Sämtliche Werke 7-8

Part 62

Chapter 623,813 wordsPublic domain

Meine ganze Qual bestand in der Frage: Wenn es wahr ist, daß er _sie_ seit gestern nicht mehr liebt, wo kann er sich dann heute aufhalten? Antwort: am ehesten bei mir, dem er gestern alles gesagt hat; dann -- bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Statt dessen war er schon »in aller Frühe« aus dem Hause gegangen und irgendwohin verschwunden, und Darja Onissimowna hatte sogar davon phantasiert, daß er vielleicht überhaupt nicht zurückkehren werde. Und nicht genug damit: Lisa spricht auf einmal von einer »Entscheidung der ewigen Geschichte« und sagt, Mama hätte irgendwelche Nachrichten von ihm, und zwar die letzten; außerdem sind sie über Katerina Nikolajewnas Brief vollkommen unterrichtet (das hatte ich sehr wohl bemerkt) und wollen trotzdem an seine »Auferstehung« zu neuem Leben nicht glauben, wenn sie mir auch mit Spannung zuhörten. Mama fühlt sich wie vernichtet, und Tatjana Pawlowna verhöhnt den Ausdruck »Auferstehung«. Wenn das aber so ist, dann muß in ihm über Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein, eine neue Krisis -- und das nach der ganzen Begeisterung, dem ganzen Glück, dem ganzen Pathos von gestern! Also ist seine »Auferstehung« wie eine Seifenblase zerplatzt, und er treibt sich vielleicht wieder genau so herum, in derselben Wut wie damals, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring erhalten hatte! Es fragt sich nur, was aus Mama, aus mir, aus uns allen werden wird ... und schließlich auch: was aus _ihr_ werden wird? Was kann Tatjana Pawlowna mit der »Schlinge« gemeint haben, als sie mich zu Anna Andrejewna schicken wollte? Und wer soll »erdrosselt« werden? Jedenfalls steht die »Schlinge« mit Anna Andrejewna in Zusammenhang, das ist klar. Warum aber mit Anna Andrejewna? Ich gehe sofort zu Anna Andrejewna! Ich habe ja nur aus Trotz gesagt, daß ich nicht hingehen werde, -- ich gehe. Aber was sagte Tatjana Pawlowna doch noch von dem Brief, den Krafft verbrannt hätte? Und hat nicht auch er gestern zu mir gesagt: »das Dokument zerreiße«?

Das waren so meine Gedanken, war das, was mich gleichfalls wie eine »Schlinge« würgte. Doch im Grunde brauchte ich ja nur _ihn_, nur _ihn_ suchte ich. Ich hätte sofort alles gutgemacht, das fühlte ich; wir hätten einander in zwei Worten verstanden! Ich hätte seine Hände in meine genommen und sie gedrückt, ich hätte in meinem Herzen heiße Worte für ihn gefunden -- davon war ich überzeugt. »Oh, ich würde den Wahnsinn schon überwinden!« dachte ich. Aber wo war er nur, wo war er? ... Und da, gerade in einem solchen Augenblick, in solcher Erregung, mußte mir Lambert in den Weg laufen! Ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt begegnete er mir plötzlich. Er rief mich hoch erfreut mit lauter Stimme an und faßte mich sogleich unter den Arm.

»Dreimal war ich schon bei dir ... _Enfin!_{[107]} Komm, wir wollen frühstücken!«

»Halt! Du warst bei mir, sagst du? Ist Andrei Petrowitsch da gewesen?«

»Nein, bei dir ist niemand. Ach, pfeif auf sie alle! Du Dummkopf hast dich gestern geärgert. Du warst betrunken. Aber jetzt kann ich dir etwas Wichtiges mitteilen: ich habe heute ausgezeichnete Nachrichten über die Sache bekommen, von der wir gestern sprachen ...«

»Lambert,« unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren -- »wenn ich hier mit dir stehen geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann. Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles ausgeplaudert. Weißt du, ich und -- sie heiraten, das ist schon als Idee ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so doch übermorgen in _ihren_ Händen befinden, denn das Dokument gehört _ihr_ und ist von _ihr_ geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr, ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist, geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen ...«

Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob, plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die Fassung.

