Sämtliche Werke 3-4

Part 1

Chapter 13,497 wordsPublic domain

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Dritter und vierter Band

F. M. Dostojewski

Der Idiot

Roman

R. Piper & Co. Verlag, München

R. Piper & Co. Verlag, München, 1918 Sechste bis achte Auflage Druck: Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.

Copyright 1915 by R. Piper & Co., Verlag in München.

Zur Einführung. Bemerkungen über russische Mystik

Die russische Mystik ist ein Od, das den russischen Menschen umgibt. Die russische Mystik ist der Atem, der dem Leib und dem Leben des russischen Volkes entströmt. Die russische Mystik ist die Stimmung, die der russischen Erde entsteigt, dämmernd und dampfend, mit jeder Scholle, die umgeworfen wird, und die an der russischen Landschaft hängt wie Tau und Nebel, zwischen langen, langen Flußufern und weiten, weiten Flächen. Diese Sinnlichkeit kennzeichnet sie. Es ist spürbar die Mystik eines jungen, noch schwer sich bewegenden, noch tief in sich befangenen Volkes, das zu keinem Bewußtsein seiner Gefühle und kaum zu einer Ahnung dieses Bewußtseins gekommen ist. Mit Mystik setzt die Geistesentwicklung eines jeden innerlichen Menschenschlages ein. Mystik ist immer und überall der früheste Versuch des Menschen, sich an das Wesen der Dinge heranzutasten. Mystik ist das Auge, das sich aufschlägt und die Erscheinungen zum ersten Male staunend zu einem Erscheinungsganzen zusammenschaut. Mystik ist das Urdenken der Menschheit, wie Mythe ihre Urkunst ist. Je nachdem, ob die Mystik nun im Verlauf ihrer immer bewußteren Weiterentwicklung zur tiefen Innenethik wird wie im Buddhismus, oder zur hellen Offenbarungsreligion wie im Christentum, oder zu einer großen ästhetischen Philosophie oder philosophischen Ästhetik wie bei den Hellenen, oder zu einer echten Weltanschauung, Kampfgesinnung und Lebensweisheit wie bei den Germanen, unterscheiden sich dann die Völker und ihre Kulturen voneinander. Immer aber ging dieser Aufstieg zur klaren Anteilnahme des Menschen am Geiste der Welt und zur letzten Vergeistigung der Menschen selbst, als dem Höchsten, das wir erreichen können, von der Sinnlichkeit, von jener selben mystischen Sinnlichkeit aus, die heute aus allen Poren des Russentums dringt und Land und Volk wie mit einem dicken, weißen, wallenden, heiligen Nebel umgibt, und die immer so vor dem Geiste, vor Ethik und Religion, vor Philosophie und Metaphysik hergeht, wie eben das Gefühl dem Wissen, die Erfahrung der Erkenntnis, die Ahnung dem Bewußtsein vorhergeht. Mit dem Bewußtsein und seinen Geistessteigerungen sind wir an unserem Ziel angelangt. Mit der Mystik und ihren Ahnungszuständen dagegen, die noch wie trächtig ist von Empfindung, Glaube und Wahn, von Boden, Erde und Menschlichkeit und die den Übergang von dem Dunkel, aus dem wir kommen, zu der Helle, zu der wir hindrängen, noch unmittelbar mit sich schleppt, sind wir dem Ursprünglichen und schließlich auch Ewigen unserer Bild- und Denkvorstellungen näher. In der Mystik werden die großen Wahrheiten, man kann gewiß nicht sagen, am klarsten ausgesprochen, wohl aber am ursprünglichsten geoffenbart. Die Mystik ist gleichsam die große Weltnatur selbst, die sich in uns Menschen, zwar wie von ferne noch, aber dafür in allergewaltigsten Bewegungen, zum ersten Male denkend bewegt und in einem weiten, mächtigen, wenn auch noch verschwommenen Stimmungsungefähr durchbricht.

* * * * *

Auch die russische Mystik wird in irgendeiner Weise den Weg gehen, den die indische und christliche, die griechische und deutsche bereits gegangen ist. Wohin dieser Weg das Russentum führen wird, welche Taten und Erlöser auf diesem Wege liegen werden, das können wir heute natürlich nicht wissen, wie wir nie etwas Geschichtliches der Zukunft im einzelnen genau vorauswissen können. Nur das Wesen einer Erscheinung, um die es sich handelt, und damit freilich das Wichtigste, können wir frühzeitig erkennen. Und das ist hier die Sinnlichkeit der russischen Mystik, die dichter, körperlicher, man möchte sagen leibhaftiger ist, als die Sinnlichkeit einer jeden anderen Mystik war. Ganz gewiß war die Mystik namentlich der Hellenen und Germanen von Anfang an lichter, seherischer, bereits schärfer unterscheidend, war bei allem In-Eines-Sehen doch schon dualistisch trennend und nicht monistisch auflösend. So viel haftende, lastende, niederziehende Schwere wie auf den Slawen hat auf keiner anderen Rasse oder Nation geruht, und auch auf dem völkerchaotischen Notzustand nicht, in den Christus befreiend trat. Überall hatten schon bestimmte klare Ideen den Menschen eine Bahn aus sich heraus gebrochen. Es war noch ein Zustand der Mystik, in dem sie lebten, aber zugleich war in der Mystik schon der Wille wirksam, sich selbst zu überschreiten. Sogar die Mystik der Inder, die der Mystik der Slawen noch am nächsten steht und mit der sie gewissermaßen die geographische Angrenzung und damit die Anteilnahme an einer ähnlichen weltklimatischen Atmosphäre und psychischen Disposition teilt, war bei aller sinnlichen, fast künstlichen Verinnerlichung und Selbstbetrachtung, die sich mit ihr verband, doch eine äußerste Geistesanspannung. Nicht grundlos heißt Veda Wissen. Was die Veden enthalten, war die Summe des für den Inder Wissensmöglichen. Nicht durch Gefühl, sondern ausdrücklich »durch Denken läßt sich erschauen, was dauert und in Ewigkeit feststeht«, weiß schon der Rigveda. Bei Christus trat dann freilich die persönliche Vermittlung »zum Vater« an die Stelle der gedanklichen. Und es war, schon weil sie, indem sie an die Sinne geknüpft war, an die Persönlichkeit geknüpft war, eine echt mystische Vermittlung. Aber gerade Christus führte dann doch als das verbindende Weltprinzip, an das er die Menschen im Himmel und auf Erden den Anschluß finden lehrte, den Geist ein, sprach ihn als den übergeordneten Dritten und den Binder der Dinge im Raum heilig und machte ihn zum obersten Bewohner, Ordner, Lenker des Weltbaus. Erst recht ideologisch war von Anfang an die Mystik der Griechen. In dem Urdenken der Orphiker lag die platonische Idee bereits vorgebildet. Diese selbst war, mit all ihrer Sinnenhaftigkeit und all ihrem Künstlertum, eine echt mystische Idee. Eine Metaphysik haben die Griechen eigentlich nie besessen. Zwischen Mystik und Dialektik schwankte ihr Denken. In ihrer bildlichen und baugewaltigen Vorstellung aber wurde die Weltmystik früh zur Weltarchitektur. Selbst der Vorstellung Plotins merkte man noch etwas von dem strahlenden Götterstaate Homers an. Und gerade Plotin, der bewußte Mystiker, der künstlich wieder das weiche Gefühl aufnahm, nachdem das Denken in aristotelischer Begrifflichkeit verhärtet war, sprach aus, daß die Erkenntnis der Wahrheit, »Selbstanschauung der Vernunft im Menschen« sei. Bei den Germanen aber verkündete Meister Eckehart: »So hat die erkennende Vernunft immer noch etwas über sich, was sie nicht zu begründen vermag; aber immerhin erkennt sie doch, _daß_ da noch etwas Übergeordnetes ist.« Und er verkündete damit im Grunde schon Kant und die Erkenntniskritik. Es war Mystik -- aber es war Mystik als reinste Metaphysik. Von einer solchen erstaunlichen ideologischen Frühreife weiß natürlich die russische Mystik in ihrer Erd- und Sinnengebundenheit nichts. Überall schlägt bei ihr durch, daß sie ganz eine Mystik des Leibes und der ihm entströmenden Seele, aber noch gar nicht des Geistes ist. In gleicher Stärke ist noch keine Rasse und auch noch keine einzelne mystische Persönlichkeit in ihrem Körper zugleich mit Mysterium geladen und mit Fluidum behaftet gewesen. Die russische Mystik ist die angeborene Krankheit, zugleich aber auch die höchste Gesundheit, alles in allem die eigentliche Natur des Russentums. Mystisch-Kataleptisches und zugleich Mystisch-Katastrophisches sind seine stille Eigentümlichkeit. In der Ausentwicklung dieser Eigentümlichkeit wird die Weiterentwicklung seiner Mystik und seines Denkens liegen. Wie die Erscheinung, die ihr zugrunde liegt, wird auch die Erscheinung, die aus ihr folgt, eine ganz neue Erscheinung sein. Wie die unterschiedliche mystische Anlage der Rasse überall zu den anderen Äußerungen geführt hat, zu Ethik hier, zu Religion dort, zu bald mehr rationalistischer Philosophie in dem einen, zu bald mehr metaphysischer in dem anderen Kulturkreise, wie das Christentum nicht buchstäblich den Buddhismus, wie die Geistesgeschichte des Germanentums nicht die des Hellenentums wiederholt hat, wie vielmehr alle diese Welten grundverschiedene Welten gewesen sind, so wird auch die slawische Mystik ihren eigenen und nur ihr gehörigen geistigen Wert schaffen und den geistigen Kulturkreis, den die Menschheit wachsend gezogen hat, um eine neue Innenkultur bereichern. Aber noch einmal: wir können diesen Wert heute noch nicht kennen. Wir können nur ganz allgemein sagen, daß wir, nachdem wir die Ethik, die Religion und die Philosophie der Mystik schon bekommen haben, von Rußland aus, wo die sinnlich-mystischen Dispositionen so dicht wie nirgendwo und nirgendwann über Land und Volk verteilt liegen, so etwas wie gesteigerte Mystik, vollendete Mystik, gewissermaßen eine Mystik der Mystik erhalten werden, für die uns Wort, Name, Begriff noch fehlt, in der jedoch, wenn ihr Wort einmal ausgesprochen sein wird, die Erlösung für den russischen Menschen liegen wird, und für jeden, der einen russischen Menschen in sich birgt.

* * * * *

Die russische Mystik, wie sie latent im russischen Volke liegt, ist jahrhundertelang von der Orthodoxie gleichsam abgelenkt, von der russischen Geistlichkeit klug und vorsichtig behandelt und, soweit sie sich bereits klarer und mit sich selbst beschäftigt, als geistiges Leben äußern wollte, wohl auch in den Klöstern und im Sektiererleben Rußlands aufgespeichert und befriedigt worden. Erst Tolstoi und Dostojewski haben die russische Mystik wirklich ausgedrückt und alles das, was latent war, endlich einmal persönlich sprechen lassen. Tolstoi tat es, indem er einfach schilderte: wir erfahren bei ihm die russische Mystik genau so, wie wir sie jederzeit erfahren können, wenn wir uns in das russische Leben mischen. Dostojewski dagegen hat die russische Mystik bekannt und hat um sie gerungen, wie man um Probleme ringt, von ihm ab wissen wir, was wir sonst höchstens aus manchen religiösen Begleiterscheinungen des Nihilismus wissen könnten: daß die russische Mystik bereits auf dem Wege von einem bloßen Zustande zu einem Bewußtsein und vom Gefühl und den Sinnen zum Geist und zu einer russischen Geistigkeit ist. Man braucht nur die Namen Schatoffs, Kiriloffs und der Brüder Karamasoff zu nennen -- und sofort steigen lauter einzelne Weltanschauungen auf, die alle auf dem Grunde der russischen Mystik und Volklichkeit ruhen und bereits Teile einer künftigen allgemeinen und umfassenden russischen Weltanschauung sind. Doch gehören diese Gestalten erst Dostojewskis späterer Entwicklung an. Einmal jedoch, mehr am Anfang seines großen Lebenswerkes, das ein einziger großer Versuch ist, den russischen Ausdruck und Helden zu finden, den er dann von Figur zu Figur, von Typ zu Typ variierte, hat er der russischen Mystik einen zentralen Träger zu geben versucht: in der Gestalt des Fürsten Myschkin. Es wurde freilich -- und hier schlug die einzige geschichtliche Verwurzelung durch, die die russische Mystik hat und deren einseitige, anthropologisch und geographisch abgesonderte Innen- und Sonderentwicklung sie ist -- ein wesentlich christologischer, jesushafter Träger. Nachdem sich Dostojewski im Roman und in der Gestalt Rodion Raskolnikoffs mit dem mehr westeuropäischen Moralproblem der Schuld und des Jenseits von Gut und Böse auseinandergesetzt hatte, tat er im »Idioten« dasselbe mit dem Heilandsphänomen, indem er ihm einen russischen Träger unterlegte. Es war, wie das nicht anders möglich sein konnte, ein sinnlich-mystischer Träger. Alle die geheimnisvollen Auswirkungen des Fürsten auf andere Menschen gehen, wie Ausstrahlungen, unmittelbar von seiner Physis aus. In dieser Weise ist Mystik immer an die Persönlichkeit gebunden. Wer die Wunder Jesu verstehen will, der braucht nur die Auswirkungen Lew Myschkins zu verstehen. Der Gegenstand und auch die Stärke der Entladung ist verschieden, aber das elektrische Phänomen ist dasselbe. Der Rückgriff Dostojewskis auf Christus und Christlichkeit geschah dabei durchaus bewußt. In einem der wenigen visionär-klaren Augenblicke, die er dem Fürsten gegeben hat, läßt er ihn sagen: »Die Gegenwehr des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren Gestalt in uns bewahrt haben.« Diese Annäherung Lew Myschkins an Christus hinderte nicht, daß von Dostojewski aus -- für den Christus allzeit das Heiligste war, das die Erde jemals getragen hat, und ein so Unantastbarer, daß er vielleicht nur aus innerer Scheu sein geplantes großes Werk über Christus niemals geschrieben -- die Durchführung der Gestalt Lew Myschkins schließlich einer Unterwertung ihrer Christlichkeit gleichkam. Wenn wir die Summe des »Idioten« ziehen, so bleibt von seinem armen Helden am Ende wirklich nur die Pathologie übrig, und im besten Falle eine gewisse Samariterhaftigkeit. Von seinem wahren Verhältnis zu Christus aber kann man sagen, daß er sich zu ihm verhält wie eine Qualle zu Kristall: Christus und Lew Myschkin verstehen beide alles: Lew Myschkin verzeiht sofort und leidet noch für den Schuldigen; Christus dagegen verzeiht gleichfalls, aber hat noch die Kraft, nicht selbst für den Schuldigen zu leiden; Christus steht also über dem Leiden, während Lew Myschkin haltlos und in tiefstem Lebenssinne charakterlos, ohne einen Zaun um sein Ich zu haben, zwischen den Leuten und Leiden umhersteht. Sogar die Liebe wird ihm persönlich abgestritten, und einmal muß er den harten Vorwurf hinnehmen: »Was Sie sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.« Für Dostojewski war das Christliche und Heilandsmäßige eine Möglichkeit für das Russische. Doch nicht etwa einen russischen Jesus wollte er mit Lew Myschkin hinstellen, sondern nur eine menschliche Vorstufe zu einem solchen wollte er finden. Dostojewski wußte, daß auch das Russentum, wie ein jedes Volk und ein jeder Kulturkreis, sich auf eine persönliche Weise mit dem Christentum abfinden und dann einen persönlichen Wert aus ihm schaffen muß. Es geschah im »Idioten«, seinem christlichen Werk und zugleich demjenigen, in dem er das Problem russisch überwand. Das Wichtige, Überdauernde, Unvergängliche an der Gestalt Lew Myschkins ist nicht, wie bei der großen Weltgestalt Christi, er selbst, sondern die Beeinflussung, die von ihm ausgeht. Einen großen Mittler nicht, wie Christus war, sondern nur einen Mittelmenschen kann man ihn nennen, der seinen Zweck gar nicht in sich trägt, nicht darin, daß er nun etwa als Religionsstifter weiterlebte, sondern darin, daß er ganz unvermerkt andere Menschen mit sich befruchtet. Einmal muß in dieser Weise auch das Christliche vom Russentum aufgenommen und einer russischen Umwertung zugeführt werden. Es strebt selbst und von sich aus Christlichem zu, und sicherlich wird es gar nichts Befruchtenderes für das Russentum geben, als gerade das Christentum. Diese Umwertung nun, die Dostojewski als erster auf sich genommen hat, bahnt in seinem Lebenswerk der »Idiot« an. Er steht in der Entwicklung Dostojewskis an derselben Stelle, an der in der Entwicklung Rußlands das Christliche steht: als ein Übergang und Vorstadium zu Neuem, Kommendem, Eigenem. Freilich auch hier wird man scheiden müssen. Es gibt zweierlei Russentum: ein leidendes und ein tätiges. Das erstere wird sich wohl immer mit dem Christlichen, in seiner Form des Orthodoxen und Kirchlichen und voller Geduld und Demut, zufrieden geben. Das andere Russentum dagegen, das Germanisch-Sibirische, wie man es genannt hat, wird dasjenige sein, welches die eigentlich russischen Werte schafft. Diesem zweiten Russentum hat Dostojewski die Schatoff- und selbst Raskolnikoffnaturen zu Helden gegeben, und im »Idioten« hat er, als seinen künftigen Träger, gegen Lew Myschkin die heiße, wilde, bebende Kraftgestalt Rogoshins gestellt.

