Sämtliche Werke 5-6

Part 26

Chapter 263,164 wordsPublic domain

»In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, daß es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären. Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie freizugeben.«

»Das ist unmöglich!« brüllte Schatoff auf. »Ich habe ihnen ehrlich erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...«

»Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,« fiel ihm Stawrogin sehr ernst ins Wort. »Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schließlich gleich bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, -- war's nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?«

»Er war einverstanden: er sagte, ich könne -- und ich hätte das Recht ...«

»Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?« fragte Stawrogin in einem ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone.

Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone hörte.

»Und wenn ich ein Spion wäre -- _wem_ sollte ich denn etwas verraten?« fragte er hämisch zurück. »Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! Aber _Sie_!« rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. »Aber _Sie_, _Sie_, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?« rief er ganz verzweifelt aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung.

»Erlauben Sie --« wunderte Stawrogin sich tatsächlich, »Sie scheinen ja förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus Amerika habe ich das ...«

»Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!« brach Schatoff plötzlich das ab. »Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen, erklären könnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es!« bat er erregt.

»Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, -- und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.«

»Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen schnell -- und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die dazu fähig wären! ...«

»Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,« fuhr Stawrogin mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. »Zweifellos ist auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur _Internationale_. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, der das, was er will, auch durchsetzt.«

»Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von Rußland überhaupt nichts versteht!« rief Schatoff wütend aus.

»Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.«

»Werchowenski Enthusiast?«

»O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines Ihrer eigenen Aussprüche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner Mensch sein kann<? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.«

»Aber Sie fürchten sie doch nicht.«

»N--nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach elf.« Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. »Ich möchte nur noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.«

»Um Gottes willen!« rief Schatoff und sprang jäh auf.

»Sie meinen?« Stawrogin sah ihn fragend an.

»Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!« wiederholte Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. »Aber mit der Bedingung, daß auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich ... Ich kann nicht mehr! -- Stellen Sie Ihre Frage.«

Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:

»Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist das wahr?«

»Ja ... sie sah ... Ja -- sie sah mich ...« stammelte Schatoff ein wenig wirr.

»Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der Stadt öffentlich bekanntzumachen.«

»Ist das möglich?« flüsterte Schatoff fast entsetzt.

»Sie meinen das -- in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt, damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin, den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu schweigen.«

»Ich meinte nicht _das_ ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe gezwungen, doch nicht mit Gewalt?«

»Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.« Stawrogin lächelte über Schatoffs einfältigen Eifer.

»Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...« beeilte sich Schatoff, wirr, wie im Fieber.

»Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal. Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können: Marja Timofejewna ist Mädchen.«

»Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!«

»Was fehlt Ihnen, Schatoff?«

Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den Schultern.

»Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,« rief er wieder laut, »warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße entschließen?«

»Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese >Buße<, wie Sie sagen, auf mich zu nehmen.«

»Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet!«

»Ja?«

»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's könnte ... Ich habe Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...«

»Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.«

»Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen ... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf Sie gewartet!«

»Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen möglich ist, sich damit zu begnügen.«

»Aber ... nur mit der Bedingung,« unterbrach ihn Schatoff jähzornig, »daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es, während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?«

»Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um eines höheren Zweckes willen.« Stawrogin lächelte kaum merklich. »Und mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.«

»Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!« rief Schatoff. »Nicht meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches, angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So begreifen Sie doch, daß ich das _verlange_, sonst will ich nicht mit Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der Welt!«

Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.

»Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu bleiben,« sagte er eindringlich und ernst, »obgleich meine Zeit sehr kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe, Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.«

Er setzte sich wieder auf seinen Platz.

»Setzen Sie sich!« rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann gleichfalls.

»Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...«

»Nun?« Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.

»... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende sprechen konnte,« schloß Stawrogin lächelnd.

»Eh, was, Unsinn, nachher!« rief Schatoff und winkte, da er endlich diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf sein Ziel los.

VII.

»Wissen Sie auch,« begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Körper und glänzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, »wissen Sie auch, welches jetzt das einzige Gotträgervolk ist, das da kommen wird, die Welt zu erlösen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name lautet?«

»Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, muß ich unbedingt und wohl so schnell wie möglich sagen, daß dieses Volk das russische sei.«

»Und schon lachen Sie! Oh, Russen!«

Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar.

»Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar gerade etwas von dieser Art erwartet.«

»Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht bekannt?«

»Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gotträgervolk< ist nichts anderes, als die Schlußfolgerung aus unserem Gespräch, das wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.«

»Aber das ist ja doch _Ihr_ Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende _Ihr_ Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur die Folgerung aus unserem Gespräch! Und wie können Sie überhaupt sagen >unserem< Gespräch! Es war da ein Lehrer, der große, mächtige Worte predigte, und es war da ein Schüler, der von den Toten auferstand und zuhörte. Ich war der Schüler und der Lehrer waren Sie.«

»Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach meinen Worten, daß Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika reisten?«

»Ja -- doch ich schrieb Ihnen darüber aus Amerika. Ich konnte mich damals noch nicht losreißen von all dem, woran ich mich von Kindheit auf festgesogen hatte, das das Entzücken all meiner Hoffnungen gewesen war und die Tränen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ... Oh, es ist schwer, die Götter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und schoß auf und wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika überhaupt nicht gelesen?«

»Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das andere überflogen. Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...«

»Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit,« winkte Schatoff ab. »Wenn Sie aber Ihren früheren Worten untreu geworden sind, wie konnten Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt würgt!«

»Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie überzeugen wollte, bemühte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um Sie,« antwortete Stawrogin rätselhaft.

»Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen neben einem ... Unglücklichen, von dem ich erfuhr, daß Sie in derselben Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lüge und Verleumdung in ihm bestätigt und seine Vernunft schließlich zum Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt Ihr Geschöpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...«

»Erstens möchte ich Ihnen sagen, daß mir Kirilloff soeben selbst gesagt hat, daß er glücklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran? Ich wiederhole nochmals, daß ich weder Sie noch ihn betrogen habe.«

»Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?«

»Ja.«

»Und damals?«

»Ebenso wie heute.«

»Ich habe nicht für mich um Achtung gebeten, als ich das Gespräch begann. Das hätten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen können,« murmelte Schatoff unwillig.

»Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses Gespräch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.«

Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung:

»Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe sein< -- >ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie sich?«

»Ja?« fragte Stawrogin gleichsam.

»Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht vergessen können! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtgläubig ist, der kann nicht Russe sein< ...«

»Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.«

»Nein. Die jetzigen Slawophilen würden sich von ihm lossagen. Heute ist ja alle Welt klüger geworden! _Sie_ aber gingen damals noch weiter: Sie sagten, daß der Katholizismus überhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie behaupteten, daß der Christus, den Rom verkündet, der dritten Versuchung des Satans nicht widerstanden hat, und daß Rom, wenn es alle Welt lehrt, Christus könne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den Antichrist verkündet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und Sie wiesen noch darauf hin, daß, wenn Frankreich sich quält, daran einzig der Katholizismus die Schuld trägt, denn Frankreich habe den stinkenden römischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen können! Ich habe unsere Gespräche behalten.«

»Wenn ich gläubig wäre, so würde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Gläubiger sprach,« sagte Stawrogin sehr ernst, »aber ich versichere Ihnen, daß diese Wiederholungen meiner früheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf mich machen. Können Sie nicht abbrechen?«

»Wenn Sie gläubig wären?!« rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste Beachtung zu schenken. »Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn man mir mathematisch bewiese, daß die Wahrheit nicht in Christus ist, so würde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben Sie das gesagt? Haben Sie's?«

»Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen,« -- Stawrogin erhob nun auch seine Stimme -- »was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften Examen eigentlich von mir wollen?«

»Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.«

»Sie bestehen immer noch darauf, daß wir außerhalb von Raum und Zeit sind?«

»Schweigen Sie!« fuhr ihn Schatoff plötzlich an. »Ich bin dumm und ungeschickt, doch mag mein Name in Lächerlichkeit untergehen -- darauf kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen wenigstens noch Ihren größten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?«

»Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...«

Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es nicht.

Schatoff beugte wieder den Oberkörper vor und auf einen Augenblick erhob er sogar abermals den Zeigefinger.