daß sie ihn haßt. Hier ist doch alles Lüge, Lüge auf Lüge aufgebaut! Jetzt aber, das heißt, solange ich nicht mit ihr gebrochen habe, hofft sie immer noch und wird daher jenes Ungeheuer nicht verderben, da sie weiß, wie ich ihn herausziehen will. Wenn doch endlich dieses verdammte Urteil gesprochen wäre!“

Die Worte „Mörder“ und „Ungeheuer“ machten einen schmerzlichen Eindruck auf Aljoscha.

„Aber was hat denn Mitjä von ihr zu fürchten?“ fragte er, bemüht, zu verstehen, was Iwan meinte. „Was kann sie denn so besonders Verhängnisvolles aussagen, woraufhin er verurteilt werden könnte?“

„Das weißt du noch nicht. Sie hat ein Dokument in Händen, Mitjä hat es selbst geschrieben, das mathematisch klar beweist, daß er Fedor Pawlowitsch, unseren Vater, erschlagen hat.“

„Das ist unmöglich!“ rief Aljoscha aus.

„Wieso unmöglich? Ich habe es selbst gelesen.“

„Ein solches Dokument kann es unmöglich geben!“ wiederholte Aljoscha erregt im Eifer. „So etwas kann es nicht geben, denn nicht er ist der Mörder. Nicht er hat den Vater erschlagen, nicht er!“

Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen.

„Wer ist dann, deiner Meinung nach, der Mörder?“ fragte er kalt, und es klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage.

„Du weißt es selbst, wer,“ antwortete Aljoscha leise und ruhig in seiner Überzeugung.

„Wer? Meinst du etwa die Fabel von dem irrsinnigen Idioten, dem Epileptiker? Meinst du Ssmerdjäkoff?“

Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte.

„Du weißt es selbst, wer,“ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte kaum atmen.

„Aber wer denn, wer?“ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze Zurückhaltung war plötzlich verschwunden.

„Ich weiß nur das eine,“ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen, gleichsam betäubten Flüsterton: „– _nicht du_ hast den Vater erschlagen.“

„‚Nicht du!‘ Was heißt das, nicht du?“ Iwan stand wie erstarrt vor seinem Bruder.

„Nicht du hast den Vater erschlagen, _nicht du, nicht du_!“ wiederholte Aljoscha fest.

Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.

„Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im Fieber?“ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches, verzerrtes Lächeln.

Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.

„Nein, Iwan, du hast dir selbst mehrmals gesagt, daß du der Mörder seiest.“

„Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es gesagt?“ stotterte Iwan mit abirrendem Blick.

„Du hast es dir mehr als einmal gesagt, wenn du in diesen schrecklichen zwei Monaten allein warst,“ fuhr Aljoscha wieder leise und deutlich fort. Er sprach aber schon, als wenn er nicht mehr bei voller Besinnung wäre, als wenn es nicht sein Wille wäre, der ihn sprechen ließ, sondern, als gehorche er einem fremden Befehle, vielleicht fast gegen seinen Willen. „Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen, da irrst du dich, nicht du bist der Mörder, hörst du mich, _nicht du_! Mich hat Gott gesandt, dir das zu sagen.“

Beide schwiegen sie. Lange dauerte dieses Schweigen. Sie standen und blickten sich noch immer in die Augen. Beide waren sie bleich. Plötzlich überlief Iwan ein Zittern, und er packte Aljoscha krampfhaft an der Schulter.

„Du bist bei mir gewesen!“ stieß er in wutknirschendem Geflüster hervor. „Du bist bei mir gewesen, nachts, als er zu mir kam ... Gestehe es ... Hast du ihn gesehen, hast du ihn gesehen?“

„Von wem redest du ... von Mitjä?“ fragte Aljoscha verwundert.

„Ach, nicht von ihm rede ich, zum Teufel mit diesem Scheusal!“ keuchte Iwan außer sich. „Weißt du denn, daß er zu mir kommt? Wie hast du das erfahren, sprich!“

„Welcher ‚er‘? Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ stotterte Aljoscha erschrocken.

„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann nicht sein, daß du es nicht weißt ...“

Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln bog seine Lippen.

„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich. Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚_nicht du_‘! Hörst du, fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang hassen solltest ...“

Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu haben.

„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“

Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“

Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern. Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte.

VI. Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff

Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn, ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen, daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen, so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte, wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur Unwillen hervor.

Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt. Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen, hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte.

„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“

Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht, und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen.