Part 54
»Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ... sieben, glaub' ich, müssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der vor--schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben ... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der Anwesenheit derselben, mich nicht außer--halb jeder Gefahr zu empfinden. _Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?_{[187]} Ich spreche natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser unschätz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens, amüsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, >in die Federchen zu gehen<, wie man _aux enfants_{[188]} zu sagen pflegt ... Bin eigentlich wegen der jungen Schön--heiten gekommen ... die ich natürlich nirgendwo in solcher Voll--zähligkeit antreffen könnte, wie hier ... Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst. Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der Frische fak--tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf einen Pfannkuchen hinaus ... _Vous me pardonnerez, n'est-ce pas_{[189]} ... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen. Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein übler Eindruck, daß überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf ist es immer--hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, daß dieser Ball die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. _Pauvre mère!_{[190]} Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der Li--te--ratur< beginnen?«
Und schließlich begann denn auch die »Quadrille der Literatur«. Wenn in der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten Worten unfehlbar von dieser »Quadrille der Literatur« gesprochen, und da sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die größte Gefahr für einen Erfolg, und -- wie groß war daher die Enttäuschung!
Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.
»Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,« flüsterte er ihr mit der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.
Sie wurde feuerrot vor Zorn.
»Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie unverschämter Mensch!« entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es die Umstehenden hörten.
Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder flink davon.
Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und fadere Allegorie vorzustellen, als es diese »Quadrille der Literatur« war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack -- also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --, mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske _vis-à-vis_ tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten sollten, das blieb unaufgeklärt. »Der ehrliche russische Gedanke« wurde dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser »Gedanke« eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder eine bevorstehende »Tat«. Aus seiner Fracktasche schaute ein entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die Ehrlichkeit des »ehrlichen russischen Gedankens« allen denen, die seine Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der »ehrliche russische Gedanke« einen Pokal, ganz als wollte er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: »Wenn ich mal zuschlage, bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.« Doch ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des »ehrlichen russischen Gedankens« ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum _pas de deux_ kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr quälte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art, so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe, genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm:
»Was soll das denn eigentlich bedeuten?« brummte in einer Gruppe jemand von denen, die das Büfett belagert hatten.
»Irgend 'nen Blödsinn.«
»Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert.«
»Was geht das mich an!«
In einer anderen Gruppe:
»Diese Esel!«
»Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.«
»Warum bist du denn ein Esel?«
»Nein, ich bin kein Esel, aber ...«
»Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!«
In einer dritten Gruppe:
»Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!«
»... Den ganzen Saal ausfegen ...«
In einer vierten:
»Daß die Lembkes sich nicht schämen, zuzusehen!«
»Warum sollen sie sich denn schämen? Du schämst dich doch nicht?«
»Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!«
»Ja, und du bist nur ein Schwein ...«
»In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball erlebt,« sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden.
Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von dieser nicht empfangen worden.
»Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,« fügte sie hinzu, indem sie frech Julija Michailowna in die Augen sah.
»Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?« fragte plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.
»Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!« versetzte jene Dame sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen sie und Frau von Lembke.
»_Chère dame_,« -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- »wenn ich einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ... Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fühlt ... Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...«
Doch es war bereits zu spät.
Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der »Quadrille« mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter über eines der in der »Quadrille« produzierten Stückchen: der Herausgeber der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift«, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl endgültig, daß er die Brillengläser des »ehrlichen russischen Gedankens« nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte Entstellungsmanier der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift« veranschaulichen sollte, die unter Umständen selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. »Das hatte man mir verheimlicht, absichtlich verheimlicht!« sagte sie später immer wieder, als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack, dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen.
Lembke brauste auf und bebte vor Erregung.
»Der Nichtswürdige!« schrie er, indem er auf Lämschin wies. »Ergreift den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Füße ... der Kopf ... damit der Kopf nach oben ... oben!«
Lämschin sprang wieder auf die Füße. Das Gelächter verstärkte sich.
»Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen!« befahl plötzlich Lembke.
Die Menge begann zu murren und zu johlen.
»So geht das denn doch nicht, Exzellenz.«
»Das Publikum darf man nicht beschimpfen.«
»Selber ein Esel!« tönte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke.
»Die Flibustiers!« rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales.
Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem stumpfsinnigen Lächeln, als habe er plötzlich etwas begriffen, als erinnere er sich an etwas.
»Meine Herren« ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die näherrückende Menge, während sie gleichzeitig ihren Mann mit sich fortzuziehen suchte, »entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine Herren, Andrei Antonowitsch fühlt sich nicht wohl ... er ist krank ... entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!«
Ich hörte es mit eigenen Ohren, wie sie »verzeihen Sie« sagte. Die Szene spielte sich sehr schnell ab. Aber ich weiß noch genau, daß schon in diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrängte zum Ausgang des Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Tränen:
»Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage!«
Und plötzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedränge, schlug auf einmal wieder eine Bombe ein, also tatsächlich »ganz so wie am Vormittage«:
»Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt überm Fluß!«
Ich erinnere mich bloß nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem Vestibül, vom Eingang hereingestürzt. Jedenfalls entstand sofort ein solcher Tumult, daß ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern. Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hölzernen Häuser, oder deren Einwohner. Man stürzte zu den Fenstern, im Nu waren die Vorhänge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste.
»Brandstiftung!« -- »Die Spigulinschen!« brüllte man im Gedränge.
Ich habe noch ein paar überaus charakteristische Ausrufe behalten:
»Hat doch mein Herz das vorausgefühlt, daß sie brandstiften werden, das hat es die ganzen letzten Tage vorausgefühlt!«
»Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!«
»Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anzünden zu können!«
Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stieß eine Frauenstimme aus; es war der unbedachte, der unwillkürliche Schrei einer Koróbotschka[52], die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles stürzte zum Ausgang. Das Gequetsche und Gedränge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern und Umhängen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der Töchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, daß hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schließlich kein Wunder, daß bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre Überkleider, die nicht zu finden waren, wegfuhren, worüber noch lange nachher in der Stadt vieles erzählt wurde, natürlich mit Erdichtungen und Übertreibungen. Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tür von der Menge nahezu erdrückt.
»Alle zurückhalten! Nicht einen hinauslassen!« brüllte plötzlich Lembke, indem er drohend die Hand gegen die Andrängenden ausstreckte. »Alle einzeln strengstens untersuchen, sofort!«
Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von kräftigen Schimpfwörtern.
»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in vollständiger Verzweiflung.
»Als erste verhaften!« schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf sie. »Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der Brandstiftung ...«
Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser Ohnmachtsanfall war natürlich schon ein echter). Ich, der Fürst und der General stürzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die Unglückliche aus dieser Hölle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, daß sie wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete eine ganze Stunde bei ihr, der Fürst gleichfalls; der General wollte in einer Anwandlung von Großmut (obgleich ihm der Schreck arg in die Glieder gefahren war) die ganze Nacht »am Bette der Unglücklichen« verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so schlafen ließen.
Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandstätte eilte, gelang es noch, Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszuführen, und er wollte ihn zu Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Kräften Seiner Exzellenz zuredete, »der Ruhe zu pflegen«. Ich verstehe nicht, warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandstätte; aber das war doch kein vernünftiger Grund. So endete es denn damit, daß der Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandstätte brachte. Später erzählte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert und »solche Ideen als Befehle hervorgestoßen, daß es wegen ihrer Ungewöhnlichkeit unmöglich war, sie auszuführen«. So ist denn nachher auch rapportiert worden: daß Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der »Plötzlichkeit des Schrecks«, bereits im Fieberdelirium befunden habe.
Es erübrigt sich wohl, zu erzählen, wie der Ball endete. Einige Dutzend Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Sälen. Die Polizei war nicht mehr da. Das Orchester mußte spielen, denn die Musikanten, die weggehen wollten, wurden verprügelt. Zum Morgen hin war »Prochorytschs ganze Bude« vertilgt, man soff bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Räume; und erst bei Morgengrauen langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlöschenden Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hälfte blieb und schlief gleich dort in den Sälen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen eines solchen, auf den Plüschdiwans und in den Ecken auf dem Fußboden. Am nächsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Straße. Und damit endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.
IV.
Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten Schrei »wir brennen«, sofort auch geschrien wurde, »die Spigulinschen« seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit herausgestellt, daß in der Tat drei »Spigulinsche« an der Brandstiftung beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch der sogenannte »Zuchthäusler-Fedjka« an der Brandstiftung beteiligt. Das ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute noch schwer zu beantworten.
Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte.