Sämtliche Werke 9-10

Part 55

Chapter 553,788 wordsPublic domain

„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie nicht kleineres Geld?“

„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an.

„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He, Mischa!“ rief er in das Vorzimmer.

„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij Karamasoff sofort hinkommen wird ... Doch hör, hör, daß sie Champagner, sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach Mokroje fuhr ... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa, aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten, geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals ... Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen, Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen, Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel ... Nun, und auch jetzt soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur Mischa ... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu Perchotin gewandt.

„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“

„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa, ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst ... Wenn du es nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber ... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war ... Sie wissen schon, wie es damals war!“

„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig. „Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen ... Geben Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine fliegen!“

Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte.

„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz. „Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche ... So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf.

„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“

„Das ... das kommt nicht vom Rock ... Nur ein wenig hier am Ärmel ... und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu rührender Vertrauensseligkeit.

Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu.

„Das sind ja schöne Geschichten! ... Sie haben wohl eine Prügelei gehabt?“ brummte er.

Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein. (Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von Charakter nichts weniger als schüchtern war.

„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben; so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der Schläfe, beim Ohr ... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels ist mit Blut – ...“

„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den Hemdärmelaufschlag zu betrachten.

„So wechseln Sie die Wäsche.“

„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde ...“ fuhr Mitjä, der sich schon Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen ... So, sehen Sie, nicht wahr?“

„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“ fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt ... oder am Ende gar totgeschlagen?“

„Unsinn!“ sagte Mitjä.

„Wieso Unsinn?“

„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd. „Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“

„Erdrückt? Eine Alte?“

„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre.

„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten ... Haben Sie jemanden totgeschlagen?“

„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten uns ... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein dummer Alter ... aber er hat mir verziehen ... jetzt hat er mir bestimmt schon verziehen ... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur, wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab.

„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit fremden Menschen anzubinden ... wie Sie auch damals wegen solcher Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten ... zuerst eine Prügelei und dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“

„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken.

„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt ... dort, da liegt es ja. Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um, als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“

„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die Hosentasche.

„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben geerbt?“

„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig. „Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen, dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“

„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“ Perchotin blickte ihn ungläubig an.

„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen Sie sich mal!“

„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht ... wenn Sie so sagen, dann wird sie sie Ihnen wohl gegeben haben ... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei ... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“

„Nach Mokroje.“

„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“

„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä.

„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im Kleister.“

„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich rede von des Weibes Herz:

‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft, Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘

Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Betrunken, wie?“

„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“

„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber genug, genug davon!“

„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“

„Ja, ich lade die Pistole.“

Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu betrachten.

„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn unruhig und besorgt beobachtete.

„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“

„Warum sollte ich sie denn betrachten?“

„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht ... Aber übrigens, was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So, fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch, lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“

„Da ist Papier.“

„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten, verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte gedankenverloren.

„Gehen wir jetzt,“ sagte er.

„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht ... Sie wollen sich diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen ...“ sagte Perchotin unmutig.

„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein heißes Licht ... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg freizugeben?“

„Wie das, den Weg freizugeben?“

„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht vorüber, ich aber ...“

„Sie aber?“

„Genug, gehen wir.“

„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“ Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach Mokroje?“

„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung genügen. Genug. Gehen wir!“

„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir immer, ich weiß nicht warum, gefallen ... ich beunruhige mich Ihretwegen.“

„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich hatte ihn schon ganz vergessen.“

Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen, Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde. Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben.

„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen ... wenn ich es erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So werden Sie es doch nur verlieren!“

„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“

„Wozu soll ich dorthin fahren?“

„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“

„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“

„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten aufgeben?“

„Nun, gib’s nur auf.“

Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor, faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer Handschrift stand darauf geschrieben:

„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein Leben.“

„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort ...,“ murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte.

„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“

Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke. Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte, Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt, der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte, Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen) getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze „Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“.

Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits „erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich.

„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt.

„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr viel später ankommen?“

„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir, Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen Mantel trug er auf dem linken Arm.

„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“

„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“

Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin fand es geboten, sich in die Sache einzumischen.

„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“

„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“

Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade, Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei, und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde später als der Herr in Mokroje ankommen würden.

„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte Mitjä noch eifrig hinzu.

„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin geärgert.

Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware eingepackt werden sollte.

„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos bekommen hast!“

„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“ Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber Mensch, ich liebe solche wie du.“

Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch, der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität, letzte Sendung ...“

„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“ stieß Perchotin geradezu wütend hervor.

„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“

„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich ... für Bauernkerle!“

„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine Ordnung in mir, keine höhere Ordnung ... Aber ... das ist jetzt vorüber, wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel, wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“

„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze.

‚Heil dem Höchsten in der Welt, Heil dem Höchsten auch in mir!‘

– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen ... Ich habe sie selbst gedichtet ... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am Bärtchen zog ...“

„Wie kommst du auf ihn?“

„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende, alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“

„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“

„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist. Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen und seine Schöpfung, aber ... man muß ein scheußliches Insekt vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben verdirbt ... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine Königin aller Königinnen!“

„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine Königin.“

Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde und er sie nicht loswerden könnte.

„Mischa ... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa, Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den goldlockigen Jüngling, der morgen ...“

„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte ihn aufzuhalten.

„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“

„Ach nun!“

Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort.

„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut, Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums Herz, so schwer, Horatio ... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“

Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä.

„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen Augen bemerkt hatte.

„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man es ihr zurückbringen müssen.“