Sämtliche Werke 7-8

Part 43

Chapter 433,743 wordsPublic domain

Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht, was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, »den Waisenknaben« doch nicht zu verlassen, »er ist doch so gut wie verwaist, seien Sie seine Wohltäter ...« Und mit Tränen in den Augen verneigte sie sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung, ganz so, wie »einfache« Leute sich verneigen, wenn sie stolze Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von so viel »Humanität« seinerseits, daß er »zwischen den Kindern keinen Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen« usw. Mama verneigte sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an mich und sagte mit Tränen in den Augen: »Leb wohl, Jungchen!«

Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte, oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, -- jedenfalls ging sie, nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür. Ich stand und rührte mich nicht.

»_Mais suivez donc votre mère_,« sagte Antonina Wassiljewna zu mir, »_il n'a pas de coeur cet enfant!_«{[59]}

Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte wie: »Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.«

Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und -- da konnte sie sich nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in Tränen aus und weinte über meinem Haupt.

»Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster ...«

Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:

»Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!« murmelte sie schnell und bekreuzte mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht genug segnen. »Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...«

Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es gelang ihr aber nicht ...

»Nun, tut nichts, nimm's mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, vielleicht kannst du's brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab' ich gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.«

Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.

Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf einmal -- auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor Touchards, -- es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung -- nie werde ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht »ihre Schuld vor mir bekennen?« wie ich mich später einmal fragte, lange nachher, -- ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch viel mehr; denn »die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert wird mich noch mehr hauen,« dachte ich.

Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen- und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an.

Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen, und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da -- aus irgendeinem bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich, obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte. An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte, ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren, unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht, und plötzlich begann ich es zu küssen: »Mama, Mama,« flüsterte ich, und die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können: »Schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster!« »Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen ... Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne? Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen bist? ... Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter! Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe! Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?«

»Zum Teufel ... Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!« brummte Lambert wütend in seinem Bett. »Wart nur, ich werde dich ...!« Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und halte sie krampfhaft fest.

»Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So'n Schaf! Da hast du eins!« -- und er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die Schläge werden immer schmerzhafter und ... und auf einmal schlage ich die Augen auf ...

Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße Eisnadeln ... Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich, schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht ... Er beugt sich ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte wie Dampf.

»Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein Hund, steh auf! Steh auf!«

»Lambert!« schreie ich.

»Wer bist du?«

»Dolgoruki!«

»Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?«

»_Einfach_ Dolgoruki! ... Bei Touchard ... Der, dem du im Restaurant die Gabel in den Schenkel gestoßen hast!«

»Ha--a--a!« ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes, verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) »Ha! also du bist es, du!«

Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann, und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein »Retter«, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, -- ich weiß es nicht, ich dachte nicht darüber nach, -- ich hielt mich an ihm fest, ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten später saß ich in einem warmen Zimmer.

III.

Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung, eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist. Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu halten ... wenigstens was die Umstände und die Folgen des Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf.

Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes, spärlich möbliertes Petersburger _Chambre garnie_{[60]} mittlerer Güte. Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm abgeteilt, hinter dem ein Bett stand.

»Alphonsine!« rief Lambert.

»_Présente!_«{[61]} antwortete hinter dem Schirm eine plärrende Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, -- ein sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und eingefallenen Wangen, -- ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer!

»Schnell!« rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr), »die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, -- schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell, er ist beinah erfroren ... Er ist mein Schulkamerad ... er hat die Nacht draußen im Schnee zugebracht ...«

»_Malheureux!_«{[62]} rief sie aus und schlug mit einer theatralischen Gebärde die Hände zusammen.

»Still! Wirst du wohl ...!« schrie Lambert sie drohend an, wie einen Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um seinem Befehl nachzukommen.

Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand auf meine Stirn, an meine Schläfen.

»Unbegreiflich ist mir,« brummte er, »daß du nicht erfroren bist ... Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest da wie in einer Pelzhöhle ...«

Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen, zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich erspäht hat ... Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine Berechnung er damals hat machen können.

Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte -- aber wer das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr. Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den Schirm zurück.

Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken. Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem »Dokument« erzählte, auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er mich schließlich sogar mit einer Frage unterbrach; das war insofern ein Wagnis, als ich, sobald ich unterbrochen wurde, von etwas ganz anderem weitersprach und das früher Erzählte vergaß. Wie lange wir so gesessen und gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich mir nicht einmal denken. Plötzlich stand er auf und rief Alphonsine.

