Sämtliche Werke 9-10

Part 53

Chapter 533,431 wordsPublic domain

„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt und setzte sich etwas schwerfällig, „doch ... ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit ... die wichtigste aller wichtigsten ... das heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich ...“

„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder – haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir kommen! Das war doch Mathematik!“

„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber erlauben Sie – indessen, ich wollte ...“

„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima gestorben ist?“

„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf.

„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor ...“

„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber ...“

„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch, ich verfolge es und versuche, es zu begreifen ... Oh, glauben Sie mir, ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch ...“

„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen ... Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte ... Ich bin gekommen, gnädige Frau ...“

„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt, so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine Zeit kostbar, ich habe Eile! ...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte, daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus Verzweiflung ... in der letzten Minute der Verzweiflung ... gekommen, um Sie um Geld zu bitten ... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen, unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau ... Erlauben Sie, daß ich Ihnen ...“

„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben, unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie müssen mich vorher anhören!“

Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“ rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde, vor der Pistole ... Meine ewige Dankbarkeit ...“

„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs Begeisterung.

„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als Garantie für diese Summe ... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen von einer unermeßlichen Dankbarkeit ... Ich will Ihnen den Plan vor ...“

„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab. „Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun. Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht ... ich weiß nicht ...“

„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht. Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden werden.“

„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte.

„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa, daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann? Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage, nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat, vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt ... _J’en ai assez._ ‚Genug!‘ wie Turgenjeff sagt.“

„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig ...“

„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen. Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen. Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf, Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“

„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau ... ich werde mich vielleicht hinbegeben, vielleicht ... in Ihre Goldgruben ... und werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu reden ... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig ... Oh, Sie würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon ... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu verlieren, keine Stunde ...“

„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden, antworten Sie mathematisch!“

„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon ... Ich fahre, wohin Sie wollen, gnädige Frau ... jetzt aber ...“

„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim Suchen sehr beeilte.

„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so gesprächig wäre.“

„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte, „hier, das war es, was ich suchte!“

Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt.

„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen Unternehmungen zu segnen.“

Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust.

„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich feierlich wieder auf ihren Platz.

„Gnädige Frau, ich bin so gerührt ... und ich weiß gar nicht, wie ich danken soll ... für solche Gefühle, aber ... wenn Sie wüßten, wie teuer mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir ... Oh, gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen alles zu sagen ... was Sie übrigens schon lange wissen ... Ich liebe ein Wesen ... Ich bin Katjä untreu geworden ... Katerina Iwanowna wollte ich sagen ... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch habe ich mich in die andere verliebt ... in ein Wesen, das Sie, Gnädigste, das Sie vielleicht verachten ... da Sie von ihr vielleicht alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich jetzt die dreitausend ...“

„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen, lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage, von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird auferstehen ...“

„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das ...“ Dmitrij Fedorowitsch legte fast schon flehend beide Hände zusammen.

„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig, danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch. Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter, und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb: ‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘ unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort ‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine unangenehme Erinnerung ... Ach, mein Gott, was haben Sie?“

„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau, wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben ...“

„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne Gefühle ... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit mir zusammen zu freuen ...“

„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf ... „zum letzten Male flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu empfangen?“

„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“

„Die versprochenen Dreitausend ... die Sie so großmütig waren ...“

„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä erstarrte ...

„Wie haben Sie denn ... soeben ... äußerten Sie ... Sie sagten sogar, daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären ...“

„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch. Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch von den Goldgruben ... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur die Goldgruben.“

„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von Sinnen aus.

„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die Goldgruben, die Goldgruben ...“

„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in die fernste Ecke des Empfangssalons.

Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war, bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses Schlagen auf die Brust und gerade auf _diese Stelle_ bedeutete, und was er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung.

„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen, Strolch!“

„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte.

„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor den Augen sehn.“

„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei ihm?“

„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen hinübergehen ... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht wiedererkennen.“

„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm hin begleitet.“

„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen und ging dann wieder fort.“

„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“

„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte es sehr eilig.“

„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä.

„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte, schrie sie auf vor Schreck.

„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr plötzlich zu Füßen.

„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“

„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts ... Sie sind doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen ...“

„Sie ist zurückgekommen! ...“

„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht zurückgekommen!“

„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich schließen, wo sie ist! ...“

Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule, steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er.

„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.

IV. In der Dunkelheit

Wohin eilte er?

„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der ganze Betrug liegt doch auf der Hand ...“

Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig ... nicht das geringste Geräusch ... sonst könnten sie es sofort sagen ... Marja Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff gleichfalls ... alle sind sie bestochen ... gekauft ...“ Und im Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß. Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war. „Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen, doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen regte sich.

„... Und es flüstert nur die Stille ...“

Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin? Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte, ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe, dichte Holunder- und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch jemand meine Schritte gehört ... damit er sich dann beruhigt ... nur muß ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese ...“