Part 27
»Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau -- war denn das kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der Trauung bestimmt hatte.«
»Nicht möglich!« rief der Fürst aus.
»Ich weiß es ganz genau,« wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung. »Was >keine solche<, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer -- hat sie, das weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen ... Du weißt noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld habe ich fortgeworfen ...«
»Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn das später werden?« fragte der Fürst ganz entsetzt.
Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und antwortete nichts.
»Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,« fuhr er nach einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. »Ich fürchte immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin, sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins Ausland. -- Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland fahren würde,« fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.
»Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit leeren Händen hinfahren, -- da machte sie sich wieder nur lustig über mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka, schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte; aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat, einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke. Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer Hofpforte Wache gestanden, -- mir hatte damals so etwas geschienen ... Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. >Was hättest du denn,< fragte sie später, >was hättest du denn mit mir getan, wenn du einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?< Da hielt ich's nicht aus und sagte: >Das weißt du selbst.<«
»Was weiß sie denn?«
»Ja, wie soll ich's denn wissen!« lachte Rogoshin boshaft. »In Moskau hab' ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: >Du hast dein Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist? Sieh, solch eine bist du!< sagte ich.«
»Das sagtest du ihr ins Gesicht?«
»Ja.«
»Und?«
»>Ich werde dich,< antwortete sie, >ich werde dich jetzt vielleicht noch nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!< -- >Und du glaubst, daß ich fortgehe?< fragte ich. -- >Dann werde ich sofort Keller rufen,< sagte sie, >und ihm befehlen, dich hinauszuwerfen.< Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken hatte.«
»Nicht möglich! Das kann nicht sein!« stieß der Fürst atemlos hervor.
»Ich sage: es war so,« sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin. »Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. >Ich sterbe, aber ich gehe nicht eher fort,< sagte ich, >ich gehe nicht eher fort, als bis du mir verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich, denn -- was bin ich jetzt noch ohne dich?< Wie eine Wahnsinnige war sie den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine Rasende zu beschimpfen, -- jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller, Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und begann mich wieder zu schmähen. >Gehen wir, meine Herren,< sagte sie dann, >gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber, Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen, Sie müssen ja ganz hungrig sein.< Aus dem Theater kehrte sie allein zurück. >Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,< sagte sie, >alle haben sie Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh, so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und siehst! Hast du Tee getrunken?< -- >Nein,< sagte ich, >und ich werde es auch nicht.< -- >Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas anderes, aber so -- wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.< Und wie sie gesagt hatte, so tat sie's auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb offen. Am nächsten Morgen kam sie -- lachte. >Bist du denn ganz von Sinnen, sag' doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.< -- >Vergib,< sagte ich. >Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht; es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?< -- >Nein, ich habe nicht geschlafen,< sagte ich. -- >Ach, wie klug! Und Tee trinken und essen wirst du wieder nicht?< -- >Ich habe doch gesagt: Vergib!< -- >Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt, ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!< Dann wurde sie böse, aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht, vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden kann. Und das ist wahr. >Weißt du auch, wer das ist: der römische Papst?< fragte sie. -- >Ja, ich habe gehört, wer das ist,< sage ich. >Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht viel gelernt!< sagt sie. -- >Ich habe überhaupt nichts gelernt,< sage ich. -- >Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör' zu: Es war einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du -- was hat wohl der Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde es dir selbst vorlesen!< sagte sie und stand auf und brachte das Buch. >Es sind Verse,< sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. >Gefällt dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?< fragte sie. -- >Das stimmt alles, was du da gelesen hast,< sage ich. -- >Aha,< rief sie aus, >du gibst also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!< -- >Ich weiß nicht,< sag' ich, >vielleicht denk' auch ich so!< -- >Wie, weißt du das denn nicht?< -- >Ach,< sag' ich >ich weiß es nicht, nicht daran denke ich jetzt.< -- >Woran denkst du denn jetzt?< -- >Wenn du aufstehst vom Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen, und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest ...< -- >Ja, dann denkst du ja vielleicht,< lachte sie, >dann denkst du ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?< -- >Vielleicht,< sag' ich, >vielleicht denke ich auch daran nicht mehr, ich weiß nicht.< -- >Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht heirate?< -- >Ich habe gesagt, ich ertränke mich.< -- >Schlägst mich aber vorher wahrscheinlich noch tot ...< Sagte es und wurde nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. >Ich werde dich heiraten, Parfen Ssemjonytsch,< sagt sie, >doch nicht deshalb, weil ich dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man umkommt. Wo ist's denn besser? Setz' dich,< sagt sie, >man wird dir gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,< fügte sie hinzu, >werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu zweifeln, kannst ruhig sein.< Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte sie noch: >Du bist doch kein Lakai -- ich dachte früher, du seist ein echter, ein ganzer Lakai.< Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte sie: >Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.< Siehst du, so stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew Nikolajewitsch?«
»Wie denkst du selbst darüber?« fragte der Fürst mit traurigem Blick auf Rogoshin.
»Denk' ich denn überhaupt!« entfuhr es diesem ganz unwillkürlich.
Er wollte noch etwas hinzufügen, doch dann senkte er den Blick und schwieg.
Der Fürst erhob sich von neuem, um fortzugehen.
»Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten,« sagte er leise, fast wie in Gedanken versunken, und es war, als hätte er auf einen eigenen inneren Gedanken geantwortet.
»Weißt du, was ich dir sagen werde?« wandte sich plötzlich Rogoshin erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. »Wie kannst du sie mir nur so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehört, sie zu lieben? Früher warst du doch immerhin noch traurig, ich weiß es, ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals über Kopf hergereist? Aus Mitleid?« (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott) »He--he!«
»Du glaubst, daß ich dich betrüge?« fragte der Fürst.
»Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am wahrscheinlichsten ist wohl, daß dein Mitleid noch größer ist als meine Liebe!«
Etwas Böses, das gleichsam herausdrängte, das sich unbedingt sogleich äußern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.
»Deine Liebe kann man vom Haß kaum unterscheiden,« lächelte der Fürst, »und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglück vielleicht noch größer sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen ...«
»Daß ich sie ermorden werde?«
Der Fürst zuckte zusammen.
»Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt quälst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie überhaupt wieder zu dir zurückkehren kann. Als ich es gestern hörte, wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir ... Zweimal ist sie schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also muß sie doch eine Vorahnung haben! ... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie heiraten könnte! Da wäre doch jeder andere besser als du, denn du wirst sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn dieses eine ... Ich habe gehört, daß es welche geben soll, die gerade eine solche Liebe suchen ... nur ...«
Der Fürst hielt nachdenklich inne.
»Was lächelst du wieder über meines Vaters Bild?« fragte Rogoshin, der seinen Blick nicht vom Gesicht des Fürsten abwandte und aufmerksam jede Veränderung im Gesicht, jeden Blick des Fürsten verfolgte.
»Weshalb ich soeben lächelte? Es kam mir in den Sinn, daß du, wenn dir nicht dieses Unglück zugestoßen, wenn nicht diese Liebe über dich gekommen wäre, daß du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wärst, und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du würdest dich schweigend hier in diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen, verschüchterten Wesen, würdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone sprechen, würdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhäufen. Viel wäre es, wenn du einmal die alten Bücher loben und dich für das Bekreuzen mit zwei Fingern aussprechen würdest,[13] aber auch das höchstens im Alter ...«
»Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit gesagt, gleichfalls als sie dieses Porträt betrachtete. Das ist doch wunderlich, wie jetzt bei euch alles übereinstimmt ...«
»Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen?« fragte der Fürst überrascht.
»Einmal. Das Porträt betrachtete sie lange, fragte mich über den Verstorbenen aus. >Du würdest genau so sein,< sagte sie dann lachend, >du hast mächtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,< sagte sie, >solche Leidenschaften, daß du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen kämst, wenn du nicht -- wenn du nicht deinen Verstand hättest, und du hast einen großen Verstand,< sagte sie -- geradeso sagte sie's, wirst du's mir glauben! Zum erstenmal hörte ich von ihr ein solches Wort! -- >Du würdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz ungebildeter Mensch bist, so würdest du dich einfach aufs Geldverdienen verlegen und würdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier festsetzen, mit deinen Skopzen natürlich. Vielleicht würdest du zum Schluß auch noch zu ihrem Glauben übertreten. Das Geld aber, das würdest du so liebgewinnen, daß du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldsäcken am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja, bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.< Genau so sagte sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen! Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder über mich gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie plötzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie, ganz als fürchte sie sich immer vor etwas. >Ich werde das alles hier verändern,< sage ich, >alles verschönern oder auch zur Hochzeit ein neues Haus kaufen.< Da war sie ganz erschrocken: >Nein, nein, um Gottes willen nicht!< sagte sie; >alles muß so bleiben, wie es ist, gerade so wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,< sagte sie, >wenn ich deine Frau sein werde.<
Dann führte ich sie zu meiner Mutter -- sie war ehrerbietig gegen sie wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren nicht ganz bei vollem Verstande -- krank ist sie -- und nun seit dem Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht mehr, kann nicht mehr gehen, die Füße tragen sie nicht, und so sitzt sie und grüßt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr nicht zu essen geben wollte, würde sie es drei Tage lang nicht merken, so steht's mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die drei Finger zum Segen zusammen und sagte: >Mütterchen, segnet sie, sie geht mit mir zum Altar,< und da küßte sie meiner Mutter die Hand, aber nicht nur so, sondern wirklich innig. >Viel Leid,< sagte sie, >muß deine Mutter erduldet haben.< Dieses Buch hier sah sie: >Was ist das,< fragte sie, >fängst du an, russische Geschichte zu lesen?< Sie selbst hatte mir einmal in Moskau gesagt: >Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden würdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weißt ja doch gar nichts;< ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. >Das ist gut,< sagte sie jetzt, >lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines Verzeichnis aufschreiben von Büchern, die du ganz zuerst lesen mußt. Willst du, soll ich?< Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen, ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger Mensch.«
»Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen,« sagte der Fürst warm, »ich bin sehr froh darüber. Wer weiß, vielleicht hat Gott euch doch noch zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.«
»Nein, das ist unmöglich!« rief Rogoshin heftig aus.
»Höre, Parfen, wenn du sie so liebst -- willst du dann nicht ihre Achtung erwerben? Und wenn du es willst -- weshalb willst du dann nicht auch hoffen? Ich sagte vorhin, daß es für mich unbegreiflich sei: weshalb sie dich überhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch jetzt noch nicht ganz erklären kann, so sehe ich doch eines ein: daß sie dazu einen genügenden Grund, einen vernünftigen Grund haben muß. Von deiner Liebe ist sie überzeugt, doch ganz gewiß ist sie es auch von deinen Vorzügen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht sein! Und was du soeben erzähltest, bestätigt meine Annahme vollkommen. Du sagst doch selbst, daß es ihr möglich gewesen ist, in einer ganz anderen Weise mit dir zu reden, als sie früher getan. Du bist argwöhnisch und eifersüchtig, deshalb vergrößerst du auch alles, was du Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, daß sie lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzählst; denn sonst müßte man ja doch von ihr sagen, daß sie mit vollem Bewußtsein ins Wasser geht oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das möglich? Wer geht denn bewußt aufs Messer los?«
Mit bitterem Spottlächeln hörte Rogoshin den Fürsten an. Seine Überzeugung schien schon unerschütterlich festzustehen.
»Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen!« stieß plötzlich der Fürst unter einem erdrückenden Gefühl hervor.
