Sämtliche Werke 7-8

Part 5

Chapter 53,698 wordsPublic domain

Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es hieß, »unzurechnungsfähig« geworden; und dieser Umstand hatte einen kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte. Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie freilich nicht gemacht), daß nach jenem »Anfall« eine besondere Neigung zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren -- gleichviel ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche, gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden; überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst angenehm.

Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte -- und es war unmöglich, das nicht zu bemerken -- die Überzeugung, daß alle sich jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz »normal« hielten, quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige, -- ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf meine Ehre werfen kann.

Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse, besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt, wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete, regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich.

In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den »mit Arbeit überhäuften« Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal, wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch Papiere.

Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte (gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde sie wie damals!), -- und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren, leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte?

II.

Geld zu fordern -- ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat. Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe; denn man wollte ihn »nicht betrüben«) und wie beschlossen wurde, ein Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer war, zu versetzen. Ich sollte für meine »Arbeitsleistung« monatlich fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war mir nicht gerade gewogen) und gefragt:

»Bekommen Sie denn ein Gehalt?«

Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: »Aber wofür denn das?« Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus verschiedenen Papieren Zahlen eintrug.

Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete. Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß »Gedanken« des Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript, und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich weiter gar nicht reden.

Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau -- das war die Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert -- alles zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen. Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten!

Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht absichtlich belauscht: ich _mußte_ einfach aufmerksamer hinhören, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu Hause.

Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn -- wie hätte ich es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher gesprächsweise verlauten lassen -- natürlich nur ganz entfernt und selbst etwas zaghaft --, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre, d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf. Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib; dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum, von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn richten wollte.

Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: »Ja, aber -- wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!« Auch über sein Gesicht habe ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn, wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf. Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit.

Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände: um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und dann -- um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor -- daß er plötzlich der Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig, aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke.

Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast zu betrüben.

An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden. Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt werden -- unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz nicht umsonst schon seit dem Morgen!), -- und dann würde ich mich vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch interessierter bei diesem Thema verharrte.

III.

»... mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie unanständige Kleider tragen!« schloß ich nicht gerade logisch meine lange Tirade.

»Hab' Erbarmen! Hab' Erbarmen!« fiel er mir unsäglich erheitert ins Wort, was mich noch mehr erboste.

Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott weiß was alles mit mir machen -- und diesen Zug werde ich ewig an mir verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig, weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die menschenfeindlichste Weise. »Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich gehe, und -- lebt wohl!« -- d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten, und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. »Ich rede nicht, um Sie zu erheitern!« schrie ich ihn beinahe an. »Ich habe nur meine Überzeugung ausgesprochen!«

»Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig gekleidet? Das ist mir neu!«

»Doch! Sie sind roh! -- gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt, die Dame -- ich rede von den Damen -- die rennt schnurstracks auf einen los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich es tun _muß_ -- das ist es, was mich kränkt! Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!«

»Sand?!«

»Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet -- das kann nur einem Lebemann nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind? Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um _belle femme_{[2]} zu sein, -- öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß ... Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! -- danke fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin, ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.«

Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin ich auch heute noch ganz derselben Meinung.

»Und es ist immer noch gut abgegangen?« fragte der Fürst neugierig.

»Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal, zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so ... ich bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit seien.«

»Du drücktest dich wirklich so aus?«

»Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und zweitens -- sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da: ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan, gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt ... ich liebe die weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich gleichfalls, aber nur andeutungsweise.«

»_Mon ami_,{[3]} du kannst dich noch in eine ernste Geschichte verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch vor den Friedensrichter schleppen können!«

»_Gar_ nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an; und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich, und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat ich's auch.«

»Tatsächlich?«