Sämtliche Werke 7-8

Part 45

Chapter 453,692 wordsPublic domain

Ich finde, wenn ein Mensch lacht, wird es in der Mehrzahl der Fälle widerlich, ihn anzusehen. Am häufigsten äußert sich im Lachen der Menschen etwas Gemeines, etwas, was den Lachenden erniedrigt, wenn auch der Betreffende von dem Eindruck, den er auf andere macht, selbst fast nie etwas weiß. Ebensowenig wissen die Menschen, was für ein Gesicht sie haben, wenn sie schlafen. Mancher Mensch hat auch im Schlaf ein kluges Gesicht, bei manchen aber, und sogar bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlaf furchtbar dumm und deshalb lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß der Lachende, ganz wie der Schlafende, von dem Ausdruck des eigenen Gesichts nichts weiß. Die übergroße Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht, zu lachen. Übrigens ist da nichts zu »verstehen«: das ist eine Gabe der Natur, die man sich nicht künstlich aneignen kann. Es sei denn, daß man sich selbst zu einem ganz anderen Menschen erzieht, sich zum Besseren entwickelt und die schlechten Neigungen seines Charakters bekämpft: dann könnte sich wohl auch das Lachen zum Besseren verändern. Manch einer verrät sich durch sein Lachen vollständig, und man erkennt sofort den ganzen Menschen. Aber selbst ein kluges Lachen kann mitunter widerlich sein. Das Lachen verlangt vor allen Dingen Aufrichtigkeit, aber wo findet man unter den Menschen Aufrichtigkeit? Das Lachen verlangt Arglosigkeit, die Menschen lachen aber am häufigsten aus Bosheit. Ein aufrichtiges und argloses Lachen ist Fröhlichkeit, wo aber findet man in den Menschen von heute Fröhlichkeit, und verstehen sie überhaupt, fröhlich zu sein? (Diese Bemerkung über die Fröhlichkeit habe ich einmal von Werssiloff gehört und mir gemerkt). Die Fröhlichkeit des Menschen ist der Zug, der mehr als alles andere den Menschen verrät. Mancher Charakter ist lange nicht zu verstehen, aber da braucht der Mensch nur einmal aus ganzem Herzen zu lachen, und sein Charakter liegt offen vor einem, wie auf der Handfläche. Nur ein Mensch von höchster und glücklichster geistiger Ausgeglichenheit versteht es, auf eine Weise fröhlich zu sein, die ansteckend wirkt, d. h. unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche nicht von seinem Intellekt, sondern von seinem Charakter, von der ganzen ausgeglichenen Persönlichkeit. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und seine Seele erkennen will, so beobachte man nicht, wie er schweigt oder wie er spricht, oder wie er weint, oder gar, wie die edelsten Ideen sein Gemüt bewegen, sondern man beobachte ihn lieber, wenn er lacht: hat er ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Und man achte dabei auch auf alle Nuancen: so darf zum Beispiel das Lachen eines Menschen einem niemals dumm erscheinen, auch wenn er noch so fröhlich und gutmütig lacht. Bemerkt man nur eine Spur von Dummheit im Lachen eines Menschen, so hat dieser Mensch einen beschränkten Verstand, und mag er auch mit Ideen nur so um sich werfen. Oder wenn das Lachen eines Menschen nicht dumm ist, der Mensch aber, wenn er lacht, einem aus irgendeinem Grunde lächerlich erscheint, und wär's auch nur ein wenig, so hat dieser Mensch keine wirkliche persönliche Würde, oder wenigstens nicht viel davon. Und schließlich, wenn das Lachen eines Menschen zwar ansteckend ist, einem aber aus irgendeinem Grunde vulgär erscheint, so ist auch die ganze Natur dieses Menschen vulgär, und alles Edle und Erhabene, das man früher an ihm zu bemerken geglaubt hat, ist von ihm entweder bewußt herausgekehrt, oder unbewußt von anderen angenommen; so ein Mensch wird sich in der Folge unfehlbar zum Schlechteren verändern, wird sich dem »Vorteilhaften« zuwenden und sich nur noch mit diesem beschäftigen, die früheren edlen Regungen aber als Jugendirrungen und Schwärmereien ohne Bedauern abschütteln.

Diese lange Abhandlung über das Lachen habe ich mit Absicht hier eingefügt, und um ihretwillen sogar die Einheitlichkeit meiner Erzählung zerstört, denn diese Erkenntnis des Lachens halte ich für eine der wichtigsten, zu denen ich in meinem Leben bisher überhaupt gekommen bin. Besonders möchte ich sie jenen angehenden Bräuten empfehlen, die fast schon bereit sind, einem Manne ihr Jawort zu geben, ihn aber doch noch nachdenklich und mißtrauisch beobachten und den endgültigen Entschluß immer noch nicht fassen können. Möge man über den Jüngling nicht lachen, der sich mit Belehrungen in Dinge mischt, von denen er keinen Deut versteht; dafür weiß er aber, daß das Lachen die sicherste Probe auf einen Menschen ist. Man beobachte einmal ein Kind: nur Kinder verstehen es, vollkommen arglos zu lachen -- deshalb sind sie auch so bezaubernd. Ein weinendes Kind ist mir widerlich, ein lachendes oder fröhliches aber ist ein Sonnenstrahl aus dem Paradies, ist -- eine Offenbarung aus der Zukunft, wo die Menschen endlich wieder so rein und arglos sein werden, wie jetzt nur Kinder sind. Und gerade so etwas Kindliches und ganz unglaublich Anziehendes sah ich plötzlich in dem flüchtigen Lachen dieses alten Mannes. Ich ging sogleich auf ihn zu.

III.

»Setz dich, setz dich nieder, deine Füße, denk ich, die werden wohl noch schwach sein,« forderte er mich freundlich auf, während er auf einen Platz neben sich zeigte und mir immer noch mit demselben strahlenden Blick ins Gesicht sah. Ich setzte mich neben ihn und sagte:

»Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Makar Iwanowitsch.«

»So, Jungchen. Nu sieh, das ist schön, daß du aufgestanden bist. Du bist jung, du hast's gut. Der Alte geht zum Grabe, der Junge ins Leben.«

»Sind Sie denn krank?«

»Jawohl, Freundchen, die Füße sind es arg; bis zur Tür haben sie mich noch gebracht, die Füße, aber wie ich mich dann hier niedergesetzt hab', da sind sie mir alsobald aufgeschwollen. Das ist nun von selbigem letzten Donnerstag, als die Grade einsetzten« (er wollte damit sagen, als es zu frieren begann). »Ich hab' sie bislang mit einer Salbe eingeschmiert, sieh mal: vor drei Jahren hat mir ein Doktor, Lichten hieß er, Edmund Karlytsch mit Namen, in Moskau diese Salbe verschrieben, und die hat mir schon etliche Male geholfen, och, wie die mir geholfen hat! Nun aber, sieh, hilft sie nicht mehr. Und auch in der Brust ist es mir nicht ganz richtig. Und vom gestrigen Tage an wird mir der Rücken gleichwie von Hunden gebissen ... Und schlafen kann ich auch nicht mehr in der Nacht.«

»Wie kommt es, daß Sie hier gar nicht zu hören sind?« fragte ich. Er sah mich an und schien nachzudenken.

»Weck nur die Mutter nicht auf,« sagte er auf einmal besorgt, als wäre ihm etwas eingefallen. »Sie hat hier die ganze Nacht geschafft, aber so unhörbar, wie eine Fliege fast, und nun hat sie sich hingelegt, das weiß ich. Ach, ein kranker Alter hat es schlecht,« seufzte er, »und an was, fragt man sich, klammert sich das Herz nur so? Aber es hält und hält sich fest und freut sich immer noch am Licht; und, meiner Treu, wenn es möglich wär, denkt man so bei sich selber, das ganze Leben noch einmal von vorn anzufangen, die Seele würde, glaub' ich, auch davor sich nicht fürchten; obzwar so ein Gedanke vielleicht sündhaft ist.«