»Er braucht Ruhe; vielleicht wird man auch nach dem Arzt schicken müssen. Was er verlangt -- das muß alles sofort getan werden, das heißt ... _vous comprenez, ma fille? Vous avez de l'argent_,{[63]} nicht? Da!«

Er gab ihr einen Zehnrubelschein und flüsterte noch ziemlich lange mit ihr. Ich hörte nur, wie er zwischendurch immer wieder »_vous comprenez? vous comprenez?_«{[64]} fragte. Er schien ihr etwas einzuschärfen, drohte ihr dabei mit dem Finger und runzelte mit strengem Gesicht die Brauen.

Ich sah, daß sie furchtbare Angst vor ihm hatte.

»Ich komme bald wieder, du aber mußt dich jetzt erst ausschlafen,« sagte er darauf mit einem Lächeln zu mir und nahm seine Mütze.

»_Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!_«{[65]} rief Alphonsine pathetisch.

»_Taisez-vous, je dormirai après._«{[66]}

Damit ging er hinaus.

»_Sauvée!_«{[67]} flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch ausgestrecktem Arm ihm nach.

»Monsieur, Monsieur!« fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, »_jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hasard. Une femme, qu'est-ce que c'est que ça dans notre époque? >Tue la!< voilà le dernier mot de l'Académie française!_«{[68]}

Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte, wenn ich nicht bewußtlos gewesen war.

»... _Hélas! de quoi m'aurait-il servi de le découvrir plus tôt_,« rief sie, »_et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au coeur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chemises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l'amitié rassemble à table épouse, enfants, soeurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon coeur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable et si ce n'était pas par l'entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, monsieur, qu'avez vous, monsieur?_«{[69]}

Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie müsse mich zerstreuen -- wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war. Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise mit der _Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris, etc._ eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser _Maison de monsieur Andrieux_ hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig von diesem _monsieur Andrieux_ getrennt worden, und zwar durch dieses _monstre furieux et inconcevable_,{[70]} und darin bestand nun die Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen; manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten, tremolierenden Stimme; das Wort _préférable_ sprach sie zum Beispiel »_préfér--a--able_« aus, und das _a_ blökte sie wie ein Schaf. Einmal sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf.

»Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich, griff schnell nach meiner Mütze und stürzte zu meinem Pelz.

»_Où allez-vous, monsieur?_«{[71]} rief Alphonsina erschrocken und eilte zu mir, um mich festzuhalten.

»Ich will fort, ich will hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht fest ...«

»_Oui, monsieur! Oh oui, je comprends!_« nickte Alphonsina und lief selbst voraus, um mir die Tür zum Korridor zu öffnen. »_Mais ce n'est pas loin, monsieur, ce n'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine de mettre votre manteau, c'est ici près, monsieur!_«{[72]} rief sie mir zu.

Ich bog aber, als ich auf den Korridor trat, schnell nach rechts.

»_Par ici, monsieur, c'est par ici!_«{[73]} schrie sie aus Leibeskräften und klammerte sich mit ihren langen knochigen Fingern an meinen Pelz, und mit der anderen Hand wies sie nach links in den Korridor, irgendwohin, wohin ich gar nicht wollte.

Ich riß mich los und lief durch die Tür am Ende des Korridors auf die Treppe hinaus.

»_Il s'en va, il s'en va!_« kreischte Alphonsina hinter mir drein und rannte mir nach. »_Mais il me tuera, monsieur, il me tuera!_«{[74]}

Aber ich war schon auf der Treppe, und es gelang mir, obgleich sie mir noch auf die Treppe nachstürzte, die Haustür zu öffnen, mich auf die Straße zu retten und in den ersten besten Schlitten zu springen. Dem Kutscher nannte ich Mamas Adresse ...

IV.

Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch sehr schnell wieder. Kaum, kaum erinnere ich mich noch dessen, wie ich heimfuhr und dann zu Mama hineingeführt wurde, dann aber trat bei mir schon vollständige Bewußtlosigkeit ein. Am folgenden Tage soll ich, wie man mir später erzählt hat, auf kurze Zeit wieder zu mir gekommen sein (übrigens habe auch ich noch einiges von diesem Tage behalten). Ich erinnere mich, wenn auch nur unklar, daß ich mich in Werssiloffs Zimmer auf seinem Diwan befand; erinnere mich der Gesichter Werssiloffs, Mamas, Lisas, erinnere mich sogar noch genau daran, daß Werssiloff mir irgend etwas von Serschtschikoff und dem Fürsten erzählte, mir immer wieder einen Brief zeigte, mir zuredete und mich zu beruhigen suchte. Später haben sie mir erzählt, ich hätte angstvoll nach einem Lambert gefragt und immer gesagt, ein Hündchen belle. Aber das schwache Licht des Bewußtseins erlosch bald: am Abend dieses zweiten Tages hatte ich schon hohes Fieber und phantasierte. Doch ich will nicht den Ereignissen vorgreifen und zunächst das erzählen, was inzwischen geschehen war, und wovon ich noch nichts wußte: