Sämtliche Werke 3-4

Part 5

Chapter 53,622 wordsPublic domain

»Ich? -- Nichts.«

»Aber ich bitte dich, als was willst du uns denn hinstellen?«

»Ich habe ja nicht gesagt, daß ich mich weigern werde. Ich habe mich vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt ...«

»Das fehlte noch, daß du dich weigerst!« rief der General ärgerlich aus, ohne seinen Ärger verbergen zu wollen. »Hier mein Freund, handelt es sich nicht mehr darum, daß du dich _nicht_ weigerst, sondern hier handelt es sich um deine Bereitwilligkeit, um deine Freude, mit der du ihr Jawort vernimmst ... Wie steht's bei dir zu Hause?«

»Wie soll es da stehn? Zu Hause geschieht alles nach meinem Willen, nur mein Vater kann natürlich seinen Blödsinn nicht lassen. Er ist ja jetzt schon ganz unmöglich geworden. Ich rede überhaupt nicht mehr mit ihm, halte ihn aber noch im Zaum. Wenn die Mutter nicht wäre, würde ich ihm einfach die Tür weisen. Meine Mutter weint natürlich, und meine Schwester ärgert sich. Ich habe ihnen aber jetzt endlich einmal offen gesagt, daß ich Herr meines Schicksals bin und in meinem Hause wünsche, daß man mir ... gehorcht. Meiner Schwester wenigstens habe ich es kurz und bündig auseinandergesetzt, und zwar in Gegenwart meiner Mutter.«

»Tja, Freund, ich begreife wahrhaftig nicht!« sagte der General, indem er mit gehobenen Schultern die Hände ausbreitete und wieder sinken ließ. »Mit Nina Alexandrowna ist es ganz dasselbe -- du weißt, als sie vorhin bei mir war, stöhnte und seufzte sie. >Was haben Sie denn gegen diese Heirat?< fragte ich. Da stellt es sich denn heraus, daß es für sie eine _Entehrung_ sei. Aber erlaub' mal, wer kann denn hier von Entehrung reden? Wer kann denn Nastassja Filippowna auch nur irgendeinen Vorwurf machen oder ihr etwas Schlechtes nachsagen? Doch nicht ewig das eine, daß sie zu Tozkij in Beziehung gestanden hat? Aber das ist doch nur lächerlich, namentlich wenn man gewisse Verhältnisse in Betracht zieht! >Sie werden sie doch nicht mit Ihren Töchtern verkehren lassen,< sagte sie. Da haben wir's! Ich begreife Nina Alexandrowna einfach nicht! Wie kann man nur so wenig ... so wenig ...«

»So wenig seine Stellung begreifen?« half Ganjä dem General. »Seien Sie ihr nicht böse: sie begreift ihre Stellung zu gut. Ich habe ihr damals sogleich tüchtig die Wahrheit gesagt, damit sie sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten einmischt. Und doch ist das einzige, was das Haus bis jetzt zusammenhält, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Das Gewitter aber zieht schon herauf. Wenn heute das letzte Wort gesagt wird, so wird auch alles übrige gesagt werden.«

Der Fürst hatte, während er am anderen Tisch seine Schriftprobe verfaßte, das ganze Gespräch der beiden mit angehört. Als er fertig war, trat er an den ersten Tisch und überreichte dem General das Blatt.

»Das also ist Nastassja Filippowna?« murmelte er halblaut vor sich hin, während er aufmerksam und neugierig die Photographie auf dem Schreibtisch betrachtete: »Wie wunderbar schön!« rief er gleich darauf ganz begeistert aus.

Die Photographie zeigte einen Frauenkopf von allerdings ungewöhnlicher Schönheit. Sie hatte sich in einem sehr schlichten, doch um so eindrucksvolleren schwarzen Seidenkleide photographieren lassen; ihr offenbar dunkelblondes Haar war sehr einfach aufgesteckt; die Augen waren dunkel, tief, die Stirn nachdenklich. Der Ausdruck des Gesichts verriet Leidenschaft und Hochmut. An sich war das Gesicht etwas hager, vielleicht auch bleich ...

Ganjä und der General blickten beide ganz erstaunt den Fürsten an.

»Wie, Nastassja Filippowna? Ja, kennen Sie denn Nastassja Filippowna?« fragte der General.

»Ja. Ich bin wohl noch nicht ganze vierundzwanzig Stunden in Rußland, diese Schönheit hier kenne ich aber schon.«

Und der Fürst berichtete von seiner Begegnung mit Rogoshin und was dieser ihm erzählt hatte.

»Das sind mir mal Neuigkeiten!« bemerkte der General erregt, nachdem er dem Fürsten sehr aufmerksam zugehört hatte, worauf er forschend Ganjä anblickte.

»Wahrscheinlich hat er nichts als Unanständigkeiten im Sinn,« brummte Ganjä, der gleichfalls etwas betroffen zu sein schien. »Kennt man ... ein Kaufmannssohn, der durchgehen will. Ich habe bereits einiges von ihm gehört.«

»Auch ich, mein Lieber, habe von ihm gehört,« griff der General auf. »Gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen erzählte uns Nastassja Filippowna das ganze Erlebnis. Aber jetzt hat sich die Sachlage doch bedeutend geändert. Da steckt vielleicht wirklich eine Million und ... Leidenschaft. Gesetzt -- eine unanständige Leidenschaft ... vielleicht ... aber es riecht jedenfalls nach Leidenschaft, und wozu diese Leute im Rausch fähig sind, das weiß man! ... Hm! ... Wenn nur keine Geschichte daraus entsteht!« schloß der General nachdenklich.

»Sie fürchten wohl die Million?« fragte Ganjä mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte.

»Und du natürlich nicht?«

»Was meinen Sie, Fürst?« wandte sich plötzlich Ganjä an diesen, »was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Ist es ein ernster Mensch oder nur so ein ... wüster Kerl? Ich möchte gern Ihre persönliche Meinung hören.«

Es ging etwas Besonderes vor in Ganjä, als er diese Frage stellte. Es war, als wenn plötzlich eine neue Idee in seinem Hirn aufgeblitzt wäre und jetzt ungeduldig aus seinen Augen hervorleuchtete. Der General, der sich außerordentlich beunruhigt fühlte, blickte von der Seite gleichfalls auf den Fürsten, doch schien er nicht viel von seiner Antwort zu erwarten.

»Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll,« antwortete der Fürst, »ich glaube, daß in ihm viel Leidenschaft steckt, sogar eine gewissermaßen kranke Leidenschaft. Und er scheint ja auch physisch noch ganz krank zu sein. Es ist leicht möglich, daß er sich schon nach den ersten Tagen in Petersburg wieder wird hinlegen müssen, namentlich, wenn er noch wüst daraufloslebt.«

»So? Also diesen Eindruck hat er auf Sie gemacht?« Der General hielt sich offenbar gern an diese Auffassung.

»Ja, so scheint es mir.«

»Und dennoch können Wendungen von dieser Art nicht erst nach einigen Tagen, sondern heute noch eintreten, vielleicht werden wir noch heute abend etwas erleben,« sagte Ganjä zum General, wiederum mit einem Lächeln, das seine Zähne zeigte.

»Hm! ... Gewiß ... Dann kommt es eben nur darauf an, welch eine Laune ihr in den Kopf fährt,« meinte der General.

»Und Sie wissen wohl noch nicht, wie sie mitunter sein kann?«

»Das heißt -- wie sein kann?« fuhr der General auf, der sehr verstimmt und auch etwas verwirrt aussah. »Hör' mal, Ganjä, ich bitte dich, widersprich ihr heute nicht und bemühe dich, so, weißt du, nun so ... mit einem Wort: so nach ihrem Geschmack zu sein ... Hm! ... Weshalb verziehst du denn den Mund? Hör' mal, Gawrila Ardalionytsch, es ist Zeit, daß wir uns einmal klar werden über die Dinge, sogar höchste Zeit: für wen mühen wir uns denn? Du begreifst doch, daß ich mir in bezug auf meinen eigenen Vorteil keine Sorgen zu machen brauche: der ist vollkommen sichergestellt. Ob so oder so, jedenfalls werde ich die Sache zu meinem Vorteil zu wenden wissen. Tozkijs Entschluß ist unerschütterlich, folglich kann ich ruhig sein. Und deshalb merk' dir, mein Lieber, daß, wenn ich jetzt überhaupt was wünsche, dieses einzig dein Vorteil ist. Urteile doch selbst! Oder traust du mir etwa nicht? Aber du bist doch ein ... ein Mensch ... mit einem Wort, ein vernünftiger Mensch, und das ist doch in diesem Fall ... das ist doch ... ist doch ...«

»Die Hauptsache,« half Ganjä wieder dem etwas in die Enge geratenen General, worauf er seine Lippen zum beißendsten Lächeln verzog, das er jetzt nicht einmal mehr zu verbergen suchte. Er sah mit flammendem Blick ganz offen dem General in die Augen, als wünsche er, daß jener in seinem Auge alle seine Gedanken lese. Der General wurde feuerrot und geriet in Zorn.

»Nun ja, Vernunft ist die Hauptsache!« sagte er scharf, indem er Ganjä streng anblickte. »Du bist, weiß Gott, ein komischer Mensch, Gawrila! Wie ich sehe, freust du dich geradezu über das Auftauchen dieses Kaufmannssohnes wie über einen Ausweg für dich. Hier hat es sich doch von Anfang an gerade um deine Vernunft gehandelt; hier galt es doch vor allen Dingen, zu begreifen und ... beiderseits ehrlich und offen zu handeln oder ... sonst wenigstens beizeiten zu sprechen, um nicht andere bloßzustellen. Zeit war dazu doch genug vorhanden, und es ist sogar auch jetzt noch nicht zu spät,« (der General zog bedeutsam die Brauen in die Höhe) »obschon uns nur noch ein paar Stunden geblieben sind ... Haben wir uns verstanden? Nun? so sag' doch: willst du oder willst du nicht? ... Willst du nicht, so sprich es aus -- es steht dir vollkommen frei. Niemand wird Sie, mein bester Gawrila Ardalionytsch, dazu bereden, niemand zieht Sie mit Gewalt in die Falle, vorausgesetzt, daß Sie eine Falle hierin sehen.«

»Ich will,« sagte Ganjä halblaut, doch mit fester Stimme; er blickte zu Boden und verstummte finster.

Der General war zufriedengestellt. Er war in Hitze geraten, bereute es aber augenscheinlich schon, daß er sich so weit hatte fortreißen lassen. Plötzlich wandte er sich zum Fürsten, und auf seinem Gesicht drückte sich flüchtig der unruhige Gedanke aus, daß der Fürst ja zugegen gewesen war und folglich alles gehört hatte. Doch er beruhigte sich sofort: ein Blick auf den Fürsten genügte, um jede Befürchtung auszuschließen.

»Oho!« rief der General erstaunt aus, als er die Schriftprobe erblickte, die der Fürst fertiggestellt hatte. »Aber das ist ja einfach Kalligraphie! Und sogar eine seltene! Ganz großartig! Sieh mal her, Ganjä, was sagst du zu diesem Talent?«

Auf einem Blatt dicken Velinpapiers hatte der Fürst in mittelalterlicher, russischer Schrift die Worte geschrieben:

»In Demut unterzeichnet dieses

Igumen Pafnutij.«

»Dieses hier,« erklärte der Fürst bereitwilligst und mit sichtlichem Interesse an der Sache, »ist die eigenhändige Unterschrift des Abtes Pafnutius nach einem Faksimile aus dem vierzehnten Jahrhundert. Sie schrieben alle prächtig, unsere alten Äbte und Metropoliten, und mit soviel Geschmack und Sorgfalt! Haben Sie nicht die Popodinsche Ausgabe zur Hand, Exzellenz? ... Und hier habe ich in einer anderen Art geschrieben: das ist die runde, deutliche französische Schrift des vorigen Jahrhunderts, manche Buchstaben wurden sogar ganz anders geschrieben. Es ist eine offizielle Schrift, die Schrift der öffentlichen Schreiber, nach einer ihrer Vorlagen -- ich hatte eine -- und sie ist nicht ohne Vorzüge, das werden Sie zugeben. Betrachten Sie diese runden _o_, _e_ und _a_. Ich habe den französischen Charakter der Schrift auf die russischen Buchstaben übertragen, was freilich durchaus nicht leicht ist -- aber es ist mir doch gelungen. Und dann hier: gleichfalls eine schöne originelle Schrift, hier dieser Satz: >Energie kann alles überwinden<. Das ist eine echt russische, die Handschrift eines russischen Schreibers, oder wenn Sie wollen, Militärschreibers. So wird in dienstlichen Angelegenheiten an hohe Vorgesetzte geschrieben. Der Charakter dieser Schrift ist gleichfalls rund, entzückend, eine _schwarze_ Schrift, wie man sie nennt, viel Tinte, doch mit sehr viel Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph würde diese Schnörkel, oder richtiger, diese Ansätze zu Schnörkeln, diese halben, unvollendeten Schwänzchen -- sehen Sie, hier und hier -- nicht zulassen, aber als Ganzes betrachtet, nicht wahr, machen sie doch gerade den Charakter aus. Und wirklich, in ihnen verrät sich die ganze militärisch gedrillte Schreiberseele: er würde so gern einen schwungvollen Schnörkel machen, das Talent will sich kundtun, aber es geht nicht -- der Militärkragen ist eng zugeknöpft -- die Disziplin erstreckt sich sogar bis auf die Handschrift -- ganz wundervoll! Diese Probe fand ich vor nicht langer Zeit ganz zufällig, und noch dazu wo? -- in der Schweiz! Sie frappierte mich geradezu. Nun, und dieses hier ist die gewöhnliche, sehr einfache, echt englische Schrift: weiter kann die Eleganz nicht gehen, hier ist alles vollendet! Wie aufgereihte Glasperlen sind die Buchstaben. Unübertrefflich. Doch hier eine Variation derselben, und wiederum eine französische, ich habe sie von einem französischen _Commis voyageur_{[1]}: es ist fast dieselbe englische Schrift, nur sind die Grundstriche ein wenig, nur um ein Haar, schärfer und dicker -- und sehen Sie: die ganze Proportion ist sofort aufgehoben! Und beachten Sie auch das Oval der Buchstaben: sie sind um ein Haar runder, auch hat er sich einen Schnörkel erlaubt, ein Schnörkel aber ist ein überaus gefährliches Ding. Ein Schnörkel verlangt einen seltenen Geschmack. Ist er aber wirklich gelungen, ist die richtige Proportion getroffen, so läßt sich diese Schrift mit keiner einzigen vergleichen, dann ist sie so schön, daß man sich einfach in sie verlieben kann.«

»Oho! In was für Feinheiten Sie sich da vertiefen!« sagte der General lachend. »Sie scheinen ja durchaus kein gewöhnlicher Kalligraph, sondern ein ganzer Künstler in diesem Fach zu sein -- habe ich nicht recht, Ganjä?«

»In der Tat,« gab Ganjä mit vollem Bewußtsein seine Zustimmung, nur mit leise spöttischem Lächeln die Worte begleitend.

»Lach' nur, lach' nur, aber damit kann man doch Karriere machen!« sagte der General. »Wissen Sie auch, Fürst, an welche Persönlichkeit wir Sie unsere Eingaben werden schreiben lassen? Nein, Ihnen kann man ja von vornherein fünfunddreißig Rubel monatliches Gehalt zahlen. Oh! schon halb eins!« unterbrach er sich nach einem Blick auf die Uhr. »Zur Sache, Fürst, ich muß mich beeilen, und heute werden wir uns wohl nicht wiedersehen. Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, wird es mir nicht möglich sein, Sie oft zu empfangen, doch ein wenig helfen will ich Ihnen herzlich gern, ein wenig, wie gesagt, das heißt natürlich nur im ... im Allernotwendigsten, dann aber, fürs Weitere sozusagen, müssen Sie schon selbst Sorge tragen. Ich werde Ihnen eine kleine Anstellung in einer Kanzlei verschaffen, nichts besonders Schwieriges, nur verlangt so etwas innere Akkuratesse. Jetzt kommen wir auf das andere zu sprechen: im Hause, oder vielmehr in der Wohnung Gawrila Ardalionytsch Iwolgins, meines jungen Freundes hier, den ich Ihnen hiermit vorstelle, haben Mutter und Schwester desselben zwei oder drei möblierte Zimmer eingerichtet, die sie an gutempfohlene Mieter abgeben, versteht sich: mit Kost und Bedienung. Meine Empfehlung wird Nina Alexandrowna, denke ich, genügen. Für Sie aber, Fürst, dürfte das ein gefundener Schatz sein, erstens weil Sie dann nicht allein, sondern sozusagen im Schoße einer Familie leben werden, denn meiner Ansicht nach wäre es für Sie sehr unangenehm, in einer Großstadt wie Petersburg -- besonders in der ersten Zeit -- ganz allein zu sein. Nina Alexandrowna -- die Mutter -- und Warwara Ardalionowna -- sind zwei Damen, die ich sehr hochschätze. Nina Alexandrowna ist die Gattin Ardalion Alexandrowitschs, eines verabschiedeten Generals, meines ehemaligen Regimentskameraden in jüngeren Jahren, mit dem ich aber aus gewissen Gründen den Verkehr abgebrochen habe, was mich jedoch nicht hindert, ihn in seiner Art zu achten. Alles dies erkläre ich Ihnen jetzt, Fürst, damit Sie sehen, daß ich Sie sozusagen persönlich empfehle und folglich für Sie gewissermaßen garantiere. Zu zahlen haben Sie für Kost und Logis einen sehr mäßigen Preis, doch wird, wie ich hoffe, Ihr Gehalt alsbald vollkommen dazu ausreichen. Es ist ja wahr, ein Mensch braucht auch etwas Taschengeld, wenn auch nur sehr wenig, aber -- nehmen Sie es mir nicht übel, Fürst, wenn ich Ihnen rate, den Besitz von Taschengeld lieber zu vermeiden oder überhaupt zu vermeiden, Geld in der Tasche zu haben. Ich sage es nur so nach meiner Auffassung Ihres Charakters. Doch da Ihr Beutel im Augenblick ganz leer ist, so erlauben Sie mir, Ihnen jetzt -- für den Anfang -- hier diese fünfundzwanzig Rubel anzubieten. Wir können Sie ja dann später, natürlich, verrechnen: wenn Sie in der Tat ein so herzlicher und aufrichtiger Mensch sind, wie Sie zu sein scheinen, so wird es hierin zwischen uns niemals Schwierigkeiten geben. Wenn ich mich für Sie interessiere, so geschieht es, weil ich in bezug auf Sie bereits etwas im Sinne habe -- was es ist, werden Sie später erfahren. Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen. Ich hoffe, Ganjä, daß du gegen die Aufnahme des Fürsten in deine Familie nichts einzuwenden hast.«

»Oh, im Gegenteil! Meine Mutter wird sich sehr freuen ...« versicherte Ganjä höflich.

»Ihr habt doch, glaube ich, bis jetzt nur ein Zimmer vermietet? An diesen -- na, wie heißt er doch gleich? -- Ferd... Ferd...«

»Ferdyschtschenko.«

»Nun ja. Weiß der Teufel, aber der Kerl gefällt mir nicht. Scheint mir irgend so ein schmieriger Patron zu sein. Und ich versteh auch nicht, warum Nastassja Filippowna ihn so protegiert? Ist er etwa wirklich mit ihr verwandt?«

»Oh, nein, das war doch nur ein Scherz! Keine Spur von Verwandtschaft!«

»Na, dann hol' ihn der Teufel! Und Sie, Fürst, sind Sie damit zufrieden oder nicht?«

»Ich danke Ihnen, Exzellenz, Sie sind ungemein gütig zu mir, um so mehr, als ich Sie nicht einmal um etwas gebeten habe. Ich sage das jetzt nicht etwa aus Stolz. Ich wußte zwar eigentlich selbst noch nicht, wohin ich heute mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich Rogoshin zu sich aufgefordert ...«

»Rogoshin? Nun nein, das geht denn doch nicht. Ich würde Ihnen väterlich, oder wenn Sie wollen, freundschaftlich raten, diesen Rogoshin ganz zu vergessen. Und überhaupt würde ich Ihnen raten, sich mehr der Familie anzuschließen, in die Sie eintreten.«

»Da Sie nun einmal so gütig zu mir sind,« wollte der Fürst von seiner besonderen Angelegenheit beginnen, »so erlauben Sie mir, bitte, Sie in einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit um Rat zu fragen. Ich bin vor nicht langer Zeit durch einen Bevollmächtigten benachrichtigt worden ...«

»Nein, jetzt müssen Sie mich schon entschuldigen,« unterbrach ihn der General, »ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Ich werde Sie noch bei Lisaweta Prokofjewna anmelden: wünscht sie, Sie sogleich zu empfangen -- ich werde mich bemühen, Sie dementsprechend zu empfehlen --, so rate ich Ihnen, die Gelegenheit zu benutzen und ihr zu gefallen, denn Lisaweta Prokofjewna kann sehr viel für Sie tun. Und dazu sind Sie ja ihr -- Namensvetter. Wünscht sie es dagegen nicht, so nehmen Sie es ihr nicht übel und sprechen Sie einmal zu einer anderen Stunde vor. Du, Ganjä, sieh mal inzwischen hier diese Rechnungen durch, wir konnten gestern, Fedossejeff und ich, nicht damit ins reine kommen. Die darf man nicht vergessen, auch noch hinzuzufügen ...«

Der General verließ bereits das Zimmer, und so kam denn der Fürst doch nicht dazu, mit ihm über die überaus wichtige Angelegenheit zu reden, von der er zu sprechen begonnen hatte. Ganjä zündete sich eine Zigarette an, worauf er auch dem Fürsten sein Etui reichte. Der Fürst nahm eine Zigarette, knüpfte aber, da er nicht stören wollte, kein Gespräch an, sondern begann, das Zimmer zu betrachten. Ganjä jedoch schenkte dem mit Zahlen bedeckten Blatt Papier, auf das ihn der General aufmerksam gemacht hatte, kaum einen Blick. Er war augenscheinlich sehr zerstreut: sein Lächeln, seine bei aller Nachdenklichkeit auffallende Zerfahrenheit erschienen dem Fürsten noch unangenehmer, seitdem sie beide allein zurückgeblieben waren. Plötzlich trat Ganjä an den Fürsten heran. Dieser stand wieder über die Photographie Nastassjas Filippownas gebeugt und betrachtete sie.

»Also Ihnen gefällt eine solche Frau, Fürst?« fragte er ganz unvermittelt, während er ihn durchdringend ansah, als hätte er irgendeine außergewöhnliche Absicht gehabt.

»Ein wunderbares Gesicht!« sagte der Fürst, »und ich bin überzeugt, daß ihr Schicksal kein gewöhnliches ist. Das Gesicht ist an sich fast heiter, aber sie muß doch unglaublich gelitten haben, nicht? Das sieht man den Augen an, sehen Sie diese beiden hervorstehenden Knochen bei den Augen, hier, wo die Wangen beginnen. Es ist ein stolzes Gesicht, unglaublich stolz, nur weiß ich nicht, ob sie auch gut ist. Ach, wenn sie es doch wäre! Dann wäre alles gerettet!«

»Würden Sie eine solche Frau heiraten?« fragte Ganjä plötzlich ganz unvermittelt, ohne seinen flammenden Blick von ihm abzuwenden.

»Ich kann niemals heiraten, ich bin nicht gesund,« sagte der Fürst.

»Aber würde Rogoshin sie heiraten? Was meinen Sie?«

»Oh, heiraten würde der sie, glaube ich, wenn nicht heute, dann morgen. Er würde sie heiraten, jawohl, nach einer Woche aber -- würde er sie ermorden.«

Kaum hatte der Fürst das gesagt, als Ganjä plötzlich so heftig zusammenfuhr, daß der Fürst beinahe aufschrie vor Schreck.

»Was ist Ihnen?« fragte er entsetzt und ergriff seine Hand.

»Seine Exzellenz lassen Durchlaucht bitten, sich gefälligst zu Ihrer Exzellenz bemühen zu wollen,« sagte der Diener, der in der Tür erschienen war.

Der Fürst folgte ihm zur Generalin.

IV.

Alle drei Töchter des Generals waren gesunde, blühende, gutgewachsene junge Damen mit wundervollen Schultern, straffer Büste und großen, fast könnte man sagen -- Männerhänden. Infolge ihrer guten Gesundheit und frischen Jugend aßen sie sich gern tüchtig satt, wessen sie sich übrigens durchaus nicht schämten, und was sie daher auch vor Fremden gar nicht zu verbergen suchten. Zwar war ihre Mutter, die Generalin Lisaweta Prokofjewna, mitunter etwas ungehalten über diesen offen bekundeten, echten Jugendhunger; doch da gar manche ihrer Ansichten trotz aller äußeren Ehrerbietung, mit der die Töchter sie anhörten, im Grunde schon längst ihre anfängliche und unerschütterliche Autorität eingebüßt hatten -- und das sogar in einem solchen Maße, daß die einstimmige Partei der drei jungen Mädchen fast immer recht behielt, so fand es die Generalin im Hinblick auf ihre persönliche Würde weit bequemer und ersprießlicher, nicht zu streiten, sondern nachzugeben. Freilich wollte sie auch nicht immer nachgeben und sich dem Willen der Töchter fügen. Lisaweta Prokofjewna wurde mit jedem Jahre launischer, ungeduldiger und unduldsamer, ja, sie konnte bisweilen sogar sehr sonderbar sein. Doch da sie immer einen ihr äußerst zugetanen und von ihr gut erzogenen Gatten bei der Hand hatte, so ergoß sich der Ärger, wenn sich ein solcher in ihrem Herzen angesammelt hatte, gewöhnlich über sein Haupt, worauf die Harmonie in der Familie wiederhergestellt war und alles von neuem im alten Gleise seinen gewohnten Gang nahm.

Übrigens besaß auch die Generalin selbst keinen gerade schlechten Appetit, und so nahm sie täglich um halb ein Uhr an einem sehr reichhaltigen Frühstück teil, das man jedoch ebensogut ein Mittagsmahl hätte nennen können. Eine Tasse Kaffee wurde von den jungen Damen bereits früher getrunken, um neun Uhr, und das geschah in der Regel noch im Bett. Daran hatten sie sich einmal gewöhnt und dabei blieb es. Um halb eins wurde dann im kleinen Speisesalon in der nächsten Nähe der Gemächer der Frau Mama der Frühstückstisch gedeckt. Zu diesem intimen Dejeuner im engsten Familienkreise erschien bisweilen auch der General, wenn seine Zeit es ihm erlaubte. Da gab es denn außer Kaffee, Tee, Käse, Honig, Butter, gewisse Löffelkuchen, die besonders von der Generalin sehr gern gegessen wurden, auch noch Kotteletts und sogar eine starke heiße Bouillon. An jenem Morgen, an dem unsere Erzählung beginnt, hatten sich Mutter und Töchter wie gewöhnlich an der Frühstückstafel versammelt und erwarteten den General, der versprochen hatte, um halb eins sich gleichfalls einzufinden. Hätte er nur eine Minute länger auf sich warten lassen, so würde sofort nach ihm geschickt worden sein. Doch er erschien pünktlich.