Sämtliche Werke 3-4

Part 37

Chapter 373,645 wordsPublic domain

»Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis man mich aus dem Bett in den Sarg legt,« meinte Hippolyt lächelnd. »Ich wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen ... um dann nie mehr aufzustehen ... bis zum Tode ... aber dann beschloß ich, es bis morgen aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Füßen halten kann ... um heute mit ihnen hierherzukommen ... Nur müde bin ich jetzt ...«

»Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du einen Stuhl!« und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen Stuhl hin. Hippolyt setzte sich -- es war wie ein Zusammenbrechen.

»Ich danke Ihnen,« fuhr er leise fort, »aber Sie müssen sich mir gegenübersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden ... wir werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe ich darauf ...« lächelte er ihr wieder zu. »Bedenken Sie doch nur, daß ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden. Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es freut mich doch sehr, daß alles das hier draußen in Pawlowsk geschehen ist: so habe ich doch wenigstens noch Bäume mit grünen Blättern gesehen ...«

»Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber!« unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. »Vorhin schriest du und sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schöpfen!«

»Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine letzte Bitte gewähren? ... Wissen Sie auch, daß ich schon lange davon geträumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen würde, Lisaweta Prokofjewna? ... Ich habe viel von Ihnen gehört. -- Koljä hat mir von Ihnen erzählt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verläßt ... Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen ... wissen Sie auch, daß ich Sie sogar ein wenig geliebt habe? ...«

»Gott, und ich hätte ihn doch beinah geschlagen!«

»Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin auf den ersten Blick erriet, sie müsse es sein, obgleich ich sie vorher nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine Schönheit sehen,« bat er mit einem seltsam schüchternen und doch gleichsam sich verzerrenden Lächeln. »Auch der Fürst ist hier und Ihr Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten Wunsch nicht erfüllen?«

»Einen Stuhl!« rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst einen und setzte sich Hippolyt gegenüber. »Koljä,« rief sie diesem zu, »du wirst mit ihm unverzüglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause, morgen aber werde ich unbedingt selbst ...«

»Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um ein Glas Tee bitten ... Ich bin sehr müde ... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten, glaube ich, den Fürsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier, verbringen wir die Zeit zusammen, und der Fürst wird bestimmt so freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, daß ich so ... ungefragt Anordnungen treffe ... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein gutes Herz, der Fürst auch ... wir sind ja alle bis zur Lächerlichkeit herzensgute Menschen ...«

Der Fürst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff stürzte hinaus, als stünde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fuße Wjera.

»Nun gut,« entschied die Generalin, »sprich also, nur sprich leiser und rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge ... Fürst! Du bist es eigentlich nicht wert, daß ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, daß ich hier jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! Übrigens -- wenn ich dich gescholten habe, Fürst, so verzeihe es mir, -- das heißt: wenn du willst. Ich will hier niemand zurückhalten,« wandte sie sich plötzlich in geradezu hochmütigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Töchter, als hätten diese ihr -- und nicht sie ihnen -- ein furchtbares Unrecht angetan. »Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden ...«

Doch man ließ sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle bereitwilligst näher und umringten sie und Hippolyt. Stühle wurden herbeigerückt, man setzte sich. Der Fürst forderte alle zum Tee auf und entschuldigte sich, daß er nicht früher selbst darauf verfallen war. Sogar der General wurde liebenswürdig, brummte etwas Beruhigendes und fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht etwas zu kühl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er hätte Hippolyt gefragt: »Wie lange sind Sie schon auf der Universität?« -- unterließ es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und Fürst Sch. wurden plötzlich ungeheuer liebenswürdig und waren ersichtlich sehr aufgeräumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, daß sie gern blieben. Kurz, alle waren erfreut, daß Lisaweta Prokofjewna sich besänftigt hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flüsterte ihm im Vorübergehen etwas zu -- augenscheinlich etwas nicht ganz Angenehmes -- und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurück. Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Fürsten, als dieser an ihn und seine Freunde herantrat, daß sie auf Hippolyt warten würden, und hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mußte bei Lebedeff schon aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen. Die Uhr schlug elf.

X.

Hippolyt trank nur einen Schluck Tee aus dem Täßchen, das ihm Wjera Lebedewa gereicht hatte, kaum aber hatte er die Lippen benetzt, da stellte er auch schon die Tasse wieder auf den Tisch und blickte sich verwirrt und beschämt im Kreise um.

»Sehen Sie doch diese Täßchen, Lisaweta Prokofjewna,« lenkte er schnell ihre Aufmerksamkeit von sich ab, und überhaupt sprach er jetzt gleichsam sich überhastend, »das sind ja Porzellantassen, und wie's scheint, ist es sogar vorzügliches Porzellan ... die stehen ja bei ihm sonst immer im Schmuckschränkchen unter Glas verriegelt und verschlossen, niemals gibt er sie her ... sie gehören noch zur Aussteuer seiner Frau ... heute aber hat er sie hergegeben, Ihnen zu Ehren, versteht sich, dermaßen hat ihn Ihr Besuch erfreut ...«

Er wollte noch weitersprechen, fand aber in der Verwirrung keine Worte.

»Glücklich verlegen geworden, das dachte ich mir,« raunte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch unbemerkt dem Fürsten zu. »So etwas ist gefährlich, nicht? Das sicherste Zeichen, daß er jetzt aus Ärger darüber irgend etwas so Exzentrisches losschießen wird, daß Lisaweta Prokofjewna es vielleicht wirklich nicht mehr verzeihen kann.«

Der Fürst sah ihn fragend an.

»Fürchten Sie das nicht?« fragte Jewgenij Pawlowitsch, etwas erstaunt über den fragenden Blick des anderen. »Ich sehe es jedenfalls kommen, und ich wünsche sogar, daß es so käme: mir ist dabei nur darum zu tun, daß unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar unbedingt heute noch, sogleich, vorher werde ich nicht fortgehen. Aber Sie scheinen ja ganz krank zu sein.«

»Später, stören Sie nicht. Ja, ich bin nicht ganz gesund,« antwortete der Fürst zerstreut und sogar etwas ungeduldig.

Er hörte seinen Namen nennen, Hippolyt sprach von ihm.

»Sie glauben es mir nicht?« fragte Hippolyt hysterisch auflachend. »Das dachte ich mir, der Fürst aber wird es sofort glauben und sich nicht im geringsten wundern.«

»Hörst du, Fürst?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn, »hast du gehört?«

Die meisten lachten. Lebedeff trat geschäftig vor und drehte und wand und verbeugte sich wiederholt vor der Generalin.

»Er sagt, daß dieser hier, dieser verkörperte Bückling, dein Hauswirt, jenem Herrn dort den Artikel korrigiert habe, der vorhin hier laut vorgelesen wurde.«

Der Fürst sah mit erstauntem Blick Lebedeff an.

»Was schweigst du denn, so sag' doch!« sagte Lisaweta Prokofjewna ärgerlich und schlug wieder mit der Fußspitze auf den Boden.

»Was soll ich denn noch sagen,« murmelte der Fürst halblaut, ohne den Blick von Lebedeff abzuwenden, »ich sehe doch schon, daß er ihn korrigiert hat.«

»Ist es wahr?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna hastig an Lebedeff.

»Unantastbar, Exzellenz!« bestätigte Lebedeff mit unerschütterlicher Miene, indem er die Hand aufs Herz preßte.

»Und das sagst du noch, als wenn du stolz darauf wärst?« fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna, fast vom Stuhle aufspringend, an.

»Gemein, gemein bin ich!« erklärte Lebedeff in tiefer Selbsterkenntnis, schlug sich vor die Brust und senkte das Haupt immer tiefer.

»Was hab' ich davon, daß du dich jetzt >gemein< nennst! Er glaubt, daß er, wenn er sich selbst >gemein< nennt, damit alles wieder gutgemacht habe! Und du schämst dich nicht, Fürst, dich mit solchen Leuten abzugeben? Das werde ich dir niemals verzeihen!«

»Mir wird der Fürst verzeihen!« sagte Lebedeff überzeugt und gerührt zugleich.

»Einzig aus Anständigkeit, Gnädigste,« fiel plötzlich mit lauter Stimme der aufspringende Boxer ein, »einzig aus Anständigkeit und um meinen Freund nicht zu kompromittieren, habe ich vorhin kein Wort über diese Korrektur verlauten lassen, sogar ungeachtet dessen, daß er sich erboten hatte, uns die Treppe hinunterzubefördern, wie Sie selbst gehört haben. Doch um die Wahrheit nicht zu entstellen, muß ich gestehen, daß ich mich allerdings an ihn gewandt und seine Hilfe für sechs Rubel in Anspruch genommen habe, nur wohlgemerkt, nicht zur Verbesserung des Stils, sondern einzig um die Fakta von ihm zu erfahren, die mir zum größten Teil völlig unbekannt waren, also wie gesagt, weil mir seine Kompetenz fehlte. Die Stiefeletten, der zunehmende Appetit beim Schweizer Professor, die fünfzig Rubel anstatt der zweihundertfünfzig, mit einem Wort, diese ganze Gruppierung des Materials stammt von ihm, für sechs Rubel, wie gesagt, den Stil aber hat er nicht korrigiert.«

»Ich muß bemerken, daß ich nur die erste Hälfte des Artikels korrigiert habe,« unterbrach ihn Lebedeff mit geradezu fieberhafter Ungeduld, »jawohl, nur die erste Hälfte; denn da wir in der Mitte wegen eines Gedankens in Streit gerieten, habe ich die zweite Hälfte nicht mehr korrigiert, daher ist auch alles grammatisch Unzulässige in dieser Hälfte -- und von Fehlern wimmelt es dort nur so! -- nicht mir zuzuschreiben ...«

»Also das ist deine größte Sorge!« fuhr Lisaweta Prokofjewna empört auf.

»Gestatten Sie die Frage,« wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller, »wann haben Sie den Artikel korrigiert?«

»Gestern morgen,« rapportierte Keller gehorsamst. »Wir hatten eine Zusammenkunft verabredet und uns gegenseitig ehrenwörtlich verpflichtet, das Geheimnis beiderseits zu wahren.«

»Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bücklinge gemacht und dich seiner Ergebenheit versichert hat! >Er trägt dich ja seit drei Tagen auf den Händen<, wie Koljä sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!«

Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie, daß Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:

»Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa über mich lustig machen?«

»Gott behüte!« versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lächeln, »mich wundert nur, daß Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich will's gestehen, daß ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht habe: ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein; denn der Fürst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht bereits offenbar nach einer Entschuldigung für ihn. Nicht wahr, Fürst, hab' ich nicht recht?«

Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.

»Nun!« ... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton, den er jetzt anschlug, wunderte sie. »Nun?«

»Ich habe viel von Ihnen gehört ... vieles von dieser Art ... es hat mich furchtbar gefreut ... und ich habe Sie achten gelernt ...« fuhr Hippolyt fort.

Es war, als hätte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz unbegreiflich auf, blickte sich mißtrauisch im Kreise um, schien sehr verwirrt zu sein und verlor beständig den Faden, so daß er durch dieses sonderbare Wesen, einen eigentümlich flackernden, an Wahnsinn gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote Flecke brannten, unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden fesselte.

»Ich hätte mich eigentlich darüber wundern müssen, obgleich ich doch die Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne -- ich gebe das selbst zu --, daß Sie nicht nur selbst in unserer, für Sie so unanständigen Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen ... jungen Mädchen erlaubt haben, diese skandalöse Geschichte anzuhören, wenn den Damen auch aus ... Romanen schon längst alles bekannt ist. Übrigens, ich ... vielleicht ... ich weiß nicht ... ich habe es nicht so sagen wollen ... doch jedenfalls -- wer wäre denn sonst geblieben ... auf die Bitte eines Knaben ... nun, ja, Knaben -- ich geb' es wieder selbst zu -- mit ihm einen Abend zu verbringen und ... Anteil zu nehmen ... an allem ... um sich dann am nächsten Tage dessen zu schämen ... Ich gebe übrigens selbst zu, daß ich mich nicht richtig ausdrücke. Ich kann das alles nur loben ... und Hochachtung dafür empfinden ... obschon ich an der Miene Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das gesellschaftlich _comme il faut_{[24]} für ihn ist ... Hihi!« kicherte er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch plötzlich bekam er einen heftigen Hustenanfall, daß er erst nach zwei Minuten wieder sprechen konnte.

»Da hat man's!« meinte kühl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie ihn mit strengem Blick musterte. »Nun, mein lieber Junge, genug, es ist Zeit.«

»Gestatten Sie auch mir, mein Herr, die Bemerkung,« begann plötzlich gereizt Iwan Fedorowitsch, der allmählich seine Geduld verloren hatte, »daß meine Gemahlin sich hier beim Fürsten Lew Nikolajewitsch befindet, unserem Freunde und Nachbarn, und daß es in jedem Fall nicht Ihnen, junger Mann, zusteht, die Handlungen Lisaweta Prokofjewnas zu kritisieren, ebensowenig mir ins Gesicht zu sagen, was mein Gesicht ausdrückt. Und wenn meine Gemahlin hier geblieben ist,« fuhr er, mit jedem Wort gereizter werdend, fort, »so hat sie es, mein Herr, nur aus Verwunderung getan und aus der sehr verständlichen Neugier, einmal Repräsentanten der heutigen Jugend kennen zu lernen. Auch ich bin hier geblieben, wie man eben bisweilen auch wohl auf der Straße stehen bleibt, wenn man eben etwas ... etwas ... etwas ...«

»Etwas Seltsames erblickt,« half Jewgenij Pawlowitsch.

»Ganz recht, sehr richtig und treffend, gerade etwas Seltsames,« fuhr Seine Exzellenz erfreut fort, nachdem man ihm über den schwierigen Vergleich hinweggeholfen hatte. »Doch ganz abgesehen davon, wundert es mich sehr und betrübt mich sogar, daß Sie, junger Mann, nicht einmal begriffen haben, daß meine Gemahlin nur deshalb bei Ihnen geblieben ist, weil Sie krank sind, -- ich nehme an, daß Sie es auch wirklich sind -- das heißt also, daß sie nur aus Mitleid geblieben ist, weil Sie ihr sozusagen leid tun, junger Mann, und vielleicht merken Sie es sich, gefälligst, daß sowohl dem Namen, wie den Eigenschaften und der Bedeutung meiner Gemahlin unter keinen Umständen sich etwas Schmutziges anheften kann ... Lisaweta Prokofjewna!« wandte sich der im Eifer rot gewordene General an seine Gattin, »wenn du jetzt aufbrechen willst, so können wir uns von unserem lieben Fürsten verabschieden und ...«

»Ich danke Ihnen für die Lehre, General,« unterbrach ihn ganz unerwartet mit ernstem Gesicht Hippolyt, und nachdenklich sah er ihn an.

»Gehen wir, _maman_, wie lange soll das denn noch dauern!« sagte Aglaja ungeduldig und geärgert, und sie erhob sich von ihrem Platz.

»Nur noch einen Augenblick, lieber Iwan Fedorowitsch, wenn du erlaubst,« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihren Gemahl, im Tone, in der Haltung und Miene durchaus _grande Dame_. »Ich glaube, er hat hohes Fieber und phantasiert einfach; ich sehe es an seinen glänzenden Augen; so darf man ihn nicht fortlassen. Lew Nikolajewitsch! Könnte er nicht hier bei dir übernachten, damit man ihn heute nicht noch nach Petersburg zurückzubringen braucht? _Cher prince_,{[25]} Sie langweilen sich doch nicht?« wandte sie sich aus irgendeinem Grunde an den Fürsten Sch. »Komm her, Alexandra, du mußt dir die Haare ein wenig ordnen, meine Liebe.«

Und sie ordnete ihr das Haar, an dem übrigens nichts zu ordnen war, und gab ihr einen Kuß; nur deshalb hatte sie sie zu sich gerufen.

»Ich glaubte, Sie seien entwicklungsfähig ...« begann wieder Hippolyt, aus seiner Versunkenheit auffahrend. »Ja! richtig, was ich sagen wollte,« rief er erfreut aus, als wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre. »Da haben wir Burdowskij, der aufrichtig seine Mutter verteidigen will, nicht wahr? Und dabei kommt es so heraus, daß gerade er sie beleidigt und herabzieht. Da will nun der Fürst Burdowskij helfen, bietet ihm ohne Arg und Falsch einfach aus Herzensgüte seine Freundschaft und sein Geld an und ist vielleicht der einzige von uns allen, der sich nicht von ihm angeekelt fühlt, und gerade sie stehen sich beide als echte Feinde gegenüber ... Ha--ha--ha! Sie alle hassen Burdowskij, weil er sich ihrer Meinung nach häßlich und unfein seiner Mutter gegenüber benommen hat, das ist es doch? Nicht wahr? Nicht? Sie lieben doch alle unbeschreiblich Schönheit und elegante Form, nur für die allein leben Sie doch, hab' ich nicht recht? (Das habe ich ja schon längst gemutmaßt, daß Sie alle nur dafür leben!) Nun, dann hören Sie jetzt, daß vielleicht kein einziger von Ihnen seine Mutter so geliebt hat, wie Burdowskij! Sie, Fürst, ich weiß, Sie haben durch Ganetschka heimlich der Mutter Burdowskijs Geld zugesandt, und da könnt' ich nun wetten -- hihihi!« lachte er hysterisch, »könnte wetten, daß gerade dieser Burdowskij Ihnen jetzt Unzartheit und Mißachtung seiner Mutter gegenüber vorwerfen wird, bei Gott, er wird's tun, hahaha!«

Wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall.

»Nun, ist das jetzt alles? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest? Nun, dann geh jetzt schlafen, du hast dich erkältet, du fieberst ja doch,« unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren besorgten Blick nicht von ihm abwandte. »Ach, Gott! Da fängt er schon wieder an!«

»Sie lachen, wie es scheint? Weshalb lachen Sie über mich? Ich habe es gesehen, daß Sie die ganze Zeit über mich lachen!« wandte sich Hippolyt plötzlich unruhig und gereizt an Jewgenij Pawlowitsch.

Dieser lächelte in der Tat.

»Ich wollte Sie nur fragen, Herr ... Hippolyt ... pardon, ich habe Ihren werten Namen vergessen ...«

»Herr Terentjeff,« sagte der Fürst.

»Richtig, Terentjeff, ich danke Ihnen, Fürst; vorhin hörte ich ihn zwar, doch momentan war er mir entfallen ... Ich wollte Sie fragen, Herr Terentjeff, ob es wahr ist, was ich gehört habe: Sie sollen, sagte man mir, der Meinung sein, daß Sie nur eine Viertelstunde lang aus dem Fenster zum Volk zu sprechen brauchten und dasselbe würde sogleich in allem Ihrer Ansicht sein und sogleich Ihnen folgen ...«

»Sehr möglich, daß ich das gesagt habe ...« antwortete Hippolyt, indem er sich gleichsam dessen zu entsinnen suchte. »Bestimmt hab' ich's gesagt!« bestätigte er dann plötzlich, wieder lebhafter werdend, und mit festem Blick sah er Jewgenij Pawlowitsch an. »Nun, und?«

»Nichts weiter; ich fragte nur zur Kenntnisnahme, nur so, um das Bild zu vervollständigen ...«

Jewgenij Pawlowitsch verstummte, doch Hippolyt sah ihn immer noch in ungeduldiger Erwartung an.

»Nun, ist das alles, hast du alles gefragt?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. »Komm schneller zum Schluß, Väterchen, er muß schlafen gehen. Oder verstehst du das nicht?«

Sie ärgerte sich entsetzlich.

»Oh, ich bin gern bereit, fortzufahren,« sagte Jewgenij Pawlowitsch lächelnd. »Alles, was ich hier von Ihren Kameraden gehört habe, Herr Terentjeff, und was Sie soeben selbst mit unstreitigem Beobachtungstalent vorgebracht haben, ist meiner Meinung nach im Resultat nichts anderes, als in erster Linie und ganz abgesehen von allem anderen und sogar mit Ausschluß alles anderen die Theorie des Triumphes dessen, was Sie >Recht< nennen, und das vielleicht sogar ohne jede nähere Untersuchung, worin denn dieses Recht überhaupt besteht. Oder irre ich mich vielleicht?«

»Natürlich irren Sie sich, ich verstehe Sie sogar nicht einmal ... weiter?«

Im Hintergrund hörte man Lebedeffs Neffen halblaut irgend etwas sprechen.

»Weiter? -- oh, so gut wie nichts,« fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, »ich will nur bemerken, daß man von diesem Standpunkt sehr leicht auf den des Rechtes der Kraft überhaupt überspringen kann, ich meine, auf das Recht der einzelnen Faust und des jeweiligen willkürlichen Wunsches des einzelnen, womit es ja übrigens auch stets in der Welt geendet hat. Ist doch auch Proudhon zur Theorie des Rechtes der Kraft gelangt. Und zur Zeit der Negerbefreiung in Amerika haben sich ja sogar viele der angesehensten Liberalen für die Plantagenbesitzer erklärt, mit der Begründung, daß die Neger eben Neger seien und niedriger als die Menschen der weißen Rasse ständen, und folglich hätten die Weißen das Recht, die Neger als Sklaven zu behandeln ...«

»Nun?«

»Sie haben also gegen das Recht der Kraft nichts einzuwenden, Sie haben nichts dawider?«

»Weiter?«

»Sie sind mir mal konsequent! Ich wollte nur bemerken, daß es von dem Recht der Kraft bis zum Recht der Tiger und Krokodile und sogar dem der Gorsky und Daniloffs nicht weit ist.«

»Ich weiß nicht, weiter?«

Hippolyt hörte kaum darauf, was Jewgenij Pawlowitsch sprach, und auch das »nun« und »weiter« schien er nicht aus Interesse für das Weitere zu sagen, sondern einfach, weil es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen jeden, der ihm von der Welt draußen an seinem Krankenlager erzählte, mit »nun« und »weiter« zum Weitererzählen zu drängen.

»Tja, weiter ist nichts ... das war alles.«

»Ich bin Ihnen übrigens nicht böse,« sagte Hippolyt plötzlich ganz unvermittelt und streckte, vielleicht ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, Jewgenij Pawlowitsch die Hand entgegen und lächelte sogar dazu.

Jewgenij Pawlowitsch wunderte sich zuerst, berührte dann aber doch mit dem ernstesten Gesicht die ihm entgegengestreckte Hand, als empfinge er wirklich Hippolyts Verzeihung.

»Ich kann nicht umhin, Ihnen meinen Dank auszusprechen für die Aufmerksamkeit, mit der Sie mich angehört haben,« sagte er in demselben zweideutig-höflichen Tone, »denn nach meinen unzähligen Beobachtungen ist unser Liberaler nie imstande, einem anderen Menschen eine andere Überzeugung zu gestatten und seinem Opponenten nicht sogleich mit Geschimpf zu antworten oder mit noch Schlimmerem ...«

»Das haben Sie sehr richtig bemerkt,« versetzte General Iwan Fedorowitsch, worauf er, die Hände auf dem Rücken, mit der gelangweiltesten Miene wieder an die Treppe der Terrasse trat, wo er vor Ärger heimlich gähnte.

»Nun, jetzt haben wir aber genug von dir,« erklärte Lisaweta Prokofjewna, zu Jewgenij Pawlowitsch gewandt. »Ihr werdet mir langweilig ...«

»Es ist Zeit!« erhob sich sofort Hippolyt besorgt und fast erschrocken und blickte sich verwirrt im Kreise um. »Ich habe Sie aufgehalten ... ich wollte Ihnen alles sagen ... ich glaubte, daß alle ... das war nur eine phantastische Idee ...«