Sämtliche Werke 7-8

Part 7

Chapter 73,748 wordsPublic domain

Die andere war -- Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig. (Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging. Dann aber war es zu spät, -- ich schämte mich, noch »nachträglich« aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein: sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch, während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern unbemerkt zu:

»Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später erzählen ...«

Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen, rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen. Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch -- mit Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht auszeichnen -- ich meine Intelligenz im höheren Sinne --; denn Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter -- höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe, so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.)

Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der braucht sie ja nicht zu lesen.

Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß, schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen, dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht angeekelt hat, -- freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar: fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja alle auf ihn »hofften«, von vornherein das größte Interesse, weshalb denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht wurden, -- um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas stickten.

Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr Lächeln -- nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine ungewöhnlich angenehme Empfindung.

»Und das ... dies ist -- mein junger und lieber Freund Arkadi Andrejewitsch Dol...« begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte, während ich immer noch saß, -- und plötzlich stockte er mitten im Satz: vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte -- im Grunde doch den Bruder der Schwester. Das »Kissen« grüßte daraufhin gleichfalls, ich aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, -- es war eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus Eigenliebe.

»Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern Arkadi Makarowitsch,« versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol' der Teufel diesen peinlichen Zwischenfall!

»_Mais ... Tiens!_«{[19]} Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich mit dem Finger vor die Stirn.

»Wo haben Sie die Schule besucht?« ertönte da in meiner Nähe eine kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das »Kissen« war näher zu mir getreten.

»In Moskau, im Gymnasium.«

»Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?«

»Sehr gut.«

Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren muß.

Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich, aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu, das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich: Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden, so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher gesagt und mich auch nicht getäuscht.

»Wie, schon heute?« rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus.

»Haben Sie es denn nicht gewußt?« fragte die Werssilowa verwundert. »Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten, sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus. Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen ... Aber da ist sie ja schon!«

Eine Tür tat sich auf und -- _jene Frau erschien_!

Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? -- ich hätte ihm nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir zu einem Chaos geworden.

Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und bekreuzte, und die sich dann plötzlich -- ganz offen und unverhohlen, kaum daß sie eingetreten war -- mir zuwandte und mich anstarrte. Ich hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die Zähne hervorstieß:

»Jetzt ... ich habe anderes zu tun ... für mich. Ich gehe.«

Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort, nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm »einfach angst und bange« geworden sei.

Das war nun freilich ganz überflüssig!

Drittes Kapitel.

I.

Er hatte wirklich nichts zu befürchten: meiner höheren Erwägung erschien das Augenblickliche klein und nebensächlich, und ein mächtiges Gefühl entschädigte mich für alles andere. Ich empfand nichts als Genugtuung, ich war entzückt, war förmlich begeistert, als ich sie verließ; und als ich auf die Straße hinaustrat, hätte ich am liebsten gesungen. Es war aber auch gerade ein herrlicher Morgen, so richtig zu meiner Stimmung passend: Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Frohsinn, Gedränge. -- Wie, hatte mich denn diese Frau wirklich nicht beleidigt? Von wem hätte ich mir sonst einen solchen Blick und ein so gemeines Lächeln gefallen lassen, ohne sofort zu protestieren? -- und wenn mein Protest auch noch so albern ausgefallen wäre -- gleichviel! Und nicht zu vergessen: sie war ja doch gerade mit der Absicht heimgekehrt, mich sobald als möglich zu beleidigen, obgleich sie mich noch nie gesehen hatte! In ihren Augen war ich der »heimliche Abgesandte Werssiloffs«, und damals, wie auch noch lange nachher, war sie fest überzeugt, daß Werssiloff ihr ganzes Schicksal in Händen hielt, d. h. daß er die Möglichkeit hätte, sie, sobald er nur wollte, ins Elend zu stürzen. Kurz, sie glaubte ihn im Besitze eines gewissen Dokuments oder vermutete wenigstens stark, daß er es besaß. So war denn ihr Kampf gegen Werssiloff ein Kampf auf Leben und Tod. Und siehe da -- ich war nicht beleidigt! Ihr Benehmen war eine Beleidigung gewesen, ich aber hatte die Beleidigung nicht empfunden. Ja, und nicht nur das! Ich war sogar unbändig froh, als wäre mir eine große Freude widerfahren! Ich war gekommen, um sie zu hassen, und nun fühlte ich, wie ich sie schon zu lieben begann.

»Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie es abgesehen und die sie schon so gut wie umsponnen hat? Süße, kleine Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer; wenigstens kann man es lieben. Da liebe ich doch jetzt meinen Feind: Zum Beispiel gefällt es mir furchtbar, daß sie so schön ist. Es gefällt mir ungeheuer, meine Gnädigste, daß Sie so hochmütig und stolz sind: wären Sie bescheidener, würde ich nicht dieses Vergnügen auskosten, oder wenigstens kein so großes. Sie haben mich gewissermaßen angespien mit Ihrem Blick, ich aber triumphiere. Und wenn Sie mir tatsächlich ins Gesicht gespien hätten, so würde ich mich vielleicht wirklich nicht einmal darüber geärgert haben; denn Sie sind -- mein Opfer, _mein_ Opfer und nicht _seins_. Wie bezaubernd dieser Gedanke ist! Rein, das Bewußtsein der eigenen _geheimen_ Macht ist unvergleichlich angenehmer als offenkundige Überlegenheit und Herrschaft. Wenn ich ein hundertfacher Millionär wäre, ich glaube, da würde es mir die größte Wonne bereiten, in ganz schäbigen Kleidern zu gehen, damit man mich für einen ganz armen Kauz halte, womöglich für einen, der nahe daran ist, um Almosen zu bitten: denn -- >mir genügte das Bewußtsein< ...«

So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken ausdrücken, wie überhaupt meine Freude und vieles von dem, was ich empfand. Ich will nur noch bemerken, daß hier in dem soeben Geschriebenen alles viel oberflächlicher klingt: in Wirklichkeit war ich tiefer und schamhafter. Vielleicht bin ich auch jetzt im Grunde meines Wesens schamhafter als in meinen Worten und Taten. Das gebe Gott!

Vielleicht war es sehr falsch von mir, daß ich überhaupt angefangen habe, alles dies niederzuschreiben: es bleibt doch so unendlich viel mehr in einem zurück als das, was man in Worten auszudrücken vermag. Jeder Gedanke, selbst der unbedeutendste, ist, solange er in uns bleibt, immer tiefer, als in Worten ausgedrückt: ausgesprochen erscheint er auch uns selbst lächerlicher und gleichsam -- ehrloser. Werssiloff sagte mir einmal, nur bei schlechten Menschen sei es umgekehrt. Die lügen eben nur, da haben sie es leicht. Ich dagegen mühe mich, die ganze Wahrheit zu schreiben -- das aber ist furchtbar schwer!

II.

An diesem neunzehnten September entschloß ich mich außerdem noch zu einem »Schritt«.

Seit meiner Ankunft in Petersburg hatte ich zum erstenmal Geld in der Tasche; denn meine in zwei Jahren zusammengesparten sechzig Rubel hatte ich, wie bereits erwähnt, sogleich meiner Mutter gegeben; ein paar Tage zuvor aber hatte ich mir fest vorgenommen, an dem Tage, an dem ich mein Monatsgehalt erhielt, einen »Versuch« zu machen, wie ich ihn schon seit langem beabsichtigte. Und gerade am Abend vorher hatte ich im Inseratenteil einer Zeitung etwas gefunden, auf alle Fälle ausgeschnitten und zu mir gesteckt: es war das eine »Bekanntmachung vom St. Petersburger Bezirksgericht« usw., daß am 19. September cr. um 12 Uhr vormittags im Kasaner Viertel, in der und der Gegend, im Hause Nummer soundso die gerichtliche Versteigerung des Mobiliars einer gewissen Frau Lebrecht stattfinden werde, und daß die Taxationsliste der betreffenden Gegenstände, und natürlich auch diese selbst, am Tage der Versteigerung dem Publikum zur Orientierung und Besichtigung in besagtem Hause bereitgestellt sein würden usw.

Es war kurz nach ein Uhr. Ich eilte zu Fuß nach dem Kasaner Viertel. Schon seit drei Jahren benutzte ich keine Droschke mehr, -- ich hatte mir das so geschworen (anderenfalls hätte ich mir auch nicht diese sechzig Rubel ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion gegangen, ich hatte mir das noch nicht _erlaubt_; und obschon mein erster Schritt auf diesem Gebiet nur ein _Versuch_ sein sollte, so hatte ich mir doch von vornherein eines fest vorgenommen: nicht eher wollte ich mir diesen Versuch gestatten, als bis ich das Gymnasium beendet, mit allen gebrochen und mich in mein Gehäuse verkrochen hätte, also erst dann, wenn ich vollkommen frei sein würde. Freilich war ich nun noch längst nicht in meinem Gehäuse und auch noch weit davon entfernt, frei zu sein. Aber der Schritt sollte ja auch nur als Versuch in Frage kommen, als Probe, nur so, um zu sehen, wie es ist, fast nur, um meine Zukunftsträume danach gestalten zu können; dann aber wollte ich, vielleicht lange Zeit hindurch, nichts Derartiges mehr unternehmen, vielleicht sogar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich damit ernstlich begänne. Für alle anderen war dies nur eine kleine, nichtssagende Auktion, für mich aber -- der erste Balken des Schiffes, auf dem ich wie Kolumbus ausfahren wollte, um Amerika zu entdecken. Das waren ungefähr die Gefühle, die ich damals hatte.

Ich fand das Haus, ging, wie in der Notiz angegeben war, über den Hof und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Diese Wohnung bestand aus einem Vorraum und vier nicht großen, niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer befanden sich viele Menschen, vielleicht ganze dreißig an der Zahl; aber nur die Hälfte von ihnen mochte sich aus Käufern zusammensetzen -- die anderen waren augenscheinlich nur aus Neugier gekommen oder als Liebhaber jeglicher Versammlungen oder auch als heimlich Beauftragte der Frau Lebrecht. Es waren da außer Krämern und Juden, die es auf die Goldsachen abgesehen hatten, auch einige »sauber« gekleidete Leute. Sogar die Physiognomien einzelner von ihnen haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt. Im nächsten Zimmer rechts, dessen Tür offen stand, hatte man gerade zwischen die Türpfosten einen Tisch gestellt, so daß er den Eingang zu jenem Zimmer versperrte; dort aber befanden sich alle die unter den Hammer gekommenen Sachen, die verauktioniert werden sollten. Links lag ein anderes Zimmer, dessen Tür geschlossen war, doch von Zeit zu Zeit ein klein wenig geöffnet wurde, und dann sah man, daß jemand verstohlen durch den Spalt lauerte -- wahrscheinlich jemand von den zahlreichen Sprößlingen der Frau Lebrecht, die sich an dem Tage natürlich in einer recht beschämenden Lage befanden. Hinter dem Tisch in der Tür saß, das Gesicht dem Publikum zugewandt, der Gerichtsvollzieher, der die Sachen zu versteigern hatte. Als ich eintrat, war ungefähr die Hälfte schon verkauft. Ich drängte mich sogleich bis dicht an den Tisch heran. Es wurden gerade zwei Bronzeleuchter ausgeboten. Ich sah mich nach den anderen Sachen um.

Dabei drängten sich mir sogleich Zweifel auf: was konnte ich hier überhaupt kaufen? Was finge ich zum Beispiel mit diesem Paar Bronzeleuchter an, wo brächte ich sie jetzt unter, und könnte ich denn so überhaupt jemals zum Ziel gelangen? Wird denn die Sache auch wirklich so gemacht, und wird meine Berechnung auch wirklich richtig sein? War es nicht schließlich eine ganz kindische Berechnung? Und während mir diese Gedanken durch den Kopf fuhren, stand ich und wartete, -- etwa wie man am Spieltisch wartet, wenn man noch nicht gesetzt hat, obschon man mit der Absicht, unbedingt zu spielen, an den Tisch getreten ist und gerade noch denkt: »Wenn ich will, setze ich, wenn ich will, gehe ich fort -- ganz wie ich will.« Das Herz pocht dann noch nicht, aber es ist, als verlangsame sich sein Schlagen, und hin und wieder erbebt es nur so eigenartig, -- eine Empfindung, die nicht ohne Reiz ist. Aber die Unentschlossenheit fängt bald an, einem lästig zu werden, und dann wird man plötzlich gleichsam blind und taub und streckt die Hand aus und nimmt eine Karte, aber alles ganz wie mechanisch, fast sogar wie gegen den eigenen Willen, als führte ein Fremder unsere Hand; und plötzlich ist es geschehen! -- Da hat man gleich eine ganz andere Empfindung, die geradezu ungeheuer ist. Ich rede hier nicht von Auktionen, sondern nur von mir, -- wer könnte denn sonst auf einer Auktion Herzklopfen bekommen?

Es waren da Leute, die sich sehr ereiferten, andere wiederum, die schwiegen und warteten, und wieder andere, die dies oder jenes kauften und es nachher bereuten. Doch kann ich nicht sagen, daß sie mir leid taten: ein Herr zum Beispiel, der sich verhört hatte und eine Milchkanne aus Neusilber für eine silberne kaufte und statt etwa zwei Rubel ganze fünf Rubel zahlen mußte, erweckte nicht das geringste Mitleid in mir, im Gegenteil, dieser Zwischenfall erheiterte mich sogar. Der Gerichtsvollzieher brachte übrigens auch nach Möglichkeit Abwechslung in die Versteigerung: nach den Leuchtern kamen Ohrringe zum Ausbot, nach den Ohrringen ein Sofakissen, dann eine Schatulle, -- wahrscheinlich, um das Interesse wachzuerhalten, oder vielleicht auch, um den verschiedenen Wünschen der Kauflustigen nachzukommen. Ich hielt es nicht zehn Minuten aus, wandte mich zuerst dem Kissen zu, darauf der Schatulle, aber im entscheidenden Moment bot ich dann doch nicht mit: diese Gegenstände erschienen mir ganz unmöglich. Da hielt der Gerichtsvollzieher ein Album in der Hand.

»Ein Album, in einem roten Saffianeinband, gebraucht, mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, in einem Futteral mit geschnitzter Elfenbeineinlage und mit silbernem Schloß -- zwei Rubel!«

Ich trat näher: ein elegantes Ding, aber die Elfenbeinschnitzerei war an einer Stelle schon etwas schadhaft. Nur ich allein war nähergetreten, die anderen schwiegen. Konkurrenten gab es also nicht. Ich hätte ja das Schloß öffnen und das Album herausnehmen können, um es zu betrachten, ließ es aber bleiben -- »gleichviel,« dachte ich, »das ist ja egal«.

»Zwei Rubel fünf Kopeken,« sagte ich mit vor Aufregung unsicherer Stimme.

Niemand bot mehr. So fiel es mir zu. Ich holte sogleich mein Geld hervor, bezahlte, nahm das Album und zog mich in einen Winkel des Zimmers zurück. Dort erst nahm ich es aus dem Futteral, um es schnell, fast fieberhaft zu durchblättern: das war nun, abgesehen von dem Futteral, das wertloseste Ding der Welt, -- ein Stammbuch von der Größe eines Bogen Postpapiers kleinen Formats, ein dünnes Büchlein mit abgenutztem Goldschnitt, -- genau von der Art, wie sie in früheren Jahren bei jungen Mädchen, die ein Institut besuchten, so überaus beliebt waren. Mit Tusche und Wasserfarben waren da Tempel auf Bergen gemalt, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und dazu natürlich Gedichte.

»... Vor mir liegt eine weite Reise, Weshalb ich Abschied nehmen muß, Drum send' ich Dir auf diese Weise Hiermit noch einen letzten Gruß.«

(Da hab' ich richtig noch eines von ihnen behalten!) Ich gestand mir, daß ich »hereingefallen« war: wenn es etwas gab, was kein Mensch brauchen konnte, so war das dieses alte Album.

»Tut nichts,« schloß ich schnell meinen Gedankengang, »die erste Karte verspielt man immer; das hat sogar eine gute Vorbedeutung.«

Ich war entschieden vergnügt.

»Ach, da bin ich zu spät gekommen! Sie haben es? Sie haben es erstanden?« hörte ich plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn, der sehr stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war gerade erst eingetreten.

»Zu spät gekommen! Schade, sehr schade! -- Für wieviel, wenn ich fragen darf?«

»Für zwei Rubel fünf Kopeken.«

»Ach, wie schade! -- Würden Sie es mir nicht abtreten?«

»Gehen wir hinaus,« flüsterte ich ihm zu, während mein Herzschlag stockte.

Wir gingen hinaus auf die Treppe.

»Ich trete es Ihnen für zehn Rubel ab,« sagte ich, mit einem Gefühl von Kälte im Rücken.

»Zehn Rubel! Ich bitte Sie, was fällt Ihnen ein!«

»Wie Sie wollen.«

Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und maß mich von oben bis unten: ich war gut gekleidet und glich wohl nicht im entferntesten einem Juden oder Trödler.

»Aber ich bitt' Sie! -- Das ist doch ein altes, lumpiges Album, das zu nichts mehr zu gebrauchen ist, auch das Futteral ist ja nichts mehr wert -- wer wird denn so etwas noch kaufen?«

»Sie wollen es doch.«

»Aber doch nur aus einem besonderen Grunde! -- Ich erfuhr es erst gestern, -- und solcher, die das kaufen wollen, gibt es doch außer mir keinen einzigen! Was fällt Ihnen ein!«

»Ich hätte fünfundzwanzig Rubel fordern sollen; aber da Sie dann vielleicht doch zurückgetreten wären, so habe ich, um das Wagnis nicht zu übertreiben, nur zehn gefordert. Davon lasse ich keine Kopeke ab.«

Ich kehrte ihm den Rücken und ging.

»So nehmen Sie vier Rubel!« rief er mir nach und holte mich mit schnellen Schritten ein, -- ich war schon auf dem Hof. »Nun, meinetwegen: fünf!«

Ich schwieg und ging weiter.

»Nun denn -- da haben Sie!« Er nahm zehn Rubel aus seinem Portemonnaie, ich gab ihm das Album.

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und zehn -- was?«

»Weshalb nicht ehrlich? Einfach Markt!«

»Was ist denn hier für ein Markt!« (Er wurde wütend.)

»Wo Nachfrage ist, ist auch Markt. Hätten Sie sich nicht eingefunden, -- keine vierzig Kopeken hätt' ich dafür bekommen.«

Ich sagte es zwar ganz ernst, aber innerlich lachte ich, -- lachte nicht gerade vor Entzücken, sondern -- ja, ich weiß es eigentlich selbst nicht, weshalb ich lachte, jedenfalls aber geriet ich dabei etwas außer Atem.