Sämtliche Werke 7-8

Part 2

Chapter 23,228 wordsPublic domain

Der Roman »Der Jüngling« ist im Jahre 1875 erschienen, steht also in der Reihenfolge der fünf großen Romane Dostojewskis zwischen den »Dämonen« und den »Brüdern Karamasoff«. Schon während der Arbeit an diesem Roman hatte Dostojewski in seinen Aufsätzen, die er in den Jahren 1873--74 unter dem Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« zunächst im »Bürger«, und vom Jahre 1876 an als selbständige Monatsschrift erscheinen ließ, zu Tagesfragen Stellung genommen und eine Tätigkeit eröffnet, mit der er unmittelbar erzieherisch wirkte. Dieselben Ideen, die er seinen Romanen zugrunde legte, kehrten in diesen Aufsätzen wieder, und umgekehrt finden wir, daß er sich in seinen Aufsätzen mit einzelnen Ideen seiner Romane beschäftigte. So kam er auf das Thema des »Jünglings«, insofern es das Thema der russischen Familie ist, in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« immer wieder zu sprechen. Es sind Ausführungen, die sich mit einer Äußerung Dostojewskis am Schluß dieses Romans begegnen, wo er den Begriff einer »zufälligen Familie« aufstellt. Im Roman selbst hat er diesen Ausdruck nicht weiter erläutert. Die Tagebuchstellen handeln von der russischen Familie, als einer zufälligen Familie, weshalb sie hier mitgeteilt sein mögen:

»Noch nie hat es in unserem russischen Leben eine Zeit gegeben, in der die russische Familie so zerrüttet, zersetzt und ungeordnet gewesen ist wie jetzt. Wo findet man heutzutage noch eine Kindheit und Jugend, die in einer so einheitlichen, ruhigen und klaren Darstellung wiedergegeben werden könnte, wie z. B. Graf Leo Tolstoi uns _seine_ Jugendzeit und sein Elternhaus in der Erzählung >Kindheit und Jugend< und in >Krieg und Frieden< geschildert hat? Alle diese Werke sind heute nur noch historische Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Oh, ich will damit durchaus nicht sagen, daß es schöne Bilder wären, ich wünsche auch keineswegs ihre Wiederholung in unserer Zeit, nicht davon rede ich. Ich spreche nur von ihrem Charakter, von der Vollendung, Ausgesprochenheit und Bestimmtheit ihres Charakters ... Heutzutage gibt es das nicht: Es gibt keine Bestimmtheit, es gibt keine Klarheit. Die russische Familie von heute wird immer mehr zu einer _zufälligen Familie_. Ihre alte Form hat sie verloren, und zwar ganz plötzlich, ohne daß es vorherzusehen gewesen wäre; die neue Form aber -- ja, da fragt es sich nun: wird unsere Familie imstande sein, sich eine neue, wünschenswerte, das russische Herz befriedigende Form zu schaffen? Sagen doch schon manche und sogar sehr ernste Leute, daß es eine russische >Familie< jetzt überhaupt nicht mehr gäbe. Natürlich ist damit nur die Familie der russischen Intelligenz gemeint, d. h. der höheren Kreise, nicht des Volkes. Aber wie, ist denn im Volk die Familie heute nicht auch eine >Frage<?« ... »Worin besteht nun diese >Zufälligkeit<, was verstehe ich darunter? Die >Zufälligkeit< der russischen Familie besteht, meiner Meinung nach, darin, daß die russischen Väter von heute jede gemeinschaftliche Idee in ihrem Verhältnis zu ihrer Familie eingebüßt haben. Es fehlt eine allen Vätern eigene, sie untereinander verbindende Idee, an die sie selbst glauben, und die sie ihren Kindern als Glaubensbekenntnis fürs ganze Leben hinterlassen könnten. Wohlgemerkt: diese Idee, dieser Glaube wäre -- selbst wenn er fehlerhaft ist, so daß die fähigeren Kinder sich in der Folge von ihm lossagen oder ihn wenigstens für ihre Kinder umändern müßten -- so wäre doch schon das bloße Vorhandensein dieses Glaubens oder dieser gemeinsamen, die Gesellschaft und die Familie verbindenden Idee immerhin der Anfang einer Ordnung, d. h. einer sittlichen Ordnung, die natürlich der Veränderung, sagen wir meinetwegen, dem Fortschritt, der Verbesserung unterworfen wäre -- jedenfalls der Ordnung. Statt dessen kann man heute nur Folgendes beobachten: erstens, eine ausnahmslose Verneinung des Früheren (also doch nur etwas Negatives und nichts Positives); zweitens, Versuche, etwas Positives zu sagen, aber nichts Gemeinsames und Verbindendes, -- Versuche ohne Erfahrung, ohne Praxis, ja sogar ohne vollen Glauben an sie auf seiten der Versuchenden selbst. Diese Versuche können manchmal sogar von einem prachtvollen Grundsatz ausgehen, aber sie werden nicht durchgehalten, sie bleiben unausgetragen; manchmal sind sie auch ganz unsinnig, so die Erlaubnis alles dessen, was früher verboten war, nach dem Grundsatz, daß alles Alte dumm sei. Und schließlich drittens: schlaffe und faule, egoistische Väter, die nur an sich und den Augenblick, nicht an die Kinder und deren Zukunft denken. So ist denn das Endergebnis -- Unordnung, Zerstückelung und eben diese >_Zufälligkeit_< der russischen Familie, von der ich sprach.«

E. K. R.

Verzeichnis der Hauptpersonen

_Andreí Petrówitsch Werssíloff_ -- russischer Edelmann. Andreí Andréjewitsch Werssíloff, Leutnant } seine ehelichen Anna Andréjewna Werssíloff } Kinder. _Arkádi Makárowitsch Dolgorúki_, der } seine Jüngling } unehelichen Lísa Makárowna Dolgorúki } Kinder. Frau Ssófja Andréjewna Dolgorúki -- die Mutter der unehelichen Kinder Werssíloffs. Makár Iwánowitsch Dolgorúki -- ihr rechtmäßiger Mann, ein ehemaliger Leibeigener Werssíloffs. Fürst Nikolaí Iwánowitsch Ssokólski -- ein früherer Freund Werssíloffs. Katerína Nikolájewna Achmákoff -- die junge Witwe des Generals Achmákoff und die einzige Tochter des Fürsten N. I. Ssokólski. Lydia Achmákoff -- ihre verstorbene Stieftochter. Tatjána Páwlowna Prútkoff -- eine entfernte Verwandte Werssíloffs. Fürst Ssergeí Petrówitsch Ssokólski -- genannt »Fürst Sserjósha«, Leutnant in einem Garderegiment, ein entfernter Verwandter des alten Fürsten N. I. Ssokólski. Dárja Oníssimowna -- eine Witwe aus der Provinz. Ólä -- ihre Tochter. Andrónikoff -- ehemals ein guter Bekannter Werssíloffs und des alten Fürsten N. I. Ssokólski. Márja Iwánowna -- Andronikoffs Nichte, bei der der Jüngling als Gymnasiast in Moskau in Pension gelebt hat. Nikolaí Ssemjónowitsch -- ihr Mann. Jefím Swerjóff } Dergatschóff } _Bekannte_ Wássín } _des_ Stebelkóff } »_Jünglings_« Tríschátoff u. a. }

Erster Teil

Erstes Kapitel.

I.

Nun habe ich mich doch nicht bezwingen können und mich hingesetzt, um die Geschichte meiner ersten selbständigen Schritte niederzuschreiben -- obwohl ich das eigentlich auch unterlassen könnte ... Eines aber weiß ich genau: meine ganze Lebensgeschichte würde ich niemals schreiben, und sollte ich auch hundert Jahre alt werden. Da muß man denn doch gar zu erbärmlich in die eigene Person verliebt sein, um ohne sich vor sich selbst zu schämen, über sich selbst schreiben zu können. Was mich diesmal noch entschuldigt, ist ja nur, daß ich nicht aus dem Grunde schreibe, der alle anderen zum Schreiben veranlaßt, das heißt, ich schreibe nicht, um vom Leser bewundert zu werden. Wenn es mir trotzdem in den Sinn gekommen ist, alles wortgetreu aufzuzeichnen, was ich in diesem letzten Jahr erlebt habe, so ist das aus einem inneren Bedürfnis heraus geschehen: einen so großen Eindruck haben diese Erlebnisse auf mich gemacht. Ich will nur die Ereignisse wiedergeben, Beiläufiges aber nach Möglichkeit übergehen, und vor allem die üblichen literarischen Verzierungen und Einleitungen vermeiden. Ein Literat schreibt mitunter ganze dreißig Jahre lang in einem Strich, zu guter Letzt aber weiß er oft selbst nicht, was er nun eigentlich so lange geschrieben hat. Ich dagegen bin kein Literat und möchte auch gar keiner sein; ja, ich würde es geradezu für eine Geschmacklosigkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine schöne Schilderung meiner Gefühle auf ihren Literaturmarkt zu schleppen. Nur habe ich zu meinem Ärger so eine Vorahnung, als ob man ganz ohne Gefühlsschilderungen und Betrachtungen (vielleicht sogar recht abgeschmackte Betrachtungen) doch nicht gut auskommen könne: dermaßen verderblich wirkt jede literarische Betätigung auf den Menschen, auch wenn er ausschließlich für sich selbst schreibt. Nun werden meine Betrachtungen vielleicht sogar sehr trivial erscheinen; denn es ist leicht möglich, daß andere gerade das völlig wertlos finden, was man selbst am höchsten schätzt. Aber genug davon. Da habe ich also doch eine regelrechte Vorrede geschrieben. Weiteres von dieser Art soll es nun wirklich nicht mehr geben. Jetzt fange ich endgültig meine Geschichte an, obschon nichts so schwierig ist, wie eine Sache anzufangen, vielleicht sogar überhaupt etwas in der Welt anzufangen.

II.

Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung mit ...

Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein, vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert.

Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will, muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht auch mir selbst verständlicher werde.

III.

Ich bin -- ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt. Die Sache verhält sich so:

Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren Einfluß gehabt hat -- einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen Leben weiterwirken wird -- daß dieser Mensch mir auch heute noch in vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein.

Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar, verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir, obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich doch vorausschicken -- gewissermaßen als Charakteristikum --, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts.

Auf sein Gut war er damals »Gott weiß warum« gekommen, wenigstens drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul- oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope -- ein jeder, wirklich ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen:

»_Fürst_ Dolgoruki?«[1]

Und jedesmal mußte ich jedem dieser müßigen Leute erklären:

»Nein, _einfach_ Dolgoruki.«

Dieses »einfach« drohte schließlich, mich einfach um meinen Verstand zu bringen. Übrigens verdient es gewissermaßen als Phänomen erwähnt zu werden, daß ich mich tatsächlich keines einzigen Menschen entsinne, der nicht so gefragt hätte, kein einziger machte eine Ausnahme! Viele interessierte diese Feststellung offenbar überhaupt nicht, es lag ihnen nichts an der Antwort, und ich begreife wirklich nicht, zu welch einer Teufelei sie auch nur einen von ihnen hätte interessieren sollen! Aber sie fragten alle, alle ohne Ausnahme. Und wenn ich dann gesagt hatte, daß ich _einfach_ Dolgoruki hieße, maß mich der Betreffende gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick (der mir nur bestätigte, daß er selbst nicht wußte, wozu er gefragt hatte) und wandte sich von mir ab. Am kränkendsten fragten die Schulkameraden. Wie wird überhaupt ein Neuling von einem Mitschüler gefragt? Bekanntlich ist der verwirrte, eingeschüchterte Junge an seinem ersten Schultage -- gleichviel in welcher Schule -- das allgemeine Opfer: ihm wird verschiedenes befohlen, er wird geneckt und von allen Seiten unter die Lupe genommen. Und da pflanzt sich denn ein gesunder, dicker Junge breitspurig vor ihm auf und betrachtet ihn geraume Zeit mit strengem, hochmütigem Blick: der Neuling steht vor ihm, schweigt, sieht zu Boden oder zur Seite oder sieht ihn an, wenn er kein Feigling ist, und wartet, was jetzt wohl geschehen werde.

»Wie heißt du?«

»Dolgoruki.«

»_Fürst_ Dolgoruki?«

»Nein, einfach Dolgoruki.«

»Ah so, einfach! -- Esel!«

Und er hat recht: es gibt nichts Dümmeres, als Dolgoruki zu heißen, wenn man nicht auch Fürst ist. Und den Fluch dieser Dummheit muß ich ohne mein Verschulden ewig mit mir herumschleppen. Später, als es mich doch zu sehr zu ärgern begann, antwortete ich auf die Frage:

»Bist du 'n Fürst?«

jedesmal:

»Nein, ich bin der Sohn eines Hofbauern, eines ehemaligen Leibeigenen.«

Und als meine Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte, antwortete ich auf die Frage, ob ich Fürst sei, laut und mit fester Stimme:

»Nein, ich heiße einfach Dolgoruki und bin der uneheliche Sohn meines früheren Gutsherrn Werssiloff.«

Das hatte ich mir in der sechsten Klasse des Gymnasiums ausgedacht, und wenn ich mich auch bald überzeugte, daß es dumm von mir war, so hörte ich doch nicht so bald auf, diese Dummheit zu begehen. Ich entsinne mich noch, wie einer meiner Lehrer -- übrigens war er der einzige -- einmal von mir sagte, daß ich von der »rachsüchtigen sozialen Idee« erfüllt sei. Im allgemeinen nahm man aber solche Ausfälle meinerseits mit einer Nachdenklichkeit auf, in der für mich entschieden etwas Verletzendes lag. Einmal aber sagte mir ein Mitschüler, einer, der nicht auf den Kopf gefallen war, doch geschah es nur selten, daß wir ein paar Worte wechselten, mit seltsam ernstem Gesicht, indem er zur Seite blickte:

»Solche Gefühle machen Ihnen natürlich nur Ehre, und zweifellos werden Sie auch alle Ursache haben, darauf stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich mit einer unehelichen Geburt doch nicht gar so sehr prahlen ... Sie dagegen scheinen sich darüber zu freuen, als wären Sie heute Geburtstagskind.«

Seitdem »prahlte« ich nicht mehr mit meiner unehelichen Geburt.

Wie gesagt, es ist tatsächlich sehr schwer, glaubhaft zu schreiben: da habe ich nun ganze drei Seiten beschrieben, um zu erzählen, wie ich mich über meinen Familiennamen geärgert habe, während der Leser sicherlich schon nach der ersten Seite vermutet haben wird, mein Ärger über meinen Namen sei nichts anderes gewesen, als der Ärger darüber, daß ich nicht »Fürst«, sondern »einfach« Dolgoruki heiße. Dies nun zu widerlegen und womöglich eine Art Rechtfertigung zu versuchen, wäre aber doch zu erniedrigend für mich!

IV.

Unter dem Hofgesinde, das, wie erwähnt, sehr zahlreich war, befand sich auch ein junges Mädchen, das kaum sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte, als der fünfzigjährige Makar Dolgoruki plötzlich die Absicht äußerte, dieses Mädchen zu heiraten. Die Ehen des Hofgesindes wurden früher, zur Zeit der Leibeigenschaft, bekanntlich nur mit Erlaubnis der Gutsherrschaft geschlossen oder sogar einfach auf deren Befehl. Auf dem Gute Werssiloffs aber lebte damals als einzige Vertreterin der Herrschaft nur Tantchen -- d. h. sie ist eigentlich niemandes Tante, nur wird sie, ich weiß selbst nicht weshalb, schon ihr Leben lang von allen »Tantchen« genannt, nicht etwa als meine Tante, sondern als Tante überhaupt, was auch von seiten der Familie Werssiloff geschieht, mit der sie allerdings so etwas wie entfernt verwandt sein soll. Dieses »Tantchen« heißt sonst Tatjana Pawlowna Prutkoff, und damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und sogar in demselben Bezirk, in dem Werssiloffs Stammgut lag, fünfunddreißig Leibeigene. Auf dem Gute Werssiloffs aber, wo sie als Nachbarin und halbwegs Verwandte zu der Zeit ständig lebte, war sie -- nun, wohl nicht gerade die Verwalterin (zum Gut gehörten über fünfhundert Leibeigene), aber doch so etwas wie eine Aufseherin, und diese Aufsicht soll, wie ich gehört habe, derjenigen eines studierten Oberverwalters in nichts nachgestanden haben. Übrigens gehen mich ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse nichts an; ich wollte hier nur sagen, daß diese Tatjana Pawlowna -- ohne jede Schmeichelei -- ein wirklich edeldenkendes und im übrigen originelles Wesen ist. Nun, und eben diese Tatjana Pawlowna suchte damals den finsteren Makar Dolgoruki (er soll damals sehr finster gewesen sein) von den Heiratsgedanken nicht etwa abzubringen, sondern soll ihm aus einem unbekannten Grunde sogar noch zugeredet haben. Die achtzehnjährige Ssofja Andrejewna -- meine Mutter -- war schon seit einigen Jahren Ganzwaise. Ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofbauer und dem Makar Dolgoruki in irgendeiner Sache zu Dank verpflichtet gewesen war, hatte diesen Makar sein Lebtag sehr geachtet und soll deshalb auf dem Sterbebett, nur eine Viertelstunde vor seinem Tode (so daß man es zur Not auch als bewußtloses Irrereden hätte auffassen können, ganz abgesehen davon, daß er als Leibeigener überhaupt nichts zu bestimmen hatte) den alten Makar Dolgoruki zu sich gerufen und ihm in Gegenwart des Geistlichen und aller versammelten Gutsbauern laut und bestimmt, auf seine zwölfjährige Tochter weisend, gesagt haben:

»Erzieh sie und nimm sie zum Weibe.«

Das haben alle gehört. Was nun aber den alten Makar Iwanoff betrifft, so weiß ich nicht, aus welcher Überlegung er sie dann später geheiratet hat, ich meine, ob mit Vergnügen oder nur aus Pflichtgefühl. Anzunehmen ist, daß er sich vollkommen gleichmütig dazu verhielt. Er war ein Mensch, der sich auch damals schon »hervorzutun« verstand. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa sehr belesen oder sehr bibelkundig gewesen sei, obschon er die ganze Liturgie auswendig kannte und namentlich die Heiligenlegenden, diese allerdings, ohne sie selbst gelesen zu haben. Nein, er war auch nicht einmal ein sogenannter Bauernräsonnör, sondern einfach ein eigensinniger Charakter, ja, mitunter sogar gewagt eigensinnig: er redete selbstbewußt, urteilte unwiderruflich, und führte zum Überfluß ein »ehrsames Leben«, wie er sich selbst ausdrückte. Ja, so war er zu jener Zeit. Natürlich wurde er von allen geachtet, doch war er nichtsdestoweniger allen unausstehlich. Das sollte erst später anders werden, als er sein Pilgerleben begann: dann sah man in ihm nahezu einen Heiligen oder jedenfalls einen großen Dulder.

Über den Charakter meiner Mutter läßt sich nicht viel sagen: bis zu ihrem achtzehnten Jahr hatte Tatjana Pawlowna sie bei sich behalten, trotz aller Ratschläge des Verwalters, sie doch nach Moskau zu schicken, um sie dort etwas lernen zu lassen. Tatjana Pawlowna hatte sie statt dessen selbst in manchem unterrichtet, im Nähen, im Zuschneiden, wie sie sich als Mädchen zu benehmen habe, und sogar ein wenig im Lesen. Schreiben konnte meine Mutter nie so recht. Die Heirat mit Makar Iwanoff war in ihren Augen eine schon längst beschlossene Sache, und überhaupt fand sie alles, was mit ihr damals geschah, vortrefflich und sogar besser, als sie es sich zu wünschen gewußt hätte. Zum Altar ging sie mit der ruhigsten Miene, die man in einem solchen Fall nur haben kann, so daß selbst Tatjana Pawlowna sie einen Fisch genannt hat. Dies alles hat mir Tatjana Pawlowna selbst erzählt.

Als Werssiloff auf sein Gut kam, war sie gerade erst ein halbes Jahr verheiratet.

V.