Sämtliche Werke 9-10

Part 22

Chapter 223,575 wordsPublic domain

Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig.

Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa, auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte, nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf – nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht hatte.

„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich, niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben. Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren.

Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe.

Mein Geheimnis ist jetzt in Ihren Händen; ich weiß nicht, wie ich Sie morgen, wenn Sie zu uns kommen, ansehen soll. Ach, Alexei Fedorowitsch, was dann, wenn ich mich wieder nicht beherrschen kann und wie ein albernes Geschöpf bei Ihrem Anblick abermals zu lachen anfange? Sie werden mich dann doch für eine schändliche Spötterin halten und meinem Brief gar keinen Glauben schenken, und darum flehe ich Sie an, Lieber, falls Sie nur etwas Mitleid mit mir haben: wenn Sie morgen eintreten, so sehen Sie mir nicht gar zu offen in die Augen, weil ich, wenn ich Sie sehe, vielleicht unbedingt plötzlich zu lachen anfangen werde. Zudem werden Sie noch immer in diesem langen Kittel stecken ... Sogar jetzt läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke; darum aber sehen Sie mich, wenn Sie hereinkommen, einige Zeit überhaupt nicht an; sehen Sie auf Mama oder zum Fenster hinaus ...

Da habe ich Ihnen jetzt einen Liebesbrief geschrieben; mein Gott, was habe ich getan! Aljoscha, verachten Sie mich nicht, und wenn es etwas sehr Schlechtes ist und ich Sie betrübt habe, so verzeihen Sie mir. Jetzt ist das Geheimnis meines vielleicht auf ewig verlorenen guten Rufes in Ihren Händen.

„Ich werde heute unbedingt weinen. Auf Wiedersehen! Bis zu diesem _schrecklichen_ Wiedersehen! Lise.

P. S. Aljoscha, nur kommen Sie unbedingt, unbedingt, unbedingt! Lise.“

Aljoscha las in großer Verwunderung, las zweimal, dachte dann nach, und plötzlich lachte er leise und herzlich auf. Doch schon fuhr er zusammen, selbst dieses Lachen schien ihm sündhaft. Aber nach einem Augenblick lachte er von neuem vor sich hin, ebenso still und ebenso glücklich. Langsam schob er den Brief wieder in das kleine, rosa Kuvert, bekreuzte sich dann und legte sich schlafen. Die Unruhe seiner Seele war vergangen. „Herrgott, erbarme dich ihrer aller, beschütze die Unglücklichen, die im Sturm kämpfen, und lenke Du sie. Die Wege sind in deiner Hand; wäge Du und lenke ihre Wege zum Besten, und errette sie. Du bist die Liebe, Du wirst allen auch Freude senden!“ flüsterte Aljoscha sich bekreuzend und sank in sanften Schlaf.

Viertes Buch. Ausbrüche

I. Pater Ferapont

Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend. „Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben – selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen, was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz auszuschütten ...

„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen; im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar – und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht, die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ... Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“

Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung. Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“ (schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen „seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“ – Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen; alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte, Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die Lippen lächelten stolz und überzeugt.

„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich gleichsam gegen seinen Willen.

„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“ wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“ niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich, obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten, obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima. Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm. Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung, die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten. Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde. Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen, kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen.

„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater Ferapont. „Erhebe dich!“

Das Mönchlein erhob sich gehorsam.

„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich hergeführt?“

Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte. Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große, leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf, daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen.

„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den Einsiedler an.

„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“

Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es begann etwas zu stottern ...

„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“