Part 36
Iwan hielt inne. Seine Worte hatten ihn mit sich fortgerissen, und er war fast in Begeisterung geraten. Als er aber geendet hatte, lächelte er plötzlich wieder.
Aljoscha hatte ihm schweigend zugehört, doch zum Schluß hin, offenbar nicht wenig erregt, mehrmals den Bruder unterbrechen wollen, sich aber jedesmal bezwungen. Als nun Iwan plötzlich verstummte, fiel er sofort ein, – heftig und hastig, wie ein Mensch, der sich lange hat zurückhalten müssen:
„Aber ... das ist doch absurd!“ stieß er hervor, und errötete. „Dein Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung ... wie du es gewollt hast. Und wer wird dir das von der Freiheit glauben? Muß man sie denn _so, so_ auffassen? Ist denn das die Auffassung der Rechtgläubigkeit? ... Das ist Rom, und nicht einmal ganz Rom, das ist nicht wahr, – das sind die Schlechtesten des Katholizismus, das sind Inquisitoren, Jesuiten! ... Und solch einen phantastischen Menschen, wie es dein Inquisitor ist, gibt es überhaupt nicht. Was sind das für Sünden der Menschen, die sie auf sich nehmen? Was sind das für Träger des Geheimnisses, die da irgendeinen Fluch zum Glücke der Menschen auf sich genommen haben? Wer hat jemals so etwas gesehen? Wir kennen die Jesuiten, wir wissen, was dahintersteckt ... Aber sind sie denn das, als was du sie schilderst? – Nicht die Spur! – Sie sind einfach die römische Armee für das zukünftige, allesvereinende Weltreich mit dem Imperator, dem römischen Kirchenoberhaupt an der Spitze ... das ist ihr Ideal, aber ohne alle Geheimnisse und erhabenes Leid ... Der allergewöhnlichste Wunsch nach Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung ... in der Art eines zukünftigen Leibeigenschaftsrechtes, damit sie sozusagen Gutsbesitzer werden können. Das ist alles, was sie wollen. Sie glauben vielleicht überhaupt nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als Phantasie ...“
„Aber wart, wart doch,“ sagte Iwan lachend, „sieh mal, wie du dich ereiferst! Phantasie, sagst du, schön! Natürlich ist’s Phantasie. Einstweilen aber erlaube: Glaubst du wirklich, daß diese ganze katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte – Mittelalter und so weiter – tatsächlich nichts anderes gewesen ist als das Verlangen nach Macht, nur um der schmutzigen Erdengüter willen? Hat dich das nicht vielleicht Pater Paissij gelehrt?“
„O nein, nein, im Gegenteil, Pater Paissij sprach einmal sogar ein wenig in deinem Sinne ... übrigens es war doch nicht dasselbe, selbstverständlich nicht ganz dasselbe,“ verbesserte sich Aljoscha.
