Part 55
»Ich schätze das Kind wegen seines Begriffsvermögens,« äußerte sich Lebedeff, ihm nachblickend. »Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas naseweis. Doch ein ungeheures Unglück ist mir widerfahren, hochverehrter Fürst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch -- noch schwanke ich selbst in der definitiven Zeitangabe.«
»Was ist denn geschehen?«
»Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter Fürst, da haben wir die Bescherung!« erklärte Lebedeff mit saurem Lächeln.
»Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.«
»Und namentlich wenn's noch _nota bene_ einem armen, ehrlich von seiner Arbeit lebenden Familienvater passiert.«
»Gewiß, gewiß, -- aber wie ist denn das zugegangen?«
»Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist. Ich, sehen Sie, hochverehrter Fürst, ich wende mich an Sie, wie an meine leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich gestern Punkt fünf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit dem nächsten Zuge hierher zurückkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte, selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmächtigten ... zu einem gewissen Zweck einzuhändigen.«
»Ist es wahr, Lukjan Timofeïtsch, daß Sie, wie Sie in den Zeitungen bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?«
»Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht dessen, daß meine Familie mit den Jahren heranwächst -- so ist ein ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...«
»Nun ja, gewiß, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie unterbrochen habe.«
»Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande -- um sechs, nach dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gäste, tranken ... Tee, und ... meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann -- das war schon ziemlich spät -- dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich, werter, hochverehrter Fürst, da ich ein Herz habe -- das werden Sie wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es -- also ein Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, daß es gefühlvoll sei, aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit Stolz rühme, -- also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhöhung der Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine persönliche Aussprache meines Glückwunsches vorzubereiten, in mein Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich während der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei dieser Prozedur vergaß ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt, so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich plötzlich wie ein Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock -- die Rocktasche war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal 'ne Spur von sich hinterlassen!«
»Ach, das ist aber unangenehm!«
»Sehr richtig, gerade >unangenehm<. Da haben Sie mit feinem Taktgefühl sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden,« fügte er bei allem Humor doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.
»Aber wie, einstweilen ...« sagte der Fürst nach kurzem Nachdenken, »das ist doch etwas sehr Ernstes.«
»Sehr richtig, etwas sehr Ernstes -- da haben Sie eine zweite überaus zutreffende Bezeichnung gefunden ...«
»Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofeïtsch, was soll das jetzt? Hier kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, daß Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren können?«
»Können kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich mit aller Aufrichtigkeit ausgedrückt haben, hochverehrter Fürst! Doch bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus der Rocktasche gefallen wäre, so müßte sie doch auf dem Fußboden liegen. Wenn sie nun aber da nicht liegt?«
»Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht, oder in ein Schubfach?«
»Ich habe alles durchgesucht, überall nachgewühlt, um so mehr, als ich genau wußte, daß ich keinen einzigen Kasten geöffnet und kein Schubfach auch nur angerührt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.«
»Haben Sie auch im Schränkchen nachgesehen?«
»Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer wieder ... Aber wie hätt' ich's denn ins Schränkchen tun können, mein aufrichtig hochverehrter Fürst?«
»Ich muß gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann hat es vielleicht jemand auf dem Fußboden gefunden?«
»Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche Alternative gestellt, wie Sie sehen!«
»Es regt mich tatsächlich auf, denn wer hätte es wohl sein können ... Das ist die Frage!«
»Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage, durchlauchtigster Fürst.«
»Ach, Lukjan Timofeïtsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...«
»Spott!« Lebedeff hob wie in Entrüstung abwehrend die Hände empor.
»Nun, nun, nun, schon gut, ich ärgere mich ja nicht, hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes ... Ich fürchte nur für den Menschen, der ... Wen verdächtigen Sie denn?«
»Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage! Die Magd -- kann ich nicht verdächtigen, die hat in ihrer Küche gesessen. Meine leiblichen Kinder -- das geht auch nicht gut ...«
»Das fehlte noch!«
»Also folglich -- jemand von den Gästen.«
»Aber ... ist denn das möglich?«
»Absolut und im höchsten Grade unmöglich, nur muß es nichtsdestoweniger unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich bin vielmehr überzeugt, daß, wenn es sich um einen Diebstahl handelt, dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von einem der Herren, die hier genächtigt haben.«
»Ach, mein Gott!«
»Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schließe ich selbstverständlich aus; sie sind überhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.«
»Das fehlte noch! -- und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wären! Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?«
»Mit mir zusammen waren's vier -- in zwei nebeneinander liegenden Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer von uns vieren.«
»Das heißt einer von dreien; aber wer denn?«
»Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich mitgezählt, aber Sie werden doch zugeben, Fürst, daß ich mich nicht selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Fälle in der Welt vorgekommen sind ...«
»Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind!« unterbrach ihn der Fürst ungeduldig. »So bleiben Sie doch bei der Sache ...«
»Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller -- ein äußerst unbeständiger Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nüchterner Tage schon längst in nebelhafte Ferne entrückt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen höchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im übrigen jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst nachher zu uns herüber, und zwar mit der Motivierung, daß auf dem Fußboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.«
»Und Sie haben ihn im Verdacht?«
»Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie'n Besessener aufgesprungen war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich, Herrn Keller näher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere Sache mit aller Gründlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch keine einzige Kopeke. Dafür entdeckten wir ein Schnupftuch, ein blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, über den man besser Schweigen wahrt. Ferner beförderten wir einen Liebesbrief zutage, von einem Stubenmädchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und schließlich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General entschied, daß er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns erst nach längeren Bemühungen gelang: er begriff aber kaum, um was es sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem Gesichtsausdruck: blödsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen, -- nein, der war es nicht!«
»Nun, das freut mich!« atmete der Fürst erfreut auf. »Ich fürchtete wirklich für ihn!«
»Sie fürchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu?« forschte Lebedeff blinzelnd.
»O nein, das nicht, ich meinte nur ...« Der Fürst stockte. »Ich habe mich da sehr dumm ausgedrückt und unüberlegt ... Seien Sie so gut, Lebedeff, und erzählen Sie es keinem ...«
»Fürst! Fürst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ...« beteuerte Lebedeff halb wie in Verzückung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich drückte.
»Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heißt, ich meine nur, dann verdächtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?«
»Wen denn sonst?« fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den Fürsten.
»Nun ja, versteht sich ... wen könnte man denn sonst ... das heißt, haben Sie denn Beweise?«
»Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch früher.«
»Ich weiß, Koljä erzählte mir, daß er zu ihm gekommen sei und gesagt habe, daß er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen -- zu seinem Freunde schlafen gehen wolle.«
»Zu Wilkin. Dann weiß es Nikolai Ardalionytsch schon?«
»Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.«
»Kann er auch gar nicht, denn er weiß ja doch noch nichts davon. Ich behandle die Sache vorläufig als größtes Geheimnis. Also: er geht zu Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, daß es doch nichts auf sich haben könne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womöglich schon bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterläßt er noch die Adresse ... Passen Sie jetzt auf, Fürst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er, wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch, obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, daß er zu Wilkin geht? Und wen kann's denn schließlich interessieren, daß er fortgeht, selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel wie: >Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann ich also ein Dieb sein? Würde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?< Das aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ... Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Fürst?«
»Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!«
»Warten Sie 'n bißchen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um acht, klopfte ich bei Wilkin -- der wohnt hier nicht sehr weit, in einer der nächsten Straßen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken. Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Müh und Not -- es ist ein dummes Weibsbild --, daß vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einlaß begehrt habe, und zwar ziemlich nachdrücklich, da der Betreffende den Klingelzug abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tür nicht aufgemacht, um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.«
»Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.«
»Fürst, wen soll man denn sonst verdächtigen, bedenken Sie doch nur das!« bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor -- doch lag in seinem Augenzwinkern und Lächeln eine gewisse Listigkeit.
»Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfächern!« rief der Fürst nachdenklich und mit besorgter Miene.
»Fürst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan,« seufzte Lebedeff in komischer Ergebenheit.
»Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es nötig, sich umzukleiden?« ärgerte sich der Fürst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch -- allerdings nicht allzu stark.
»Die Frage stammt aus einer alten Komödie. Aber, edelster, bester Fürst, Sie nehmen sich mein Unglück nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das bin ich ja gar nicht wert. Das heißt, ich allein bin es nicht wert, aber Sie leiden ja auch für den Verbrecher ... für den nichtsnutzigen Herrn Ferdyschtschenko!«
»Nun ja, ich bin in der Tat besorgt,« sagte der Fürst zerstreut. »Aber was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so überzeugt sind, daß es Ferdyschtschenko gewesen ist?«
»Fürst, hochverehrter Fürst, wer soll's denn sonst gewesen sein?« entschuldigte sich mit wachsender Rührung Lebedeff. »Ist doch schon der Mangel an einer anderen Verdachtsmöglichkeit, ich meine, der Mangel an jeder Möglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdächtigen, ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich frage Sie nochmals, wer hätte sie sonst nehmen können? Ich kann doch nicht Herrn Burdowskij verdächtigen, he--he--he!«
»Ach, reden Sie nicht solch einen Blödsinn!«
»Und schließlich doch auch nicht den General, he--he--he?«
»Welch ein Unsinn!« sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich ungeduldig auf seinem Platz.
»Selbstverständlich ist das Unsinn! He--he--he! Aber hat mich der Mensch doch erheitert heute, weiß Gott! -- ich rede vom General. Wir gehen beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich! Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich, wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich's von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust. >Durchsuche mich<, sagt er, >du hast Keller durchsucht, weshalb durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die Gerechtigkeit!< Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. >Hör' mal, General,< sagte ich, >wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.< >Seht ihr diesen Kopf?< würde ich sie fragen, >nun dann seht: mit diesem meinen eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem ganzen Körper, wenn's beliebt, und das nicht nur in der Luft, sondern sogar im Feuer!< >Siehst du jetzt,< fragte ich, >wie groß mein Vertrauen in dich ist!< Da stürzte er mir in die Arme -- alles mitten auf der Straße, nicht zu vergessen -- brach in Tränen aus, zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum noch atmen konnte. >Du bist mein einziger Freund,< sagte er, >der einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!< Tja, ein gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann, versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war sie wieder zutage befördert worden. Kurzum -- alles wüste Lüge und blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam, schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf mich böse ist.«
»Sie kennen sie?«
»Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen, wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde, und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch ich bin und stehe -- denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht -- weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten, hochverehrter Fürst?«
»Nein, er hat mich nicht darum gebeten.«
»Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz ausgeschüttet.«
»Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?«
»Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will nicht übertreiben, -- mein Leben nicht, aber sozusagen 'ne kleine Influenza, irgend so'n Geschwür oder selbst einen Husten -- das, bei Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen, wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!«
»So geben Sie ihm also welches?«
»N--n--nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er weiß es selbst, daß ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im Hinblick auf seine Mäßigung und Besserung. Heute begab er sich mit mir nach Petersburg -- ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wußte genau, daß er nach Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was, daß er in Petersburg von meiner Seite verschwinden würde, um seine Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich muß gestehen, ich ließ ihn beinahe mit Absicht von mir fort. Wir waren überein gekommen, uns bei der Ankunft sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein würde, den Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns -- und jetzt will ich ihn bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um ihn als Familienvater und als Menschen überhaupt zu beschämen.«
»Nur machen Sie keinen unnützen Lärm, Lebedeff, sagen Sie um Gotteswillen keinem ein Wort davon,« bat der Fürst halblaut in großer Unruhe.
»O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu beschämen, und dann auch, um zu sehen, was für eine Physiognomie er machen wird, -- denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schließen, hochverehrter Fürst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach, Fürst! Wie groß aber auch mein eigenes Unglück im gegenwärtigen Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine große Bitte, durchlauchtigster Fürst, die genau genommen auch der Grund meines Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort gewohnt -- wenn Sie nun also, edelster Fürst, sich dazu entschließen könnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glücke des Generals ...«
Lebedeff faltete die Hände in inständiger Bitte.
»Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht, Lebedeff.«
»... Einzig in dieser meiner Überzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum Beispiel könnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken, indem man sozusagen im Schoße der eigenen Familie liebevoll ein achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglück nicht mit ihr bekannt ... ferner könnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich sein ...«
»Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren, und Koljä ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz, Lebedeff.«
»Aber hier ist doch nichts zu verstehen!« rief Lebedeff und sprang vom Stuhl auf. »Nichts, nichts als Zärtlichkeit und Gefühl sind hier nötig -- das ist das einzige Mittel für unseren Kranken. Sie, Fürst, werden mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?«
»Das zeugt nur von Ihrem Zartgefühl und Ihrer Einsicht.«
»Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklären, das ich um der größeren Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das für ein Mensch ist: da hat er nun diese seine Schwäche für die Kapitanscha, der er sich aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glück, versteht sich. Doch gesetzt den Fall, daß er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine ehrlose Handlung -- wenn er dazu auch absolut unfähig ist -- so würde man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilität alles bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfühliger Mensch! Glauben Sie mir, keine fünf Tage würde er es aushalten! -- Würde sich selbst verraten, in Tränen ausbrechen, alles gestehen, -- und namentlich, namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmütig -- und durch das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Fürst!« Lebedeff wollte fast aufspringen vor Begeisterung. »Ich behaupte ja nicht, daß er es unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut für ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die Trunkenheit und die Kapitanscha -- das alles kann einen doch noch zu ganz anderen Dingen verleiten!«