Part 75
„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.
„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“
Koljä fühlte sich tief verletzt.
„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“ sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat. Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht, wie alt ich bin. Nicht wahr?“
„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.
„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu erhalten! Nicht wahr?“
„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand eingeredet!“ rief Aljoscha aus.
„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst ... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“
„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij, wie man erzählt, gesagt ...“
„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht geschrieben.“
„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man. Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“
„Haben Sie Belinskij gelesen?“
„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt: warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“
„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das schon ... verstehen?“
„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin. Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen ist und gehorchen muß. _Les femmes tricotent_, wie Napoleon gesagt hat,“ fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“
„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika aufgefordert?“
„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie, keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.
‚Das vergißt man nicht so leicht, Das Haus an jener Hängebrücke!‘
Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie? Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein Herz zuckte zusammen.)
„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie, haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen doch von Tatjana?“
„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei hören. Warum fragten Sie?“
„Nur so.“
„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne Umschweife darauf zu antworten.“
„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“
„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“ unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß Sie ...“
„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen, worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers, eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel, das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“
„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte fröhlich auf. „Das ist ja _superbissimo_! Bravo, Deutscher! Aber dem Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend, das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo, Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut, mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber man muß sie doch unterkriegen ...“
„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf! Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen. Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das wird Sie besser als alles andere erziehen.“
„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er Sie vergeblich erwartete!“
„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“
„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht, ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“
„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.
„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter. Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“
„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“ fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln, wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä, sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
„Selbst wenn alle so sind?“
„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage? Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“
„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig, einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht haben? Vorhin sagten Sie es.“
„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht ... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das nichts.“
„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was meinen Sie?“
„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.
„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück in diesem Lachen.
„Warum soll ich mich denn schämen?“
„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“
„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar ein wenig verwirrt.
„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen! Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.
Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.
„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.
„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles voraus wissen!“
„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“
„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen, daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden. Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt: ‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe auseinandergehen!‘“
„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“ Aljoscha lachte fröhlich auf.
„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah! da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch, was er für ein Gesicht macht!“
VII. Iljuscha
Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an. Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien, Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und völlige Verständnislosigkeit.
„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen armen Jungen noch hätte abändern können.
„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der Professor.
„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“
„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.
„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts kann ihn mehr retten?“
„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in – dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... _so–fort und ohne zu säumen_ (die Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng, sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden, kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel – leicht gesche – hen ...“
„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht begreifen.
„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.
Der Professor sah ihn an.
„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“
„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann _so–fort_ nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da ... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“
„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten Holzwände des Flurs hin.
„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha – be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber ... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“
„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst eingestand, „um ihn zu beleidigen“.
„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als ob der ihm Rechenschaft geben müsse.
„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.
„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name bedeutete.
„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“
„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.
„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er noch ungehaltener.
„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.
„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „_Ici_, Pereswonn!“
„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.
„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“
Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein. Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.
„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.
Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.
„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.
„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund ... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der Hauptmann mühsam hervor.
„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ... Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des Vaters verbarg.
„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“
„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und geradezu barsch Krassotkin.
„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich euch erwarten ... Papa, Papa!“
Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als sie die anderen weinen sah.
„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite sich aus der Umarmung Iljuschas:
„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen, jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“
Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.
„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.
„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu weinen.
In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft: