Sämtliche Werke 5-6

Part 14

Chapter 143,684 wordsPublic domain

Stepan Trophimowitsch hörte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als gingen sie ihn nichts an. Ich erwähnte auch mein Gespräch mit Kirilloff und fügte hinzu, daß ich ihn im übrigen für wahnsinnig hielte.

»Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehört zu den Menschen mit kurzen Gedanken,« murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. »_Ces gens-là supposent la nature et la société humaine autres que Dieu ne les a faites et qu'elles ne sont réellement._{[75]} Man läßt sich mit ihnen ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe sie damals in Petersburg gesehen, _avec cette chère amie_{[76]} (oh, wie ich _cette chère amie_ damals beleidigt habe!), doch weder ihr Geschimpfe noch ihre Lobsprüche haben mir Furcht einflößen können. Fürchte diese Leute auch jetzt nicht, _mais parlons d'autre chose_{[77]} ... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie verwünsche ich ihn nun ... und mich dazu!«

»Was haben Sie ihr denn geschrieben?«

»Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich teilte ihr mit, daß ich vor etwa fünf Tagen an _Nicolas_ geschrieben habe, und gleichfalls großmütig.«

»Jetzt begreife ich!« rief ich aufgebracht. »Und welch ein Recht hatten Sie, die beiden so einander gegenüberzustellen?«

»Aber, _mon cher_, erdrücken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrückt wie eine Schabe, ... und schließlich, ich glaube doch, es war alles edel. Nehmen Sie an, daß da wirklich etwas passiert ist ... _en Suisse_{[78]} ... oder angefangen hat. Ich muß doch ihre Herzen vorher fragen, um ... _enfin_{[70]} -- um nicht die Herzen zu stören und wie ein Pfosten auf ihrem Weg ... Ich ... i--ich habe es einzig und allein aus Edelmut getan.«

»O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben!« sagte ich unwillkürlich.

»Dumm, dumm,« griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. »Noch nie haben Sie etwas Klügeres gesagt, _c'était bête mais que faire? Tout est dit._{[79]} Werde ja sowieso heiraten, auch wenn's >fremde Sünden< sind, also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr?«

»Ach, so meine ich es ja nicht!«

»Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei; jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist begraben, _enfin -- tout est dit_.{[80]} Ja und warum schreien Sie eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert. >Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst<, das einzige, was einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem Bruder meiner zukünftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt? Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen Seele, jeder Unabhängigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache nötig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind -- das heißt, selbstverständlich nicht meine! --, der Weise fürchtet sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir heute vor, mich mit Barrikaden vor _Nicolas_ zu schützen. Er ist dumm, dieser Liputin. Das Weib betrügt selbst das allwissende Auge Gottes. _Le bon Dieu_{[81]} wußte natürlich, als er das Weib schuf, was er unternahm. Aber ich bin überzeugt, daß sie Ihn selbst -- dabei gestört und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu schaffen; denn wer würde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals laden? Ich weiß, Nastassja würde sich über diese Freidenkerei ärgern, aber ... _enfin tout est dit_.«{[80]}

Er wäre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen ausgekommen wäre, wenigstens tröstete er sich jetzt damit, -- aber leider nicht auf lange.

»Oh, wenn es doch kein Übermorgen gäbe, wenn doch dieser Sonntag nicht wäre!« rief er plötzlich in heller Verzweiflung aus. »Warum kann diese Woche nicht ohne Sonntag sein -- _si le miracle existe_?{[82]} Was würde es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen _et que tout soit dit_!{[83]} Oh, wie ich sie geliebt habe! _Vingt ans_{[72]} ... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden!«

»Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht verstehen,« fragte ich verwundert.

»_Vingt ans!_ und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh, das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, daß ich aus Angst heirate? Oh, welche Schmach! _Tante, tante_, ich bin dein! Mag sie es erfahren, diese _tante_, daß sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig Jahre lang vergöttert habe! Sie muß es erfahren, anders geht das nicht, sonst muß man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... _ce qu'on appelle le_{[84]} Altar!«

Ich hörte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht verheimlichen, daß mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder tat ich ihm Unrecht?

»Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung!« rief er plötzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. »Jetzt ist nur er es allein, mein armer Junge, der mich retten kann und -- warum kommt er denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich's auch nicht verdient habe -- Vater zu heißen, eher ein Tiger bin ... so ... _laissez-moi mon ami_{[85]} ... ich werde ein wenig schlafen, um meine Gedanken zu sammeln. Ich bin so müde, so müde, ja, und auch Sie müssen, glaube ich, zu Bett, _voyez-vous_{[86]} ... es ist schon zwölf.«

Viertes Kapitel. Die Hinkende

I.

Diesmal war Schatoff nicht starrköpfig, sondern erschien, auf meinen Brief hin, richtig um zwölf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein, denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die »_Mamá_« und Mawrikij Nicolajewitsch saßen alle drei im großen Salon und stritten sich gerade. Die _Mamá_ wünschte, daß Lisa ihr einen bestimmten Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt für Lisa ein und beteuerte, daß es wirklich der gewünschte Walzer gewesen sei, doch da begann die alte Dame vor Ärger zu weinen. Sie war krank und konnte kaum gehen. Ihre Füße waren geschwollen, und nun tat sie schon seit ein paar Tagen nichts anderes, als daß sie launisch war und mit allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig fürchtete. Über unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errötete vor Freude, und nachdem sie mir _merci_ gesagt hatte (natürlich wegen Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier.

Schatoff war linkisch an der Tür stehen geblieben. Sie dankte ihm dafür, daß er gekommen war, und führte ihn dann zur Mutter.

»Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, und hier ist Herr G--ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch.«

»Wer von Ihnen ist nun der Professor?«

»Keiner von ihnen ist Professor, Mama.«

»Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, daß ein Professor kommen wird -- wahrscheinlich ist es der?« und sie wies dabei auf Schatoff.

»Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G--ff ist Beamter und Herr Schatoff ist Student.«

»Student, Professor -- die sind doch beide von der Universität. Du willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus.«

»Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer >Professor<,« sagte Lisa und führte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann Platz nahm. »Wenn ihre Füße schmerzen, ist sie immer so, sie ist nämlich krank,« sagte sie dabei leise zu ihm, während sie ihn wieder neugierig betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah.

»Sind sie Militär?« fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa unbarmherzig überlassen hatte.

»Nein, ich diene ...«

»Herr G--ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund,« rief Lisa ihr aus der anderen Ecke zu.

»Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch Professor!«

»Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren!« rief Lisa unwillig.

»Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner Mutter widersprechen. -- Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war?«

Ich antwortete bejahend.

»War irgendein Engländer mit ihm hier?«

»Nein, nicht, daß ich wüßte.«

Lisa fing an zu lachen.

»Sehen Sie nun, Mama, daß überhaupt kein Engländer hier gewesen ist -- also, wieder Lügen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lügen alle beide. Ja, und überhaupt -- alle lügen! Gestern,« erklärte sie darauf, zu uns gewandt, »fanden nämlich _tante_ und Stepan Trophimowitsch eine Ähnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und dem Prinzen Heinz aus Shakespeares >Heinrich IV.<, und daher glaubt Mama nun, daß ein Engländer mit ihm hier gewesen sei.«

»Wenn kein Engländer da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche.«

»Mama tut nur mit Absicht so,« fand Lisa für nötig, Schatoff auseinander zu setzen. »Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den ersten Akt von >Othello< vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt, wissen Sie. -- Mama, hören Sie, es schlägt zwölf, Sie müssen Ihre Medizin einnehmen.«

»Der Doktor ist gekommen,« meldete das Dienstmädchen.

Die Alte erhob sich und rief ihr Hündchen: »Semirka, Semirka, komm du doch wenigstens mit mir.« Aber das widerliche alte Tierchen Semirka gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa.

»Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen,« wandte sie sich an mich.

»Anton Lawrentjewitsch ...«

»Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht's doch bloß zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren!«

Und sichtlich geärgert verließ sie langsam den Salon.

»Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij Nicolajewitsch, -- nicht wahr? Ich kann Sie versichern, daß Sie beide nur gewinnen werden, wenn Sie nähere Bekanntschaft machen,« sagte Lisa und lächelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber erstrahlte förmlich unter ihrem Blick.

So mußte ich mich denn, wohl oder übel, mit Mawrikij Nicolajewitsch unterhalten.

II.

Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatsächlich rein literarisch. Ich weiß nicht, warum ich überzeugt gewesen war, daß sie ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen hätte. Als wir nun sahen, daß sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht leise sprach, hörten wir unwillkürlich zu; und bald zog sie uns sogar mit ins Gespräch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach sehr nützlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen Sachen keine Erfahrung besaß, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklären versuchte, setzte mich wirklich in Erstaunen.

»Also auch eine von den Modernen,« dachte ich. »Sie scheint nicht umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.«

Schatoff hörte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darüber, daß ein junges Mädchen der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.

Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Rußland erscheint jährlich eine große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, und in ihnen wird tagaus tagein von allen möglichen Ereignissen berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten Zeitungen überall weggeräumt, in Schränke gesteckt, oder sie liegen herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedächtnis des Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gerät erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun würden aber viele später gern nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gäbe das für eine Arbeit, in diesem Meer von Blättern die Stelle zu finden, zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen könnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres sammelte und in einem einzigen Bande herausgäbe -- selbstverständlich nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken geordnet, mit einteilenden Überschriften, mit einem Index und mit übersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) -- so könnte eine solche Zusammenfassung des Stoffes in einem übersichtlichen Werke die ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all den unzähligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, natürlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.

»Wir würden also statt einer Menge Blätter mehrere dicke Bücher haben, und das wäre alles,« bemerkte Schatoff.

Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit großem Eifer, obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklären, ganz abgesehen davon, daß sie sich auch nicht recht auszudrücken verstand. Es müsse nur ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so müsse es doch übersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art der Einteilung des Stoffes. Selbstredend dürfe nicht alles genommen und abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmaßnahmen, örtliche Verordnungen, Gesetze -- so wichtig das alles auch sei -- in das Buch brauchte man davon doch nichts aufzunehmen. Überhaupt könnte man vieles weglassen und sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschränken, die mehr oder weniger das ethische und persönliche Leben des Volkes, sozusagen die Persönlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke ausdrückten. Freilich käme alles in Betracht: Kuriositäten, Brände, Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten Handlungen, verschiedene Aussprüche und Reden, ja, schließlich auch Nachrichten von Überschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne Regierungserlasse, aber aus allem müsse nur das herausgesucht werden, was die Epoche kennzeichnet. Alles müsse eben unter einem bestimmten Gesichtswinkel erfaßt und hingestellt werden, und hinter allem müsse ein Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. Und schließlich müsse das Buch sogar als Lektüre interessant und fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges Nachschlagebuch! Es wäre also gewissermaßen ein Bild des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. »Es muß so sein, daß alle es kaufen, es muß zu einem richtigen Handbuch werden,« behauptete Lisa. »Ich weiß wohl, daß hierbei der Plan die Hauptsache ist, und deshalb wende ich mich an Sie,« schloß Lisa. Sie war recht in Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollständig ausgedrückt hatte, begann Schatoff zu begreifen.

»Es würde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,« brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.

»Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht nötig! Nichts als Objektivität -- das soll die ganze Richtschnur sein.«

»Aber die Richtung wäre ja an sich nichts Schlimmes,« sagte Schatoff und bewegte sich endlich, »auch ließe sich das wohl nicht vermeiden, sobald man überhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.«

»So glauben Sie, daß man ein solches Buch zustande bringen kann?« fragte Lisa erfreut.

»Man muß sich das noch überlegen. Es würde ein großes Unternehmen werden. So plötzlich läßt sich nichts ausdenken. Da muß man Erfahrungen sammeln. Selbst während der Arbeit dürften wir noch nicht recht wissen, wie es am besten zu machen wäre. Vielleicht finden wir das erst nach vielen Versuchen. Aber der Gedanke fängt an, einem klar zu werden. Es ist ein nützlicher Gedanke.«

Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergnügen, so sehr war er jetzt interessiert.

»Haben Sie sich das selbst ausgedacht?« fragte er Lisa freundlich und, wie das so seine Art war, fast verschämt.

»Ach, das Ausdenken war kein Kunststück, dafür aber ist das der Plan um so mehr,« erwiderte Lisa lächelnd. »Ich verstehe wenig davon und bin nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...«

»Sie verfolgen?«

»Das ist wohl nicht das richtige Wort?« forschte Lisa schnell und wißbegierig.

»Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.«

»Ich habe mir schon im Auslande gesagt, daß auch ich der allgemeinen Sache irgendwie nützlich sein könnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt oder sie mir ausgedacht --, der Gedanke war auf einmal da, und da freute ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, daß es ohne einen Mitarbeiter nicht gehen würde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter soll natürlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann zur Hälfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!«

»Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.«

»Ich muß nur vorausschicken, daß ich es nicht wegen des möglichen Überschusses tue, aber ich möchte doch sehr, daß es viel gekauft wird, und auf einen Überschuß wäre ich natürlich furchtbar stolz.«

»Aber was soll ich denn dabei?«

»Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.«

»Woher wissen Sie, ob ich das kann?«

»Man hat mir schon von Ihnen erzählt ... ich weiß, daß Sie sehr klug sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzählt,« fügte sie eilig hinzu. »Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?«

Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum über sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen.

»Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Schatoff wurde plötzlich rot.

»Übrigens, hier sind schon Zeitungen.« Sie nahm hastig ein zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. »Ich habe schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bißchen zusammenzustellen -- ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert ... Sie werden schon selbst sehen ...«

Schatoff nahm das Paket.

»Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch -- Sie wohnen doch irgendwo?«

»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.«

»Ich weiß, wo das ist. Dort soll, wie ich gehört habe, neben Ihnen auch irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebädkin?« fuhr Lisa mit derselben hastenden Eile fort.

Schatoff saß, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu Boden.

»Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen müssen, denn ich -- tauge nicht dazu,« sagte er schließlich mit ganz eigentümlich gesenkter Stimme, ja, fast flüsternd.

Lisa flammte auf.

»Von was für Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch!« rief sie diesen, »bitte geben Sie mir jenen Brief.«

Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch.

»Sehen Sie dies hier,« wandte sie sich plötzlich an mich, während sie in sichtlich großer Erregung den Brief entfaltete. »Haben Sie schon je etwas Ähnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es ist nötig, daß auch Herr Schatoff es hört,« wandte sie sich darauf an mich, »haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll's hören.«

Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende:

»An die vollendete Schönheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna Tuschina.

Gnädiges Fräulein!

O, wie ist sie wunderbar, Lisaweta Tuschina! Wenn sie morgens ausreitet Und durch ihre Locken der Wind gleitet! Dann wünsch' ich mir von ihr alle Wonne Und denk', sie sei meine Frau und meine Sonne.

(Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem Streite.)

Gnädiges Fräulein!

Am meisten bedauere ich, daß ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort überhaupt nicht gewesen bin, sondern man mich während des ganzen Feldzuges mit der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschäftigt hat. Sie aber sind eine Göttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch jetzt ahne ich, was Unermeßlichkeit ist. Betrachten Sie alles, was ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa Unverschämtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne über eine Infusorie ärgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet, unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar der große Klub der Nächstenliebe zu großem Viehzeug in Petersburg, der mitleidig für die Rechte von Hunden und Pferden kämpft, nimmt sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine Heirat würde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen. Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofür es sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen.

Hauptmann Lebädkin, Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.«

»Das hat ein Betrunkener geschrieben,« rief ich aus, »ein erbärmlicher Mensch! -- Ich kenne ihn!«

»Ich erhielt ihn gestern,« begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig zu erklären. »Ich begriff sofort, daß irgend ein Narr ihn geschrieben hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen, Sie können mir vielleicht etwas Näheres über ihn mitteilen?«

»Ein verkommener Mensch,« murmelte Schatoff zur Antwort.

»Ist er immer so dumm?«

»O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.«

»Ich habe einen General gekannt, der in seinen Mußestunden genau solche Gedichte schrieb,« bemerkte ich amüsiert.

»Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, daß er nicht dumm sein kann,« sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch überraschenderweise.

»Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich?« fragte Lisa.

»Ja, eine Schwester.«

»Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?«

Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: »Was geht das mich an!« und wandte sich zur Tür.

»Ach, aber so warten Sie doch,« rief Lisa erregt, »wohin wollen Sie denn schon? Wir müssen doch noch so vieles besprechen! ...«

»Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...«