Sämtliche Werke 7-8

Part 32

Chapter 323,754 wordsPublic domain

»Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!« rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen mir ungemein. »Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach -- ich beobachtete sie unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer anziehend ... eben durch diese Eigenschaft ... Das habe ich Ihnen schon lange einmal sagen wollen.«

Was ich da von der Dame, die »fast ebenso schön war wie sie«, gesagt hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete, ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu machen.

»Man könnte wirklich glauben,« sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln, »daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen Frau befunden haben.«

Mir war, als flöge ich irgendwohin ... Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas zu verraten ... aber ich bezwang mich.

»Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.«

»Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,« sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die ungeheuerliche Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt -- natürlich nur im Scherz: >Vielleicht in der Zukunft<; aber das konnte doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht gehabt,« fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen war. »Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,« flocht ich noch schlau ein. »Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.«

»Naschtschokin war bei ihm?« fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt und augenscheinlich etwas verwundert.

»Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen ...«

»Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring gesprochen?« fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert.

»Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.«

Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit.

»Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,« fuhr ich voll Eifer fort. »Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine gewisse Einseitigkeit ... aber auch seine Fehler bezeugen nur seine anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so ...? Ach, Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?« fuhr ich plötzlich auf, da mein Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war.

»Zehn Minuten vor drei,« sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten, doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die Unterhaltung gemischt.

Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt.

»Sie haben sich verspätet?«

»Ja ... nein ... übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort, Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann nicht anders, ich muß es Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich eingeladen haben ... Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem Einfluß gewesen ... In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin ... Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen ... das spricht von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits ... und von einem so schönen Verhältnis ... Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel _Geschwisterliebe_, daß ich ...«

Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken -- gleichsam vor einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken -- und sie unterbrach mich hastig:

»Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen ... Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden ... Und ich habe schon lange ...«

Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein.

IV.

»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?« fragte ich.

»Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert ... Sie stellt sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,« flüsterte sie mir schnell und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen.

»Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges Mädchen!«

»Nun, dann bin _ich_ die Schlechte.«

»Lisa, was hast du nur?«

»Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten, >was sie selbst nicht zu sagen wagt<, so drückte sie sich aus. Arkadi, Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an ... Mama auch ...«

»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... ich weiß, es ist eine erbärmliche Schlappheit, aber ... das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter! Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich _kann_ gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ... Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama, daß ich euch dann nie mehr verlassen werde ...«

»Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!«

»Woher weißt du ...?« fragte ich zusammenzuckend.

»Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört ...«

Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten »Laterne«, einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt.

»Fürst Sserjosha,« flüsterte ich.

»Er ...« flüsterte sie.

»Warum bist du denn so erschrocken?«

»Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen ...«

»_Tiens_,{[41]} läuft er dir nicht am Ende nach?« fragte ich lachend. »Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?«

»Gehen wir; ich komme mit.«

»Aber hast du dich denn schon verabschiedet?«

»Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer ...«

Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke:

»Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen!«

»N--nein ... er wird ihr keinen Antrag machen ...« sagte sie langsam und bestimmt, doch mit leiser Stimme.

»Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten -- da man es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen -- aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg ... Wir haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so gut ... Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften ... auch Menschlichkeit ... oder wenigstens gute Ansätze ... und in den Händen einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß wir keine Zeit haben ... oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte dir dann einiges mitteilen ...«

»Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?«

»Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein gewisses Scheusal -- kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß auf seine Verhältnisse ... Wechsel und so was ... Na, mit einem Wort, er hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach keinen anderen Ausweg mehr gibt -- wenigstens können sie beide keinen anderen finden -- als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet. So müßte man sie eigentlich warnen ... übrigens, nein, Unsinn, sie wird schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen Korb geben?«

»Adieu, ich habe keine Zeit,« brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß ich erschrocken ausrief:

»Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?«

»Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf ...«

»Ach, wegen des Spiels, -- ja, ich gebe es auf.«

»Du sagtest soeben: >wenn man glücklich ist<, -- so bist du wohl sehr glücklich heute?«

»Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später ...! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?«

»Meinst du bei einem Stelldichein?« fragte sie, kaum lächelnd, es war ein seltsam totes, zitterndes Lächeln.

»Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.«

»Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb' ich sie dir!«

Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen. Ich sprang in meinen Schlitten.

Ja, ja, eben dieses »Glück« war ja damals die Hauptursache, weshalb ich wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!

Viertes Kapitel.

I.

Jetzt wird mir das Erzählen zur Pein. Das ist ja alles schon vor langer Zeit geschehen; aber auch jetzt noch ist für mich alles das wie eine Fata Morgana.

Wie konnte eine Frau, wie sie, einem so garstigen Jungen, wie ich damals war, ein Stelldichein geben? -- Das war die erste Frage! Als ich nach dem Gespräch mit Lisa in meinem Schlitten zu ihr flog, und mein Herz zu klopfen begann, dachte ich geradezu, ich wäre verrückt geworden: die Vorstellung, daß sie mich zu einem _Stelldichein_ aufgefordert hatte, erschien mir auf einmal so ungereimt, so hirnverbrannt, daß jede Möglichkeit, daran zu glauben, einfach ausgeschlossen war. Und doch -- zweifelte ich nicht im geringsten! Es war sogar so: je klarer ich die Unmöglichkeit erkannte, um so blinder glaubte ich. Daß es schon drei geschlagen hatte, beunruhigte mich: »Wenn es ein Stelldichein ist, wie kann ich dann zu spät kommen?« dachte ich. Es gingen mir auch noch andere dumme Fragen durch den Kopf, wie zum Beispiel: »Was ist für mich jetzt ratsamer, Kühnheit oder Schüchternheit?« Aber das zog alles nur flüchtig vorüber; denn das Vorherrschende und die Hauptsache lag doch im Herzen, und das war etwas, was ich nicht zu benennen vermochte. Am Tage vorher hatte sie zu mir gesagt: »Morgen werde ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna sein,« -- und das war alles gewesen. Aber erstens hatte sie mich auch bei sich immer allein empfangen, sie hätte mir also in ihrer Wohnung alles sagen können, was sie nur wollte, und brauchte sich deshalb nicht zu Tatjana Pawlowna zu begeben; folglich fragte es sich, wozu sie mich denn nun eigentlich an einen anderen Ort, eben zu Tatjana Pawlowna, bestellt hatte? Und die zweite Frage: Wird Tatjana Pawlowna zu Hause sein oder nicht? Wenn es ein Stelldichein sein sollte, so durfte Tatjana Pawlowna natürlich nicht zu Hause sein. Aber wie hätte sie das so einrichten können, ohne Tatjana Pawlowna vorher in alles einzuweihen? Also mußte Tatjana Pawlowna um das Geheimnis wissen? Dieser Gedanke erschien mir geradezu roh und so ... so unkeusch, ja, fast sogar schmutzig.

Und schließlich konnte sie gestern einfach auf den Gedanken gekommen sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, was sie mir dann ohne jede besondere Absicht mitgeteilt hatte, ich aber war gerade auf diese einfachste Deutung gar nicht verfallen. Und sie hatte es auch nur so nebenbei gesagt, nachlässig, ruhig, und nach einer sehr langweiligen Unterhaltung; denn ich war an diesem Nachmittag die ganze Zeit völlig verwirrt gewesen: ich hatte gesessen, unklar gesprochen und nicht gewußt, was ich sagen sollte, hatte mich furchtbar geärgert und geniert, sie aber hatte, wie sich herausstellte, irgendwohin fahren wollen und war daher sichtlich froh, als ich endlich aufbrach. Alle diese Erwägungen zogen durch meinen Kopf. Zuletzt beschloß ich folgendes: »Ich werde klingeln, und wenn die Köchin aufmacht, sie einfach fragen, ob Tatjana Pawlowna zu Haus ist! Ist sie nicht zu Hause, so ist es ein -- >Stelldichein<.« Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte nicht daran!

Ich lief die Treppe hinauf, und noch auf der Treppe, vor der Tür ihrer Wohnung, verschwand plötzlich meine ganze Furcht. »Ach, gleichviel wie und was,« dachte ich, »wenn's sich nur schnell entscheidet!« Die Köchin machte mir die Tür auf und brummte mit ihrem widerlichen Phlegma, Tatjana Pawlowna sei ausgegangen. Ich wollte schon fragen: »Aber ist nicht sonst jemand hier, wartet nicht jemand auf Tatjana Pawlowna?« -- aber ich unterließ die Frage, dachte mir: »ich sehe lieber selbst nach,« sagte der Köchin, ich würde warten, warf meinen Pelz ab und machte die Tür auf ...

Katerina Nikolajewna saß am Fenster und »wartete auf Tatjana Pawlowna«.

»Sie ist nicht da?« fragte sie mich sogleich, anscheinend besorgt und etwas geärgert, kaum daß sie mich erblickt hatte.

Und ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck entsprachen so wenig meinen Erwartungen, daß ich einfach auf der Schwelle stehen blieb und zu versinken glaubte.

»Wer ist nicht da?« stammelte ich.

»Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, daß ich um drei Uhr zu ihr kommen würde.«

»Ich ... ich habe sie überhaupt nicht gesehen.«

»Sie haben es vergessen?«

Ich sank wie erschlagen auf einen Stuhl. Also das war es gewesen! Und alles war ja so klar, wie sich nun herausstellte, wie zweimal zwei vier ist, ich aber -- ich glaubte immer noch.

»Ich kann mich aber gar nicht erinnern, daß Sie mich gebeten hätten, es ihr zu sagen. Und Sie haben mich ja auch gar nicht darum gebeten: Sie sagten nur, daß Sie um drei Uhr hier sein werden,« brachte ich ungeduldig hervor.

Ich sah sie nicht an.

»Ach!« rief sie da auf einmal, »wenn Sie es ihr zu sagen vergessen haben, selbst aber wußten, daß ich hier sein würde, warum sind Sie dann hergekommen?«

Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sah ich in ihrem Gesicht, sondern nur ein helles, lustiges Lächeln und eine gewisse auffallende Schelmerei in ihrem Gesichtsausdruck, -- übrigens hatte sie immer diesen Ausdruck -- so eine fast kindliche Ausgelassenheit, die förmlich zu necken schien: »Siehst du, jetzt habe ich dich ganz überführt, was wirst du nun sagen?«

Ich wollte nicht antworten und sah wieder zu Boden. Das Schweigen dauerte wohl eine halbe Minute.

»Sie kommen von Papa?« fragte sie plötzlich.

»Ich komme von Anna Andrejewna, beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch bin ich überhaupt nicht gewesen ... Und das wußten Sie,« fügte ich auf einmal hinzu.

»Und bei Anna Andrejewna ist mit Ihnen nichts geschehen?«

»Sie meinen, weil ich wie ein Verrückter aussehe? Nein, ich war schon vor meinem Besuch bei Anna Andrejewna verrückt.«

»Und sind bei ihr nicht vernünftig geworden?«

»Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. Ich habe außerdem gehört, daß Sie Baron Bjoring heiraten werden.«

»Hat sie Ihnen das gesagt?« forschte sie plötzlich interessiert.

»Nein, das habe ich ihr erzählt, und gehört habe ich es vorhin, als Naschtschokin es dem Fürsten Ssergei Petrowitsch erzählte.«

Ich sah sie noch immer nicht an; ich wagte nicht, den Blick zu ihr zu erheben; sie ansehen, hieß für mich, in strahlendes Licht, in Freude, in Glück tauchen, ich aber wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des Unwillens hatte sich in mein Herz gebohrt, und in einem Augenblick faßte ich einen ungeheuren Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu sprechen, ich weiß kaum, wovon. Ich sprach atemlos, sprach wirr und unverständlich, aber ich sah sie schon dreist an. Mein Herz klopfte. Ich sprach von irgend etwas, was mit der Situation in gar keinem Zusammenhang stand, vielleicht aber doch nicht ganz ohne Sinn war. Sie wollte mir anfangs zuhören, wie gewöhnlich mit ihrem nachsichtigen, sich gleichbleibenden Lächeln, das selten ganz aus ihrem Gesicht verschwand, doch allmählich trat Erstaunen und schließlich sogar Schreck in ihren gespannt auf mir ruhenden Blick. Das Lächeln schwand immer noch nicht ganz, aber auch das Lächeln veränderte sich hin und wieder gleichsam vor Schreck; da fiel es mir auf, daß sie plötzlich am ganzen Körper zusammengezuckt war.

»Was haben Sie?« fragte ich.

»Ich fürchte mich vor Ihnen,« antwortete sie mir fast aufgeregt.

»Warum gehen Sie nicht fort? Da Sie doch Tatjana Pawlowna nicht angetroffen haben und wissen, daß sie nicht so bald kommen wird, so hätten Sie doch aufstehen und fortgehen müssen.«

»Ich hatte die Absicht, sie zu erwarten, aber jetzt ... in der Tat ...« Sie wollte sich erheben.

»Nein, nein, bleiben Sie,« hielt ich sie zurück, »da sind Sie schon wieder zusammengezuckt, aber Sie lächeln auch in der Angst ... Sie haben immer ein Lächeln. Sehen Sie, jetzt lächeln Sie so, daß es ganz deutlich zu erkennen ist ...«

»Sie reden wohl im Fieber?«

»Ja, im Fieber.«

»Ich fürchte ...« murmelte sie.

»Was?«

»Daß Sie -- die Wand einreißen ...« sagte sie wieder lächelnd, aber nun fürchtete sie sich wirklich.

»Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen!«

Und ich begann wieder zu sprechen. Es war mir, als flöge ich, und irgend etwas stieß mich vorwärts. Noch nie, noch nie hatte ich so zu ihr gesprochen, immer war ich schüchtern gewesen. Auch jetzt war ich furchtbar bange, aber ich sprach trotzdem. Ich weiß noch, ich fing von ihrem Gesicht an:

»Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!« rief ich plötzlich aus. »Warum habe ich Sie mir so anders vorgestellt, noch in Moskau, immer streng, unnahbar, pompös und mit den falschen Gesellschaftsphrasen der großen Dame? Ja, schon in Moskau! Wir haben damals viel von Ihnen gesprochen, Marja Iwanowna und ich, haben immer versucht, uns vorzustellen, wie Sie aussehen ... Sie kennen doch Marja Iwanowna? Sie waren ja bei ihr. Und auf der Reise hierher hat mir die ganze Nacht im Waggon nur von Ihnen geträumt. Und hier habe ich vor Ihrer Ankunft einen ganzen Monat Ihr Porträt im Kabinett Ihres Vaters betrachtet und doch nichts erraten. Der Ausdruck Ihres Gesichts ist kindliche Schelmerei und unendliche Offenherzigkeit -- ja! Ich habe mich die ganze Zeit, seitdem ich Sie besuche, darüber gewundert. Oh, ich weiß, Sie können auch stolz sein und einen mit Ihrem Blick einfach vernichten: ich werde es nicht vergessen, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater ansahen, als Sie aus Moskau zurückkehrten ... Ich sah Sie damals, aber hätte mich draußen jemand gefragt: Wie sieht sie aus? -- ich hätte nichts zu sagen gewußt. Nicht einmal Ihre Größe hätte ich anzugeben gewußt. Wie ich Sie damals erblickte, erblindete ich. Ihr Porträt dort ist Ihnen gar nicht ähnlich: Sie haben keine dunklen, sondern helle Augen, nur Ihre langen Wimpern lassen sie dunkel erscheinen. Sie haben eine volle Gestalt, Sie sind von mittlerer Größe, aber Ihre volle Gestalt ist straff und leicht wie die eines gesunden Dorfmädchens. Und auch Ihr Gesicht ist ländlich, ist das Gesicht einer jungen Dorfschönheit, -- nehmen Sie es mir nicht übel; denn das ist doch gut, ist ja viel besser so, -- ein rundes, frisches, helles, kühnes, lachendes und ... schüchternes Gesicht! Wirklich schüchtern. Und das soll das Gesicht Katerina Nikolajewna Achmakoffs sein? -- Ja, schüchtern und keusch ist es, ich schwöre Ihnen! Ja, mehr noch als keusch, -- kindlich ist es! Das ist Ihr Gesicht! Ich habe mich die ganze Zeit darüber gewundert und mich immer gefragt: ist das wirklich dieselbe Frau? Jetzt weiß ich, daß Sie sehr klug sind, aber anfangs dachte ich doch, Sie wären geistlos. Sie haben einen heiteren Verstand, aber ohne alle Raffiniertheiten ... Und was ich an Ihnen noch besonders liebe, ist, daß dieses Lächeln Sie nie verläßt; dieses Lächeln ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und daß Sie die Worte so gleitend aussprechen, so ruhig und fast lässig, -- gerade diese Lässigkeit liebe ich. Ich glaube, selbst wenn eine Brücke unter Ihnen einstürzte, Sie würden auch dann noch ruhig und lässig irgend etwas sagen ... Ich stellte Sie mir als den Gipfel allen Stolzes und aller Leidenschaften vor, und nun haben Sie zwei Monate mit mir wie ein Student zu einem Studenten gesprochen. Ich hätte mir nie gedacht, daß Sie eine solche Stirn haben; sie ist etwas niedrig, wie bei Statuen, aber weiß und zart wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine hohe Brust, einen leichten Gang, Sie sind von außergewöhnlicher Schönheit, und dabei sind Sie eigentlich gar nicht stolz. Das habe ich ja erst jetzt begriffen, bis heute habe ich es ja immer noch nicht geglaubt!«