Sämtliche Werke 9-10

Part 32

Chapter 322,409 wordsPublic domain

„Scherze? Das fragst du, weil man gestern beim Staretz sagte, daß ich scherze. Sieh, mein Liebling, im siebzehnten Jahrhundert lebte ein großer Sünder, und der hat von Gott gesagt: _S’il n’existait pas, il faudrait l’inventer._ Und tatsächlich hat sich der Mensch Gott ausgedacht. Doch nicht das ist sonderbar, nicht das wäre wunderbar, daß Gott tatsächlich existiert, wohl aber ist wunderbar, daß solch ein Gedanke – der Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes – in den Kopf eines so wilden und bösartigen Tieres, wie es der Mensch ist, hat kommen können: dermaßen heilig, dermaßen rührend, dermaßen weise ist er, und dermaßen große Ehre macht er dem Menschen. Was nun mich dabei anbetrifft, so habe ich schon vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen geschaffen hat. Auch werde ich, versteht sich, nicht etwa anfangen, alle zeitgenössischen Axiome der russischen Knaben durchzunehmen – Axiome, die alle ohne Ausnahme aus europäischen Hypothesen entstanden sind; denn was dort Hypothese ist, das ist bei unseren russischen Knaben sofort Axiom, und nicht nur bei den Knaben, sondern auch bei deren Professoren, denn auch die russischen Professoren sind jetzt sehr häufig selbst nichts anderes als solche kleinen russischen Knaben. Darum übergehe ich alle Hypothesen. Worin besteht aber nun unsere Aufgabe? Nun, versteht sich, darin, daß ich dir so schnell wie möglich mein ganzes Wesen erkläre, das heißt, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf ich hoffe! Nicht wahr, das ist es doch? Nun, und darum erkläre ich denn auch, daß ich Gott einfach und einwandlos akzeptiere. Einstweilen aber gilt es noch eines zu vermerken: Wenn Gott ist, und wenn er tatsächlich die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, nach der Geometrie des Euklid geschaffen, den menschlichen Verstand nur mit dem Vermögen begabt, bloß die drei Ausdehnungen des Raumes zu begreifen. Währenddessen aber hat es Mathematiker und Philosophen gegeben, und es gibt ihrer auch heutzutage noch welche, und es sind das sogar die Besten, die leider bezweifeln, daß das Weltall – oder sagen wir noch größer, – daß alles Sein nur nach Euklids Geometrie erschaffen sei, ja, sie erdreisten sich sogar, zu denken, daß zwei parallele Linien, die doch nach Euklid nie und nimmer und unter keiner Bedingung auf Erden zusammenlaufen können, vielleicht doch irgendwo in der Unendlichkeit zusammenlaufen. Weißt du, Liebling, ich sage mir nun, wenn ich selbst das nicht begreifen kann, wie soll ich dann noch etwas von Gott begreifen können, das ist doch dann viel zu hoch für mich. Bescheiden bekenne ich, daß ich nicht die geringsten Fähigkeiten zur Lösung solcher Probleme besitze; ich habe nur einen euklidischen, einen irdischen Verstand, und wie soll man daher über etwas urteilen, was nicht von dieser Welt ist? Und auch dir, mein Freund, rate ich, nie darüber nachzudenken, vor allem nicht über Gott: Ob es ihn gibt oder nicht gibt? Das sind Fragen, an die unser Verstand überhaupt nicht heranreicht, da sein Begriffsvermögen nur für das Erfassen der drei Ausdehnungen geschaffen ist. Und so akzeptiere ich denn gern nicht nur Gott allein, sondern ich akzeptiere auch seine Allwissenheit und sein Ziel, – das uns vollkommen unbekannt ist – und glaube an das Gesetz und den Sinn des Lebens, glaube auch an die ewige Harmonie, in der wir, wie es heißt, alle aufgehen werden, glaube an das Wort, zu dem das Weltall strebt, und das selbst bei Gott war und selbst Gott ist, nun, und so weiter, und so weiter bis ins Unendliche. Hat man sich doch in der Beziehung wahrlich nicht wenig Worte ausgedacht. Aber es scheint ja, daß auch ich bereits auf einem guten Wege bin – nicht? Nun, so laß dir denn kurz gesagt sein, daß ich im Endresultate diese Gotteswelt – _nicht_ akzeptiere, und wenn ich auch weiß, daß sie existiert, so gebe ich doch nicht zu, daß sie existiert. Nicht Gott akzeptiere ich nicht, verstehe mich recht, sondern die von ihm geschaffene Welt akzeptiere ich nicht, und kann ich nicht akzeptieren. Ich werde mich deutlicher ausdrücken: Ich bin meinetwegen überzeugt, daß das Leid vernarben und sich glätten wird, daß die ganze beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein armseliges Trugbild verschwinden wird, wie eine garstige Erfindung eines schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes, und daß schließlich im Weltfinale, im Moment der ewigen Harmonie etwas dermaßen Kostbares geschehen und erscheinen wird, daß es für alle Herzen ausreicht, zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller von Menschen begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, daß es ausreichen wird zur Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch der Rechtfertigung alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist, – schön, schön, mag das alles erscheinen und sein, ich aber akzeptiere das nicht und will es auch nicht akzeptieren! Mögen sich sogar die Parallellinien treffen, und mag ich das auch selbst sehen, sehen und sagen, daß sie sich getroffen haben, so werde ich es doch trotzdem nicht annehmen. Sieh, das ist mein Wesen, Aljoscha, das ist meine These. Ich habe absichtlich unser Gespräch so begonnen, wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen können, aber ich habe es mit meiner Beichte geendet, denn nur sie allein wolltest du doch hören. Nicht von Gott wolltest du etwas erfahren, sondern hören wolltest du, wovon dein Bruder, den du doch liebhast, geistig lebt. Und so habe ich es dir denn gesagt.“

Iwan schloß seine lange Predigt plötzlich mit einem ganz unerwarteten und ganz eigentümlichen Gefühl.

„Warum hast du so begonnen, ‚wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen können‘?“ fragte Aljoscha, der, in Gedanken verloren, seinen Bruder betrachtete.

„Ja, so, erstens um des Russizismus’ willen: Die russischen Gespräche über diese Themata werden doch alle so geführt, wie es dümmer nicht gut denkbar wäre. Und zweitens, weil man um so näher zur Sache kommt, je dümmer man tut. Je dümmer, um so klarer. Dummheit ist kurz und gut und einfach, Klugheit aber macht Finten und versteckt sich. Klugheit, das heißt, der Verstand, ist ein Schuft. Die Dummheit dagegen ist offenherzig und ehrlich. So habe ich dir meine Verzweiflung gezeigt, und je dümmer die Darstellung war, um so vorteilhafter für mich.“

„Wirst du mir erklären, weswegen du die Welt ‚nicht akzeptierst‘?“ fragte Aljoscha.

„Versteht sich, es ist ja kein Geheimnis, und dahin führt doch unser Gespräch. Du, mein lieb Brüderlein, ich will dich doch nicht etwa verführen oder von deinem festen Stand wegrücken – ich wollte mich vielleicht nur selbst durch dich heilen ...“ Und Iwan lächelte so sonderbar, ganz wie ein kleiner, frommer Knabe. Niemals noch hatte Aljoscha an ihm solch ein Lächeln gesehen.

IV. „Empörung“

„Ich muß dir ein Geständnis machen,“ begann Iwan: „Ich habe nie begreifen können, wie man seine Nächsten lieben kann. Gerade die Nächsten kann man, meiner Meinung nach, unmöglich lieben; lieben kann man höchstens noch die Fernen. Ich habe einmal irgendwo von ‚Iwan dem Barmherzigen‘, einem Heiligen, gelesen, daß er, als einmal ein hungriger und durchfrorener Mann des Weges kam und ihn bat, sich bei ihm erwärmen zu dürfen – daß er sich da zusammen mit ihm auf das Lager gelegt habe, um ihn in der Umarmung zu erwärmen und ihm in seinen von einer scheußlichen Krankheit faulenden und übelriechenden Mund zu hauchen. Ich bin überzeugt, daß er es aus Selbstvergewaltigung getan hat, aus sich selbst vergewaltigender Lüge, aus pflichtschuldiger Liebe, aus sich selbst auferlegter Buße. Um einen Menschen lieben zu können, muß er sich verborgen halten, denn kaum zeigt er sein Gesicht – so ist die Liebe auch schon verschwunden.“

„Darüber hat Staretz Sossima mehr als einmal gesprochen,“ bemerkte Aljoscha, „auch er sagte, daß das Gesicht eines Menschen nicht selten diejenigen, welche im Lieben noch unerfahren sind, zu lieben hindere. Aber es gibt trotzdem viel Liebe in der Menschheit, und sogar fast Christi Liebe ähnliche. Das weiß ich, Iwan ...“

„Nun, ich aber weiß das vorläufig noch nicht und kann es daher auch nicht begreifen, und mit mir kann es eine unzählige Menge Menschen gleichfalls nicht begreifen. Die Frage besteht nur darin, ob das von den schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt? oder ob es nur einfach daher kommt, daß die Natur des Menschen so geschaffen ist? Meiner Meinung nach ist Christi Liebe zu den Menschen in ihrer Art ein auf Erden unmögliches Wunder. Nun, er war ein Gott. Wir aber sind keine Götter. Nehmen wir zum Beispiel an, ich kann tief leiden, aber ein anderer kann nie erfahren, bis zu welch einem Grade ich leide, denn er ist eben ein anderer und nicht ich, und außerdem läßt sich der Mensch nur selten herbei, einen anderen als Leidenden anzuerkennen – ganz als ob es sich dabei um einen Rang handelte. Warum nun tut er es nur nicht, was meinst du wohl? Nun, weil ich vielleicht schlecht rieche, weil ich ein dummes Gesicht habe, oder weil ich ihm einmal auf den Fuß getreten bin. Und zudem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied: Gewöhnliches Leiden, das mich erniedrigt, Hunger zum Beispiel, das wird mein Wohltäter noch gelten lassen, doch ein etwas höheres Leiden, zum Beispiel für eine Idee, wird er nur in äußerst seltenen Fällen zugestehen, denn er wird bei meinem Anblick wahrscheinlich sofort finden, daß mein Gesicht durchaus nicht demjenigen gleicht, welches er sich in der Phantasie von einem Menschen, der für diese oder jene Idee leidet, gemacht hat. Und so entzieht er mir denn unverzüglich alle seine Wohltaten, tut das aber nicht etwa, weil er ein böses Herz hat. Bettler, namentlich ‚edle‘ Bettler, sollten sich eigentlich nie zeigen und lieber durch die Zeitungen Almosen bitten. Abstrakt kann man noch den Nächsten lieben und zuweilen sogar aus der Ferne, in der Nähe aber fast nie. Wenn alles wie auf der Bühne sich abspielen würde, wie im Ballett, wo die Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen graziös tanzend um Almosen bitten, nun, dann kann man noch an ihnen Gefallen finden. An ihnen Gefallen finden, immerhin, aber nicht sie lieben. – Doch genug davon. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt erklären ... Ich wollte mit dir von den Leiden der ganzen Menschheit sprechen, doch es ist besser, wir begnügen uns mit den Leiden der Kinder allein. Das wird den Umfang meiner Beweisführung ungefähr um das Zehnfache verringern. Es ist schon besser, nur von den Kindern zu reden. Für mich ist das natürlich unvorteilhafter. Aber, erstens, Kinder kann man auch in der Nähe lieben, sogar schmutzige, sogar häßliche ... Übrigens finde ich, daß kleine Kinder nie häßlich sind. Und zweitens werde ich schon allein deswegen nicht über die Großen reden, weil es sich bei ihnen, abgesehen davon, daß sie abstoßend und der Liebe unwürdig sind, um Vergeltung handelt: Sie haben den Apfel gegessen und Gut und Böse erkannt und sind ‚wie Gott‘ geworden. Und auch jetzt noch fahren sie fort, ihn zu essen. Die Kleinen aber haben noch nichts gegessen und sind vorläufig noch ganz schuldlos. Liebst du kleine Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie liebst, und du wirst verstehen, warum ich jetzt nur von ihnen sprechen will. Wenn auch sie auf Erden unglaublich leiden, so geschieht das natürlich wegen ihrer Väter; sie werden für ihre Väter, die den Apfel vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, bestraft. Aber das ist doch eine Erklärung aus einer anderen Welt, denn hier auf Erden ist sie dem Menschenherzen unbegreiflich! Ein Unschuldiger kann doch nicht für einen Schuldigen leiden, und dazu noch solche Unschuldige! Wundere dich über mich, Aljoscha, auch ich liebe kleine Kinder unsäglich. Überhaupt kannst du dir merken, daß grausame, leidenschaftliche, sinnliche, kurz – karamasoffsche Naturen gerade Kinder mitunter ungeheuer lieben können. Kinder unterscheiden sich, solang sie Kinder sind, also ungefähr bis zum siebenten Jahr, ganz unglaublich von erwachsenen Menschen, ganz als ob sie andere Wesen wären, eine ganz andere Natur hätten. Ich kannte einen Mörder im Gefängnis: Er hatte in seinem Leben ganze Familien in den Häusern geschlachtet, in die er nachts eingebrochen war, um zu stehlen, und da hatte er natürlich auch Kinder nicht verschont. Als er aber im Gefängnis saß, liebte er sie dermaßen, daß diese Liebe allen geradezu wunderlich schien. Immer stand er am Fenster seiner Zelle und blickte auf die kleinen Kinder, die im Gefängnishof spielten. Einen kleinen Knaben hatte er einmal an sein Fenster gelockt und schließlich hatten sich die beiden rührend angefreundet ... Weißt du noch nicht, wozu ich das alles sage, Aljoscha? Der Kopf tut mir weh, und ich bin, ich weiß nicht warum, traurig.“

„Du siehst auch so sonderbar aus und redest so wunderlich,“ bemerkte Aljoscha, „als ob du geistesabwesend wärst.“

„Bei der Gelegenheit fällt mir ein, was mir vor kurzem ein Bulgare in Moskau erzählte,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, als hätte er die Bemerkung des Bruders gar nicht gehört. „Er schilderte, wie die Türken und Tscherkessen dort allerorten hausen, da sie einen allgemeinen Aufstand der Slawen befürchten, – das heißt, wie sie brandschatzen, morden, Frauen und kleine Mädchen vergewaltigen, wie sie die Gefangenen mit den Ohren an die Zäune nageln, damit sie sie bis zum nächsten Morgen, an dem sie gehängt werden sollen, nicht zu bewachen brauchen, und so weiter, – alles kann man kaum erzählen. Man spricht zuweilen von der ‚tierischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch ist das höchst ungerecht und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam sein wie der Mensch, so ausgesucht, so künstlerisch grausam. Ein Tiger zerreißt und frißt bloß, und das ist schließlich alles, was er versteht. Es würde ihm niemals einfallen, die Ohren seiner Opfer anzunageln und diese eine Nacht lang so angenagelt stehen zu lassen, oder sich eine gleich große Folter, die er mit seinen Mitteln ausführen könnte, zu ersinnen. Diese Türken haben übrigens mit besonderer Wollust Kinder gequält, haben sie mit Dolchen aus dem Mutterleibe herausgeschnitten, haben Säuglinge in Gegenwart der Mütter in die Luft geworfen und mit den Bajonetten aufgefangen. Daß es vor den Augen der Mütter geschah, war ja das Hauptvergnügen. Ein kleines Bild hat auf mich am meisten Eindruck gemacht. Stell dir vor: Ein Säugling auf den Armen seiner zitternden Mutter, um sie herum die eingedrungenen Türken. Sie haben sich ein lustiges Späßchen ausgedacht: Sie liebkosen das Kleine, lachen, um es zu erheitern, was ihnen auch gelingt: der Säugling lacht mit. Da hält ein Türke seine Pistole vor das Köpfchen des Kleinen. Der Knabe lacht fröhlich, streckt die Ärmchen dem blanken Ding entgegen, um es zu erfassen, und plötzlich drückt der Künstler den Hahn ab, ihm gerade ins Gesicht, und zerschmettert ihm das Köpfchen ... Raffiniert, nicht wahr? Übrigens sagt man, die Türken liebten Süßigkeiten sehr.“

„Bruder, was soll das, warum redest du davon?“ fragte Aljoscha.

„Ich meine, wenn der Teufel nicht existiert und ihn folglich der Mensch erdacht hat, so hat er ihn nach seinem Bilde geschaffen.“

„In dem Falle also ebensogut wie Gott.“