Part 58
Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern, die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes »Säuglings« gemietet hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer -- das erste, in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum -- war für Werssiloff als eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, -- kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing -- eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen.
»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir.
Er meinte damit: »Nicht wahr, wie ähnlich?« Ich sah mich nach ihm um, und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an ihm gesehen.
»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich selbst ganz beglückt.
Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres ... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf.
»Merke dir,« sagte er, »photographische Aufnahmen sind sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck -- weichlich. Hier aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt mit den Jahren zu wachsen scheint -- je länger, desto mehr. Wirst du's mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben alles auf einmal hin, wenn sie lieben, -- den Augenblick und ihr ganzes Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen -- das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis -- sieh dir auch dies einmal an.«
Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen Holzrähmchen -- das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.
»Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen wollten, und das an der Schwindsucht starb ... _ihre_ Stieftochter?« sagte ich ein wenig befangen.
»Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht starb, _ihre_ Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts erfahren können. Leg' das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme Irrsinnige und nichts weiter.«
»Wirklich irrsinnig?«
»Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind sehen -- laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit dieser ... Unglücklichen ...«
»Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?« fragte ich erregt.
»O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.«
»Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sei!« rief ich.
»Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das -- war nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange schon? -- Schon seit zwei Jahren.«
Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe. Ich ergriff seine Hand.
»Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...«
In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief.
»Sieh es dir an,« sagte Werssiloff, »ich liebe es und habe es jetzt bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst jetzt verstehen.«
»Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge gelöst? Das ist sonderbar.«
Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären, zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel, was ich von ihm jetzt noch gehört hätte -- das Ergebnis war schon erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen wir einander auch an.
»Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist ... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange! Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.«
Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch einmal.
»Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!« wiederholten meine Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug.
Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame Zug in seinem Gesicht -- dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu sprechen.
II.
»Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.«
»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?«
»Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige Jahrmarktszauberei. Nun, sag' doch selbst, wie hätten wir denn einander früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an. Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.«
Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen waren. Plötzlich durchzuckte es mich.
»Mein Gott!« rief ich, »Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um fünf Uhr?«
Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und vielleicht auch durch den Ausdruck: »von _ihr_«.
»Du wirst alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst besessen sind, -- ja: gerade von einem >rachsüchtigen< Schönheitsdurst. Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen, menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch dies einmal gesagt werden. Früher aber -- was hätte ich dir früher sagen können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es ist mein _Sohn_, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.«
Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam erschüttert.
»Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen, _Sie_ genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!« sagte ich und gab ihm meine ganze Seele hin.
»Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er begann schon vor sehr langer Zeit -- damals, als ich zum letztenmal ins Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.«
»Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner Verschwörung teilgenommen?« rief ich, ohne mich zurückzuhalten.
»Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt. Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, -- ich liebe deine impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des russischen Edelmanns, -- ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken. Die aristokratische Schwermut -- und nichts weiter.«
»Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?« stieß ich in atemloser Spannung hervor.
»Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein, mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. _Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme!_{[105]} Aber trotzdem war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland, -- ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir, gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...«
»Nein, sagen Sie es!« rief ich. »Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was war denn eigentlich Ihre >aristokratische Schwermut<? Verzeihen Sie, Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.«
»Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um Europa zu beerdigen!«
»Beerdigen?« wiederholte ich verwundert.
Er lächelte.
»Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ... Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags, ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht vier Uhr.