Für uns ist der Träger der russischen Mystik in ihrem ganzen Umfang und in allen ihren Möglichkeiten Dostojewski selbst. Kein großer Ethiker, kein Philosoph, kein Religionsstifter ist aus der russischen Mystik seither hervorgegangen. Nur einen großen Leidenden, Kampfzeugen und Märtyrer haben wir bekommen: Dostojewski. Der Name eines Dichters deckt seine Gestalt nicht mehr. Er ist Genie schlechtweg und gehört zu den Mystikern, die die Gesetze der Welt fühlen und ahnungsvoll schauen, gehört zu den Metaphysikern, die sie ergründen und begreifen, zu den Visionären und Propheten, die aufstehen und sie uns deuten, zu den Heilanden, die geboren werden, um uns von ihnen zu erlösen, und schließlich zu den Fanatikern und Heroen, die für ihr Volk um sie kämpfen.

Vorwort

Der »Idiot« ist als das zweite der fünf großen Roman-Epen, die Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1868 vollendet worden. Das Werk steht damit in der zeitlichen Folge in Abständen von je etwa zwei Jahren zwischen »Rodion Raskolnikoff« und den »Dämonen«.

Zu der doppelten Schreibweise der in dem Werk vorkommenden Namen Ganjä, beziehungsweise Ganjka und Warjä, beziehungsweise Warjka sei bemerkt, daß die erweiterte Form Ganjka und Warjka wie Alexaschka und Ssenjka etwas burschikos Herabsetzendes hat.

E. K. R.

Erster Teil

I.

Es war zu Ende November, bei Tauwetter, als gegen neun Uhr morgens ein Zug der Petersburg--Warschauer Bahn sich fauchend mit vollem Dampf Petersburg näherte. Es war so feucht und neblig, daß es kaum erst zu tagen schien. Aus den Kupeefenstern konnte man nur mit Mühe erkennen, was zehn Schritt vom Bahndamm rechts und links vorüberflog. Unter den Reisenden befanden sich auch solche, die offenbar weit herkamen, aus dem Auslande zurückkehrten, doch am stärksten waren die Abteile der dritten Klasse besetzt, und zwar von geringerem Volk und kleinen Geschäftsleuten, die während der Nacht in Städten, die nicht allzufern von Petersburg lagen, eingestiegen waren. Alle waren sie müde und abgespannt, allen waren die Augen über Nacht schwer geworden, alle froren, und die Gesichter waren gelblich bleich, von der Farbe des Nebels draußen.

In einem der Waggons dritter Klasse saßen am Fenster zwei Reisende sich gegenüber: beide junge Leute, beide fast ohne Gepäck und nicht gerade elegant gekleidet, mit ziemlich auffallenden Gesichtern. Sie schienen schließlich beide das Bedürfnis zu empfinden, ein Gespräch anzuknüpfen. Wenn sie von sich gewußt hätten, wodurch sie beide gerade in diesem Augenblick auffallend waren, so würden sie sich natürlich darüber gewundert haben, daß der Zufall sie so sonderbar in ein und denselben Waggon dritter Klasse der Petersburg--Warschauer Bahn einander gegenübergesetzt hatte.

Der eine von ihnen war nicht groß von Wuchs, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, hatte krauses, fast schwarzes Haar und kleine graue, doch feurige Augen. Seine Nase war breit und platt, die Kiefer und Backenknochen stark entwickelt. Seine schmalen Lippen verzogen sich beständig zu einem halb frechen, halb spöttischen oder sogar boshaften Lächeln. Seine Stirn aber war hoch und wohlgeformt und verschönte die unedel entwickelte untere Hälfte seines Gesichts. Am auffallendsten war an diesem Gesicht die Leichenblässe, die der ganzen Physiognomie des jungen Mannes trotz seines festen Körperbaues etwas Entkräftetes, Krankhaftes verlieh und gleichzeitig etwas bis zur Qual Leidenschaftliches, das mit dem unverschämten, rohen Lächeln und seinem durchdringend scharfen, selbstzufriedenen Blick eigentlich gar nicht übereinstimmen wollte. Er war warm gekleidet, in einen weiten tuchüberzogenen Pelz von schwarzem Lammfell, und hatte es in der Nacht nicht kalt gehabt, während sein Reisegefährte gezwungen war, seinen Rücken von einer feuchtkalten russischen Novembernacht, auf die er sich offenbar nicht vorbereitet hatte, durchfrieren zu lassen. Er saß in einem weiten ärmellosen, zwar von dickem Stoff gefertigten, aber immerhin unwattierten Mantel mit einer sehr großen Kapuze, wie ihn Reisende im Winter dort irgendwo fern im Auslande, in der Schweiz oder in Oberitalien, zu tragen pflegen, natürlich ohne dabei auch mit solchen Abstechern rechnen zu müssen, wie von Eydtkuhnen nach Petersburg. Denn was in Italien vollkommen genügte, erwies sich natürlich in Rußland als wenig zweckmäßig. Der Besitzer dieses Kapuzenmantels war gleichfalls ein noch junger Mann von etwa sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, etwas über mittelgroß, mit auffallend hellblondem, dichtem Haar, einem schmalen Gesicht, dessen Wangen eingefallen waren, und einem kleinen, fast weißblonden Spitzbart. Seine Augen waren groß und blau, und wenn er einen ansah, verwandte er nicht den Blick. Es lag eine eigentümliche Stille, gleichzeitig aber auch Schwere in diesem Blick: er war erfüllt von jenem eigenartigen Ausdruck, an dem manche Leute sofort den Fallsüchtigen erkennen. Übrigens war das Gesicht des jungen Mannes sehr angenehm, feingeschnitten und hager, nur etwas farblos, im Augenblick sogar ziemlich blaugefroren. An seiner Hand baumelte in einem alten verblichenen Kattunstoff ein armseliges Reisebündel, das wahrscheinlich seine ganze Habe enthielt. Seine Füße stecken in dicksohligen Schuhen, über die Gamaschen geknöpft waren -- alles nicht nach russischer Art. Der Brünette im tuchüberzogenen Pelz hatte mittlerweile im dämmernden Morgenlicht schon alle diese Einzelheiten seines Gegenübers wahrgenommen und kritisch betrachtet, -- zum Teil auch, weil er sonst nichts zu tun hatte -- bis er dann schließlich mit jenem unzarten, gewissermaßen nachlässigen Spottlächeln, in dem sich mitunter so ungeniert das eigene Wohlbehagen beim Betrachten des Unglücks anderer ausdrückt, halb fragend bemerkte:

»Kalt. Nicht?«

Und er bewegte dabei die Schultern, als wenn ihn fröstelte.

»Sehr sogar,« antwortete der andere mit auffallender Bereitwilligkeit, die Unterhaltung fortzusetzen. »Und dabei ist Tauwetter. Wenn wir noch Frost hätten! Ich dachte gar nicht, daß es bei uns so kalt sein würde. Jetzt bin ich daran nicht mehr gewöhnt.«

»Sie kommen aus dem Auslande?«

»Ja, aus der Schweiz.«

»Teufel! Seht mal an! ...«

Er lachte kurz auf und pfiff dann vor sich hin.

Die Fortsetzung des Gesprächs machte sich ganz von selbst; denn die Bereitwilligkeit des blonden jungen Mannes im Schweizermantel, auf alle Fragen seines schwarzhaarigen Reisegefährten zu antworten, war wirklich erstaunlich. Er schien auch nicht den geringsten Anstoß an der Unbekümmertheit zu nehmen, mit der der andere manch eine müßige Frage stellte. Unter anderem erzählte er auch, als Antwort auf eine dieser Fragen, daß er allerdings längere Zeit nicht in Rußland gewesen sei, mehr als vier Jahre nicht, und daß man ihn krankheitshalber -- er sprach von einer sonderbaren Nervenkrankheit, ähnlich der Epilepsie oder dem Veitstanz, die in Krämpfen und Zitteranfällen auftrat -- ins Ausland gebracht habe. Der Schwarzhaarige lächelte mehrmals auffallend spöttisch, während der andere erzählte, und er lachte laut auf, als jener auf seine Frage, ob er denn dort auch geheilt worden sei, ganz offen antwortete: »Nein, ich bin nicht geheilt worden.«

»Haha! Das kann ich mir denken, daß Sie Ihr Geld umsonst fortgeworfen haben! Und wir hier sind so dumm und glauben immer noch an jene Kerls!« bemerkte er gehässig.

»Da haben Sie ein wahres Wort gesagt!« mischte sich ein schlecht gekleideter Herr ein, der neben ihm saß. Er mochte etwas von der Art eines im Amtsschreibertum verknöcherten Beamten sein, vierzig Jahre zählen, war dabei stark gebaut, hatte eine rote Nase und ein finniges Gesicht. »Ein wahres Wort! Sie ziehen nur das ganze russische Geld zu sich hinüber, und wir haben das Nachsehen!«