Sämtliche Werke 5-6

Part 63

Chapter 633,720 wordsPublic domain

»Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich habe gehört, daß die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein Epileptiker Wort für Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall geschildert: fünf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, daß man mehr nicht ertragen könne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit hatte, überzufließen, während der Prophet auf seinem Pferde das Paradies umflog. Der Krug -- das sind dieselben fünf Sekunden; das erinnert zu sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht!«

»Die kommt zu spät,« sagte Kirilloff mit stillem Lächeln.

VI.

Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten, zurückgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte den höchsten Grad: sie schrie, daß sie leben wolle, »unbedingt, unbedingt!« und »nicht sterben! nicht sterben!« Wäre Arina Prochorowna nicht bei ihr gewesen, so hätte es schlimm werden können; doch allmählich bekam sie die nervöse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis diese schließlich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte. Arina Prochorowna faßte sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an, sparte sich, wie gewöhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst meisterhaft ihre Pflicht.

Der Tag brach an.

Arina Prochorowna fiel es plötzlich ein, zu erzählen, daß Schatoff im Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu beten, und sie lachte darüber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart und höhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter würde.

Schließlich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter Morgen brach an. Er stützte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er zitterte am ganzen Körper und fürchtete sich zu denken, aber sein Denken heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort, rissen aber dabei selbst fortwährend ab, wie mürbe Fäden.

Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gestöhn: das waren vielmehr entsetzliche, rein tierische Schreie, unerträgliche, unmögliche. Er wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die Knie, unbewußt, immer nur das eine Wort stammelnd: »Marie, Marie, Marie!«

Und dann plötzlich hörte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und stürzte ins Zimmer. In Arina Prochorownas Händen wimmerte und bewegte sich mit winzigen Händchen und Füßchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Kläglichkeit hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als hätte es gleichfalls ein großes Recht auf das Leben ...

Marie lag wie ohnmächtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war ein ganz neuer Blick -- was für einer, das konnte er noch nicht verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen ähnlichen Blick an ihr bemerkt.

»Ein Knabe? ein Knabe?« fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina Prochorowna.

»Ein Bengel!« rief die zurück, die gerade das Kleine einwickelte.

Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte, winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna fürchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr, damit sie es sehen konnte.

»Wie ... nett er ist ...« flüsterte sie lächelnd, mit schwacher Stimme.

Arina Prochorowna bemerkte zufällig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach in heiteres Lachen aus: »Was der aber für ein Gesicht macht! So etwas habe ich noch nie gesehn!«

»Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine große Freude ...« sagte Schatoff mit einfältig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar Worten, die Marie über das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt.

»Ach, was ist denn das für eine große Freude!« lachte Arina Prochorowna, die geschäftig im Zimmer hin und her ging.

»Das Geheimnis, daß es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das große und unerklärliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, daß Sie das nicht verstehen!«

Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzückt. Als ob irgend etwas in seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen, aus seiner Seele ergoß.

»Es waren zwei, und plötzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist, ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und es gibt nichts Höheres auf der Welt!«

»Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen,« sagte Arina Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. »So wäre ja jede Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: überflüssige Menschen sollten lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, daß sie nicht mehr überflüssig sind, dann könnt ihr sie gebären. Denn sonst -- da muß man ihn nun übermorgen in die Findelanstalt schleppen ... Übrigens, so muß es auch sein.«

»Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben!« sagte Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme.

»Sie adoptieren ihn?«

»Er _ist_ mein Sohn.«

»Natürlich, er heißt Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und Sie haben keine Ursache, sich als Wohltäter des Menschengeschlechts aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur noch eines, meine Herrschaften,« schloß sie endlich, sich bereits ankleidend, »ich muß nämlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag wiederkommen und auch am Abend, falls es nötig sein sollte; jetzt aber muß ich, da hier alles so glücklich überstanden ist, zu meinen anderen Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb können auch Sie sich immer noch nützlich machen. Daß Sie sie mir nicht allein lassen! -- setzen Sie sich als liebes Männchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja nur ...«

Bei der Pforte, die Schatoff für sie aufschloß, sagte sie noch zu ihm:

»Sie haben mich für mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen müssen. Komischeres als Sie in dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn.«

Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen seinen Worten war es für sie klar wie das Sonnenlicht, daß dieser Mensch »sich jetzt in die Rolle des Vaters einfühlen wird und der letzte Lappen ist«, -- ans Denunzieren also überhaupt nicht denken werde. So eilte sie denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen.

»Marie, sie hat dir gesagt, daß du nicht gleich schlafen sollst, wenn das auch, fürchte ich, sehr schwer ist ...« begann Schatoff schüchtern. »Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht?«

Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, daß sie ihn auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurücken. Er versuchte es vorsichtig. Sie sah böse zur Wand.

»Nicht so, ach, nicht so ... Was für ungeschickte Hände!«

Schatoff bemühte sich, es besser zu machen.

»Beugen Sie sich zu mir,« sagte sie plötzlich und gab sich die größte Mühe, ihn nicht anzusehen.

Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr nieder.

»Noch ... nicht so ... näher,« und plötzlich umschlang ihr linker Arm ungestüm seinen Hals und er fühlte ihren starken, feuchten Kuß auf seiner Stirn.

»Marie!«

Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch plötzlich richtete sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen:

»Nicolai Stawrogin ist ein Lump!«

Und kraftlos, als ob ihr plötzlich alle Stützen entzogen worden wären, fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und drückte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glühenden Händen.

Von diesem Augenblick an ließ sie ihn nicht mehr von sich, und wollte »unbedingt, unbedingt«, daß er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lächelte ihm zu wie eine Glückselige. Sie schien plötzlich ganz unklug, eine ganze Törin geworden zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott weiß wovon, sprach wild, wie benommen, begeistert; er küßte ihre Hände, und sie hörte ihm wie berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte liebkosend mit ihrer geschwächten Hand sein Haar und schien sich an ihm nicht satt sehen zu können. Er erzählte ihr von Kirilloff, erzählte davon, daß sie beide jetzt »von neuem und auf ewig« zu leben beginnen würden, sprach von Gott und davon, daß alle Menschen gut seien ... Und in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es von neuem zu betrachten.

»Marie,« rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, »nun hat das ein Ende, das mit den alten Quälereien und der ganzen veralteten Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie?«

»Ihn? Wie wir ihn nennen werden?« fragte sie verwundert, und plötzlich drückte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus.

Sie erhob die Hände, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen.

»Marie, was hast du?« rief er maßlos erschrocken.

»Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer!«

»Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen sollen. Ich weiß nicht ...«

»Iwan! Iwan!« rief sie, ihr glühendes, tränenüberströmtes Gesicht wieder erhebend. »Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen _furchtbaren_ Namen denken können!?«

»Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervös bist!«

»Eine neue Kränkung, daß Sie das den Nerven zuschreiben! Ich könnte wetten; wenn ich gesagt hätte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen Namen zu nennen, so wären Sie sofort einverstanden gewesen, hätten es nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle!«

Nach einer Minute versöhnten sie sich natürlich wieder. Schatoff beredete sie schließlich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte ihn an, ganz als hätte sie gefürchtet, er könnte fortgegangen sein, bis sie dann von neuem einschlief.

Kirilloff schickte die Alte, um zu »gratulieren«, und sandte zugleich heißen Tee, heiße, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weißbrot für »Marja Ignatjewna«. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das Kind von neuem einwickelte.

Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf auf ihr Kissen gebeugt, todmüde. So fand sie Arina Prochorowna, die richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf, sprach mit Marie über das Nötige, besah das Kindchen und verbot Schatoff wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem Witz über das »Ehepaar«, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso befriedigt fort, wie am Morgen.

Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zündete schnell das Licht an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hörte er unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen, der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel.

»Nicht weiter!« flüsterte ihm Schatoff zu, erfaßte hastig seine Hand und zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. »Warten Sie hier, ich komme gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!«

Er beeilte sich dermaßen, daß er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darüber, daß er »auch nur daran denken« konnte, sie allein zu lassen!

»Dafür ist es der allerletzte Schritt!« rief er begeistert. »Dann kommt der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten Schrecken zurückdenken!«

Es gelang ihm schließlich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach ausdrücklich, um neun Uhr wieder zurück zu sein. Darauf küßte er sie fest, küßte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel.

Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Straße war er ungefähr eine Stunde entfernt.

»Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fuß gehen? Ich nehme eine Droschke.«

»Ich möchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen,« entgegnete Erkel. »Der Droschkenkutscher wäre sonst auch ein Zeuge.«

»Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden!«

Sie gingen sehr schnell.

»Erkel, Sie kleiner Knabe!« rief Schatoff plötzlich und blieb stehen, »sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glücklich gewesen?«

»Sie sind jetzt wohl sehr glücklich?« fragte Erkel neugierig.

Einundzwanzigstes Kapitel. Die mühevolle Nacht

I.

Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen »Unsrigen« zu laufen, um ihnen mitzuteilen, daß Schatoff »bestimmt nicht denunzieren werde«, da jetzt seine Frau zu ihm zurückgekehrt und er Vater geworden sei, und daß man, »da man doch das Menschenherz kennt«, unmöglich irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befürchten habe. Aber außer Erkel und Lämschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause.

Erkel hörte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die Frage aber: »Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen?« antwortete er mit dem ungetrübtesten Lächeln, daß er »ganz selbstverständlich« zu ihm gehen werde.

Lämschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort plötzlich an wie verrückt unter der Decke mit Händen und Füßen abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausführungen über Schatoff ließen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, daß Wirginski von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzählte. Auf die Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: »Soll man nun hingehen oder soll man nicht hingehen?« begann er wieder mit Händen und Füßen unter der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstieß, er sei ja doch »bloß eine Nebenperson! Weiß nichts, gar nichts!« Und zum Schluß: »Lassen Sie mich in Ru--u--uh!«

Bedrückt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten bedrückte, war vielleicht, daß er seine Sorgen vor seiner Familie verbergen mußte. Er hatte sich so daran gewöhnt, seiner Frau alles mitzuteilen, daß er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn jetzt nicht plötzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender Plan in ihm aufgetaucht wäre, so hätte er sich wohl auch wie Lämschin vor Seelenangst zu Bett legen müssen. Aber dieser neue Plan stärkte ihn allmählich und zum Schluß glaubte er sogar so fest an die Möglichkeit, ihn verwirklichen zu können, daß er der Dämmerung fast mit Ungeduld entgegensah und schon früher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach.

Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki. Ich bin später hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie muß es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen Herbstabend ...

Es war so dunkel unter den Bäumen, daß man auf zwei Schritte den anderen nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und später auch Erkel brachten Laternen mit. Ich weiß nicht, von wem und zu welchem Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus großen unbehauenen Steinen eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bänke waren jetzt schon längst verfault und auseinander gefallen. Ungefähr zweihundert Schritte rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, über eine Werst weit einer hinter dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, daß man irgendein Geräusch, Geschrei oder selbst einen Schuß im Stawroginschen Herrenhause hören würde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung zurückgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fünf oder sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß selbst in dem Falle, daß jemand von ihnen Schreie hörte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben würde.

Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- außer Erkel, der mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden. Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spät: er erschien zusammen mit Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war. Tolkatschenko verließ Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen Schritt, war ihm plötzlich, wie es schien, unermeßlich zugetan und flüsterte ihm jeden Augenblick geschäftig irgend etwas zu; dieser antwortete ihm meist überhaupt nicht oder brummte geärgert nur ein paar Worte, um ihn loszuwerden.

Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig früher eingetroffen als Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit beleidigender Aufmerksamkeit. »Die wollen wieder reden,« zuckte es ihm durch den Kopf.

»Lämschin ist nicht gekommen?« fragte er Wirginski. »Wer hat es gesagt, daß er krank ist?«

»Ich bin hier,« meldete sich Lämschin, plötzlich hinter einem Baum hervortretend.

Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein großes Plaid fest eingewickelt, so daß man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser Umhüllung erkennen konnte.

»Also fehlt nur noch Liputin?«

Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne.

»Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich heraus?«

»Ich nehme an, daß wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer Bewegungen ...« erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu wissen, was er eigentlich sagen wollte.

»Meine Herren!« Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum erstenmal den Flüsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: »Sie verstehen, hoffe ich, daß wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen. Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden Augenblick bringen ...«

»Er wird ihn unbedingt mitbringen,« bemerkte aus einem unbekannten Grunde Tolkatschenko.

»Wenn ich mich nicht irre, so muß er zuerst die Druckmaschine abliefern?« erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er selbst nicht wußte, wozu er das eigentlich fragte.

»Selbstverständlich, wozu denn Sachen verlieren!« Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. »Aber wir sind doch gestern übereingekommen, daß man sie nicht wortwörtlich in Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie hier vergraben ist, später können wir sie dann selbst herausgraben. Ich weiß, daß sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen können!? Es war doch abgemacht, daß Sie ihn allein treffen und wir erst später hervortreten ... Sonderbar, daß Sie noch fragen, -- oder taten Sie es bloß so?«

Liputin schwieg mit finsterem Gesicht.

Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern.

»Ich hoffe, meine Herren, daß ein jeder seine Pflicht tun wird,« sagte Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt.

»Ich weiß, daß Schatoffs Frau zu ihm zurückgekehrt ist und heute Nacht ein Kind geboren hat,« begann plötzlich Wirginski aufgeregt, gestikulierend und sich so überstürzend, daß er kaum die Worte hervorzubringen vermochte. »Und da man doch das Menschenherz kennt ... können wir sicher sein, daß er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist jetzt glücklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden zu Hause ... Ich meine, daß jetzt vielleicht nichts mehr zu befürchten ist ... --«

Er brach ab vor Atemlosigkeit.

»Wenn Sie, Herr Wirginski, plötzlich glücklich geworden wären,« -- Pjotr Stepanowitsch trat auf ihn zu, »würden Sie dann etwas aufschieben, was Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier natürlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, bürgerliche Tat, die Sie schon vor Ihrem Glück beschlossen haben und die auszuführen Sie für Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr für Sie und der Möglichkeit, Ihr Glück zu verlieren?«

»Nein, ich würde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall würde ich es aufschieben!« beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentümlich tölpelhaften Übereifer und wieder ganz in Bewegung.

»Sie würden lieber wieder unglücklich sein wollen, als die Tat nicht ausführen -- und sich für einen Lump halten, nicht wahr?«

»Ja, ja ... Ich würde sogar ganz im Gegenteil ... würde sogar ein ganzer Lump sein wollen ... Das heißt, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen unglücklich, als ein Lump ...«

»Nun, so merken Sie sich, daß Schatoff diese Anzeige für seine bürgerliche Heldentat hält, für eine Tat, die er seiner höchsten Überzeugung schuldig ist. Und der Beweis: daß er doch auch sich selbst damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm für die Anzeige natürlich manches verzeihen wird. So einer wird sein Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glück besiegen: schon am nächsten Tage würde er sich besinnen, sich Vorwürfe machen, hingehen und es tun. Außerdem kann ich kein besonderes Glück darin erblicken, daß die Frau nach drei Jahren zu ihm zurückgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu gebären.«

»Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen,« sagte Schigaleff plötzlich und eindringlich.

»Die Anzeige habe _ich_ gesehen,« rief Pjotr Stepanowitsch, »sie ist fertig, und dieses müßige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren!«

»Ich aber,« fuhr plötzlich Wirginski auf, »ich protestiere ... ich protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hören Sie, was ich will: ich will, daß wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhör, und das Urteil _nach_ dem Verhör! Und nicht, daß wir uns alle verstecken und ihn dann überfallen.«

»Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon die Höhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was ist das für eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen?«

»Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere,« wiederholte Wirginski immer wieder.