»Warum denn sündhaft?«

»Ein Traum ist er, dieser Gedanke, ein Greis aber muß mit Würde hinscheiden von dieser Welt. Denn wiederum, so du dem Tod mit Murren oder mit Unzufriedenheit entgegengehst, so ist selbiges eine große Sünde. Nun, aber so du aus geistiger Freude das Leben liebgewonnen hast, wird Gott es schon verzeihen, auch einem alten Mann, denk ich. Es ist schwer für den Menschen, bei jeder Sünde zu wissen, was sündhaft ist und was nicht: darüber liegt ein Geheimnis, das über Menschenverstand geht. Ein Greis aber muß jederzeit zufrieden sein, und sterben muß er in der vollen Klarheit seines Verstandes, selig und würdevoll, gesättigt von seinen Tagen, seiner letzten Stunde entgegenseufzend, und sich freuend -- gleichwie eine Ähre zur Garbe hingeht -- und sein Geheimnis erfüllend.«

»Sie sagen schon wieder >Geheimnis<, -- was heißt das: >sein Geheimnis erfüllend<?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich war froh, daß wir allein waren und daß rings um uns lautlose Stille herrschte. Die untergehende Sonne schien grell in das Zimmer. Er sprach in etwas schwülstigen Ausdrücken und unklar, aber mit starker Überzeugung und sehr angeregt; mein Kommen hatte ihn sichtlich erfreut. Aber es entging mir nicht, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustande befand und vielleicht sogar sehr hohes Fieber hatte. Auch ich war krank und fieberte seit dem Augenblick, da ich bei ihm eingetreten war.

»Was ein Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, Freund, in allem ist ein Geheimnis Gottes. In jedem Baum, in jedem Stäubchen ist dieses selbe Geheimnis eingeschlossen. Ob ein kleines Vöglein singt, oder ob die ganze Sternenschar in der Nacht am Himmel funkelt -- alles ist ein und dasselbe Geheimnis, des sei du gewiß. Doch der Geheimnisse allergrößtes liegt darinnen, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So ist es fürwahr, Freund!«

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich will Sie natürlich nicht reizen, und Sie können versichert sein, daß ich an Gott glaube ... Aber alle diese Geheimnisse hat der Menschenverstand schon längst aufgedeckt, und was noch nicht aufgedeckt ist, das wird noch aufgedeckt werden, das ist sicher, und vielleicht sogar in kürzester Zeit. Die Botanik weiß ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiologe und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen, und was die Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle schon gezählt, sondern auch jede ihrer Bewegungen ist auf die Sekunde genau ausgerechnet, so daß man sogar auf tausend Jahre voraussagen kann, in welcher Stunde und Minute ein Komet erscheinen wird ... Und jetzt weiß man auch schon, woraus selbst die entferntesten Sterne zusammengesetzt sind. Nehmen Sie ein Mikroskop -- das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände millionenmal größer zeigt -- und betrachten Sie durch dieses Glas einen Wassertropfen: da werden Sie eine ganz neue Welt entdecken, ein ganzes Chaos von Lebewesen. Auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch aufgedeckt.«

»Wohl, wohl, ich habe davon gehört, Freundchen, habe schon mehrfach davon reden hören. Da ist nichts drüber zu sagen, das ist eine große und ruhmvolle Tat. Alles ist dem Menschen durch Gottes Willen gegeben; nicht umsonst hat Gott ihm den lebendigen Odem eingeblasen, und nicht umsonst ist sein Gebot: >Lebe und erkenne<.«

»Nun, das sind -- Gemeinplätze. Aber Sie -- sind Sie denn kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen ...«

»Nein, Freundchen, ich habe von Jugend auf die Wissenschaft geachtet, und wenn ich auch selber keinen Verstand davon habe, so murre ich doch nicht dawider; denn ist er nicht mir gegeben, so ist er dafür einem anderen gegeben. Es ist das vielleicht um so besser; denn man sagt: einem jeden das seine. Zumal, Freundchen, nicht einem jeden die Wissenschaft von Nutzen ist. Wir sind doch alle unenthaltsam, ein jeder will die ganze Welt in Erstaunen setzen, ich aber, wer weiß, würde das vielleicht noch mehr als alle anderen wollen, wenn ich die Begabung hätte. Doch wo ich nun ganz ohne Begabung bin und selber nichts weiß, wie kann ich mich da überheben? Du aber bist jung und gewitzt und dir ist dies Los zugefallen, du lerne nun auch. Trachte alles zu erkennen, damit du, so du einem Gottlosen oder einem Streitsüchtigen begegnest, ihm dann Antwort stehen kannst, und er dich mit rasendem Gerede nicht taub mache und deine unreifen Gedanken nicht irre führe. So ein Glas aber habe ich noch ganz kürzlich gesehen.«

Er holte tief Atem und seufzte. Entschieden hatte ich ihm durch mein Kommen eine außerordentliche Freude bereitet. Sein Mitteilungsdrang war jedenfalls krankhaft. Ich kann wohl auch mit Bestimmtheit behaupten, daß er mich manchmal minutenlang mit ganz unsäglicher Liebe ansah: zärtlich legte er seine Hand auf meine Hand, streichelte meine Schulter ... manchmal aber, das muß ich gestehen, schien er mich wiederum ganz zu vergessen, als wäre ich gar nicht da, und wenn er dabei auch weiterredete, so sprach er doch gleichsam irgendwohin in die Luft.

»In dem kleinen einsamen Genadijewschen Kloster,« fuhr er fort, »lebt ein Mann von großem Verstande. Er ist von vornehmer Herkunft; dem Range nach ist er Oberstleutnant, und er besitzt großen Reichtum. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; und nun lebt er schon das zehnte Jahr ganz abgeschlossen von der Welt; denn er hat sein Herz an den stillen, schweigenden Zufluchtsort gehängt und seine Gefühle von den eitlen Sorgen der Welt gelöst. Er hält die ganze Klosterordnung ein, aber zum Mönch will er sich doch nicht scheren lassen. Und Bücher hat er so viel, wie meine Augen noch nie bei einem Menschen beisammen gesehen haben, -- er selber sagte mir, es wären Bücher für gute achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er mit Namen. In vielem hat er mich zu verschiedenen Zeiten unterwiesen, und ich hab' ihm mit überköstlichem Vergnügen zugehört. Und einmal sage ich so zu ihm: >Wie geht das zu, Herr, und was ist die Ursache, daß Ihr bei Eurem so großen Verstande, und wo Ihr schon zehn Jahre im Kloster lebt, gehorsam alle Vorschriften befolgt und Euer Begehren allgemach abgetötet habt -- was ist denn die Ursache, daß Ihr nicht das Gelübde ablegt, auf daß Ihr alsdann noch vollkommener werdet?< Er aber entgegnet mir darauf und spricht: >Was redest du, Alter, von meinem Verstande; vielleicht ist es gerade mein Verstand, der mich gefangen hält, denn ich habe ihn nicht zu zähmen vermocht. Und was redest du von meinem Gehorsam: vielleicht habe ich schon längst mein Maß verloren. Und was redest du von der Abtötung meines Begehrens! Auf mein ganzes Geld könnte ich sofort verzichten, desgleichen auf alle Titel, und die ganze Kavallerie legte ich dir hier auf den Tisch, aber auf meine Pfeife Tabak kann ich nicht verzichten, das zehnte Jahr schon kämpfe ich deshalb mit mir, und doch kann ich nicht davon lassen. Was wäre ich nun nach alledem für ein Mönch, und was für eine Abtötung meines Begehrens rühmst du an mir?< Fürwahr, seine Demut nahm mich damals wunder. Und so kam ich denn jüngst im Sommer, zur Zeit der Petrifasten, wieder nach jenem Kloster -- Gott führte mich hin -- und da seh ich, in seiner Zelle steht so ein Ding -- ein Mikroskop, -- das hatte er sich für vieles Geld aus dem Auslande verschrieben. >Warte, Alter,< sagt er zu mir, >ich werde dir etwas Erstaunliches zeigen, was du noch nie gesehen hast. Sieh diesen Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: nun, und jetzt überzeuge dich, was in ihm alles ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes aufgedeckt haben werden, kein einziges werden sie für uns beide noch übriglassen< -- gerade so sagte er, mit selbigen Worten. Ich aber hatte schon vor fünfunddreißig Jahren durch so ein Ding gesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgaßoff, meinem früheren Herrn, dem Onkel selig von Andrei Petrowitsch, mütterlicherseits, von dem denn auch später, nach seinem Ableben, das Stammgut an Andrei Petrowitsch fiel. Das war ein mächtiger Herr, ein hoher General, und eine große Meute hielt er sich, und ich war unter ihm lange Jahr Pikör damals. Nun, und da stellte er einmal auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht hatte, und er befahl dem ganzen Hofgesinde, Männern und Weibern, alle sollten sie einer nach dem andern herantreten und durch das Rohr sehen; und da wurde denn auch alles gezeigt, ein Floh und ein Läuschen und eine Nadelspitze und ein Härchen und ein Wassertropfen. Ja, das war schon eine Kurzweil und ein Spaß: da fürchten sie sich vor dem Wunderding, aber den Herrn, den fürchteten sie auch -- der konnte gewaltig aufbrausen! Manche wissen gar nicht, wie sie sehen sollen, kneifen die Augen zusammen, blinzeln bloß und sehen überhaupt nichts; andere zittern vor Angst und schreien, und der Dorfälteste Ssavin Makaroff hält sich mit beiden Fäusten die Augen zu und schreit: >Macht mit mir, was ihr wollt -- ich guck nicht hinein!< Danach gab es viel unnützes Gelächter. Dem Pjotr Walerjanytsch aber sagte ich nicht, daß ich dazumal so ein Ding schon gesehen hatte, also dies selbe Wunder schon fünfunddreißig Jahre zuvor geschaut hatte, denn ich seh' doch, es macht ihm Spaß, mir das zu zeigen; da tat ich denn mit Fleiß, als wär ich mächtig verwundert und entsetzt. Er ließ mir Zeit und dann fragte er: >Nun, Alter, was sagst du jetzt?< Ich aber verneige mich und sage: >Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht,< er aber fragt mich plötzlich: >Ward nicht am Ende Finsternis?< Und so eigenartig fragte er das, lächelte nicht mal dabei. Ich wunderte mich noch über ihn, fürwahr, er aber war danach, ich muß sagen, wie erzürnt und blieb stumm.«

»Ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster zwar Fastenspeisen und macht die vorschriftsmäßigen Verneigungen wie ein Mönch, aber an Gott glaubt er nicht, und gerade in einem solchen Augenblick sind Sie damals zu ihm gekommen -- das ist alles,« sagte ich. »Außerdem ist er eigentlich recht lächerlich: er wird doch in seinem Leben sicherlich schon zehnmal so ein Mikroskop gesehen haben, warum verliert er denn beim elften Male darüber den Verstand? Das wird wohl nur so eine nervöse Reizbarkeit gewesen sein ... die sich durch das Klosterleben bei ihm entwickelt hat.«

»Er ist ein reiner Mensch und von hohem Verstande,« sagte der Alte in belehrendem Ton, »und ist auch kein Gottloser. Er hat reichen Verstand, aber sein Herz ist unruhig. Solcher gibt es jetzt viele unter den Gebildeten und den Gelehrten. Und was ich dir noch sage: solch ein Mensch straft sich selber. Du aber geh' ihnen aus dem Wege und belästige sie nicht, doch abends vor dem Schlaf gedenke ihrer in deinem Gebet, denn solche suchen Gott. Betest du auch vor dem Schlafengehen?«

»Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Übrigens muß ich Ihnen gestehen, daß Ihr Pjotr Walerjanytsch mir gefällt: wenigstens ist er kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und noch dazu einer, der sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem uns beiden nahestehenden Menschen hat.«

Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort.

»Das ist nicht recht von dir, Freund, daß du nicht betest; beten ist gut, es macht das Herz froh, zumal vor dem Schlafengehen und nach dem Erwachen frühmorgens, und auch so du in der Nacht erwachst. Das sage ich dir. Einmal im Sommer war's, im Julimonat, da pilgerten wir nach dem Muttergotteskloster zum Kirchenfest. Je näher wir dem Orte kamen, um so zahlreicher schlossen sich Pilger an, und schließlich waren wir unser fast an die zweihundert, die alle hinzogen, um die heilkräftigen Reliquien der beiden großen Wundertäter Aniki und Grigori zu küssen. Wir übernachteten alle beisammen unter freiem Himmel, und ich erwachte frühmorgens, als alle noch schliefen und sogar die Sonne noch nicht hinter dem Walde hervorsah. Ich hob den Kopf, mein Freund, ließ den Blick ringsum über die Erde schweifen und atmete auf! Eine Schönheit allüberall, die unaussprechlich ist. Still ist alles, die Luft ist leicht. Die Gräschen wachsen -- wachset nur, Gottes Gräschen; ein Vögelchen singt -- sing nur, Gottes Vögelchen; ein Kindchen schreit einmal leise in den Armen eines Weibes -- Gott sei mit dir, kleines Menschlein, wachse auf zum Glück, der du geboren bist! Und da war mir, als hätte ich zum erstenmal in meinem ganzen Leben alles dies in mich aufgenommen ... Ich legte den Kopf wieder hin, und es schlief sich so leicht. Schön ist es auf der Welt, Lieber! Ich möchte, wenn's mir besser geht, im Frühling wieder wandern gehen. Und daß die Welt ein Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: >Alles ist in dir, Gott, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!< Murre nicht, Jungling: um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist,« fügte er ergriffen hinzu.

»>Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist< ... Das werde ich behalten, gerade diese Worte. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, aber ich verstehe schon ... Es überrascht mich, daß Sie viel mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie, wie's scheint, im Fieber ...,« entfuhr es mir unwillkürlich, als ich in seine fieberhaft glänzenden Augen und sein bleich gewordenes Gesicht sah.

Er aber hatte, glaube ich, meine Worte gar nicht gehört.

»Weißt du auch, Jungling,« begann er wieder, als setze er seine frühere Rede fort, »weißt du auch, daß auf Erden der Erinnerung an einen Menschen eine Grenze gesetzt ist? Die Erinnerung an einen Menschen währt nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die noch sein Antlitz gesehen haben; wenn sich aber Erinnerung an ihn auch dann noch fortsetzt, so nur von Mund zu Mund, nur durch Worte und Gedanken, dieweil alle, so sein Antlitz mit Augen geschaut haben, alsdann schon dahingegangen sind. Und auf seinem Grabhügel auf dem Friedhof wird Gras wachsen, und der weiße Grabstein wird morsch werden und zerfallen, und alle Menschen werden ihn vergessen, desgleichen seine Nachfahren, und über ein kleines wird auch sein Name vergessen sein, zumal nur wenige Namen im Gedächtnis der Menschen verbleiben -- nun, und mag es so sein! Möget ihr mich vergessen, ihr Lieben, ich aber kann euch noch aus dem Grabe heraus lieben. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, höre eure Schritte auf den Gräbern eurer Väter am Allerseelentage; lebt jetzt noch in der Sonne, freuet euch, ich aber werde für euch zu Gott beten, werde im Traume zu euch kommen ... gleichviel, auch nach dem Tode lebt die Liebe! ...«

Ich war in genau dem gleichen Fieberzustande wie er; statt nun hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn womöglich zu überreden, sich hinzulegen, da er ja wie in Phantasien sprach, ergriff ich plötzlich seine Hand, und indem ich mich zu ihm hinabbeugte und seine Hand drückte, flüsterte ich erregt und mit Tränen in der Seele:

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben keine Weisheit ... Ich werde ihnen nicht folgen, ich weiß nicht, wohin ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...«

Da kam plötzlich Mama herein, -- zum Glück; denn ich weiß nicht, womit es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus:

»Wußt' ich's doch! Da hab' ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab' mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Liebster!«