»Ins Wasser oder unter das Messer!« sprach Rogoshin endlich langsam nach. »He--he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie überzeugt ist, daß sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Fürst, um was es sich hier handelt?«
»Ich verstehe dich nicht.«
»Was, vielleicht begreift er's auch wahrhaftig nicht, he--he! Sagt man doch von dir, daß du ... nun, _jenes_! ... Einen anderen liebt sie! -- begreifst du's jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist -- weißt du, wer? Das bist _du_! Was, wußtest du das noch nicht?«
»Ich?«
»Ja, _du_. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in dich verliebt -- und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie jetzt, daß sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande antun und dein Leben verderben würde. >Man weiß ja doch, was für eine ich bin,< sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande anzutun -- das fürchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man heiraten, bei mir macht's nichts aus -- sieh, so hoch schätzt sie mich ein! -- das kannst du dir gleichfalls merken!«
»Aber wie ist sie denn ... wie ist sie denn von dir zu mir und ... von mir wieder ...«
»Von dir wieder zu mir zurückgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald schreit sie mir zu: >Dich heiraten oder ins Wasser -- ist eins! Die Hochzeit so schnell wie möglich!< sie drängt selbst, bestimmt den Tag, rückt aber die Zeit heran, dann -- erschrickt sie, oder es kommen ihr andere Gedanken. Gott weiß -- du hast sie doch gesehen: weint, lacht, gebärdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir fortgelaufen, weil es ihr plötzlich zum Bewußtsein kam, wie sehr sie dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus. Du sagtest, ich hätte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar nicht wahr -- sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. >Bestimme den Tag,< sagte sie, >ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den Zigeunerinnen!< schrie sie ... Wäre ich nicht gewesen, so hätte sie sich schon längst ertränkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus Bosheit will sie mich heiraten ... Wenn sie mich heiratet, so kannst du sicher sein, daß sie es nur aus Bosheit tut.«
»Ja, aber wie kannst du dann ... wie kannst du dann! ...« rief der Fürst ganz bestürzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.
Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.
»Warum sprichst du's denn nicht aus?« fragte jener spöttisch, und man sah seine Zähne zwischen den Lippen. »Willst du, so werde ich dir sagen, was du in diesem Augenblick bei dir denkst? -- >Nun, wie kann sie dann jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?< Ich weiß schon, was du denkst.«
»Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwöre es dir, glaub' mir, ich hatte nicht das im Sinn ...«
»Schon möglich, daß du nicht deshalb gekommen bist, und daß du nicht das im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, daß du doch deshalb gekommen bist, he--he! ... Nun, genug! Was bist du so bestürzt? Wußtest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!«
»Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du vergrößerst alles unendlich, du übertreibst ...« stotterte der Fürst in unbeschreiblicher Erregung. »Was willst du?«
»Laß!« sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Fürsten das Messer aus der Hand riß, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben das Buch auf dieselbe Stelle zurück, wo es gelegen.
»Es ist mir, als hätte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon gewußt, als hätte ich es vorausgefühlt ...« fuhr der Fürst fort. »Ich wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem Herzen herausreißen! Nun, aber jetzt leb' wohl ... Was hast du?«
In seiner Zerstreutheit hatte der Fürst beim Sprechen wieder das Messer in die Hand genommen, und wieder riß es ihm Rogoshin aus der Hand, um es auf den Tisch zurückzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer, nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.
Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig wurde -- denn das Messer mußte ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand gerissen wurde --, nahm er es sichtlich ärgerlich und legte es ins Buch, das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.
»Schneidest du damit die Blätter auf?« fragte der Fürst, doch war seine Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wäre er nach wie vor noch in seine Gedanken versunken.
»Ja, die Blätter ...«
»Das ist doch ein Gartenmesser?«
»Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine Blätter aufschneiden?«
»Ja, aber ... es ist ganz neu.«
»Was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich will, ein neues Messer kaufen?« schrie Rogoshin schließlich wütend heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.