Part 23
»Ja, wie, muß man denn Ihrer Meinung nach der Wirtin raten, die Frauen aus dem Hause zu jagen?«
»Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben, daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert ... Übrigens, alle solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise zu enden ... Sprechen wir nicht davon.«
Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen.
»Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt ... Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme beschenkt hat; das -- würde seiner Tradition entsprechen und dem, was man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.«
Ich erzählte, was Stebelkoff von einem »Säugling« geschwätzt hatte.
»In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,« sagte Wassin, als ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das merkte ich mir). »Stebelkoff,« fuhr er fort, »verläßt sich zuweilen gar zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall: er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen, daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.«
Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung: das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der Fürst hatte »kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen«, wie Wassin sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den Fürsten von sich gestoßen, »worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,« sagte Wassin.
»Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,« fuhr er fort, »und mitunter vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner Rückkehr, nicht gewußt.« -- Werssiloff, der inzwischen der Freund der jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten, eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach Wassins Äußerung, »nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits«, die sie übrigens auch zu schätzen wußte. »Übrigens, natürlich, er wird schon verstanden haben, die Sache richtig zu machen,« meinte Wassin. Das Kind (ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden; später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg.
»Und die Phosphorstreichhölzer?« fragte ich.
»Davon weiß ich nichts,« schloß Wassin. »Lydia Achmakoff starb zwei Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht. Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur, daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint, zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre ... Überhaupt wird diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.«
»Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!« rief ich empört. »Was ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!«
»Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hat sie ihn ja selbst von sich gestoßen ... Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas zu bereitwillig angenommen.«
»Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?«
»Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein ziemlich alltäglicher Fall.«
»Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes, der mich nicht wenig angeht.«
Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht hatte -- verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. »Er hat viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen ... und er ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen. Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese, die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe, zum Beispiel so: >Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird stehen: »Schuster Fürst Soundso« -- und es wird sogar vornehm sein.< Und er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, -- das ist die Hauptsache,« fügte Wassin hinzu. »Indessen handelt es sich hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem; und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf diese Art in Ungelegenheiten geraten,« bemerkte Wassin, »eben dadurch, daß sie in unserer Zeit geboren sind.«
Ich wurde unwillkürlich nachdenklich.
»Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den Dienst zu quittieren?« erkundigte ich mich.
»Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?«
»Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.«
»Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna bekannt.«
»Ja? Das wußte ich nicht. Ich muß gestehen, ich habe mit meiner Schwester noch so wenig gesprochen ... Aber wie, -- ist er denn im Hause meiner Mutter empfangen worden?« fragte ich bestürzt.
»O nein; er war ja nur entfernt bekannt, durch ein drittes Haus.«
»Ja, richtig, was war es doch, was meine Schwester mir von diesem Kinde sagte? War denn auch dieses Kind in Luga?«
»Eine Zeitlang.«
»Und wo ist es jetzt?«
»Unbedingt in Petersburg.«
»Nein, nie im Leben werde ich glauben,« rief ich maßlos aufgebracht, »daß meine Mutter an dieser Geschichte mit der Lydia auch nur im geringsten beteiligt gewesen ist!«
»Die Rolle Werssiloffs in dieser ganzen Geschichte hat, wenn man von allen diesen Intrigen absieht, die zu erklären ich nicht versuchen will, eigentlich nichts besonders Tadelnswertes,« bemerkte Wassin mit einem nachsichtigen Lächeln. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu sprechen, aber er ließ es sich nicht merken.
»Nie, nie werde ich es glauben, daß eine Frau ihren Mann einer anderen Frau abtreten könnte!« rief ich wieder erregt, »niemals werde ich das glauben! ... Ich schwöre Ihnen, meine Mutter kann in dieser Geschichte nie und nimmer eine Rolle gespielt haben!«
»Allein, es scheint doch, daß sie nicht widersprochen hat?«
»Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz nicht widersprochen!«
»Ich, meinerseits, muß es vollständig ablehnen, über eine solche Sache zu urteilen,« äußerte sich Wassin dazu.
Es war wirklich möglich, daß Wassin, trotz all seinem unstreitigen Verstande, von den Frauen vielleicht überhaupt nichts verstand, so daß ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen für ihn fremd blieb. Ich verstummte. Wassin war zeitweilig in einer Aktiengesellschaft angestellt, und ich wußte, daß er gewöhnlich noch Arbeit nach Hause mitnahm. Auf meine beharrlichen Fragen gestand er endlich, daß er auch jetzt eine Arbeit hatte -- irgendwelche Rechnungen zu prüfen --, und ich bat ihn dringend, sich durch mich nicht davon abhalten zu lassen. Das war ihm, glaube ich, sehr angenehm; aber noch bevor er sich an die Arbeit setzte, machte er für mich auf dem Diwan ein Nachtlager zurecht. Zuerst wollte er mir sein Bett abtreten, doch als ich darauf nicht einging, war er, glaube ich, auch damit sehr zufrieden. Von der Wirtin verschaffte er sich ein Kissen und eine Decke. Wassin war ungemein artig und freundlich, aber es war mir doch gewissermaßen peinlich, zu sehen, wie er sich so um meinetwillen bemühte. Es war mir viel angenehmer zumute gewesen, als ich einmal, etwa drei Wochen vorher, bei Jefim auf der Petersburger Seite zufällig übernachtet hatte. Auch er hatte ein Lager für mich bereitet, gleichfalls auf einem Diwan in seinem Zimmer, -- und zwar heimlich, damit die Tante nichts davon hörte, denn er fürchtete, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß seine Freunde bei ihm übernachteten. Wir hatten während des Herrichtens nicht wenig gelacht: das Bettlaken wurde durch ein Hemd ersetzt, und das fehlende Kissen durch einen zusammengelegten Mantel. Ich weiß noch, als das Werk beendet war, schlug Jefim mit liebevollem Stolz auf die Sprungfedern der Polsterung, schnippte vor Vergnügen mit den Fingern und sagte:
»_Vous dormirez comme un petit roi!_«{[32]}
Und seine dumme Lustigkeit und dazu diese französische Phrase, die zu ihm paßte wie ein Sattel auf eine Kuh, waren so komisch gewesen, daß ich mich damals bei diesem närrischen Kauz mit Vergnügen und ganz vorzüglich ausgeschlafen hatte. Bei Wassin dagegen war ich erst froh, als er endlich, mit dem Rücken zu mir, an seiner Arbeit saß. Ich streckte mich auf dem Diwan aus und dachte, während ich auf seinen Rücken sah, lange und über vieles nach.
III.
Und ich hatte wahrlich auch Stoff zum Nachdenken. In mir war Unklarheit und Unruhe und doch keine greifbare, zwingende Veranlassung dazu; einzelne Empfindungen traten sehr deutlich hervor, aber keine einzige von ihnen riß mich ganz mit sich fort, da ihrer so viele waren. Alles tauchte nur flüchtig auf, ohne Zusammenhang und Reihenfolge, und ich hatte auch selbst gar keine Lust, bei irgend etwas zu verweilen oder Ordnung in die Reihenfolge zu bringen. Sogar der Gedanke an Krafft trat unmerklich zurück und -- immer mehr in den Hintergrund. Am meisten beschäftigte und erregte mich meine eigene Lage: daß ich nun schon mit ihnen »gebrochen« hatte, daß mein Koffer bei mir war, und ich nicht mehr zu Hause schlief, und jetzt bereits das Neue begonnen hatte, ganz als hätte ich mit allen meinen Absichten und Vorbereitungen bisher nur im Scherz gespielt, und als hätte erst jetzt, und vor allem ganz plötzlich und unerwartet, die »Umsetzung in die Tat, in die ernste Wirklichkeit« begonnen. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, und so unklar und unruhig ich mich innerlich aus vielen Gründen auch fühlte, sie machte mich sogar heiter. Aber ... aber es waren da auch noch andere Empfindungen; und eine von diesen wollte sich aus allen anderen ganz besonders hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen. Und sonderbar, auch diese Empfindung ermunterte mich: sie rief mich gleichsam zu etwas ungemein Lustigem. Und doch hatte sie mit einer Angst angefangen: ich fürchtete, und schon lange, schon seit dem Augenblick des Geschehens, daß ich in der Hitze und Überrumpelung der Achmakoff zuviel von dem Dokument gesagt hatte. »Ja, ich habe zuviel gesagt,« dachte ich, »und nun werden sie womöglich etwas erraten ... fatal! Natürlich werden sie mir keine Ruhe mehr lassen, wenn sie Verdacht geschöpft haben, aber ... meinetwegen! Übrigens, sie werden mich nicht einmal finden -- ich verstecke mich, ganz einfach! Was aber dann, wenn sie wirklich anfangen mich zu verfolgen ...« Und ich begann mich bis in alle Einzelheiten und mit wachsendem Vergnügen zu erinnern, wie ich vor Katerina Nikolajewna gestanden hatte, und wie ihre furchtlosen, nur maßlos verwunderten Augen mich unverwandt angesehen hatten. Und auch als ich hinausgegangen war, hatte ich sie in derselben Verwunderung zurückgelassen, erinnerte ich mich. »Ihre Augen sind aber doch nicht ganz dunkel ... nur die Wimpern sind ganz schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel ...«
Und auf einmal, ich weiß noch, wurde mir die Erinnerung unendlich widerlich ... und ärgerlich und ekelhaft wurden mir sowohl die beiden Frauen wie ich mir selbst. Ich warf mir da irgend etwas vor und bemühte mich, an anderes zu denken. »Warum ist in mir nicht die geringste Empörung über Werssiloff wegen der Geschichte mit der Nachbarin?« ging es mir plötzlich durch den Sinn. Ich war natürlich fest überzeugt, daß er ein Liebeserlebnis gesucht und sie nur deshalb aufgesucht hatte, aber das empörte mich eigentlich gar nicht. Es schien mir sogar, daß man ihn sich überhaupt nicht anders denken könne, und wenn es mich auch freute, daß er bloßgestellt worden war, so verurteilte ich ihn doch nicht. Das war nicht wichtig für mich; wichtig war aber für mich, daß er mich so böse angesehen hatte, als ich mit dieser Nachbarin eingetreten war, daß er mich so angesehen hatte wie noch nie zuvor. »Also endlich hat auch er mich _ernst_ genommen!« dachte ich mit stockendem Herzschlag. Oh, wenn ich ihn nicht so geliebt hätte, sein Haß hätte mich nicht so gefreut!
Endlich kam der Schlaf über mich, und ich schlief fest ein. Ich sah nur noch wie im Traum, halb schon schlafend, wie Wassin nach Beendigung seiner Arbeit alles ordentlich forträumte und, nach einem prüfenden Blick auf meinen Diwan, sich auszukleiden begann und das Licht löschte. Es war nach Mitternacht.
IV.
Fast genau zwei Stunden später fuhr ich wirr aus dem Schlaf auf und kam, auf meinem Sofa sitzend, erschrocken zu mir. Hinter der Tür, im Zimmer der Nachbarinnen, ertönten schreckliche Schreie, dazwischen verzweifeltes Weinen und Heulen. Unsere Zimmertür stand offen, und auf dem Korridor, der schon erhellt war, schrien und liefen Leute. Ich wollte schon Wassin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bett war. Ich wußte nicht, wo die Streichholzschachtel lag, so tastete ich nach meinen Sachen und begann mich in der Dunkelheit schnell anzukleiden. Im Nebenzimmer waren die Wirtin und wohl auch die anderen Zimmermieter schon zusammengelaufen. Übrigens war es nur eine Stimme, die so schrie und weinte, eben die der älteren Nachbarin, während die junge Stimme, die ich am Tage gehört und nur zu gut behalten hatte, -- gänzlich schwieg; ich erinnere mich noch, daß mir dies gleich als merkwürdig auffiel. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich ganz anzuziehen, als Wassin eilig eintrat; im Nu fand er mit gewohnter Hand die Streichhölzer und machte Licht im Zimmer. Er hatte über seiner Wäsche nur seinen Schlafrock an, die Füße staken in Pantoffeln, und er machte sich sogleich ans Ankleiden.
»Was ist geschehen?« fragte ich ihn bestürzt.
»Eine höchst unangenehme und widerwärtige Sache!« versetzte er fast wütend. »Diese junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in ihrem Zimmer erhängt.«
Ich schrie auf. Ich vermag gar nicht wiederzugeben, was ich empfand! Wir eilten auf den Korridor hinaus. Ich muß gestehen, ich wagte nicht, in ihr Zimmer einzutreten, und so sah ich die Unglückliche erst später, als man sie schon aus der Schlinge genommen hatte, und auch dann, aufrichtig gesagt, nur aus einiger Entfernung, wie sie da lag, mit einem Laken zugedeckt, unter dem nur die zwei schmalen Sohlen ihrer Schuhe hervorsahen. So habe ich ihr denn aus irgendeinem Grunde überhaupt nicht ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in einer furchtbaren Verfassung; die Wirtin, die übrigens gar nicht so sehr erschrocken zu sein schien, war bei ihr. Desgleichen waren alle übrigen Mieter zugegen und drängten sich da herum. Es waren nicht viele: ein älterer Seemann, der immer sehr brummig war und zu befehlen liebte, sich jetzt aber ganz still verhielt, und ein altes Ehepaar aus dem Tulaschen, ganz ehrenwerte Leute aus dem Beamtenstande. Ich will den Verlauf dieser Nacht, alle diese Laufereien und später auch die offiziellen Besuche, nicht weiter beschreiben; bis zum Morgengrauen zitterte ich buchstäblich die ganze Zeit und hielt es für meine Pflicht, mich nicht hinzulegen, obgleich ich nichts zu tun hatte und auch nichts tat. Eigentlich sahen alle sehr munter aus, ja sogar irgendwie besonders aufgeweckt. Wassin fuhr irgendwohin. Die Wirtin zeigte sich als ganz achtbare Frau, jedenfalls war sie besser, als ich erwartet hatte. Ich erklärte ihr (und das rechne ich mir zur Ehre an), daß man die Mutter jetzt nicht bei der Leiche der Tochter so allein lassen könne, und daß sie die Arme wenigstens bis zum nächsten Tage in ihrem Zimmer bei sich aufnehmen müsse. Sie war dazu gleich bereit, und wie sehr sich die Mutter auch wehrte und sich schluchzend weigerte, die Leiche zu verlassen, zu guter Letzt gelang es doch, sie zur Wirtin hinüberzuführen, die sogleich ihr Teemaschinchen aufstellen ließ. Hierauf zogen sich auch die übrigen in ihre Zimmer zurück und schlossen die Türen, ich aber wollte mich um keinen Preis hinlegen und saß noch lange bei der Wirtin, die sogar froh war über die Gegenwart eines dritten Menschen, der außerdem noch manches auf den Vorfall Bezügliche mitteilen konnte. Der Tee kam uns sehr zustatten, und überhaupt ist die Teemaschine eine der allernotwendigsten Sachen im russischen Leben, besonders bei Katastrophen und Unglücksfällen, namentlich, wenn es plötzliche, schreckliche und ganz außergewöhnliche sind. Selbst diese verzweifelte Mutter trank schließlich zwei Täßchen, natürlich erst nach langem Zureden unsererseits und Versuchen, sie womöglich dazu zu zwingen. Und doch muß ich aufrichtig sagen, daß ich noch nie einen so grausamen und unmittelbaren Schmerz gesehen habe wie damals bei dieser Unglücklichen. Nach den ersten Ausbrüchen der Verzweiflung und Hysterie, begann sie zu sprechen; sie hatte offenbar das Bedürfnis, zu sprechen, und ich hörte ihr gierig zu. Es gibt Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen unbedingt so viel als möglich sprechen lassen muß. Gibt es doch tatsächlich Menschen, die vom Kummer schon so zermürbt sind, die ihr ganzes Leben lang gelitten, die schon so viel und Ungeheuerliches erduldet haben, und beständig um kleinlicher Dinge willen, daß sie durch nichts mehr erschüttert werden können, auch nicht durch plötzliche Katastrophen, und die sogar am Sarge des geliebtesten Wesens keine einzige der so hart erworbenen Regeln ihres dienstfertigen Umgangs mit Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht: hier ist es nicht niedrige Selbstsucht, nicht Gefühlsroheit; in diesen Herzen findet sich vielleicht mehr Gold als in denen der anscheinend edelsten Heldinnen, aber die Gewohnheit der langen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb, die langjährige Einschüchterung und Niedergedrücktheit erweisen sich schließlich als stärker. Darin hatte die arme Selbstmörderin ihrer Mutter nicht geglichen. Übrigens war in ihren Gesichtszügen, wenn ich mich nicht irre, doch eine Ähnlichkeit vorhanden, obgleich die Verstorbene entschieden gut aussah. Die Mutter war noch keine sehr alte Frau, erst gegen fünfzig, und ebenso blond wie die Tochter, aber ihre Augen und Wangen waren eingefallen und ihre Zähne ungleichmäßig, groß und gelb. Ja, eigentlich war alles an ihr gelblich; die Haut ihres Gesichts und ihrer Hände erinnerte an Pergament; ihr dunkles billiges Kleid hatte vor Alter auch schon einen braungelben Farbton, und den Nagel ihres Zeigefingers der rechten Hand hatte sie, ich weiß nicht weshalb, sorgfältig und sauber mit gelbem Wachs beklebt.
Die Erzählung der armen Frau war zum Teil zusammenhanglos. Ich werde sie wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden und soweit ich ihre Worte behalten habe.
V.