Sämtliche Werke 5-6

Part 28

Chapter 283,738 wordsPublic domain

»Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, -- schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh.«

»Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen werde?«

»Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der Beleidigung.«

»Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende. Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält: ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hörst du? -- niemals brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch!«

»O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was -- es war doch lustiger, so zu gehen.«

»Pack dich!«

»Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte: alles hat er durcheinandergeschüttelt.«

»Zum ... Ich binde dich!« wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.

»Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine Waise lange beleidigen?«

»Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!«

»Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich auf mich baute!«

»Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!«

»Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde also warten, bis Sie zurückkommen.«

»Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!«

»So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise, gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, gnädiger Herr.«

Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am meisten zu denken.

II.

Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer öden, entlegenen Gasse buchstäblich am äußersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zäunen, hinter denen sich Gemüsegärten hinzogen. Es war ein alleinstehendes kleines hölzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von außen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Läden des einen Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser und Zeichen für den spät erwarteten Gast. Schon von weitem, über dreißig Schritte von der Tür, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar über dem Warten die Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hörte er auch schon seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft.

»Sind Sie es? Sie?«

»Ich bin's,« antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz herangetreten war und den Schirm schloß.

»Endlich!« Hauptmann Lebädkin trat hin und her und bewegte sich mit geschäftigem Diensteifer. »Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr naß heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den Fußboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte schön.«

Die Tür aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand weit offen.

»Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt hätten, so hätte ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.«

»Viertel vor eins,« sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem Blick auf seine Uhr.

»Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemüsegärten, da -- da bleibt man hinter den Ereignissen zurück. -- Aber das soll kein Vorwurf sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlöst zu werden ...«

»Wie?«

»Um seinen Schicksalsspruch zu hören, Nicolai Wszewolodowitsch.« Und mit einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: »Bitte, nehmen Sie Platz.«

Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen Holzstühlen, einem gleichfalls neuen, noch unüberzogenen Sofa mit hölzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, über die man eine saubere Serviette gebreitet hatte. Überhaupt schien man das ganze Zimmer äußerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die acht Tage nüchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick war unruhig, neugierig und eigentlich verständnislos: man sah ihm an, daß er noch nicht wußte, in welch einem Ton er sprechen durfte und welcher schließlich der ratsamste war.

»Wie Sie sehen,« wies er mit pathetischer Geste herum, »lebe ich wie ein Heiliger: Nüchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelübde der alten Ritter!«

»Sie glauben, die alten Ritter hätten solche Gelübde getan?«

»Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, für mich gibt es keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem Schandleben, -- kein Gläschen mehr, kein Tröpfchen! Habe jetzt einen Winkel -- und sechs Tage lang genieße ich nun schon die Wohltat der Gewissensbisse. Sogar die Wände riechen noch nach Harz, erinnern somit an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor?

>Ohne Obdach in der Nacht, Tagsüber eine Hetze< ...

wie sich ein genialer Dichter ausgedrückt hat! Aber ... Sie sind ja so durchnäßt ... Wollen Sie nicht ein Gläschen Tee?«

»Bemühen Sie sich nicht.«

»Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun ausgelöscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man, wird einmal auslöschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schläft noch nicht.«

»Sagen Sie: Marja Timofejewna ...«

»Hier, hier,« fiel ihm Lebädkin sofort flüsternd ins Wort, »wenn Sie sie sehen wollen ...?« und er wies auf die geschlossene Tür zum Nebenzimmer.

»Sie schläft nicht?«

»O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf,« -- er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterließ es aber im Nu.

»Wie ist sie jetzt im allgemeinen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit zusammengezogenen Brauen.

»Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen,« und er zuckte mitleidig mit den Schultern. »Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt Karten ...«

»Gut, nachher. Zuerst muß ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.«

Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der »Hauptmann« wagte es nicht, sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder Erwartung bereit, alles zu vernehmen.

»Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette?« fragte Stawrogin, der plötzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte.

»Da--a?« Lebädkin drehte sich sofort gleichfalls um. »Ja, das ist so von Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren weiten Weg und die natürliche Müdigkeit,« er sah ihn fast bittend an und versuchte unschuldig zu lächeln. Darauf erhob er sich, ging auf den Fußspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die Serviette.

Er hatte einen ganzen Imbiß vorbereitet: geräucherten Schinken, Kalbfleisch, Sardinen, Käse, eine kleine grüne Karaffe und eine lange Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast elegant geordnet.

»Das haben Sie besorgt?«

»Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung, wie Sie wissen, gleichgültig. Aber die Hauptsache: daß es von Ihren Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind, und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch, wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch unabhängig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht nehmen wollen!« schloß er geradezu gerührt.

»Hm! ... wie wär's, wenn Sie sich setzen würden?«

»Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhängig!« (Er setzte sich.) »Ach, Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt, so viel, daß ich schon gar nicht mehr wußte, wie ich noch länger auf Sie warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden und auch das ... jener Unglücklichen, und dann ... dann wieder so, wie es früher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen ausschütten, wie damals vor vier Jahren. Würdigten Sie mich doch damals dessen, mir zuzuhören, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine große Angst und erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich ganz furchtbar!«

Stawrogin hörte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam. Augenscheinlich befand sich Lebädkin, wenn er nun auch schon eine Woche nicht mehr getrunken hatte, doch noch längst nicht in einem harmonischen Gemütszustande. In solchen langjährigen Trinkern setzt sich schließlich für immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie gleichsam benommen erscheinen läßt -- was sie übrigens nicht hindert, wenn es nötig ist, nicht ungeschickter als nüchterne Leute zu betrügen, zu intrigieren und auch zu berechnen.

»Ich sehe, daß Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten verändert haben, Hauptmann,« sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher. »Man sieht wieder einmal, daß die ganze zweite Hälfte des menschlichen Lebens meist nur aus den in der ersten Hälfte angenommenen Gewohnheiten besteht.«

»Erhabene Worte! Sie lösen das Rätsel der Welt!« rief der »Hauptmann« entzückt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung, denn er war ein großer Liebhaber guter Aussprüche. »Von allem, was Sie gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man muß in der Tat ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten zu können<. Sehen Sie!«

»Oder ebensogut auch ein Dummkopf.«

»So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mögen doch Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas Ähnliches sagen! Oh, wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...«

»Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?«

»Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde! Aber jetzt ist alles, alles vorüber und ich erneuere mich, fahre aus der alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch, daß ich mein Testament schreibe, daß ich's schon geschrieben habe?«

»Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?«

»Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermögen den Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten der Universität seiner Stadt und seine Haut bestimmte er für eine Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmäen im Vergleich mit dem Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Rußland ist ja nur ein Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte, meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu vermachen, daß man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man täglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln soll -- man hielte es sofort für Liberalismus und konfiszierte meine Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begnügt. Mein Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung, einstweilen nur unter der Bedingung, daß sie auf die Stirn für alle ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger Freidenker<. Jawohl!«

Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natürlich schon selbst an die Schönheit des amerikanischen Vermächtnisses, wenn er auch als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen »Narr« er früher gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentümlich mißtrauisch:

»Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu veröffentlichen und dafür eine Belohnung zu erhalten?«

»Und wenn dem so wäre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wäre?« Lebädkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. »Denn -- was ist denn mein Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergötzt, Nicolai Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkündete ganz Rußland, daß sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch ich: hab's herausgesungen und damit -- basta!«

»Was ist denn das für ein Gedicht?«

»Tja, es heißt: >Im Fall sie sich den Fuß zerbräche<!«

»Wi--ie?«

Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und schätzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm -- wohl aus einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele -- daß sie Stawrogin, der früher zuweilen so über sie gelacht hatte, daß er sich die Seiten hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewöhnlich zwei Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschäftliches Ziel. Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und äußerst kitzliches: der Hauptmann hoffte nämlich, als er das Gedicht heranzog, sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte rechtfertigen zu können, hoffte dies um so mehr, als er aus einem bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld für größer als in allen anderen Punkten hielt.

»>Im Fall sie sich den Fuß mal bräche<, das heißt, beim Reiten. Eine bloße Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische Frage: >was würde dann sein?< -- das heißt, in dem Falle, _wenn_! Die Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse rückwärts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund ab morgen früh<,« fügte er plötzlich auf Deutsch hinzu, »nur der Dichter bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein Gesetz verbietet's ihr. Und doch fühlte sich die Dame gekränkt durch meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich geärgert haben, sagt man -- ist's wahr? Das wäre jammerschade, wollt's gar nicht glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloßer Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab.«

»Sie haben sich, glaube ich, als Bräutigam vorgeschlagen?«

»Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...«

»Sagen Sie das Gedicht!« fiel ihm Stawrogin streng ins Wort.

»Ein Traum, bloß ein Traum, sag ich Ihnen!«

Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann:

»Das schönste Weib brach mal ein Glied, Doch ward es dadurch nur aparter! Und doppelt liebte sie fortan Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...«

»Genug!« Stawrogin winkte ab.

»Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]!« rief Lebädkin, schnell auf ein anderes Gebiet überspringend, als wäre von Gedichten nie die Rede gewesen. »Ich denke an eine Auferstehung, ich träume von einer Wiedergeburt ... Mein Wohltäter! Darf ich darauf rechnen, daß Sie mir nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze Woche wie die liebe Sonne erwartet.«

»Nein, darauf dürfen Sie nicht rechnen. Außerdem ist mir von meinem Kapital fast nichts mehr verblieben. Und überhaupt, warum sollte ich Ihnen Geld geben? ...«

Stawrogin schien sich plötzlich geärgert zu haben. Kurz und trocken zählte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmäßige Trinken, die Lügengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna gehörte, dann, daß er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her, gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal herrisch zur Ruh.

»Und erlauben Sie,« bemerkte er zum Schluß, »Sie schreiben immer von einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande für Sie, daß Ihre Schwester Stawrogins rechtmäßig getraute Frau ist.«

»Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand weiß davon, ein verhängnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und plötzlich stellt man mir die Frage: wofür bekommst du dieses Geld? Ich aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester -- und zum Schaden meiner Familienehre!«

Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie hätte er auch ahnen sollen, welch eine niederschmetternde Überraschung ihn gerade auf dieser seiner Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltäglichste häusliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, daß er die Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder übermorgen, seine Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der Gesellschaft< anzuzeigen -- so daß denn die Frage der »Familienehre« damit endgültig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls.

Der Hauptmann riß die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da hörte; so mußte denn alles noch durchgesprochen werden.

»Aber sie ist doch ... halbverrückt?«

»Das ist meine Sache.«

»Aber ... was wird denn Ihre Mutter --?«

»Das geht Sie wenig an, Lebädkin.«

»Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus führen?«

»Sehr leicht möglich. Übrigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre Sache, das geht Sie nicht das geringste an.«

»Wie, nicht angehen?« schrie der Hauptmann auf. »Und ich?«

»Nun, Sie kommen doch selbstverständlich nicht in mein Haus.«

»Aber ich bin doch Ihr Verwandter!«

»Für solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld geben, sagen Sie doch selbst?«

»Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht sein, Sie werden sich das doch noch überlegen, Sie werden doch nicht Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der Gesellschaft sagen?«

»Fürchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene Wette hin, und jetzt zeige ich es öffentlich an ... wenn mir das jetzt Vergnügen macht.«

Er sagte das ganz eigentümlich gereizt, so daß Lebädkin schon mit Entsetzen zu glauben begann.

»Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ... Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?«

»Nein, ich scherze nicht.«

»Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht ... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.«

»Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.«

»Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir übrigbleibt!« sagte der Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. »Früher gab man mir dort in den Winkeln für ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?«

»Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verändern. Übrigens, ist es wahr, daß Sie, wie ich hörte, beabsichtigten, zu denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die anderen anzeigen?«

Der Hauptmann öffnete den Mund und riß die Augen auf, doch eine Antwort gab er nicht.

»Hören Sie, Hauptmann,« begann plötzlich Stawrogin ungewöhnlich ernst und beugte sich ein wenig vor zum Tisch.

Bis jetzt hatte er noch gewissermaßen zweideutig gesprochen, so daß Lebädkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewöhnt hatte, noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat ärgerte oder ob er, als er von der Veröffentlichung seiner Heirat sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewöhnliche Ernst Stawrogins dermaßen überzeugend, daß dem Hauptmann plötzlich geradezu ein Frösteln über den Rücken lief.

»Hören Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebädkin: haben Sie schon denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon irgendeinen Brief abgeschickt?«

»Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht!« und der Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rühren.

»Nun, das lügen Sie, daß Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend jemandem geschwätzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas gehört.«

»In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verräter. Ich habe ihm nur mein Herz ausgeschüttet,« flüsterte der arme Hauptmann.