„Das ist immerhin eine kostbare Nachricht, trotz deines ‚selbstverständlich nicht ganz dasselbe‘. Ich frage dich ausdrücklich, warum du annimmst, daß Jesuiten und Inquisitoren sich nur zum Erwerb niedriger materieller Güter verbündet haben. Warum glaubst du, daß es unter ihnen keinen einzigen Gequälten gibt, der von großem Leid und von der Liebe zur Menschheit gepeinigt wird? Sieh: nimm an, daß sich unter allen diesen, die lediglich materielle, schmutzige Güter wollen, nur ein Einziger fände, nur ein Einziger wie mein greiser Inquisitor, der in der Wüste von Gewürm und Wurzeln gelebt hat, gegen sich gewütet hat und vor Verzweiflung außer sich geraten ist, im Kampf gegen sein Fleisch, um frei zu werden und vollkommen zu sein, der aber sein ganzes Leben die Menschheit geliebt hat, und der plötzlich erkennt und sich überzeugt, daß es keine große sittliche Glückseligkeit sein kann, die Vollkommenheit des Willens zu erreichen und zu gleicher Zeit einsehen zu müssen, daß die Millionen der übrigen Gottesgeschöpfe bloß zum Spott Geschaffene bleiben, daß sie niemals die Kraft haben werden, sich mit ihrer Freiheit zurechtzufinden, daß aus den armseligen Empörern niemals Riesen zur Vollendung des Turmes hervorgehen werden, daß nicht für solche Gänse der große Idealist von seiner Harmonie geträumt hat. Da er aber alles das begriffen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den ... klugen Leuten an. Glaubst du wirklich, daß das niemals hat geschehen können?“
„Wem schloß er sich an, welchen klugen Leuten?“ griff Aljoscha sofort heftig, fast zornig das Wort auf. „Kein einziger von ihnen besitzt da so eine besondere Klugheit und überhaupt nichts von heiligen Geheimnissen ... Es sei denn höchstens ihre Gottlosigkeit, die wäre noch allenfalls ihr ganzes Geheimnis. Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis!“
„Nun ja! Endlich hast du es erraten. Es ist allerdings so; sein ganzes Geheimnis liegt tatsächlich nur darin. Aber ist denn das keine Qual, sagen wir, für einen Menschen wie er, der sein ganzes Leben daran gesetzt hatte, durch die Wüste ein Auserwählter zu werden, und der sich von seiner Liebe zur Menschheit doch nicht heilen konnte? An seinem Lebensabend überzeugt er sich, daß nur die Ratschläge des großen furchtbaren Geistes das Leben der kraftarmen Empörer, dieser unvollkommenen, zum Spott geschaffenen Probewesen wenigstens einigermaßen erträglich machen könnten. Und siehe, nachdem er sich davon überzeugt hat, sieht er ein, daß man nach der Weisung dieses klugen Geistes, des furchtbaren Geistes der Zerstörung und des Todes vorgehen muß – daß man Lüge und Betrug annehmen und die Menschen bereits wissentlich in Tod und Verderben treiben muß, wobei es aber heißt, sie auf dem ganzen Wege betrügen, damit diese armseligen Blinden nicht merken, wohin sie geführt werden, und sich wenigstens auf dem Wege für glücklich halten. Und vergiß nicht, daß der Betrug im Namen desjenigen geschieht, an dessen Idealgestalt der Greis sein Leben lang so leidenschaftlich geglaubt hat! Meinst du, daß das kein Unglück sei? Und wenn es auch nur einen einzigen solchen gäbe, an der Spitze dieses ganzen Heeres, ‚das nur um des Besitzes schmutziger Güter willen nach Macht verlangt‘, – genügte dann wirklich nicht ein einziger solcher zur ... Tragödie? Oh, ich sage dir, es genügte, daß ein einziger solcher an der Spitze stände, auf daß die Idee, die Rom mit allen seinen Herren und Jesuiten solange leitet, die höhere Idee Roms, endlich zum Ausdruck käme. Ich sage dir ganz offen: Ich bin fest überzeugt, daß das der einzige Mensch wäre, der unter denen, die an der Spitze der Bewegung stehen, nie ermüden würde. Wer weiß, vielleicht hat es unter den römischen Kirchenoberhäuptern auch solche gegeben. Und wer weiß, vielleicht lebt dieser verfluchte Greis, der so starrsinnig und eigenartig die Menschheit liebt, auch jetzt in einer ganzen Schar vieler ebensolcher einzelner Greise – lebt durchaus nicht zufällig, sondern aus Übereinstimmung, in einem geheimen Bunde, der schon vor langer Zeit zur Wahrung des Geheimnisses, zu seiner Beschützung vor den unglücklichen und kraftarmen Menschen zu dem Zweck gegründet ist, diese Menschen glücklich zu machen. Das gibt es unbedingt. Es muß so sein. Wenn ich mich nicht täusche, haben auch die Freimaurer etwas von der Art dieses Geheimnisses in ihrer Grundidee, und ich glaube sogar, daß sie nur deswegen von den Katholiken so gehaßt werden, weil diese in ihnen Konkurrenten sehen: die Teilung der Einheit ihrer katholischen Idee wittern – während es doch eine einzige Herde unter einem einzigen Hirten werden soll ... Übrigens habe ich, wenn ich meinen Gedanken verteidige, den Anschein eines Autors, der deine Kritik nicht ertragen kann. Genug davon.“
„Du bist wahrscheinlich selbst Freimaurer!“ stieß plötzlich Aljoscha hervor. „Du glaubst nicht an Gott,“ fügte er darauf traurig und bedrückt hinzu. Zugleich schien ihm, daß der Bruder ihn etwas spöttisch betrachtete.
„Aber womit endigt denn deine Tragödie?“ fragte er, den Blick zu Boden gesenkt. „Oder ist sie schon aus?“
„Den Schluß hatte ich mir eigentlich so gedacht: Nachdem der Inquisitor verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang auf das, was der Gefangene ihm antworten wird. Sein Schweigen lastet schwer auf ihm. Er hatte gesehen, wie der Gefangene ihn anhörte, und wie tief und still Er ihm in die Augen blickte, offenbar ohne etwas entgegnen zu wollen. Der Greis aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres, Furchtbares. Doch siehe, Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt ihn leise auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine ganze Antwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und siehe, da zuckt etwas an den Mundwinkeln des großen, greisen Inquisitors: er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und sagt zu Ihm: ‚Geh und komme nie wieder ... komme überhaupt nicht mehr ... niemals, niemals!‘ Und er läßt Ihn hinaus auf die ‚dunklen, schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“
„Und der Alte?“
„Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren Idee.“
„Und auch du mit ihm, auch du?“
Iwan lachte auf.
„Aber das ist doch Unsinn, Aljoscha, das ist doch nur das sinnlose Poem eines einfältigen Studenten, der nie in seinem Leben auch nur zwei Verse hat schreiben können. Warum bist du denn so traurig? Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich etwa gleich zu ihnen fahren will, zu den Jesuiten, um mich der Schar anzuschließen, die Sein Werk verbessert? O Gott! – was geht das mich an? Ich habe dir doch gesagt: Nur bis zum dreißigsten Jahre, und dann – den Becher fortgeschleudert!“
„Und die krausen, klebrigen Frühlingsblätter, und die teuren Gräber, und der hohe, blaue Himmel, und die Geliebte? Wie willst du denn leben, womit wirst du sie denn lieben?“ fragte Aljoscha traurig. „Ist denn das möglich, mit solch einer Hölle in der Brust und in den Gedanken, – ist denn das möglich? Nein, du fährst gerade hin, um dich ihnen anzuschließen ... wenn aber nicht, so wirst du dich selbst töten, denn du wirst es nicht länger aushalten!“
„Es gibt eine Kraft, die alles aushält!“ sagte Iwan halblaut mit kaltem Lächeln.
„Was ist das für eine Kraft?“
„Die Karamasoffsche ... die Kraft der Karamasoffschen Gemeinheit.“
„Heißt das – in Ausschweifung untergehen, die Seele in Sittenverderbnis erwürgen, ja? heißt es das?“
„Meinetwegen auch das ... aber nur bis zum dreißigsten Jahre werde ich es ... vielleicht noch ... vermeiden, dann aber ...“
„Wie das vermeiden? Auf welche Weise vermeiden? Wodurch willst du dem entgehen? Mit deinen Anschauungen ist das unmöglich.“
„Wiederum auf Karamasoffsche Weise.“
„Ah! – ‚alles ist erlaubt‘? Nicht? Das ist’s doch – alles ist erlaubt?“
Iwans Gesicht verfinsterte sich, und er wurde plötzlich seltsam bleich.
„Du hast es also richtig nicht vergessen – das gestern gefallene Wort, das Miussoff so kränkte ... und das Dmitrij so naiv und auffallend wiederholte?“ fragte er mit einem verzogenen Lächeln. „Ja, meinetwegen: ‚alles ist erlaubt‘ – wenn das Wort einmal gesagt ist. Ich nehme es nicht zurück. Mitjäs Redaktion war übrigens gar nicht so übel.“
Aljoscha blickte ihn schweigend an.
„Aljoscha, ich glaubte, wenn ich fortfahre, auf der ganzen Welt wenigstens dich zu haben,“ sagte Iwan plötzlich mit ganz unerwartetem, tiefem Gefühl, „aber jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein Platz für mich ist, mein lieber Mönch du! Von der Formel: ‚alles ist erlaubt‘ sage ich mich nicht los, nun, und deswegen sagst du dich von mir los, ist es nicht so, ja?“
Aljoscha stand auf, trat zu ihm und küßte ihn stumm und leise auf den Mund.
„Das ist literarischer Diebstahl!“ rief nach dem Kuß Iwan, der plötzlich ganz begeistert zu sein schien. „Das hast du aus meinem Poem gestohlen! Aber ... habe Dank. – Komm, gehen wir, Aljoscha, es ist Zeit für mich wie für dich.“
Sie gingen hinaus, doch unten an der Treppe blieben sie stehen.
„Hör, Aljoscha,“ sagte Iwan mit fester Stimme, „ich werde die klebrigen Frühlingsblätter nur in der Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir, daß du hier irgendwo bist, und daß ich das Leben noch leben will. Genügt dir das? Wenn du willst, kannst du das für eine Liebeserklärung nehmen. Jetzt aber – geh du nach rechts und ich nach links. Es ist genug geredet, hörst du? Das heißt, ich meine, falls ich morgen nicht abreisen sollte – ich werde aber wahrscheinlich bestimmt fahren – und wir uns noch irgendwie treffen sollten, so bitte ich, mit mir über alle diese Themata kein Wort mehr zu reden. Ich bitte dich ausdrücklich darum. Und auch über Dmitrij, darum bitte ich dich besonders, rede kein Wort mehr, sprich mir nie mehr von ihm,“ fügte er plötzlich gereizt hinzu. „Ich denke, wir haben uns darüber nichts mehr zu sagen, nicht wahr? Und jetzt werde ich dir auch meinerseits ein Versprechen dafür geben: Wenn ich um das dreißigste Jahr herum den ‚Becher fortschleudern‘ will, so werde ich kommen und dich, wo du auch sein solltest, doch noch einmal aufsuchen, um noch einmal mit dir zu reden ... und wär’s auch aus Amerika, das wisse. Ich werde mit bestimmter Absicht kommen. Es wird auch sehr unterhaltsam sein, dich dann wiederzusehen, wie du sein wirst. Das Versprechen ist doch genügend feierlich? Wir nehmen vielleicht wirklich auf sieben oder auf zehn Jahre Abschied voneinander. Nun, geh jetzt zu deinem Pater Seraphicus, er liegt ja im Sterben. Stirbt er in deiner Abwesenheit, so wirst du dich womöglich noch über mich ärgern, daß ich dich solange aufgehalten habe. Also auf Wiedersehen. Weißt du, küsse mich noch einmal. So. Und nun geh ...“
Iwan wandte sich brüsk um und ging seinen Weg, ohne sich noch nach dem Bruder umzukehren.
„So ging auch Dmitrij gestern abend von mir fort,“ dachte Aljoscha, „nur geschah es doch in einer ganz anderen Weise ...“ Diese sonderbare kleine Beobachtung schoß wie ein Pfeil durch Aljoschas traurigen Sinn und verlor sich in einem sorgenvollen, die Gedanken lähmenden Gefühl. Er wartete noch ein wenig und blickte dem Bruder nach. Da fiel ihm plötzlich auf, daß sein Bruder Iwan gleichsam schaukelnd, schwankend ging, und daß seine rechte Schulter, von hinten gesehen, scheinbar niedriger als die linke war. Das hatte Aljoscha sonst nie bemerkt. Doch plötzlich drehte auch er sich um und eilte fast laufend zum Kloster. Es dämmerte bereits stark, und Aljoscha fühlte, wie sich mit der wachsenden Dunkelheit Angst in seinem Herzen erhob. Es war etwas Neues in ihm, das wuchs und wuchs, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Es hatte sich wieder ein Wind erhoben, und in den Kronen der uralten Kiefern rauschte es schaurig, als er durch den Wald zur Einsiedelei schritt.
„‚Pater Seraphicus‘ – diesen Namen hat er von irgendwo hergenommen, woher aber?“ dachte Aljoscha flüchtig. „Iwan, armer Iwan! Und wann werde ich dich jetzt wiedersehen? ... Da ist die Einsiedelei, Herrgott! Ja, ja, er, Pater Seraphicus wird mich retten ... vor ihm! ... wird mich auf ewig erlösen!“
In seinem späteren Leben erinnerte er sich noch oft dieses Abends, und jedesmal fragte er sich verwundert, wie er nach seiner Trennung von Iwan so vollständig Dmitrij hatte vergessen können, obgleich er ihn doch am Vormittag, nur wenige Stunden vorher, unbedingt aufzusuchen beschlossen hatte, selbst wenn er dann nicht mehr zur Nacht ins Kloster zurückgekommen wäre.
VI. Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch
Iwan Fedorowitsch ging, als er sich von Aljoscha getrennt hatte, nach Hause zu Fedor Pawlowitsch. Aber sonderbar – ihn überfiel plötzlich eine qualvolle Seelenangst, die mit jedem Schritt, mit dem er sich dem Vaterhause näherte, wuchs und wuchs und immer unerträglicher wurde. Doch nicht die Seelenangst an sich war sonderbar, sondern das, daß Iwan Fedorowitsch sich auf keine Weise zu erklären vermochte, was die eigentliche Ursache derselben sein konnte. Es war auch früher nicht selten vorgekommen, daß ihn solche Stimmungen plötzlich überfallen hatten, und so wäre es weiter nicht auffallend gewesen, daß diese – ich möchte sagen – Schwermut in einem Augenblick wiederkam, als er gerade mit allem, was ihm hier teuer war, gebrochen hatte und als er sich anschickte, kurz zur Seite abzubiegen und einen neuen, ihm ganz unbekannten Weg zu betreten und wieder allein ins Leben zu gehen – ein einsamer suchender Wanderer mit großen Hoffnungen, doch ohne zu wissen, auf was er hoffte, der viel, gar zu viel vom Leben erwartete, doch der selbst nicht bestimmen konnte, worin seine großen Hoffnungen und seine zehrenden Wünsche bestanden. Und doch quälte ihn in diesem Augenblick, obwohl die Angst des Neuen und Unbewußten auf seiner Seele lag, etwas ganz anderes. „Oder sollte es nicht wieder der Ekel vor dem Vaterhause sein?“ dachte Iwan! „Das wäre möglich, das könnte es sein. Wenn ich auch heute zum letztenmal über diese verhaßte Schwelle trete, so ist es doch deswegen nicht weniger ... Aber nein, auch das ist es nicht. Oder sollte es vielleicht der Abschied von Aljoscha sein, und das Gespräch mit ihm?“ Das konnte es allerdings sein, ein Gefühl wie: „So viele Jahre habe ich geschwiegen, mit keinem Menschen zu sprechen geruht, und nun plötzlich habe ich so viel dummes Zeug geschwatzt.“ Es konnte jugendlicher Unwille, jugendliche Unerfahrenheit und jugendlicher Ehrgeiz sein, Ärger darüber, daß er nicht verstanden hatte, sich auszudrücken, dazu in einem Augenblick, da Aljoscha ihm zuhörte, Aljoscha, auf den sein Herz zweifellos große Hoffnungen setzte. Gewiß war es teilweise auch das, was ihn bedrückte, dieses Gefühl mußte sogar unbedingt in ihm nagen, aber auch das war noch nicht alles, auch das nicht. „Eine Schwermut bis zur Übelkeit,“ sagte er sich, „bin aber unfähig, mir zu erklären, was ich will. Das einzige wäre – nicht mehr zu denken!“
Doch trotz des Versuches, „nicht zu denken“, verließ ihn die Angst nicht. Das Ärgerlichste an ihr war, daß sie ganz zufällig, völlig äußerlich zu sein schien. Das fühlte er qualvoll. Ein Wesen oder ein Gegenstand oder so etwas Unerklärliches stand irgendwo in seiner Nähe oder lebte hier irgendwo: wie zuweilen etwas vor dem Auge flimmert und man sich lange, sei es bei der Arbeit oder während eines hitzigen Gespräches, dessen nicht bewußt wird, obgleich es einen unbewußt die ganze Zeit ärgert, reizt und sogar quält, bis man sich schließlich besinnt und den Gegenstand beseitigt, zuweilen irgendein leeres, dummes Ding, ein Tuch, das auf dem Fußboden liegt, oder ein Buch, das nicht in den Schrank gestellt ist, oder etwas Ähnliches. So, in der schlechtesten und gereiztesten Stimmung näherte sich Iwan Fedorowitsch dem Vaterhause, als er plötzlich, etwa fünfzehn Schritt von der Hofpforte, aufblickend, erriet, was ihn so gequält und erregt hatte.
Auf der Bank am Hoftor saß, um sich an der kühlen Abendluft zu erfrischen, der Diener Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch begriff in derselben Sekunde, als er ihn erblickte, daß dieser Diener Ssmerdjäkoff in seiner Seele gesessen hatte, und daß gerade diesen Menschen seine Seele nicht ertragen konnte. Schon vorhin, bei der Erzählung Aljoschas von seiner Begegnung mit Ssmerdjäkoff im Nachbargarten, hatte etwas Finsteres und Widerwärtiges sich ihm ins Herz gebohrt und sofort seine Wut entfacht. Während des folgenden Gespräches hatte er dann Ssmerdjäkoff auf eine Weile vergessen. Trotzdem war der Gedanke an diesen Diener in seiner Seele geblieben, und kaum hatte er sich von Aljoscha getrennt und den Weg zum Vaterhause eingeschlagen, da war auch die vergessene Empfindung wieder über ihn gekommen. „Kann mich denn dieser elende Kerl wirklich dermaßen beunruhigen!“ dachte er und heiß überströmte ihm die Wut.
Doch diese Wut hatte noch einen besonderen Grund. Ihm war dieser Mensch in der letzten Zeit tatsächlich verhaßt geworden, besonders in den letzten Tagen. Es war ihm sogar aufgefallen, wie sich sein Haß auf diesen Diener immer noch vergrößert hatte. Vielleicht vergrößerte sich dieser Haß gerade deswegen so überwältigend, weil er zu Anfang sich ganz anders zu ihm verhalten hatte. Damals, d. h. kurz nachdem er bei uns angekommen war, hatte Iwan Fedorowitsch sich plötzlich ganz besonders für diesen Ssmerdjäkoff interessiert und ihn sogar sehr originell gefunden. Er hatte ihn selbst daran gewöhnt, mit ihm zuweilen ein Gespräch anzuknüpfen, sich aber stets über seine gewisse Einfalt, oder vielleicht nicht so sehr Einfalt als innere Unruhe gewundert, ohne dabei zu begreifen, was „diesen Weltbeschauer“ so unaufhörlich und unablässig beunruhigen konnte. Sie sprachen über Philosophisches, sprachen über alles Mögliche – unter anderem auch darüber, wie es am ersten Tage hatte Tag sein können, da die Sonne, der Mond und die Sterne doch erst am vierten Tage geschaffen worden waren, kurz, wie man das alles zu verstehen hätte. Aber Iwan Fedorowitsch überzeugte sich gar bald, daß es Ssmerdjäkoff dabei gar nicht um Sonne, Mond und Sterne zu tun war, daß Sonne, Mond und Sterne, wenn sie auch einen relativ interessanten Gesprächsstoff abgaben, für Ssmerdjäkoff vielmehr nebensächliche Dinge waren, und daß er mit diesen Gesprächen etwas ganz anderes bezwecken wollte. Wie dem aber nun auch sein mochte, jedenfalls begann sich allmählich bei jeder Gelegenheit eine grenzenlose Eigenliebe in Ssmerdjäkoffs Worten zu äußern. Obendrein war dies eine Eigenliebe, die sich gekränkt und erniedrigt glaubte. Das mißfiel Iwan Fedorowitsch sehr. Und damit hatte dann sein Haß angefangen. Späterhin waren die Familienszenen dazwischen gekommen, die ganze Geschichte mit Gruschenka und die Zänkereien zwischen Dmitrij und dem Vater. Sie hatten auch darüber gesprochen, doch obwohl Ssmerdjäkoff über diese Angelegenheiten stets sehr erregt sprach, war es doch unmöglich, festzustellen, was er dabei eigentlich selbst wünschte oder zu wem er hielt. Ja, über die Unlogik und den Widerspruch mancher seiner Wünsche, die er zuweilen ganz wie aus Versehen aussprach, und die alle gleich unklar waren, mußte man sich geradezu wundern. Ssmerdjäkoff stellte seine Fragen immer halbwegs und indirekt, dachte sie sich augenscheinlich schon früher aus, wozu er das aber tat, – das erklärte er nicht. Gewöhnlich verstummte er mitten in seinem interessiertesten Gespräch, oder er ging plötzlich auf ein ganz anderes Thema über. Doch vor allem anderen, was Iwan Fedorowitsch ärgerte und in ihm schließlich einen so großen Widerwillen hervorrief, war es eine gewisse widerliche und besondere Familiarität, die sich der Diener ihm gegenüber, je länger desto unverschämter, herausnahm. Oh, versteht sich, nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein! Im Gegenteil, er war immer ungewöhnlich ehrerbietig, aber es hatte sich mit der Zeit so gemacht, daß Ssmerdjäkoff, Gott weiß warum, sich für solidarisch mit Iwan Fedorowitsch zu halten begann, in einem Tone redete, als ob zwischen ihnen beiden etwas Verabredetes wäre, etwas Geheimes, das irgend einmal von beiden angedeutet, wenn auch nicht ausgesprochen worden wäre, das aber nur ihnen allein bekannt war, von den anderen um sie herumkriechenden Sterblichen dagegen überhaupt nicht begriffen werden konnte. Doch wurde sich Iwan Fedorowitsch noch lange nicht klar über den wahren Grund seines wachsenden Widerwillens, und erst in der letzten Zeit erriet er endlich, um was es sich dabei handelte.
Mit einer ekelhaften Empfindung wollte er jetzt stumm und ohne Ssmerdjäkoff anzublicken an ihm vorüber durch die Fußpforte eintreten, als sich Ssmerdjäkoff plötzlich langsam von der Bank erhob, – und schon allein an dieser Bewegung erriet Iwan Fedorowitsch sofort, daß jener ein besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan blickte ihn an und blieb stehen, und eben das, daß er so plötzlich stehen geblieben und nicht vorübergegangen war, wie er noch vor einer Sekunde beabsichtigt hatte, machte ihn erzittern vor Wut. Zornig und angeekelt blickte er in Ssmerdjäkoffs blutarmes Gesicht, das der Physiognomie eines verschnittenen Sektierers nicht unähnlich war, trotz der kunstvoll mit dem Kamm bearbeiteten Haare und des kleinen aufgedrehten Lockenbüschels. Sein linkes, etwas zugekniffenes kleines Auge zwinkerte und lächelte, ganz als ob es sagen wollte: „Warum willst du vorübergehn? Du wirst ja doch nicht vorübergehn, du siehst doch selbst ein, daß wir beide, wir zwei Klugen, etwas zu besprechen haben.“ Iwan Fedorowitsch erzitterte.
„Fort, Hund, was habe ich mit dir zu schaffen, Rüpel!“ schwebte es Iwan auf den Lippen, doch zu seiner größten Verwunderung sprach er etwas ganz anderes aus: