Part 8
»Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht!« dachte _Nicolas_ oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte.
IV.
Unser Prinz reiste drei Jahre lang und noch länger, so daß er bei uns fast ganz in Vergessenheit geriet. Unser Kreis freilich wußte durch Stepan Trophimowitsch, daß er ganz Europa bereist hatte, sogar in Ägypten und in Jerusalem gewesen war; dann hatte er sich mit einer wissenschaftlichen Expedition auch nach Island begeben. Ferner hieß es, er habe einen Winter an einer deutschen Universität Kolleg gehört. An seine Mutter schrieb er nur selten, aber die fühlte sich dadurch nicht mehr gekränkt. Die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Sohn hatten nun einmal diese Form angenommen, die sie wortlos hinnahm; im übrigen dachte sie beständig an ihren _Nicolas_ und sehnte sich nach ihm. Doch davon erfuhr kein Mensch etwas. Selbst von Stepan Trophimowitsch zog sie sich anscheinend ein wenig zurück. Sie schmiedete heimlich Pläne, wurde noch sparsamer und ärgerte sich immer mehr über Stepan Trophimowitschs Verluste im Kartenspiel.
Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr plötzlich nach acht Jahren, Nicolai Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen anzuschließen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg höchst einflußreichen Persönlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein leiblicher Sohn aufgenommen werde, so daß er, man könne sagen, fast ganz im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich. Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschloß sich schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurück; sie hatte Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren sollten.
Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untröstliche Praskowja Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in der Absicht, es im Spätsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande wollte sie sich dann endgültig in unserem Gouvernement niederlassen. In der Stadt besaß sie ein großes Haus, das schon viele Jahre leer stand, mit geschlossenen Fensterläden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines Branntweinpächters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine große Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein vermögender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterließ seiner siebenjährigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermögen, zu dem später noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mußte, da diese aus ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna übereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief »Hurra!« und schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er die Zeit ihrer Abwesenheit in größter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor ihrer Abreise hatte sie ihm, »diesem Weibe«, nichts von ihren Plänen mitgeteilt, vielleicht weil sie fürchtete, er könne ausplaudern. Doch schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, daß sie den verlassenen Freund nach ihrer Rückkehr besser behandeln müsse. Tatsächlich war ihre plötzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied für sein schüchternes Herz der Anlaß zu qualvollen Zweifeln gewesen. Außerdem quälte ihn noch eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmöglich decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade während ihrer Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit natürlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ändern begonnen. Das beeindruckte ihn um so mehr, als er natürlich schon wieder erregt befürchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen gefährlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, daß man sich in der Stadt erzählte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara Petrowna seien früher bekannt gewesen, doch hätten sie sich schließlich verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna nach ihrer Rückkehr so munter und siegesgewiß seinen Bericht anhörte, u. a. auch das Gerücht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern.
»Es wird Ihnen, _excellente amie_,{[12]} zweifellos bekannt sein,« begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Länge ziehend, »was ein russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen dürften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was der _Machtrausch_ eines russischen Beamten bedeutet ...«
»Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das?«
»Das heißt ... _Vous savez, chez nous ... En un mot_,{[13]} stellen Sie den erbärmlichsten Nichtsnutz als Verkäufer von, sagen wir, irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbärmlichste Wicht wird sich sofort für berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lösen wollen, _pour vous montrer son pouvoir_.{[14]} >Warte<, denkt er dann bei sich, >ich will dir meine Macht zeigen!< Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an dieser ihrer Macht. _En un mot_ ...«
»Ja, fassen Sie sich kürzer, wenn Sie können.«
»_En un mot_, dieser Herr von Lembke hat also zunächst das Gouvernement bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession und sogar ein überaus schöner Mann in den vierziger Jahren ...«
»Schöner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf.«
»Allerdings. Doch aus Höflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen nicht widersprechen ...«
»Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! Übrigens, Sie tragen eine rote Halsbinde; schon lange?«
»Das ... ich ... ich habe das nur heute ...«
»Und sind Sie auch täglich sechs Werst spazieren gegangen, wie es Ihnen der Arzt verordnet hat?«
»Nicht ... nicht immer.«
»Wußte ich's doch! schon in der Schweiz ahnte ich das!« rief sie gereizt. »Jetzt werden Sie mir aber zehn Werst täglich gehen! Sie sind ja geradezu heruntergekommen! Sie sind ja nicht nur alt, Sie sind ein Greis geworden ... ich erschrak geradezu, als ich Sie wiedersah, trotz Ihrer roten Halsbinde ... _quelle idée rouge_!{[15]} Erzählen Sie weiter von diesem Lembke, wenn es wirklich etwas von ihm zu erzählen gibt, nur kommen Sie bald zu einem Ende; ich bin müde.«
»_En un mot_, ich wollte ja auch nur sagen, daß er einer von denen ist, die erst mit vierzig Jahren anfangen Karriere zu machen, sei es dank einer plötzlich erworbenen Gattin oder einem nicht minder verzweifelten Mittel. Über mich hat man ihm natürlich sofort alles zugetragen: daß ich die Jugend verdürbe und den Atheismus verbreite. Er hat auch sofort Erkundigungen eingezogen. Und als man ihm von Ihnen berichtete, bisher hätten eigentlich Sie das Gouvernement verwaltet, da hat er sich zu äußern erlaubt, >so etwas werde hinfort nicht mehr vorkommen<.«
»Hat er das wirklich gesagt?«
»Wortwörtlich. Seine Gemahlin werden wir hier erst Ende August erblicken; sie kommt direkt aus Petersburg.«
»Nein, aus dem Auslande. Ich bin mit ihr dort zusammengetroffen. In Paris und in der Schweiz. Sie ist mit Drosdoffs verwandt.«
»Verwandt? Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen! Man sagt, sie sei ehrgeizig und ... habe durch Beziehungen gute Protektion?«
»Unsinn, die paar Verwandten! Bis zum fünfundvierzigsten Jahr saß sie als alte Jungfer da, ohne eine Kopeke, dann hat sie endlich diesen von Lembke erwischt und nun ist ihr ganzer Ehrgeiz seine Karriere.«
»Es heißt, sie sei zwei Jahre älter als er?«
»Fünf Jahre. Ihre Mutter hat mich in Moskau umschmeichelt, damit ich sie zu den Bällen einlud, damals zu Wszewolod Nicolajewitschs Lebzeiten. Die Tochter aber saß dann ohne Tänzer da, bis ich ihr aus Mitleid nach Mitternacht den ersten Kavalier zuschickte. Niemand wollte sie mehr einladen ... Ich sage Ihnen, wie ich jetzt nach Paris kam, stieß ich sofort auf eine Intrige. Sie haben doch soeben jenen Brief der Drosdowa gelesen; was konnte noch klarer sein? Aber was fand ich? Diese dumme Drosdowa -- sie ist immer dumm gewesen -- sieht mich fragend an: warum ich denn gekommen sei? Sie können sich meine Verwunderung vorstellen! Aber natürlich: da intrigiert diese Lembke und dann ist da dieser Vetter, ein Neffe des seligen Drosdoff, -- da war mir alles klar! Ich habe dann alles wieder zurechtgerückt; und Praskowja ist nun wieder auf meiner Seite; aber es war eine richtige Intrige im Gange!«
»Die Sie indes besiegt haben. Sie sind ein Bismarck!«
»Auch ohne ein Bismarck zu sein, kann ich Falschheit und Dummheit erkennen, wo ich ihnen begegne. Die Lembke ist falsch und Praskowja ist dumm. Selten habe ich eine so verdrossene Frau gesehen wie die, dazu hat sie noch geschwollene Füße und zum Überfluß ist sie noch gutmütig. Es gibt wohl nichts dümmeres als einen gutmütigen Dummkopf!«
»Doch, einen bösen Dummkopf, _ma bonne amie_,{[16]} ein böser Dummkopf ist noch viel dümmer.«
»Vielleicht haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an Lisa?«
»_Charmante enfant!_«{[17]}
»Aber jetzt nicht mehr _enfant_, sondern Weib, und ein Weib mit Charakter. Ein edler und feuriger Mensch, und ich liebe es an ihr, daß sie der Mutter nicht gehorcht, dieser leichtgläubigen Närrin. Wegen dieses Vetters kam es da fast zu einem ganzen Drama.«
»Ach richtig, er ist ja mit Lisa persönlich gar nicht verwandt[25] ... Hat er denn Absichten?«
»Sehen Sie, er ist ein junger Offizier, sehr schweigsam, sogar bescheiden. Ich will immer gerecht sein. Ich glaube, er ist selbst gegen diese Intrige und hat keine Wünsche, nur die Lembke scheint da intrigiert zu haben. Er achtete _Nicolas_ sehr. Sie verstehen, die ganze Sache hängt von Lisa ab. Als ich sie in der Schweiz verließ, stand sie sich mit _Nicolas_ ausgezeichnet, und er hat mir versprochen, im November herzukommen. Folglich war das nur eine Intrige der Lembke, und Praskowja war einfach blind. Plötzlich sagt sie mir, meine Vermutungen seien einfach Einbildung. Da habe ich ihr aber ins Gesicht gesagt, daß sie eine Närrin ist. Wenn mich nicht _Nicolas_ gebeten hätte, es vorläufig aufzuschieben, wäre ich nicht heimgereist, ohne dieses falsche Frauenzimmer entlarvt zu haben. Sie hat sich durch _Nicolas_ beim Grafen K. einzuschmeicheln, hat Mutter und Sohn zu entzweien versucht. Aber Lisa ist auf unserer Seite und mit Praskowja habe ich mich verständigt. Wissen Sie, daß Karmasinoff mit ihr verwandt ist?«
»Was? Verwandt mit Frau von Lembke?«
»Nun ja. Aber nur entfernt verwandt.«
»Karmasinoff, der Novellist?«
»Nun ja doch, der Schriftsteller, worüber wundern Sie sich? Natürlich hält er sich selbst für eine Größe. Ein aufgeblasener Wicht! Sie wird mit ihm zusammen herkommen, jetzt macht sie sich dort mit ihm wichtig. Hier will sie literarische Abende veranstalten. Er kommt auf einen Monat, um hier sein letztes Gut zu verkaufen. Fast wäre ich mit ihm in der Schweiz zusammengetroffen, was ich durchaus nicht wollte. Übrigens hoffe ich doch, daß er geruhen wird, mich wiederzuerkennen. Früher hat er in meinem Hause verkehrt, hat Briefe an mich geschrieben. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich sorgfältiger kleideten, Stepan Trophimowitsch; Sie werden mit jedem Tage nachlässiger ... Wissen Sie denn nicht, wie mich das quält! Was lesen Sie jetzt?«
»Ich ... ich ...«
»Verstehe schon. Wie gewöhnlich die Freunde, die Gelage, der Klub, die Karten und der Ruf eines Atheisten. Dieser Ruf gefällt mir nicht, besonders jetzt möchte ich ihn nicht hören. Das ist doch alles nur leeres Geschwätz. Das muß doch einmal gesagt werden.«
»_Mais, ma chère_{[18]} ...«
»Hören Sie mich an: in allen gelehrten Fragen bin ich natürlich unwissend, ein Laie, im Vergleich zu Ihnen, aber auf der Heimreise habe ich viel über Sie nachgedacht. Und ich bin zu einer Einsicht gelangt.«
»Und zu welcher?«
»Zu der, daß nicht wir beide die Klügsten auf der Welt sind, sondern daß es auch noch klügere gibt als wir.«
»Das ist sowohl scharfsinnig wie treffend gesagt. _Mais, ma bonne amie_,{[19]} wenn ich auch das Rechte, nehmen wir an, nicht am besten weiß und mich objektiv vielleicht irre, so habe ich doch mein allgemein menschliches, ewiges, höheres Recht auf mein freies Gewissen? Ich habe doch das Recht, kein Heuchler und Fanatiker zu sein, wenn ich das nicht sein will, und dafür werde ich naturgemäß, solange die Welt steht, von verschiedenen Leuten gehaßt werden. _Et puis, comme on trouve toujours plus de moines que de raison_,{[20]} und da das ganz meine Meinung ist ...«
»Wie, wie war das, was sagten Sie da? Das stammt gewiß nicht von Ihnen, das haben Sie bestimmt irgendwo gelesen?«
»Das hat Pascal gesagt.«
»Das hab' ich mir doch gleich gedacht ... daß es kein Ausspruch von Ihnen ist! Warum sagen Sie niemals etwas so kurz und treffend, sondern ziehen alles immer so in die Länge? ...«
»_Ma foi, chère_{[21]} ... warum? Erstens wahrscheinlich deshalb, weil ich immerhin nicht Pascal bin, _et puis_{[22]} ... zweitens, weil wir Russen in unserer Sprache nichts auszudrücken verstehen ... Wenigstens haben wir bisher noch nichts in ihr ausgedrückt ...«
»Hm! Darin haben Sie vielleicht doch nicht recht. Aber könnten Sie sich denn nicht wenigstens solche Aussprüche aufschreiben oder merken, für den Fall, wissen Sie, wenn das Gespräch ... Ach, Stepan Trophimowitsch, ich habe mir unterwegs vorgenommen, einmal ernst mit Ihnen zu sprechen, sehr ernst.«
»_Chère, chère amie!_«
»Jetzt, wo alle diese Lembkes und Karmasinoffs ... Oh Gott, wie sind Sie heruntergekommen! Oh, wie Sie mich damit quälen! ... Ich möchte, daß diese Menschen Hochachtung vor Ihnen empfänden, denn sie sind ja alle nicht einmal soviel wert wie ein Finger von Ihnen, Ihr kleiner Finger, aber Sie, wie halten Sie sich! Was werden diese Leute in Ihnen sehen? Wen kann ich ihnen präsentieren? Statt vornehm als Zeuge dazustehn, ein Beispiel zu sein, umgeben Sie sich mit solch einem Pack, Sie haben unmögliche Gewohnheiten angenommen, sind alt geworden, können ohne Wein und Karten nicht mehr leben, Sie lesen nur noch Paul de Kock und schreiben selbst überhaupt nichts mehr, während die dort alle schreiben. Ihre ganze Zeit vergeuden Sie im Geschwätz. Ist es denn möglich, darf man sich denn das erlauben, sich mit solchem Gesindel anzufreunden, wie es Ihr ewiger Liputin ist?«
»Warum denn >mein ewiger Liputin<?« protestierte Stepan Trophimowitsch schüchtern.
»Und Schatoff? Ist er immer noch derselbe?«
»_Irascible, mais bon._«{[23]}
»Ich kann Ihren Schatoff nicht ausstehen; er ist böse und eingebildet!«
»Wie geht es Darja Pawlowna?«
»Sie fragen nach Dascha? Wie kommen Sie plötzlich darauf?« Warwara Petrowna sah ihn forschend an. »Sie ist gesund. Ich habe sie bei Drosdoffs gelassen ... In der Schweiz habe ich etwas über Ihren Sohn gehört; Schlechtes, nicht Gutes.«
»_Oh, c'est une histoire bien bête! Je vous attendais, ma bonne amie, pour vous raconter_{[24]} ...«
»Genug, Stepan Trophimowitsch, gönnen Sie mir Ruhe, ich bin ohnehin erschöpft. Wir werden noch Zeit haben, uns auszusprechen, besonders über das Schlechte. Wenn Sie lachen, spritzt jetzt von Ihren Lippen schon Speichel, das ist ja bereits greisenhaft! Und wie sonderbar Sie jetzt immer lachen ... Gott, wie viele schlechte Gewohnheiten Sie angenommen haben! Karmasinoff wird Ihnen bestimmt keinen Besuch machen! Hier aber sind alle schon ohnehin froh über ... Erst jetzt zeigen Sie sich in Ihrer wahren Gestalt. Aber genug, genug, ich bin müde! Sie könnten doch wahrlich endlich einmal auf einen Menschen Rücksicht nehmen!«
Stepan Trophimowitsch nahm also »Rücksicht auf einen Menschen«, aber er entfernte sich verwirrt.
V.
Unser Freund hatte in der Tat nicht wenige schlechte Gewohnheiten angenommen, besonders in der letzten Zeit. Er war sichtlich und schnell heruntergekommen, und es war richtig, er vernachlässigte auch schon sein Äußeres. Er trank auch mehr, wurde weinerlicher und nervöser; seine Liebe zum Schönen aber war schon zu einer Übersensibilität geworden. Sein Gesicht hatte die seltsame Fähigkeit erlangt, erstaunlich schnell den Ausdruck zu wechseln, z. B. die feierlichste Miene im Nu in einen komischen oder sogar dummen Ausdruck zu verwandeln. Einsamkeit ertrug er überhaupt nicht mehr und wollte beständig unterhalten sein, sei es mit Stadtklatsch oder Anekdoten, wenn es nur etwas Neues war. Kam längere Zeit niemand zu ihm, so wanderte er trübselig durch die Zimmer, trat ans Fenster, sah gedankenverloren hinaus, schob dabei die Lippen hin und her, seufzte tief und schließlich begann er fast zu flennen. Er glaubte immer, Vorahnungen zu haben, fürchtete etwas Unerwartetes, Unabwendbares, wurde schreckhaft und achtete sehr auf seine Träume.
Diesen Tag und den Abend verbrachte er sehr traurig. Er ließ mich zu sich bitten, war sehr aufgeregt, erzählte viel, aber recht zusammenhanglos. Es schien mir schließlich, daß ihn etwas Besonderes bedrückte, etwas, das er sich vielleicht selber nicht erklären konnte. Sonst hatte er bei solchen Gelegenheiten, wenn er mir vorzuklagen begann, nach einer Weile immer ein Fläschchen bringen lassen, und alles war dann bald in weit tröstlicherem Lichte erschienen. Diesmal aber unterdrückte er sichtlich mehrmals den erwachenden Wunsch, eine Flasche bringen zu lassen. -- »Und worüber ärgert sie sich denn eigentlich?« klagte er wie ein Kind. »_Tous les hommes de génie et de progrès en Russie étaient, sont et seront toujours des_ Kartenspieler _et des_ Trinker _qui boivent_{[25]} anfallweise ... ich aber bin noch lange kein so großer Spieler und Trinker ... Sie macht mir Vorwürfe, warum ich nichts schreibe! Sonderbarer Einfall! ... Warum ich nichts tue! Sie sagt, ich müsse als Beispiel und Vorwurf dastehen! _Mais entre nous soit dit_,{[26]} was kann denn ein Mensch, dessen Bestimmung es ist, als verkörperter Vorwurf dazustehen, anderes tun als Nichtstun, -- weiß sie das denn nicht?«
Und schließlich erriet ich auch jenen wichtigsten und besonderen Kummer, der ihn diesmal so unablässig quälte. Er war schon mehrere Male vor dem Spiegel stehen geblieben. Schließlich wandte er sich von ihm ab und sagte in einer seltsamen Verzweiflung:
»_Mon cher, je suis un_{[27]} heruntergekommener Mensch!«
Ja, in der Tat, bis dahin, bis zu diesem Tage war er wenigstens von einem beständig überzeugt geblieben, trotz aller »neuen Anschauungen« und »Ideenänderungen« Warwara Petrownas, nämlich davon, daß er für ihr weibliches Herz immer noch bezaubernd sei, d. h. nicht nur als Verbannter oder als berühmter Gelehrter, sondern auch als schöner Mann. Zwanzig Jahre lang hatte diese schmeichelhafte und beruhigende Überzeugung tief verwurzelt in ihm gelebt, und vielleicht fiel ihm nichts so schwer, wie daß er von allen seinen Überzeugungen ausgerechnet diese aufgeben mußte. Ahnte er vielleicht an diesem Abend, welch eine ungeheure Prüfung ihm schon in so naher Zukunft bevorstand?
VI.
Ich komme jetzt zu der Wiedergabe jenes zum Teil vergessenen Geschehnisses, mit dem meine Chronik eigentlich erst beginnt.
Ende August kehrten Drosdoffs zurück. Sie trafen kurz vor ihrer Verwandten ein, der lange von der ganzen Stadt erwarteten Gattin unseres neuen Gouverneurs, und überhaupt machte ihr Erscheinen bei uns einen auffallenden Eindruck in der Gesellschaft. Doch davon später; hier sei nur bemerkt, daß Praskowja Iwanowna der sie ungeduldig erwartenden Warwara Petrowna ein höchst beunruhigendes Rätsel mitbrachte: _Nicolas_ hatte sich bereits im Juli von ihnen getrennt und war mit der Familie des Grafen K. nach Petersburg zurückgekehrt. (_NB._ Der Graf hatte drei heiratsfähige Töchter.)
»Von Lisaweta habe ich nichts erfahren können, aus diesem stolzen Trotzkopf ist ja nichts herauszubringen,« schloß Praskowja Iwanowna, »aber ich habe ja selbst gesehen, daß zwischen ihr und _Nicolas_ etwas vorgefallen ist. Die Ursache ist mir unbekannt, aber ich glaube, Sie werden sich, meine Liebe, nach diesen Ursachen am besten bei Ihrer Darja Pawlowna erkundigen. Meiner Meinung nach ist Lisa gekränkt worden. Ich bin nur froh, daß ich Ihren Liebling Dascha endlich wieder Ihnen abliefern kann. Gott sei Dank, nun bin ich sie los!«
Doch mit diesen giftigen, offenbar absichtlich so vielsagenden Worten geriet sie an die Falsche: Warwara Petrowna verlangte sofort streng eine nähere Erklärung. Praskowja Iwanowna wurde hierauf sehr viel kleinlauter, ja schließlich begann sie zu weinen und ihr Herz auszuschütten. Es sei also zwischen Lisa und _Nicolas_ tatsächlich zu einem Zerwürfnis gekommen, doch Gott weiß aus welchem Grunde. Ihre Anspielung auf Darja Pawlowna nahm sie wieder zurück und bat sogar ausdrücklich, ihre »in der Gereiztheit« gesprochenen Worte ganz zu vergessen. Zu jenem Zerwürfnis hätte wohl der »trotzige und spöttische« Charakter Lisas den Anstoß gegeben, und der »stolze« _Nicolas_ sei zwar sehr verliebt gewesen, habe aber die Spötteleien doch nicht ertragen und selbst zu spotten begonnen. Kurz, alle diese Erklärungen kamen sehr unklar heraus. Und dann hätten sie noch Stepan Trophimowitschs Sohn kennen gelernt, -- »Das war ein ganz gewöhnlicher junger Mann, sehr lebhaft und frei, aber sonst nichts Besonderes.« Diesen jungen Mann habe nun Lisa unrechterweise sehr bevorzugt, wohl um _Nicolas_ eifersüchtig zu machen, nur sei ihr das nicht gelungen: statt eifersüchtig zu werden, habe _Nicolas_ sich selbst mit dem jungen Manne befreundet, ganz als bemerke er nichts oder als wäre ihm das ganz gleichgültig. »Nun und das empörte Lisa. Der junge Mann reiste übrigens bald weiter, Lisa aber begann nun bei jeder Gelegenheit Streit mit _Nicolas_. Sie bemerkte, daß dieser manchmal mit Dascha sprach, und das ärgerte sie furchtbar. Da gab's denn ewig Streit und für mich Aufregungen die aber hatten die Ärzte mir doch so verboten! Und plötzlich erhielt _Nicolas_ von der Gräfin einen Brief und reiste sofort ab. Ihr Abschied war wieder freundschaftlich. Auf dem Wege zur Bahnstation, wohin wir ihn begleiteten, war Lisa sehr lustig und lachte viel. Alles Verstellung natürlich! Kaum aber war er weg, da wurde sie sehr nachdenklich, erwähnte ihn überhaupt nicht mehr und ließ auch mich nicht einmal von ihm sprechen. Meine Bemerkung über Dáschachen aber war falsch, nehmen Sie es mir nicht übel, Mütterchen, verzeihen Sie mir schon die Sünde! Es waren ja nur ganz gewöhnliche Gespräche, die laut geführt wurden. Mich hat das alles nur so nervös gemacht. Aber auch Lisa verhält sich zu Dascha jetzt wieder so freundlich, wie sie vorher verkehrten. Und mit _Nicolas_ wird sie sich gewiß ebenso aussöhnen, wenn er nur bald herkäme ...«