»Hör nur,« murmelte er, »Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen ... Alphonsina war bei _ihr_: ich besitze einen Brief ... ein Papier ... so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige -- und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!«

»Du lügst, zeig mir den Brief!«

»Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!«

Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Er hatte sich's aber schon anders überlegt und -- ließ mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht.

Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von hochmütigem und »elegantem« Äußeren und in einen kostbaren Pelz gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: »_Ah, bonsoir_,« zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie:

»Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?«

»Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...« sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken.

»Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie gefälligst: was hat er hier gewollt?«

»Ach, du lieber Gott! Ich müßte Ihnen dann immer erzählen, warum die Leute zu mir kommen! Wir können, glaube ich, doch auch unsere Geschäfte haben! Der junge Mann wollte vielleicht Geld bei mir aufnehmen, oder eine Adresse erfahren ... Ich kann es ihm ja schon das vorige Mal versprochen haben ...«

»Wieso, das vorige Mal?«

»Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!«

Sie zog die Tür hinter sich zu. Ich begriff vor allem, daß sich hier der Ton verändert hatte: man fing an, unhöflich gegen mich zu werden. Klar war mir, daß hier wieder ein Geheimnis steckte: die Geheimnisse häuften sich mit jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Werssiloff mit seiner Schwester Anna Andrejewna dagewesen, damals, als ich krank daniederlag: dessen erinnerte ich mich sehr wohl, ebenso der sonderbaren Andeutung, die Anna Andrejewna gestern mir gegenüber machte: daß der alte Fürst in meiner Wohnung absteigen werde ... Aber das alles war so sinnlos und unwahrscheinlich, daß ich mir dabei überhaupt nichts vorstellen konnte. Ich faßte mich an die Stirn, ich setzte mich nicht einmal hin, um auszuruhen, lief vielmehr gleich zu Anna Andrejewna. Doch fand ich sie nicht zu Haus und erhielt vom Portier nur die Auskunft, sie wäre nach Zarskoje gefahren und werde vielleicht morgen ungefähr um dieselbe Zeit wieder da sein.

Sie war also nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten ... und ihr Bruder besieht sich mittlerweile meine Wohnung! »Nein, das soll nicht geschehen!« sagte ich knirschend vor mich hin, »und wenn dort tatsächlich eine Mörderschlinge gelegt wird, so werde ich es sein, der die >arme Frau< verteidigt!«

Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Haus zurück. In meinem wirren und heißen Kopf tauchte auf einmal die Erinnerung an das Kellerrestaurant am Kanal auf, das Andrei Petrowitsch in seinen düsteren Stunden wohl aufsuchte. Ich freute mich ordentlich, daß ich darauf verfallen war und eilte sofort hin. Es war bereits vier Uhr, und es dunkelte. In dem Keller teilte man mir mit, er sei allerdings dagewesen, hätte sich aber nur kurz aufgehalten und sei dann gegangen -- vielleicht käme er wieder, fügte man hinzu. Ich beschloß, ihn, wenn möglich, zu erwarten und bestellte mir ein Mittagessen: so verblieb mir wenigstens die Hoffnung.

Ich aß das Mittagessen, aß sogar noch mehr, nur um das Recht zu haben, mich länger in dem Keller aufzuhalten, und habe, glaube ich, vier ganze Stunden so dagesessen. Ich will meine Schwermut und meine Ungeduld nicht beschreiben: in meinem Innern bebte alles. Diese Drehorgel, diese Gäste, -- diese ganze traurige Umgebung prägte sich für immer in mein Herz! Ich kann und will meine Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf wirbelten gleich einer Wolke von trockenen Blättern im Herbst, in die ein Windstoß gefahren ist. Es war wirklich so ähnlich mit mir, und ich muß gestehen, daß ich zeitweise fühlte, wie mich die gesunde Vernunft zu verlassen drohte. Was mich geradezu bis zum körperlichen Schmerz peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleiterscheinung meiner sonstigen Pein), -- das war eine Erinnerung -- böse und aufdringlich wie eine giftige Herbstfliege, die man zunächst gar nicht bemerkt, und die doch die ganze Zeit um einen kreist, einen stört und plötzlich schmerzhaft sticht. Es war das die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe, das ich aber jetzt erzählen will, weil es doch einmal erzählt werden muß.

IV.

Als in Moskau schon beschlossen worden war, daß ich nach Petersburg gehen sollte, ließ man mich durch Nikolai Ssemjonowitsch wissen, daß ich noch auf das Eintreffen meines Reisegeldes warten müsse. Von wem dieses Geld mir gesandt werden würde, danach erkundigte ich mich nicht weiter; ich nahm als selbstverständlich an, daß Werssiloff es schicken werde, und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und stolzen Plänen nur von meinem Wiedersehen mit Werssiloff träumte, so hörte ich ganz auf, vor anderen von ihm zu sprechen; selbst mit Marja Iwanowna sprach ich nicht mehr von ihm. Im übrigen sei daran erinnert, daß ich auch mit meinem ersparten Gelde sehr wohl hätte reisen können; trotzdem beschloß ich, zu warten; unter anderem nahm ich an, das Geld werde mit der Post kommen.

Da kam eines Tages Nikolai Ssemjonowitsch nach Hause und teilte mir mit (ganz kurz und ohne alle Weitschweifigkeiten, wie das so seine Art war), daß ich mich am nächsten Morgen um elf Uhr in die Fleischerstraße, in das Haus und die Wohnung des Fürsten W--ski begeben solle: dort werde mir der aus Petersburg eingetroffene Kammerjunker Werssiloff, Andrei Petrowitschs Sohn, der bei dem Fürsten W--ski, seinem Freunde vom Lyzeum her, abgestiegen war, das Reisegeld übergeben. Man sollte meinen, nichts hätte einfacher und selbstverständlicher sein können: Andrei Petrowitsch hatte das Geld eben seinem Sohn übergeben, statt es durch die Post zu schicken; trotzdem erschreckte und bedrückte mich diese Mitteilung in ganz unnatürlicher Weise. Werssiloff wollte mich mit seinem Sohn, meinem Bruder, zusammenführen -- nur so vermochte ich mir die Absichten und Gefühle desjenigen zu deuten, an den ich unablässig dachte. Und da erhob sich gleich eine unendlich schwere Frage in mir: wie würde und wie sollte ich mich bei dieser ganz unvorhergesehenen Begegnung benehmen, und mußte nicht meiner persönlichen Würde dadurch irgendwie Abbruch getan werden?

Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des Fürsten W--ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener, mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise: wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden, mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und Sprechen ununterbrochen fort.

Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich »als Herrn« nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann; plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu und _befahl_ ihm, »sofort« hineinzugehen und mich nochmals zu melden. Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner antwortete mir der andere:

»Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.«

Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann -- _unbedingt wieder fortzugehen_. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller _Gewißheit_ erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war, um elf Uhr werde »irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student« zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau.

Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. »Soll ich gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?« fragte ich mich in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden. In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine, vierzig Rubel.

»Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!«

Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor, wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu verbergen; vielleicht würde auch Fürst W--ski zugegen sein, und so wäre ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt -- oh, ich schone mich nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!

Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir »persönlich bringen«! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu haben -- das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich.

Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle, langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln, das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück, genau so ruhig und gelassen -- und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh, diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren lassen!

Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben vier roten Geldscheinen in der Hand:

»Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht -- vielleicht ein anderes Mal, wenn der Herr mehr Zeit haben.«

Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente, natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit: er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging:

»Bitte sehr!«

»Hund!« brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand sinken, »und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!« fügte ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe.

»Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...«

Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch meinen Schritt.

Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen -- mögen sie nur! Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde -- eine Wunde, die bis heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift -- dann bin ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin -- ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie vielleicht lächerlich waren -- nun gut, dann waren sie es eben: lieber lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch gemeine, alltägliche, mittelmäßige!

Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich keinem Menschen etwas erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: »_Bonsoir!_« zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber -- die Wunde hatte sich wieder geöffnet!

V.