Part 2
Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade »Bjéssy« von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des Romans gewählt: mit »Bjéssy« bezeichnet der Russe gewisse böse Geister, Dämonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Lucä entnommenen Motto, in die Säue fährt; in der schönen Ballade Puschkins (geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind es unzählige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines reisenden Herrn wie von Troßbuben des Teufels genarrt und vom Wege weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch weiterzufahren.
Im »Ersten Anhang« sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen Entwürfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprünglich in den »Dämonen« zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den Hauptpersonen, die von ihm später teils in starker Veränderung, teils überhaupt nicht verwandt worden sind.
Im »Zweiten Anhang« konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht veröffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei dem Bischof Tichon. Das Manuskript des größeren Teiles dieses wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt: sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E. Reinhardt, München erschienenen) Buch »Dostojewski« Seite 180 berichtet, hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts veröffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes hätten sich der Veröffentlichung widersetzt. Das hat übrigens bald nach Dostojewskis Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan.
Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschüre Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um ein ähnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs »Legende vom Großinquisitor«. Bekannt geworden ist sonst nur, daß in dieser Schrift von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mädchens mit unerträglichem Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte Ideen -- seine stärksten und revolutionärsten -- immer in einer ähnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber, Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, daß es sich auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschüre Stawrogins, die Dostojewski »eine Herausforderung der Gesellschaft« nennt, nicht nur um die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern daß diese Episode nur der Ausgangspunkt für ihn ist, um der Gesellschaft, den von ihm so gehaßten _europäischen_ Gesellschaftsgesetzen, den »Fehdehandschuh hinzuwerfen« (wie in der »Legende vom Großinquisitor« die Legende nur die Kostümierung seines Kampfes gegen den Katholizismus oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau ist). Nach einem Überblick über das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser unveröffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen muß. Und es ist nur zu verständlich, daß seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller Freundschaft »doch viel zu unverständlich war«, und der Machthaber Pobjedonószeff sich _gegen_ die Veröffentlichung dieser »Herausforderung« aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen ehrlich konservativen Menschen »viel zu unverständlichen« Geist Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman »Die Dämonen« verblieben ist, das sind -- nach dem Fortfall der erwähnten Kampfschrift Stawrogins -- fast nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorläufig noch versunken bleibt.
»Die Dämonen« sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk. Nicht nur, daß er sich nachlässig ausdrückt (Seite 1 sagt er z. B.: »die Geschichte _be_schreiben«, statt »schreiben«), daß er wichtige Satzglieder ausläßt, die unklarsten Sätze baut, -- er hat sich außerdem noch vielfach der früheren Umschreibungen bedient, zu der die Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden waren. Er treibt die Vorsicht so weit, daß er z. B. in den ersten Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhältnisse dreht, kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die unzähligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht völlig unklar bleiben, sind dem Text kleine erläuternde Fußnoten beigefügt worden, eingehendere Erläuterungen dagegen in den »Ersten Anhang« verwiesen.
Einen Kommentar für sich würden dann noch die Ausfälle Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten »Westler« erfordern, d. h. gegen die Verehrer europäischer Kultur, die, im Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Rußland und Europa keinen Unterschied sahen und europäische Staatsformen auch für Rußland erstrebten, während von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europäer sein Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten »bürgerlichen« Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, daß es _vor_ der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland nur zwei Parteien gab, eine kleine, aber allmächtige, und eine große, aber ohnmächtige, wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige Unterdrücker und viele Unterdrückte gibt. Mögen die letzteren unter sich auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmütige Wille wurde damals »die Richtung« genannt, von der Liputin Seite 44 spricht. Es gab nur _eine_ »Richtung«, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der »Korrektionsanstalt« geöffnet, da zeigten sich sofort die großen Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrängenden, und »_die_ Richtung« begann sich zu verzweigen, zunächst in Slawophile und Westler, dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler (Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der Einstellung zur Orthodoxie). Die frühere geschlossene Front der einen »Richtung« gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen Slawophilen genau so verboten waren wie die der französischen Revolutionäre und Atheisten, zerbröckelte zu einem Kampf untereinander, in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kämpfte, wenn nicht nach drei oder vier Seiten.
»Die Dämonen« sind das Buch der ersten Jahre dieser Kämpfe, in denen die einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anständigen Kern oder dem Fehlen eines solchen.
Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein »Pamphlet gegen alles Revolutionäre« aufgefaßt, weil einzelne Vertreter einer der revolutionären Gruppen, die an europäische Schlagwörter glauben, verhöhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den Verfasser _deshalb_ gleich für konservativ zu halten. Die Konservativen sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wäre es, über alles, was Dostojewski voll Zorn und Spott über diese Art _unwissender_ Revolutionäre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich einmal unbewußt verrät: »... ich ärgerte mich und ich schämte mich fast für ihre Ungeschicktheit ...« (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische Schriften, Seite 170).
Es war der Zorn darüber, daß diese »dummen Jungen« die Revolution oder das »Neue russische Wort« durch ihre törichten Redereien und Taten nur lächerlich machten, ihm _seine_ große Revolution verpfuschten.
Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rückwärts und vorwärts sind die vielfachen sogenannten »Widersprüche« Dostojewskis in den »Dämonen« zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen Werken. Er schildert z. B. den Revolutionär Pjotr Werchowenski als ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und schließlich Mörder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten Ehrbegriffe, Karmasinoff, der »auswandernden Ratte«, wird selbst dieser »Betrüger« plötzlich zu einer nationalen Größe -- ganz zu schweigen von den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwürfen zu diesen Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet. Es ist, als ob die kleinen törichten Geisterchen, die Troßbübchen des Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen zergingen und er hinter ihrem kleinen dämonischen Eigensinn plötzlich die Umrisse eines riesigen Dämons zu spüren, zu begreifen beginne, wenn er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen läßt.
Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dämon wird, entzieht sich vorläufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, daß Stawrogins »Herausforderung« ein halbes Jahrhundert lang vergraben geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu früh, die Menschen aus dem so vielfach verhüllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis schon _sehend_ trinken zu lassen.
Über die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu veröffentlichen, und über das vorläufige Scheitern dieses Planes an den gegenwärtigen russischen Zuständen gibt das S. XXIV erwähnte Buch von Aimée Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschluß.
Eng verbunden mit Stawrogin ist »sein Schüler« Kirilloff. Dostojewski hat wohl selbst nicht genau gewußt, warum er diesen so eigentümlich »falsch« sprechen läßt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Künstlers empfunden, daß diese Nuance zu dieser Gestalt gehört oder mindestens paßt.
Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Ausländer oder wie ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum so wiederzugeben wäre, daß sie überhaupt glaubhaft bliebe, läßt sich kurz nur durch eine Übertreibung charakterisieren: er spricht ungefähr wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur spricht er so nicht mit Fleiß, nicht »stilisiert«, nicht bewußt, ja vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als würden aus ihm ganz unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefühl hervorstößt, ohne daß das Gehirn sie einkleidet. Vielleicht läßt sich der Gegensatz veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der »beugenden«, die Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren Bilderschrift der alten Ägypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen nachforscht, mag die Angaben über sein dunkles Äußere in Beziehung bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befaßt, wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine Übereinstimmung finden: nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die Erde zu bringen.
E. K. R.
Personenverzeichnis (unter Angabe der Aussprache der Namen)
Warwára Petrówna S'tawrógina -- Witwe eines Generals. Nicolaí Wsséwolodowitsch S'tawrógin -- ihr Sohn. S'tepán Trofímowitsch Werchowénski -- Dichter und Hauslehrer. Pjotr S'tepánowitsch Werchowénski -- sein Sohn. Praskówja Iwánowna Drósdowa -- Witwe eines Generals. Lisawéta Nicolájewna Túschina -- ihre Tochter aus erster Ehe. Mawríkij Nicolájewitsch Drósdoff -- Offizier, Neffe des verstorbenen Generals Drosdoff. Iwán Óssipowitsch *** -- der frühere Gouverneur. Andreí Antónowitsch von Lembke -- der neue Gouverneur. Júlija Michaílowna von Lembke -- seine Frau. Karmasínoff -- ein berühmter Schriftsteller. Artémij Páwlowitsch Gagánoff -- Rittmeister a. D. Lebäd'kin -- ein angeblicher »Hauptmann a. D.« Márja Timoféjewna ... -- seine Schwester. Iwán Schátoff } Kinder eines Dárja Páwlowna Schátowa } verstorbenen Dieners der (genannt Dá-scha) } Stawrógins. Márja Ignátjewna Schátowa -- Schátoffs Frau. Arína Próchorowna Wirgínskaja -- eine Hebamme. Alexeí Nílytsch Kirílloff -- ein Ingenieur. Schigáleff -- Verfasser einer Schrift über revolutionäre Theorien. Tolkatschénko, Erkel und andere Anhänger revolutionärer Ideen. Lipútin } Wirgínski } Beamte. Läm'schin } Aljóscha Telät'nikoff -- ein ehemaliger Beamter. Fédjka -- ein entsprungener Verbrecher. Flibustjéroff -- ein Polizeioffizier. Ssemjón Jákowlewitsch -- ein »Prophet«. Tíchon -- ein im Kloster zurückgezogen lebender Bischof. Alexeí Jegórytsch } Nas-táß-ja } Dienstboten. Agáfja }
Ortsnamen:
Skworéschniki, Dúchowo, Brýkowo; die Fabrik der Brüder Schpigúlin, Matwéjewo.
Näheres über die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe Seite 1118-1120.
Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzählung manchmal unbewußt geändert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs _Pjotr_ Pawlowitsch, später dagegen _Pawel_ Pawlowitsch und folglich seinen Sohn Artemij _Pawlowitsch_. Ferner heißt ein Kanzleibeamter des Gouverneurs zuerst _Blümer_, später _Blüm_. Der Name Kirílloff ist bald mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Mißverständnisse infolge solcher Flüchtigkeiten zu vermeiden, ist in der Übersetzung immer die erste Form beibehalten worden. E. K. R.
Erstes Kapitel. Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.
I.
Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später.
Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1] Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, -- liebte sie sogar so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine Lage als »Verfolgter« und sozusagen »Verbannter«. Um diese beiden Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief, sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein prächtiger Mensch.
Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der letzten Generation gehört, und eine Zeitlang -- übrigens doch nur einen allerkleinsten Augenblick lang -- war sein Name von manchen voreiligen Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, -- es ward, wie er sich ausdrückte, von einem »Wirbelsturm« zusammentreffender »Umstände«[5] zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen »Wirbelsturm«, sondern nicht einmal »Umstände« damals gegeben hat, wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre, daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern der Wissenschaft durchgehends so zu sein.