Part 17
»_Ce Touchard_ kam wütend mit dem Brief in der Hand herein und trat an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle gerade lernten, packte mich an der Schulter, riß mich vom Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.
>Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!< schrie er mich an und wies auf ein unglaublich kleines Zimmerchen links vom Vorraum, wo nur ein einfacher Tisch, ein Strohstuhl und ein mit Wachstuch bezogener Diwan standen -- genau wie bei mir jetzt hier im Mansardenzimmer. Ich war erstaunt und erschrocken und tat ganz befangen, was er mir befohlen hatte, -- so grob war noch kein Mensch zu mir gewesen. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer wieder verlassen hatte, begann ich zu den Kameraden hinüber zu schauen, und auch sie sahen mich an, und wir lachten; natürlich lachten sie über mich, aber ich erriet das nicht und glaubte harmlos, wir lachten, weil wir lustig wären. Da kam Touchard hereingestürzt, packte mich am Schopf, und nun wurde ich gezaust.
>Wie darfst du es wagen, mit vornehmen Kindern umzugehen, du bist niedriger Herkunft und kaum mehr als ein Lakai!<
Und er schlug mich schmerzhaft auf meine frische Backe, und da er am Schlagen Gefallen fand, schlug er mich noch einmal und dann noch zum drittenmal. Ich weinte laut auf und war schrecklich verblüfft. Eine ganze Stunde saß ich, das Gesicht in den Händen vergraben, und schluchzte, schluchzte. Es war etwas geschehen, was ich auf keine Weise verstehen, was ich überhaupt nicht fassen konnte. Und ich begreife auch heute noch nicht, wie dieser als Mensch keineswegs bösartige Touchard, der sich sogar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland freute -- er, der Ausländer -- wie dieser Mensch einen dummen kleinen Jungen so schlagen konnte. Übrigens war ich nur erstaunt, nicht beleidigt; ich verstand damals noch nicht, Beleidigungen als solche zu empfinden. Ich glaubte, ich sei unartig gewesen: wenn ich mich jedoch besserte und artig wäre, so würde man mir verzeihen, und wir würden dann wieder alle fröhlich sein und auf dem Hof zusammen spielen und ein Leben führen, wie es nicht schöner denkbar ist!«
»Mein Freund, wenn ich nur geahnt hätte ...« sagte Werssiloff langsam und mit dem nachlässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen, »aber wer hätte das denken können, daß dieser Touchard ein solcher Spitzbube wäre! Übrigens gebe ich die Hoffnung noch immer nicht auf, daß du dich doch noch mit ganzer Kraft aufraffst und uns alles das schließlich verzeihst, und wir dann wieder ein Leben führen können, wie es nicht schöner denkbar ist.«
Er gähnte tatsächlich.
»Aber ich beschuldige doch keinen Menschen, das fällt mir ja gar nicht ein, und ich klage auch gar nicht über Touchard, ich versichere Ihnen!« rief ich laut, aber innerlich doch etwas verwirrt durch seine Bemerkung. »Und er schlug mich ja im ganzen auch nur zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte zu ihm, um seine Hände zu küssen, und ich küßte sie, und ich weinte, weinte. Die Kameraden lachten über mich und verachteten mich, da Touchard mich nun wie seinen Diener zu behandeln begann, sich die Kleider von mir reichen ließ, wenn er sich anzog, und ähnliches. Hierbei kam mir mein Bedientenblut instinktiv zustatten; ich gab mir die größte Mühe, ihm alles recht zu machen, und ich war nicht im geringsten beleidigt, da ich noch nichts von alledem begriff. Wirklich, ich wundere mich bis zum heutigen Tage, daß ich damals noch so dumm war und nicht einmal erriet, warum ich geringer war als die anderen alle. Freilich hatten mir meine Mitschüler schon damals vieles erklärt; das war eine gute Schule. Touchard aber zog es bald vor, mich mit dem Knie von hinten zu stoßen, statt mich zu ohrfeigen, und so nach einem halben Jahr war er manchmal sogar freundlich zu mir, aber wenigstens einmal im Monat mußte er mich doch noch schlagen, zur Erinnerung, damit ich mich nicht vergäße. Bald durfte ich auch wieder mit den anderen zusammensitzen oder spielen, aber in den ganzen zweieinhalb Jahren hat Touchard keinen Augenblick den Unterschied in unserer sozialen Stellung außer acht gelassen oder vergessen, und wenn er auch nicht mehr beständig Dienstleistungen von mir verlangte, so konnte er es doch nicht ganz unterlassen, wie ich vermute, eben um mich an den Unterschied zu erinnern ...
Meine Flucht, -- das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht, wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns dann nie wieder trennen -- das war das wichtigste und schönste! Wenn ich dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit, meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde -- oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, _was_ man mir nicht verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen, endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum Einbruch der Dunkelheit warten -- >dann schleiche ich die Treppe hinunter,< dachte ich, >und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!< -- Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war, und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen. >Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen, und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so wird das für sehr lange ausreichen.< So dachte ich mir das alles. Aber am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum; >sollte es nicht dieser sein?< dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell, schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich -- dunkle, dunkle Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren, und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab' ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum Überfluß auch noch ein Feigling war, -- da erst begann meine wirkliche, meine richtige Entwicklung!«
»Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und ganz und gar erkannt!« rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. »Ja, du warst nicht nur damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert, daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe. Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen, sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!«
Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte.
»Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,« wandte ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, »ich bin wirklich so weit >Lakai<, daß ich mich auf keine Weise nur damit zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; sogar die >Vorrechte< des höheren Standes, die ich ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht gerührt. Nein -- gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater ... das habe ich verlangt -- wie sollt' ich denn da nicht ein Lakai sein? Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, -- wie ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also morgen, Mama, _wir_ sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein >Lakai< wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann, der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, -- denken Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder er oder ich, -- wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann ...«
Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte, und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien »erfunden, in einer kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt«. Werssiloff saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte ernst den Kopf.
Siebentes Kapitel.
I.
Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte, wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt. Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war, ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten. Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte. Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen, und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders -- ich wußte schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde ich zu Wassin gehen, dann aber -- dann verschwinde ich für alle auf lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und -- und ich war trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend etwas.
Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden: Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen, indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff.
»Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr sein konnte, aber ... einen solchen Hundestall habe ich doch nicht vermutet.« Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und schaute sich neugierig um. »Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!«
Das Stübchen hatte allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Sarges, und ich wunderte mich, wie richtig er das sofort herausgefunden und ausgedrückt hatte. Es war ein schmaler, länglicher Raum; in Schulterhöhe neigte sich die Wand in stumpfem Winkel nach vorn, in der Schrägheit des Giebeldaches, und stieß oben wieder in stumpfem Winkel mit der Decke zusammen, die ich mit der Handfläche berühren konnte. Werssiloff hielt sich anfangs unwillkürlich gebückt, als fürchte er, unversehens mit dem Kopf anzustoßen; aber schließlich sah er, daß nichts zu befürchten war, und setzte sich ziemlich ruhig auf meinen Diwan, auf dem schon mein Nachtlager hergerichtet war. Ich setzte mich nicht und betrachtete ihn mit der größten Verwunderung.
»Deine Mutter sagte soeben, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von dir annehmen sollte, das du ihr vorhin für Beköstigung und Wohnung angeboten hast. Nun, im Hinblick auf diesen Sarg darf man das Geld nicht nur nicht annehmen, sondern ganz im Gegenteil, dir müßte von uns noch zugezahlt werden! Ich bin hier noch nie gewesen und ... kann mir nicht denken, daß es überhaupt möglich ist, hier zu leben.«
»Ich habe mich daran gewöhnt. Daß ich aber Sie jetzt bei mir sehe, daran kann ich mich auf keine Weise gewöhnen -- nach alledem, was sich unten zugetragen hat.«
»Nun ja, du warst unten beträchtlich grob, aber ... ich habe gleichfalls meine besonderen Zwecke, die ich dir auch erklären werde, obschon in meinem Kommen, nebenbei bemerkt, nichts Außergewöhnliches liegt. Selbst das, was sich unten zugetragen hat, auch das ist alles nur in der Ordnung der Dinge; aber erkläre mir, ich bitte dich, nur das eine: war das, was du uns dort unten erzähltest, und wozu du uns so feierlich und großartig vorbereitet hast -- war das nun wirklich alles, was du uns eröffnen oder mitteilen wolltest, hattest du weiter nichts zu sagen?«
»Das war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.«
»Dann war es etwas wenig, mein Freund, ich muß gestehen, nach deinem Anfang, und wie du uns alle zum Lachen gereizt hast, und als ich dann noch sah, wie sehr es dich drängte, zu erzählen -- da erwartete ich Größeres.«
»Sollte Ihnen das nicht ganz gleich sein?«
»Ich spreche im Grunde ja nur aus dem Maßgefühl heraus; das war dieses große Vorspiel nicht wert, da war das Maßverhältnis gestört. Einen ganzen Monat hast du geschwiegen, dich gesammelt, und plötzlich -- ist nichts dahinter.«
»Ich wollte vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich dies wenige erzählt habe. Es läßt sich nicht alles erzählen, so in Worten ausdrücken, manches wird am besten nie erzählt. Ich aber habe doch genug gesagt, und dennoch haben Sie nichts verstanden.«
»Ah, auch du leidest also manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht in Worte hineinzwängen läßt! Das ist ein edler Schmerz, mein Freund, und wird nur Auserwählten gegeben; ein Dummkopf ist immer zufrieden mit dem, was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig ist; viel Lärm um nichts.«
»Wie zum Beispiel ich vorhin; auch ich sagte mehr als nötig war; ich verlangte den >ganzen Werssiloff< -- das ist viel mehr als nötig ist; ich brauche Werssiloff überhaupt nicht.«
»Mein Freund, du willst, wie ich sehe, das wieder einholen, was du unten verloren hast. Du scheinst zu bereuen, und da bereuen bei uns nichts anderes heißt, als sofort wieder einen anderen angreifen, so möchtest du mich diesmal gut treffen und nicht wieder vorbeischlagen. Ich bin zu früh gekommen, du bist noch nicht abgekühlt, und zudem fällt es dir sehr schwer, Kritik zu ertragen. Aber so setze dich doch, um Gotteswillen, -- ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. So, danke. Aus dem, was du unten von dem Fortgehen deiner Mutter sagtest, geht nur zu klar hervor, daß es unter allen Umständen am besten ist, wenn wir uns trennen. Ich bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, das nach Möglichkeit weniger schroff und ohne einen Skandal zu tun, damit es deine Mutter nicht noch mehr betrübt und erschreckt. Schon daß ich selbst zu dir ging, hat ihr Hoffnung gemacht: sie glaubt, wir würden uns noch versöhnen, und dann werde wieder alles beim alten bleiben. Und ich glaube, wenn wir jetzt hier oben ein- oder zweimal etwas lauter lachen würden, so würden wir ihrem schüchternen Herzen die größte Freude bereiten. Mögen es auch nur schlichte Herzen sein, aber sie lieben doch so innig und ungekünstelt, weshalb sollte man da nicht etwas gut zu ihnen sein, wenn sich Gelegenheit dazu bietet? Das wäre das eine. Und dann zweitens: Warum sollen wir denn mit Rachedurst, mit Zähneknirschen und grimmigen Schwüren auseinandergehen? Zweifellos haben wir nicht die geringste Veranlassung, uns gegenseitig um den Hals zu fallen, aber man kann sich doch auch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?«
»Das ist alles -- Unsinn! Ich verspreche, ohne Skandal das Haus zu verlassen -- und das genügt. Sie sagen, Sie bemühten sich um meiner Mutter willen? Und mir will es scheinen, daß die Ruhe der Mutter hiermit nichts zu tun hat und Sie nur so reden.«
»Du glaubst mir nicht?«
»Sie sprechen mit mir entschieden wie mit einem kleinen Kinde!«
»Mein Freund, ich bin ja bereit, dich tausendmal um Verzeihung zu bitten, für all das, was du mir da vorwirfst, für alle diese Jahre deiner Kindheit und so weiter, aber, _cher enfant_, was käme denn dabei heraus? Du bist so klug, daß du es wohl selbst nicht wünschen wirst, dich in einer so dummen Lage zu befinden. Ich will noch nicht einmal davon reden, daß ich den Charakter deiner Vorwürfe sogar bis jetzt noch nicht verstehe. In der Tat, was machst du mir nun eigentlich zum Vorwurf? Daß du nicht als ein Werssiloff geboren bist? Oder nicht? Bah! Du lachst verächtlich und wehrst mit der Hand ab, also ist es nicht das?«
»Versichere Sie, nein. Und ich kann auch keine besondere Ehre darin finden, Werssiloff zu heißen.«
»Lassen wir die Ehre beiseite; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt demokratisch sein; aber wenn es nicht das ist, was ist es dann?«
»Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was mir klargemacht werden mußte, da ich von selbst niemals darauf verfallen wäre: Sie haben mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich noch dankbar sein. Ich verstehe nur nicht, warum ich undankbar bin, sogar jetzt noch, sogar nachdem man mich aufgeklärt hat. Spricht da nicht am Ende Ihr stolzes Blut, Andrei Petrowitsch?«
»Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle deine Ausfälle unten, statt mich zu treffen, wie du es wolltest, nur deine Mutter getroffen und gepeinigt haben. Indessen sollte man meinen, nicht dir stünde es zu, sie zu richten. Und worin besteht denn ihre Schuld vor dir? Und vielleicht erklärst du mir auch, mein Freund, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck du in der Schule und auf dem Gymnasium und überall, und sogar dem ersten besten, dem du vorgestellt wurdest, wie ich gehört habe, von deiner illegitimen Geburt erzählt hast? Man sagte mir, du hättest das mit einer besonderen Vorliebe getan. Und dabei ist das ein Nonsens und eine häßliche Verleumdung; denn du bist legitim geboren als Sohn Makar Iwanowitsch Dolgorukis, eines ehrenwerten und sowohl durch Verstand als Charakter ausgezeichneten Menschen. Wenn du aber eine höhere Bildung erhalten hast, so verdankst du das allerdings deinem ehemaligen Gutsherrn Werssiloff, doch was hat das mit deiner Herkunft zu tun? Indem du aber selbst von deiner illegitimen Herkunft erzählst, was selbstverständlich an sich schon eine Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und, aus einer Art von falschem Stolz, deine Mutter vor den Richterstuhl jedes ersten besten Lumpen gezogen. Mein Freund, das ist sehr unfein, um so mehr, als deine Mutter persönlich an nichts schuld ist: sie ist das reinste Wesen, das ich kenne, und wenn sie nicht den Namen Werssiloff trägt, so liegt das nur daran, daß sie bis auf den heutigen Tag mit einem anderen verheiratet ist.«