Sämtliche Werke 9-10

Part 34

Chapter 343,440 wordsPublic domain

„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise.

„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein können?“

„Nein, das kann ich nicht glauben ... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben, allen und _für alles_, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“

„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen ... Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst –: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir vielleicht erzählen.“

„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“

„O nein, ist mir nicht eingefallen,“ antwortete Iwan lachend. „Ich habe in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht, und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“

„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha.

„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber ich will es dir nun einmal erzählen.“

V. „Der Großinquisitor“

„Natürlich geht es auch hier nicht ohne Vorrede ab, ich meine, ohne ein literarisches Vorwort, – hol’s der Kuckuck!“ begann Iwan lachend, „und schließlich, was bin ich denn für ein Dichter! ... Also – die Handlung spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert, damals aber – dir muß das übrigens schon aus der Schule bekannt sein –, damals war es allgemein gebräuchlich, die himmlischen Mächte in poetischen Darstellungen auf die Erde zu bringen. Von Dante will ich nicht weiter reden. In Frankreich waren es die Schreiber der Gerichtshöfe, die Passionsbrüderschaften und in den Klöstern die Mönche, die ganze Vorstellungen gaben, in denen auf der Szene die Madonna, Engel, Heilige, Christus und selbst Gott dargestellt wurden. Damals war das alles naiv gemeint. In Victor Hugos _Notre Dame de Paris_ wird unter Ludwig XI., zur Feier der Geburt des Dauphins, in Paris, im Saale des Hotel de Ville, unentgeltlich dem Volke eine erbauliche Vorstellung gegeben, unter dem Titel: ‚_Le bon jugement de la très sainte et gracieuse Vierge Marie_‘, in der sie persönlich erscheint und ihr _bon jugement_ verkündet. Auch bei uns in Moskau wurden früher, vor Peter, eben solche dramatische Aufführungen veranstaltet, vornehmlich nach Stoffen aus dem Alten Testament. Und so gab es denn auch damals, als diese dramatischen Aufführungen so beliebt waren, überall solche Geschichten, sogenannte ‚Poeme‘ und ‚Gedichte‘, in denen je nach Bedarf Heilige, Engel und womöglich alle himmlischen Mächte mitwirkten. In unseren Klöstern wurden diese Werke vielfach übersetzt und abgeschrieben, oder man verfaßte ganz neue – und weißt du auch, wann bereits? Zur Zeit des Tatarenjochs![17] Es gibt zum Beispiel ein Klosterpoem – natürlich aus dem Griechischen: ‚Der Gang der Mutter Gottes durch die Hölle‘, von einer Kühnheit der Phantasie, die der danteschen wirklich nicht nachsteht. Die Mutter Gottes steigt hinab in die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie ‚durch die Qualen‘. Sie sieht jeden Sünder in seiner Pein. Unter anderem gibt es dort auch eine äußerst bemerkenswerte Kategorie von Sündern in einem brennenden See: diejenigen, welche in diesem See bereits so weit versunken sind, daß sie nicht mehr herausschwimmen können, von denen heißt es, daß ‚Gott sie bereits vergäße‘ – es ist ein Ausdruck von ungewöhnlicher Tiefe und Kraft. Und siehe, die erschütterte Mutter Gottes fällt weinend vor dem Throne des Höchsten nieder und bittet ihn um Vergebung für alle, die sie dort in der Hölle gesehen hat, für alle ohne Ausnahme. Ihr Gespräch mit Gott ist ungemein interessant. Sie fleht; sie hört nicht auf zu flehen; und wie Gott auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes weist und sie fragt: ‚Wie soll ich seinen Peinigern vergeben?‘ – da befiehlt sie allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln mit ihr zusammen niederzuknien und um die Begnadigung aller ohne Ausnahme zu flehen. Es endet damit, daß sie von Gott die Einstellung der Qualen in jedem Jahr vom Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erbittet, und da ertönt aus der Hölle der Dank und der Lobgesang der Sünder, die laut zu ihm rufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, da du also gerichtet hast.‘ Von der Art wäre nun auch mein Poem gewesen, wenn ich es in jener Zeit verfaßt hätte. Bei mir erscheint auf der Szene Er. Allerdings spricht Er kein Wort, Er erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind seit Seinem ersten Erscheinen vergangen, seit der Zeit, da Er den Menschen versprach, wiederzukommen und sein Reich auf Erden zu errichten, fünfzehn Jahrhunderte seit der Zeit, da Er, wie sein Jünger uns berichtet, zu uns sagte, als Er noch unter ihnen wandelte: ‚Wahrlich, ich komme bald. Von jenem Tage aber und der Stunde weiß nicht einmal der Sohn, nur mein himmlischer Vater weiß es.‘ Doch die Menschheit erwartet Ihn in demselben Glauben und mit derselben Sehnsucht wie früher. Was sage ich! – in noch größerem Glauben erwartet sie Ihn, denn fünfzehn Jahrhunderte sind schon seit der Zeit vergangen, da der Himmel dem Menschen ein Unterpfand gab ...

‚Was das Herz dir saget, daran glaube: Der Himmel gibt kein Unterpfand den Menschen.‘

Es ist wahr, es gab damals viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare Heilungen vollbrachten, und zu manchen frommen Einsiedlern stieg die Himmelskönigin herab, wie wir aus vielen Lebensgeschichten wissen. Doch auch der Teufel schlief nicht: und siehe, in der Menschheit erhoben sich Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Und da verbreitete sich im Norden, in Deutschland, eine furchtbare neue Ketzerei. Ein großer Stern, ‚ähnlich einer Leuchte – das heißt also, der Kirche – fiel in die Quellen der Wasser, und siehe, das Wasser ward bitter‘. Die Sekten begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Aber um so glühender glauben die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschen steigen nach wie vor zu Ihm empor, man erwartet Ihn, man liebt Ihn, man hofft auf Ihn, wie früher ... Und siehe, so viele Jahrhunderte haben die Menschen in feurigem Glauben zu Ihm gebetet und Ihn angerufen: ‚Unser Herr und Gott, erscheine uns!‘ daß Er in Seinem unermeßlichen Mitleid zu den Flehenden herabsteigen will. War Er doch auch schon vordem herabgestiegen und zu gar manchen Gerechten, Märtyrern und heiligen Einsiedlern gegangen, wie wir es aus deren Lebensgeschichte wissen. Tjutscheff hat, vollkommen überzeugt, daß es so war, folgenden Vers geschrieben:

‚Unter der Last des dreiendigen Kreuzes, Inmitten der beiden verdammten Schächer, Ging Christ der König, wie ein Verbrecher, Der die Erde segnete.‘

Was natürlich auch so war, das sage ich dir von mir aus. Und siehe, Er will in seiner Barmherzigkeit wenigstens auf einen Augenblick zum Volke hinabsteigen, zu dem sich quälenden, dem leidenden, schmutzig-sündigen, doch kindlich Ihn liebenden Volke. Die Handlung spielt bei mir in Spanien, in Sevilla, zur Zeit der schrecklichsten Inquisition, als zum Ruhme Gottes täglich Scheiterhaufen auf zum Himmel flammten, und endlos, bei flackerndem Fackelschein,

‚In mächtigen, grausigen Zügen Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘

Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird: plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden, Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor, auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer _ad majorem gloriam Dei_ verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe, – sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an: ‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind. Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚__Talitha kumi__‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge, setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und – siehe da, da geht ... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht, und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe, atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von Lorbeer- und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn:

„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht, zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das? Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.“

„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein unmögliches _qui pro quo_?“

„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also _qui pro quo_, mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie? Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es _qui pro quo_ oder uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“

„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein Wort?“

„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat. Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘ fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen, und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte: „Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem Lächeln hinzu ... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen. Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch Du wolltest, war es diese Freiheit? ...‘“

„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“

„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen, dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören?‘“

„Was bedeutet das: ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen‘?“ fragte Aljoscha.

„Dieser Punkt ist der wichtigste, über den mußt Du den Alten sich aussprechen lassen,“ sagte Iwan. „Und der Alte fuhr fort zu Ihm:

„‚Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins, der große Geist sprach zu Dir in der Wüste. Und wie die Schriften uns überliefern, hat er Dich _versucht_. War das so? Und wäre es möglich, etwas Wahreres zu sagen als das, was er Dir in seinen drei Fragen vorlegte, und was Du verwarfst, und was in den Schriften „Versuchungen“ genannt wird? Doch ich sage Dir, wenn jemals auf Erden ein wirkliches, ein nie wieder dagewesenes, wahrlich gewittermäßiges Wunder sich begeben hat, so war es dasjenige an jenem Tage, am Tage dieser drei Versuchungen! Gerade in der Erscheinung dieser drei Fragen bestand das Wunder. Wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, nur zur Probe und zum Beispiel, daß diese drei Fragen des furchtbaren Geistes aus den Büchern spurlos verschwänden, und daß man sie also von neuem erdenken und formen müßte, um sie wieder in die Schriften einzutragen, und zu dem Zweck alle Weisen der Erde, Herrscher, Priester, Gelehrte, Philosophen, Dichter versammelte und zu ihnen sagte: Löst die Aufgabe, erdenkt und formt drei Fragen, doch solche, die nicht nur der Größe dieses Ereignisses gleichkommen, sondern die noch außerdem in drei Worten, nur in drei menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Welt und der Menschheit ausdrücken – was meinst Du wohl, könnte die ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint etwas ersinnen, das an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen, die Dir der mächtige und kluge Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt hat, auch nur annähernd ähnlich wäre? Schon allein an diesen Fragen, an dem Wunder ihrer sichtbaren Gestaltung, begreift der Mensch, daß er es nicht mit einem menschlichen fließenden Verstande zu tun hat, sondern mit einem ewigen und absoluten Geist. Denn wahrlich, in diesen drei Fragen ist die ganze weitere Menschengeschichte gleichsam in ein einziges Ganzes zusammengefaßt und vorhergesagt, und sind kundgetan drei Dinge, in denen alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur zusammentreffen. Damals konnte man das noch nicht wissen, denn das Zukünftige war unbekannt. Jetzt aber, da anderthalb Jahrtausende vergangen sind, sehen wir, daß in diesen drei Fragen alles dermaßen richtig erraten und vorausgesagt ist, daß sich nichts weder zu ihnen hinzufügen noch von ihnen abstreichen läßt.‘