Sämtliche Werke 9-10

Part 69

Chapter 693,700 wordsPublic domain

Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen, in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter. Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig, ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen, die vor Kälte ganz blau sind.

„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem Wagen an ihnen vorüberfliegt.

„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das Kindichen weint.“

Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt: „das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge.

„Aber warum weint es?“ fragte Mitjä ungeduldig weiter, als wenn er zu dumm wäre, um es zu begreifen. „Warum sind seine Ärmchen bloß, warum wird es nicht eingewickelt?“

„Das Kindichen hat’s kalt, die Kleiderchen sind dünn und feucht, und da wärmen sie das Körperchen nicht mehr.“

„Aber warum ist das so? Warum?“ fragt immer drängender der dumme Mitjä.

„Weil sie doch arm sind, abgebrannt, Brot haben sie kein Stückchen mehr; sie bitten für den abgebrannten Ort.“

„Nein, nein,“ ruft Mitjä, als verstehe er noch immer nicht, „aber so sag mir doch: Warum stehen so die abgebrannten Mütter, warum sind sie arm, warum ist das Kindichen arm, warum ist die Steppe so nackt, warum umarmen sie sich nicht, warum küssen sie sich nicht, warum singen sie nicht fröhliche Lieder, warum sind sie so schwarz geworden von dem schwarzen Elend, warum wird das Kindichen nicht genährt?“

Und er fühlt, daß er sinnlos und unvernünftig fragt, aber er hatte unbedingt geradeso fragen wollen, und er glaubt, daß er auch geradeso habe fragen müssen. Und er fühlt noch, daß sich in seinem Herzen eine noch nie empfundene Rührung erhebt, daß er weinen möchte, daß er für alle etwas tun will, auf daß das Kindichen nicht mehr weine, auf daß auch die schwarze verhärmte Mutter des Kindichens nicht mehr weine, auf daß von diesem Augenblicke an niemand mehr eine Träne vergieße, und daß er sofort, unverzüglich so etwas tun will, ohne Aufschub oder Verzug, ohne Rücksicht oder Bedenken, mit der ganzen Karamasoffschen zügellosen Leidenschaft.

„Und ich bin bei dir, jetzt verlasse ich dich nie mehr, das ganze Leben lang gehe ich mit dir,“ ertönen neben ihm Gruschenkas liebeatmende, inbrünstige Worte.

Und da entbrennt sein ganzes Herz und strebt zu etwas Lichtem, Lichtem, und leben will er, leben, auf einem Wege will er gehen, gehen zu dem neuen ihm winkenden Lichte, nur schneller, schneller, jetzt gleich, sofort!

„Was? Wohin?“ ruft er aus, schlägt die Augen auf und setzt sich auf seine Truhe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache, und lächelt verklärt.

Vor ihm stand, etwas zu ihm herabgebeugt, Nikolai Parfenowitsch Neljudoff und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und dann zu unterzeichnen.

Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da hatte er kein Kissen gesehen.

„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott was für eine große Wohltat erwiesen.

Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten.

„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen, freudeverklärten Gesicht.

IX. Wie Mitjä fortgeführt wurde

Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, – daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben (alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen. Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern.

„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig bleibt.“

Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise, daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens, der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen werde ...

„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren, alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden. Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden, und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe, sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh, es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den Menschen will ich Abschied nehmen ...“

Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus, doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken.

„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft, Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise beherrschen läßt ...“

Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“ ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf?

„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich _sie_ noch einmal sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä.

„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“

„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“

Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen, wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä.

„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“

Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten plötzlich herab.

„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe auch dich ins Unglück stürze.“

Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung; jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber, Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an.

„Lebt wohl, Ihr Gottesmenschen!“ rief ihnen Mitjä vom Wagen zu.

„Vergib auch du uns, Väterchen,“ hörte man zwei, drei Stimmen den Gruß erwidern.

„Nun, auch du leb wohl, Trifon Borissytsch!“

Doch Trifon Borissytsch wandte sich nicht einmal nach ihm um, vielleicht weil er gar zu beschäftigt war. Er schrie gleichfalls und gab verschiedene Befehle, denn der zweite Wagen, in dem zwei Gerichtsdiener Mawrikij Mawrikjewitsch und Mitjä begleiten sollten, war noch nicht ganz zur Abfahrt bereit. Der Fuhrknecht, der sie fahren sollte, zog vorläufig noch langsam seinen Kittel an und redete wortreich darüber, daß nicht er, sondern Akim an der Reihe sei, zu fahren. Akim aber war nicht zur Stelle; da lief man denn, um den Akim zu suchen; der Bauer bestand aber auf dem Seinen und bat, daß man warten solle.

„Ach, Mawrikij Mawrikjewitsch, dieses Bauernpack ist doch bei uns ganz ohne jedes Schamgefühl!“ rief Trifon Borissytsch kummervoll. Und zu dem Fuhrknecht: „Dir hat Akim noch vorgestern einen Fünfundzwanziger gegeben, und du hast ihn versoffen, jetzt aber reißt du wieder das Maul bis an die Ohren. Ich wundere mich nur tagaus, tagein über Ihre Güte, Mawrikij Mawrikjewitsch, hat doch dieses Lumpenpack so was nicht mal von weitem verdient. Ich weiß, was ich sage!“

„Aber wozu brauchen wir denn noch eine zweite Troika?“ mischte sich da Mitjä in die Angelegenheit ein. „Fahren wir nur ruhig in einer, Mawrikij Mawrikjewitsch, ich werde ja nicht rebellieren, nicht von dir fortlaufen, wozu also die Bedeckung?“

„Bitte, gefälligst zu begreifen, mein Herr, daß Sie nicht so zu mir zu reden haben, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Ich verbitte mir Ihr Du und desgleichen Ihre Ratschläge, die Sie für bessere Gelegenheiten aufsparen können ...“ schrie plötzlich, wild aus sich herausfahrend, Mawrikij Mawrikjewitsch Mitjä an, – als hätte er sich über die Gelegenheit gefreut, seine Galle an ihm auslassen zu können.

Mitjä schwieg. Das Blut war ihm heiß ins Gesicht gestiegen. Nach einem Augenblick fror ihn plötzlich sehr. Der Regen hatte aufgehört, doch der trübe Himmel war ganz von Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies ihm gerade ins Gesicht. „Sollte das etwa ein Fieberschauer sein?“ dachte Mitjä, der sich in den Schultern schüttelte. Endlich stieg auch Mawrikij Mawrikjewitsch ein, setzte sich gewichtig und breit hin, wobei er – als bemerke er es überhaupt nicht – Mitjä gehörig an die andere Seitenlehne preßte. Freilich war er nicht bei guter Laune, und der ihm zuteil gewordene Auftrag behagte ihm sehr wenig.

„Leb wohl, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä nochmals zurück, und er fühlte selbst, daß er es nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Bosheit, gegen seinen Willen gerufen hatte.

Doch Trifon Borissytsch stand stolz auf seiner Treppe, hielt die Hände auf dem Rücken und sah Mitjä ohne mit der Wimper zu zucken an; er blickte streng und geärgert und antwortete auf Mitjäs Gruß kein Wort.

„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher aufgetaucht war.

Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und einmal zu drücken.

„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie vergessen!“ rief er ihm heiß zu.

Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen. Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt.

Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer wieder aus.

Zehntes Buch. Die Knaben

I. Koljä Krassotkin

Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt, doch der Schneefall hat schon aufgehört.

Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben, vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten, erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten. Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand, und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen „Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh, schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer, daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie, in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen. Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.

In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne, halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen, angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um folgendes: