Part 64
»Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so? Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.«
Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für einen Augenblick.
»Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie.
»Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen sprechen -- ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu zertreten.«
Mama zuckte zusammen.
»Ich hatte die größte Lust dazu. Hab' Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen -- was für ein Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde -- mich zu -- fürchten anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme -- wer wird mich dann von meiner Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.«
Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den unglücklichen Menschen -- war es doch auch früher schon vorgekommen, daß er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu. Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein.
»Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?« fragte sie vorsichtig.
»Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich gleichsam spaltete,« sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an. »Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges; und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing. Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen« (er hielt es schon und wendete es in den Händen hin und her), »und weißt du, ich habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei -- nicht mehr und nicht weniger!«
Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine Hände ein wenig zitterten.
»Andrei Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.
»Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!« rief Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. »Kleide dich aus und leg dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!«
»Aber ... warum regt ihr euch denn auf?« fragte er leise und sah uns alle der Reihe nach forschend an. Dann stützte er plötzlich beide Ellbogen auf den Tisch und preßte die Stirn in die Hände.
»Ich ängstige euch, aber ich habe eine Bitte, meine Freunde: unterhaltet mich ein wenig, setzt euch wieder hin und beruhigt euch alle -- wenigstens auf einen Augenblick! Ssonjä, ich bin ja nicht deshalb gekommen, um das zu sagen; ich kam allerdings, um etwas mitzuteilen, aber etwas ganz anderes. Leb wohl, Ssonjä, ich gehe wieder auf die Wanderschaft, wie ich schon mehrmals von dir gegangen bin ... Nun und natürlich werde ich einmal wieder zu dir zurückkehren -- in diesem Sinne bist du ja mein Schicksal. Zu wem sollte ich denn auch sonst gehen, wenn alles zu Ende ist? Glaube mir, Ssonjä, ich bin jetzt zu dir gekommen, wie zu einem Engel und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärest du mir denn für ein Feind, ja, was für ein Feind? Glaube auch nicht, daß ich gekommen bin, um dieses Heiligenbild zu zerschlagen, aber weißt du, Ssonjä, ich habe doch Lust, es zu zerschlagen ...«
Als Tatjana Pawlowna vorhin ausgerufen hatte: »Laß das Bild, leg es hin!« -- da hatte sie es ihm entwunden und in ihrer Hand behalten. Plötzlich aber, bei seinem letzten Wort, sprang er auf, entriß es ihr im Augenblick, holte jähzornig aus und schleuderte es aus aller Kraft an die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang in genau zwei Stücke ... Da wandte er sich hastig zu uns, sein bleiches Gesicht wurde rot, fast purpurrot, und jeder Nerv seines Gesichts bebte und zuckte.
»Faß es nicht als Sinnbild auf, Ssonjä, ich habe nicht Makars Vermächtnis zerschlagen, sondern nur so ... um zu zerschlagen ... Zu dir werde ich ja doch zurückkehren, -- als zu meinem letzten Engel! oder übrigens -- faß es meinetwegen auch als Sinnbild auf; denn das war es doch nun einmal, unbedingt! ...«
Und plötzlich ging er schnell aus dem Zimmer und verließ das Haus -- wieder durch die andere Tür (sein Pelz und seine Mütze waren an jenem Ende des Korridors geblieben). Ich will nicht ausführlich schildern, was mit Mama geschah: zu Tode erschrocken und mit erhobenen Händen stand sie wie erstarrt da, bis sie -- jäh zu sich kam und ihm nachrief:
»Andrei Petrowitsch, so laß uns doch wenigstens Abschied nehmen, Liebster!«
»Er wird schon kommen, Ssofja, er wird schon kommen! Sei unbesorgt!« schrie Tatjana Pawlowna in einem furchtbaren Haßanfall, zitternd vor Empörung, vor geradezu tierischer Wut. »Du hast doch gehört, er versprach ja wiederzukommen! Laß nur den Narren noch zum letzten Male spazieren gehen! Wenn er dann alt wird -- wer wird ihn als Gichtlahmen dann noch pflegen außer dir, seiner alten Pflegerin? So hat er's ja selber erklärt, hat sich ja nicht mal geschämt ...«
Lisa war ohnmächtig geworden.
Ich selbst wollte ihm nachlaufen.
Aber dann eilte ich zu Mama, umfaßte sie und hielt sie in meinen Armen.
Lukerja kam herbeigelaufen und brachte ein Glas Wasser für Lisa.
Mama kam bald wieder zu sich, sank auf das Sofa, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte.
»Aber ... ja aber ... so lauf ihm doch nach!« rief plötzlich Tatjana Pawlowna laut, wie wenn sie jetzt erst zur Besinnung käme. »So lauf doch, hol ihn ein, lauf, geh ihm nicht von der Seite, so geh doch, lauf, lauf ihm nach!« und sie suchte mich mit Gewalt von Mama loszureißen. »Ach, dann laufe ich doch selber!«
»Arkascha, ja, ach, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama.
Da lief ich denn Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küchentür und über den Hof; aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne sah ich auf den Fußsteigen schwarze Gestalten gehen; ich lief ihnen nach und sah im Vorüberlaufen jedem ins Gesicht. So lief ich bis zur Straßenkreuzung.
»Über Irrsinnige ärgert man sich doch nicht,« dachte ich flüchtig, »Tatjana Pawlowna aber wurde doch vor Ärger so wild auf ihn, -- folglich ist er gar nicht irrsinnig ...«
Ich hatte das Gefühl, daß seine Tat dennoch ein _Sinnbild_ gewesen war, und daß er unbedingt mit irgend etwas ein Ende habe machen wollen, ein Ende, wie mit diesem Heiligenbilde, und zwar so, daß wir es sähen, wir, Mama und Alle. Aber auch der »Doppelgänger« war sicherlich neben ihm gewesen; daran war gewiß nicht zu zweifeln ...
III.
Er war aber nirgendwo zu sehen, und ich wußte nicht, wo ich ihn suchen sollte: daß er geradeswegs in seine Wohnung gegangen wäre, war kaum anzunehmen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich lief schnurstracks zu Anna Andrejewna.
Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sogleich zu ihr gebeten. Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen, während ich hineinging. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr, was vorgefallen war, also das von dem »Doppelgänger«. Niemals werde ich ihr jene gespannte, aber mitleidslos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich gleichfalls stehend anhörte, vergessen oder gar verzeihen.
»Wo kann er jetzt sein? Vielleicht wissen Sie es?« schloß ich schroff. »Tatjana Pawlowna hat mich gestern zu Ihnen geschickt ...«
»Ich ließ Sie schon gestern zu mir bitten. Gestern war er in Zarskoje Sselo und war auch bei mir. Jetzt aber« (sie sah nach der Uhr), »da es schon sieben ist ... wird er bestimmt bei sich zu Hause sein.«
»Ich sehe, daß Sie alles wissen -- also sagen Sie, sagen Sie mir auch alles!« rief ich.
»Ich weiß vieles, aber nicht alles. Ihnen brauche ich wohl nichts zu verheimlichen ...« Sie maß mich mit einem sonderbaren Blick, dabei lächelnd und gleichsam erwägend. »Gestern früh hat er Katerina Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.«
»Das -- ist nicht möglich!« Ich starrte sie an.
»Der Brief ging durch meine Hände; ich selbst habe ihr den Brief uneröffnet übergeben. Diesmal hat er >ritterlich< gehandelt und mir nichts verheimlicht.«
»Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort!«
»Es ist allerdings schwer zu verstehen ... diese Handlungsweise erinnert an einen Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und dabei schon den Revolver schußbereit in der Tasche hält -- so ungefähr ist auch sein Heiratsantrag aufzufassen. Von zehn Möglichkeiten sprechen neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine zehnte Möglichkeit rechnet er doch noch, und ich muß sagen, das ist sogar sehr -- interessant! Meiner Ansicht nach ... übrigens ... übrigens kann hier auch wieder so eine Anwandlung mitgespielt haben, eben jener >Doppelgänger<, wie Sie das soeben so treffend ausgedrückt haben ...«
»Und Sie lachen noch? Und wie soll ich glauben, daß Sie den Brief übergeben haben? Sie sind doch -- die Braut ihres Vaters? Foltern Sie mich nicht, Anna Andrejewna!«
»Er bat mich, mein Schicksal seinem Glück zu opfern, oder vielmehr gebeten hat er darum gerade nicht: es wurde ziemlich schweigsam abgetan, ich las das alles nur in seinen Augen. Mein Gott, wozu sich darüber wundern: ist er denn nicht nach Königsberg gereist, um sich von Ihrer Mutter die Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakoffs Stieftochter zu holen? Das sieht dem doch wieder sehr ähnlich, daß er mich gestern zu seiner Vertrauten und Abgesandten erkor.«
Sie war ein wenig bleich. Aber ihr Sarkasmus war nur ein Mittel, um ihre Ruhe zu bewahren. Oh, ich verzieh ihr damals viel, als ich so nach und nach das Ganze erfaßte. Eine Minute lang überlegte ich; sie schwieg und wartete.
»Wissen Sie,« sagte ich plötzlich lachend, »Sie haben den Brief ja nur deshalb überbracht, weil er für Sie nicht die geringste Gefahr bedeutete, denn zu dieser Heirat wird es doch nie und nimmer kommen! Aber er? Und schließlich auch sie? Selbstverständlich wird sie ihn mit seinem Antrag abweisen, und dann ... was wird dann geschehen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich, »jetzt ist jede Minute wertvoll, jede Minute kann ein Unglück geschehen!«
»Er ist jetzt bei sich in seiner Wohnung, wie ich Ihnen schon sagte. In seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat er sie _auf jeden Fall_, also unabhängig von ihrer Antwort, um eine Zusammenkunft in seiner Wohnung heute um sieben Uhr abends. Sie hat zugesagt.«
»Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?«
»Warum denn nicht? Die Wohnung gehört ja Darja Onissimowna; da können sie sich doch sehr gut als ihre Gäste bei ihr treffen ...«
»Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie umbringen!«
Anna Andrejewna lächelte nur.
»Katerina Nikolajewna hat trotz ihrer ganzen Furcht vor ihm, die auch ich an ihr bemerkt habe, doch immer eine gewisse Ehrfurcht und Bewunderung für die Vornehmheit seiner Grundsätze und für seinen idealen Verstand gehegt. Sie hat jetzt zugesagt, um ihm ihr Vertrauen zu beweisen, und um der Sache ein für allemal ein Ende zu machen. In seinem Brief aber hat er ihr feierlich sein Ehrenwort gegeben, daß sie nichts zu fürchten hätte ... Ich entsinne mich nicht mehr genau der Ausdrücke, aber jedenfalls hat sie ihm darauf mit ihrem Vertrauen geantwortet ... und da es doch das letztemal sein soll ... jedenfalls beruhte ihre Antwort auf den edelsten Gefühlen. Es war da beiderseits ein gewisser ritterlich heroischer Wettstreit, wenn Sie wollen.«
»Aber der Doppelgänger, sein Doppelgänger!« rief ich, »er ist doch wahnsinnig geworden!«
»Als Katerina Nikolajewna gestern in diese Zusammenkunft einwilligte, hat sie mit der Möglichkeit eines solchen Zwischenfalles wahrscheinlich nicht gerechnet,« meinte Anna Andrejewna.
Ich drehte mich plötzlich um und lief aus dem Zimmer -- zu ihm, zu ihm, selbstverständlich! Aber aus dem Vorsaal kehrte ich noch einmal auf eine Sekunde zu ihr zurück.
»Das ist es wohl gerade, was Sie brauchen, daß er sie totschlägt!« rief ich ihr ins Gesicht und rannte aus dem Hause.
Obgleich ich am ganzen Körper wie im Fieber zitterte, betrat ich die Wohnung leise und behutsam, durch die Küchentür, und bat flüsternd, Darja Onissimowna zu mir herauszurufen -- aber da kam sie schon in die Küche und sah mich wortlos mit gespannt forschendem Blick an.
»Er ... er ist nicht zu Hause.«
Aber ich flüsterte ihr schnell und ohne Umschweife zu, daß ich alles wisse, Anna Andrejewna hätte mir alles gesagt, und ich käme geraden Weges von ihr.
»Darja Onissimowna, wo sind sie?«
»Sie sind im Saal, dort, wo Sie vorgestern saßen, am Tisch ...«
»Darja Onissimowna, lassen Sie mich hinein!«
»Aber wie kann ich denn das!«
»Nicht dorthin, aber in das Nebenzimmer. Darja Onissimowna, das ist vielleicht Anna Andrejewnas Wunsch ... Sonst hätte sie mir doch nicht gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich ja nicht sehen ... und Anna Andrejewna will es ja selbst ...«
»Aber wenn sie es nicht will?« Darja Onissimownas Blick wich nicht von mir und sog sich förmlich hinein in meine Augen.
»Darja Onissimowna, ich werde Ihre Olä nie vergessen ... lassen Sie mich hinein!«
Da fingen ihre Lippen und ihr Kinn plötzlich zu zittern an.
»Liebling, dann um Oläs willen ... für dein gutes Herz ... Aber verlaß nicht Anna Andrejewna, Liebling! Wirst du sie nicht verlassen, was? Wirst du sie nicht verlassen?«
»Nein, nein, ich werde sie nicht verlassen!«
»Dann gib mir noch dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinrennen und auch nicht losschreien wirst, wenn ich dich hinführe?«
»Mein Ehrenwort, Darja Onissimowna!«
Sie faßte mich am Rock, führte mich leise in ein dunkles Zimmer, das an jenes stieß, in dem sie saßen, führte mich unhörbar auf dem weichen Teppich zur Tür, schob mich dicht an den zugezogenen Vorhang, den sie vorsichtig ein wenig zur Seite bog, und zeigte mir die beiden.
Ich blieb da, sie schlich zurück. Selbstverständlich blieb ich. Ich war mir vollkommen bewußt, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb. Wie sollte ich denn nicht bleiben! Und der Doppelgänger? Hatte er doch schon vor meinen Augen das Heiligenbild zertrümmert!
IV.
Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher auf seine »Auferstehung« getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie:
»Und ich war die Ursache?«
»Nein, die Ursache war ich,« erwiderte er, »Sie sind nur -- unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach sich,« flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. »Ich habe mir doch eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen ... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte nichts ...«
Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre -- dieses Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf.
»Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?« fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder eingefallen. »Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief -- war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten, zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind -- das ist die Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?«
»Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,« sagte sie, während sie ihn mit schüchterner Vorsicht wie wartend ansah.
Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener, aber ergriffener, fast bebender Stimme:
»Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können ... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen. Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr gedacht. Nun, gut, was vergangen ist -- ist vergangen, und was ist -- das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, -- nun gut! Ich bin damit einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst gekommen,« stieß er plötzlich fast flehend hervor. »Wenn Sie schon ein Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind -- so seien Sie wenigstens nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!«
»Auf welche Frage?«
»Wir werden uns ja nie mehr sehen -- und was macht es Ihnen denn aus? Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?«
Sie wurde feuerrot.
»Ich habe Sie geliebt,« sagte sie.
»Das hatte ich erwartet, daß Sie so antworten würden, -- oh, du Aufrichtige, du Innige, du Ehrliche!«
»Und jetzt?« fuhr er fort.
»Jetzt liebe ich Sie nicht.«
»Und lachen?«
»Nein, ich lächelte jetzt nur unwillkürlich, weil ich im voraus wußte, daß Sie fragen würden: >Und jetzt?< Ich lächelte, weil man immer unwillkürlich lächelt, wenn etwas gesagt wird, worauf man schon gefaßt war ...«
Mir wurde ganz sonderbar zumute: ich hatte sie noch nie so auf der Hut, so vorsichtig, ja fast sogar schüchtern und zugleich so verwirrt gesehen. Er umspannte sie mit seinem Blick.
»Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und -- lieben Sie mich wirklich nicht?«
»Vielleicht -- wirklich nicht. Nein, ich liebe Sie nicht,« fügte sie plötzlich fest hinzu, diesmal ohne zu lächeln und ohne zu erröten. »Ich habe Sie geliebt, ja, aber nicht lange. Ich habe damals sehr bald aufgehört, Sie zu lieben.«
»Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß es nicht das war, was Sie brauchen, aber ... was ist es denn, was Sie brauchen? Erklären Sie mir das noch einmal ...«
»Habe ich es Ihnen denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja ich -- bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe ... ich liebe heitere Menschen.«
»Heitere?«
»Da sehen Sie, wie ich mit Ihnen nicht einmal zu sprechen verstehe. Ich glaube, wenn Sie mich weniger liebten, dann würde ich Sie lieben,« sagte sie wieder mit einem schüchternen Lächeln.
In ihrer Antwort lag die vollkommenste Aufrichtigkeit, -- sollte sie wirklich nicht gewußt haben, daß ihre Antwort die endgültigste Formel für ihr Verhältnis war, eine Formel, die alles erklärte und entschied? Oh, wie er das hätte verstehen müssen! Aber er sah sie an und lächelte sonderbar.
»Ist Bjoring ... ein heiterer Mensch?« fuhr er fort zu fragen.
»Oh, er braucht Sie nicht im geringsten zu beunruhigen,« antwortete sie mit einer gewissen Hast. »Ich heirate ihn nur deshalb, weil ein Leben mit ihm für mich am ruhigsten sein wird. Meine Seele behalte ich dann für mich.«
»Sie sollen ja, wie man hört, wieder Geschmack an der Gesellschaft, an der glänzenden Welt finden?«
»Nicht an der Gesellschaft. Ich weiß, daß in unserer Gesellschaft dieselbe Unordnung ist wie überall; aber ihre Formen sind wenigstens äußerlich gefällig, und deshalb ist es, wenn man schon ein Leben lebt, das nur ein Vorübergehen ist, doch besser, in ihr zu leben als sonstwo.«
»Ich höre neuerdings oft das Wort >Unordnung< gebrauchen. Sie sind damals wohl auch vor meiner Unordnung zurückgeschreckt, vor meinen Fesseln, meinen Ideen, meinen Torheiten?«
»Nein, das war doch nicht -- ganz so ...«
»Sondern? Ich beschwöre Sie, sagen Sie alles ganz offen.«
»Nun gut, ich werde es Ihnen ganz offen sagen, weil ich Sie für so unendlich klug halte: mir ... mir ist an Ihnen immer irgend etwas lächerlich erschienen.«
Kaum hatte sie das gesagt, als sie plötzlich rot wurde, ganz als hätte sie selbst gemerkt, daß sie eine ungeheure Unvorsichtigkeit begangen hatte.
»Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel verzeihen,« antwortete er sonderbar.