Part 11
»Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe Petrúscha so lange nicht mehr gesehen!« Stepan Trophimowitsch kam von diesem Satz nicht los. »Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem ... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heißt, ich wollte sagen, daß ich ihn in Petersburg damals für nichts Besonderes hielt ... _ou quelque chose dans ce genre_.{[40]} Der Junge war, wissen Sie, nervös, sehr empfindsam, und ... ängstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der Nacht nicht zu sterben, _je m'en souviens. Enfin_,{[41]} kein bißchen Gefühl für das Schöne, das heißt für etwas Höheres, oder Tieferes, kein einziger Keim einer zukünftigen Idee ... _c'était comme un petit idiot_.{[42]} Übrigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan ...«
»Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst?« erkundigte sich Herr Kirilloff plötzlich mit besonderem Interesse.
»Ja, er bekreuzte es ...«
»Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort.«
Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Besuch, aber ich muß gestehen, ich bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen Sie?«
»In der Bogojawlenskstraße, im Filippoffschen Hause.«
»Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt,« bemerkte ich unwillkürlich.
»Ja, eben, genau in demselben Hause,« rief Liputin schnell, »nur wohnt Schatoff oben und er unten bei Lebädkin. Und er ist auch mit Schatoff und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut.«
»_Comment!_{[43]} So wissen Sie etwas von dieser unglücklichen Ehe _de notre pauvre ami_{[44]} mit dieser Frau?« fragte Stepan Trophimowitsch plötzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefühl. »Sie sind der erste, der diese Frau persönlich kennt; und wenn nur ...«
»Welch ein Blödsinn!« Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin ungehalten an. »Was Sie immer zu allem hinzufügen, Liputin! Ich kenne Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ... Was fügen Sie immer hinzu!« Und er machte eine schroffe Wendung auf dem Diwan, griff schon nach seiner Mütze, legte sie aber wieder hin, und als er wieder wie früher dasaß, richtete er plötzlich seine schwarzen aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit überhaupt nicht zu erklären.
»Verzeihen Sie,« versetzte Stepan Trophimowitsch fein, »ich verstehe, daß das eine sehr zarte Angelegenheit ...«
»Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe aber nicht zu Ihnen >Blödsinn< gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer hinzufügt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht!«
»Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich unseren armen Freund sehr liebe und mich immer für ihn interessiert habe ... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu plötzlich, zu schroff seine früheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin richtigen Ansichten geändert. Er sagt jetzt dermaßen sonderbare Dinge über _notre sainte Russie_,{[45]} daß ich diesen Umschwung in seinem Inneren -- anders möchte ich's nicht nennen -- einer starken Erschütterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner unglücklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Rußland studiert habe und wie meine fünf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht habe, ich versichere Ihnen, daß er das russische Volk nicht kennt, und zudem ...«
»Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren ist auch gar keine Zeit da!« fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz.
»Aber er studiert es, studiert es,« hakte Liputin flink ein, »er hat schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein interessanten Abhandlung über die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde in Rußland und überhaupt über die Ursachen, die die Verbreitung des Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft fördern oder hemmen. Er ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt!«
Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung.
»Dazu haben Sie gar kein Recht!« sagte er zornig. »Ich schreibe gar keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich veröffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ...«
Liputin ergötzte sich augenscheinlich an diesem Zorn.
»Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte. Er sammelt nämlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder sozusagen an ihre sittliche Seite rührt er überhaupt nicht, ja er lehnt sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hält sich dafür an den neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstörung zum Zwecke der Erreichung guter Endziele. Er verlangt über hundert Millionen Köpfe, um die gesunde Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als auf dem letzten Weltkongreß verlangt wurden. In der Beziehung geht er viel weiter als alle anderen!«
Der Ingenieur hörte mit einem geringschätzigen und blassen Lächeln zu. Eine halbe Minute schwiegen wir alle.
»Das ist so dumm, Liputin,« sagte Kirilloff schließlich, nicht ohne eine gewisse Würde. »Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben sie so aufgefaßt, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen. Wenn ich Überzeugungen habe, so sind sie für mich klar. Ich philosophiere nicht mehr über das, was schon ganz klar ist. Ich kann es nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren.«
»Und vielleicht tun Sie ganz recht daran,« konnte Stepan Trophimowitsch sich nicht enthalten, zu bemerken.
»Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich ärgere mich hier über niemanden,« fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. »Ich habe vier Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen und mich bemüht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen, aber ich ärgere mich nur über seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen nicht meine Gedanken erkläre,« schloß er unerwartet und sah uns alle der Reihe nach mit festem Blick an, »so unterlasse ich das nicht deshalb, weil ich eine Anzeige bei der Regierung fürchte, nein, bitte, denken Sie nicht Dummheiten von der Art ...«
Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin vergaß zu spottlächeln.
»Meine Herren, ich bedaure unendlich,« sagte Stepan Trophimowitsch plötzlich entschlossen und erhob sich, »aber ich fühle mich nicht wohl. Entschuldigen Sie mich.«
»Ach, das ist, damit wir fortgehen!« rief Herr Kirilloff und sprang sofort auf. »Gut, daß Sie es sagten, ich bin sonst vergeßlich.«
Er trat mit gutmütigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan Trophimowitsch zu. »Schade, daß Sie krank sind und ich gekommen bin.«
»Ich wünsche Ihnen allen Erfolg bei uns,« sagte Stepan Trophimowitsch wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. »Ich verstehe schon, daß Sie, der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen mit Erstaunen blicken müssen -- und wir natürlich desgleichen auf Sie. _Mais ce a passera._{[46]} Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier unsere Brücke bauen, und erklären sich zu gleicher Zeit für das Prinzip der allgemeinen Zerstörung? Dann wird man Sie unsere Brücke nicht bauen lassen!«
»Was?! Wie, was haben Sie gesagt?« rief Kirilloff bestürzt; bis er plötzlich begriff: »Ach so!« und er brach in das heiterste und harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut stand.
Liputin rieb sich die Hände vor Vergnügen über Stepan Trophimowitschs gelungene Bemerkung.
Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen hatte, »ich bin verloren«, als er Liputin kommen hörte.
V.
Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gäste und der Hausherr noch die letzten liebenswürdigen Worte zu wechseln pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen.
Da bemerkte plötzlich Liputin, der bereits an der Türe stand, wie beiläufig: »Er ist ja nur deshalb so mürrisch, weil er mit dem Hauptmann Lebädkin den Streit gehabt hat. Der schlägt seine schöne Schwester, die Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen schon auf die andere Seite, in den Flügel des Hauses gezogen, um das nicht täglich anhören zu müssen. Na ja, -- also auf Wiedersehen!«
»Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika?« rief Stepan Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen worden. »Welch eine Schwester? Was für ein Lebädkin?«
»Lebädkin -- na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Früher nannte er sich >Stabskapitän<!« antwortete Liputin, indem er noch einmal ins Zimmer zurücktrat.
»Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie sagen Lebädkin, aber -- bei uns war doch auch ein Lebädkin!«
»Eben, eben, derselbe Lebädkin ist's ja auch! Erinnern Sie sich noch, der damals bei Wirginski ...«
»Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!«
»Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurückgekehrt, schon vor drei Wochen, und zwar unter den allersonderbarsten Umständen.«
»Aber das ist doch ein ganz nichtswürdiger Mensch!«
»Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben könnte!« gab Liputin plötzlich spottlächelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen Äuglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befühlend.
»Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... Übrigens, Nichtswürdige -- darin stimme ich mit Ihnen vollkommen überein, besonders mit Ihnen! Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt etwas damit sagen!!« Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort.
»Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser >Hauptmann< hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrücktes Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darüber auf, Stepan Trophimowitsch? Ich erzähle doch nur, was ich von ihm selber in seiner Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nüchtern ist, schweigt er darüber. Ein reizbarer Mensch übrigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars mitunter, wenn der Geist über ihn kommt, doch meist von üblem Geschmack. Und das verrückte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen jährlichen Tribut, als Belohnung für die Ehrenbeleidigung, wie er sagt. Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwätz. Er prahlt einfach. Aber das ließe sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache ist, daß er Geld hat, und zwar in großen Summen! Vor anderthalb Wochen ging er fast barfuß, und jetzt hat er -- ich habe es selbst gesehen! -- Hunderte in den Händen. Die Schwester hat täglich irgendwelche Anfälle, und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche >in Ordnung bringt<, wie er zu sagen pflegt, -- denn man müsse in das Weib >Achtung pflanzen<. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushält, über ihnen zu wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten können. Nun ist er umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!«
»Ist das wirklich alles wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an den Ingenieur.
»Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin,« brummte dieser wütend.
»Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, daß es bei uns plötzlich so viele Geheimnisse gibt?« Stepan Trophimowitsch konnte nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur ärgerte sich, errötete, zuckte ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer.
»Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen,« fügte da Liputin schnell mit schlauem Lächeln hinzu.
Kirilloff kehrte sofort um: »Was soll das alles, Liputin? Das ist doch dumm. Und weshalb?«
»Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der Seele verheimlichen?! -- das heißt, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer Seele, ich spreche nicht von der meinen!« antwortete Liputin.
»Wie das dumm ist ... und gar nicht nötig. Lebädkin ist ein ganz leerer Mensch und kommt für die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr nur. Warum schwatzen Sie so viel Überflüssiges? Ich gehe!«
»Ach, wie schade!« rief da Liputin mit hellem Lächeln aus. »Sie gehen schon -- sonst hätte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen Anekdote erfreut!« Und zu diesem gewandt: »Bin sogar mit der Absicht hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzählen. Doch Sie werden sie ja bestimmt schon gehört haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir. Einfach zum Kranklachen war's. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!«
Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn plötzlich an den Schultern gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt.
Liputin erschrak ordentlich.
»Ja, wie denn?« fragte er und sah von seinem Stuhl aus ängstlich und verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch faßte er sich schnell. »Ja, denken Sie sich, plötzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen -- was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn für wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?«
»Sie sind verrückt geworden, Liputin!« sagte Stepan Trophimowitsch. »Sie wissen nur zu gut, daß Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit zu sagen.«
Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je erfahren würden.
»Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch!« stotterte Liputin, als ob jener ihn furchtbar erschreckt hätte. »Erlauben Sie ...«
»Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurück und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt erzählen, aber einfach und ohne Ausreden!«
»Hätte ich gewußt, daß es Sie so aufregt, so würde ich gar nicht davon angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wüßten das alles selbst ... schon längst ... von Warwara Petrowna!«
»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage ich Ihnen!«
»Na, dann haben Sie doch wenigstens die Güte, sich auch zu setzen! Denn wenn Sie so vor mir herumlaufen, da würde ja alles ganz kunterbunt herauskommen!«
Stepan Trophimowitsch überwand sich und ließ sich sehr formell auf einen Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah mit unglaublichem Hochgenuß von einem zum andern.
»Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...«
VI.
»Vor drei Tagen also, da schickt sie plötzlich ihren Diener zu mir: sie ließe bitten, sozusagen, morgen um zwölf zu ihr zu kommen. Können Sie sich das denken? Nun, ich ließ natürlich meine Arbeit Arbeit sein und um Punkt zwölf klingelte ich an ihrer Tür. Man führte mich gleich in das Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir gegenüber. Ich saß nun also, brachte es aber zunächst nicht über mich, meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus und ohne alle Umschweife: >Sie erinnern sich wohl noch<, sagte sie, >der drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine Erkrankung aufklärte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persönlich an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen später, als er wieder hergestellt war, seinen Besuch. Ich weiß, daß er Ihnen schon früher mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich möchte Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie< -- hier stockte sie ein wenig -- >wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie über ihn waren ... und ... was Sie jetzt von ihm denken.<
»Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und plötzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rührender Stimme, nein, das gerade nicht, denn das würde auch nicht zu ihr passen, aber so sonderbar eindringlich: >Ich will<, sagte sie, >daß Sie mich gut und ohne ein Mißverständnis verstehen,< sagte sie. >Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich Sie für einen Menschen halte, der fähig ist, richtig zu beobachten.< (Wie finden Sie das Kompliment?) >Sie verstehen gewiß auch, daß es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,< sagte sie ... >Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglück gehabt und manche Widerwärtigkeit über sich ergehen lassen müssen. Alles das,< sagte sie, >hätte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemütsstimmung einwirken können. Selbstverständlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn ... das ist ganz und gar ausgeschlossen!< Das sagte sie so, wissen Sie, in einem festen und stolzen Ton! >Aber es könnte da etwas Besonderes sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu gewissen eigentümlichen Anschauungen< ... Das sind alles ihre eigenen Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so, mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklären versteht. Wirklich, eine kluge Dame! >Jedenfalls<, sagte sie, >ist mir selbst an ihm eine fortwährende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich müssen Sie, bei Ihrem Verstande, weit fähiger sein, sich ein unbefangenes Urteil über ihn zu bilden. Ich beschwöre Sie< -- jawohl, so sagte sie wortwörtlich -- >ich beschwöre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche Beschönigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, daß ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, daß ich stets bereit sein werde, Ihnen künftig und bei jeder Gelegenheit meine Dankbarkeit zu beweisen.< Nun, wie finden Sie das?«
»Sie ... Sie haben mich so überrascht ...« stotterte Stepan Trophimowitsch, »daß ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...«
»Nein, bedenken Sie doch nur,« fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und tat, als hätte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung überhaupt nicht gehört, »wie groß muß ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Höhe herab, an einen Menschen wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur möglich? Sollte sie da nicht ganz unerwartete Nachrichten über ihren Sohn erhalten haben?«
»Ich weiß von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten ... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ... aber ich möchte Sie nur daran erinnern,« stotterte Stepan Trophimowitsch wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte -- »ich möchte Sie nur daran erinnern, Liputin, daß Sie im _Vertrauen_ gefragt worden sind, und daß Sie jetzt in Gegenwart ...«
»Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr Kirilloff ...«
»Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir _drei_ das Geheimnis bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, fürchte ich, und Ihnen traue ich in keiner einzigen Beziehung.«
»Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden!« Und hastig ging Liputin darüber hinweg: »Übrigens, gerade bei der Gelegenheit, möchte ich noch auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern abend, noch unter dem Eindruck des Gespräches mit Warwara Petrowna -- Sie können sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht hatte! -- wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage: Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch früher schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem Verstande und überhaupt von seinen geistigen Fähigkeiten? Und darauf antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: >Ja,< sagt er, >das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.< Aber haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre gewisse Ideenveränderungen an ihm bemerkt oder eine besondere Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun -- sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird plötzlich nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt. >Ja,< sagte er dann, >ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares an ihm.< Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares bemerkt hat -- was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!«
»Ist das wahr?« wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff.
»Ich möchte nicht davon sprechen ...« sagte Kirilloff, hob aber plötzlich den Kopf und seine Augen blitzten. »Ich möchte Ihr Recht bestreiten, Liputin. Sie haben für den Fall gar kein Recht auf mich. Ich habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie, mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie Klatsch.«
Liputin spielte die beleidigte Unschuld und führte die Hände auseinander.
»Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen. Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebädkin, der doch so dumm ist, wie -- man schämt sich ja förmlich zu sagen, wie dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich -- sogar der denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen Scharfsinn bewundert. >Bin ganz erstaunt über diesen Menschen: eine allwissende Schlange!< -- waren seine eigenen Worte. Ich fragte also auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem Gespräch mit Herrn Kirilloff. >Nun,< fragte ich, >Hauptmann, was glauben Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht einfach wahnsinnig?< Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir auch nicht: es war für ihn, als hätte ich ihm hinterrücks einen Peitschenschlag versetzt -- ohne seine Erlaubnis natürlich. Er sprang geradezu auf: >Ja,< sagte er, >ja, aber das kann doch keinen Einfluß haben auf ...< Aber auf was das keinen Einfluß haben könnte, das sagte er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so traurige Gedanken, sage ich Ihnen, daß er davon ganz nüchtern wurde. Wir saßen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben Stunde ungefähr schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch: >Ja,< schreit er, >meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einfluß haben ...< und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natürlich das Gespräch nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: >Ja,< sagt ein jeder, >er ist wahnsinnig; gewiß, er ist sehr klug; aber vielleicht auch wahnsinnig.<«
Stepan Trophimowitsch saß ganz in Gedanken versunken da und schien angestrengt zu überlegen. »Wie kann Lebädkin das wissen?« fragte er.