Sämtliche Werke 19

Part 29

Chapter 293,881 wordsPublic domain

Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem Doktor ein merkwürdiges Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu haben und begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er kam, wie traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen gewesen sein mochte. Der Alte wiederum besuchte sie jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage, und als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das Bett schon verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert zu haben, daß er ohne sie den Tag nicht verleben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über sich zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte ihr Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte ihr Süßigkeiten und Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal erschien er dann mit besonders feierlicher Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly sofort erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. Das Geschenk zeigte er aber nicht gleich, sondern lächelte nur pfiffig und setzte sich neben Nelly mit der Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, daß so ein junges Mädchen würdig einer Belohnung sei. Dabei sah er sie so gutmütig und herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, wenn sie ihm auch offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige und zärtliche Dankbarkeit aufleuchtete. Zuletzt erhob sich dann der Alte feierlich, zog ein Kästchen mit Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit der Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen Frau Gemahlin.“

In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher als Nelly.

Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit und medizinische Ratschläge.

„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten streben,“ sagte er zu ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich darum, um leben zu bleiben, immer gesund zu sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, mein liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so vergessen sie ihn, oder besser, trachten Sie, nicht an ihn zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer haben, dann denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie an Vergnügungen und Spiel.“

„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – fragte Nelly.

Der Doktor war nicht wenig verblüfft ...

„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das Ihrem Alter ansieht; oder so ... etwas Ähnliches ...“

„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ sagte Nelly. „Ich liebe zum Beispiel neue Kleider.“

„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger gut. Man muß mit seinem bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht ... man kann auch neue Kleider lieben.“

„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, wenn ich Ihre Frau sein werde?“

„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig unwillig. Nelly lachte schelmisch und vergaß sich sogar so weit, daß sie auch mir zulächelte. „Übrigens, warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte er versöhnlicher hinzu.

„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag Pulver einnehmen?“

„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“

Jetzt lächelte auch der Doktor.

Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte ihrem Beispiel, er freute sich über ihre Fröhlichkeit.

„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. „Doch aus alledem spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“

Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt nicht mehr mit mir sprechen, als wäre ich in irgend etwas schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich ärgerte mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht mehr mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich bereits darüber. Sie weinte oft, und ich wußte wirklich nicht, womit ich sie beruhigen sollte. Übrigens einmal brach sie doch das Schweigen mit mir.

Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach Haus und bemerkte, wie Nelly unter ihrem Kissen ein Buch versteckte. Das war mein Roman, den sie jetzt wieder in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte sie ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ dachte ich und tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die Küche ging, sprang sie schnell aus dem Bett und legte das Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah ich es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; in ihrer Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen hatte sie kein Wort mit mir gesprochen.

„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit erstickter Stimme.

„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“

Nelly schwieg.

„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit schwacher Stimme.

„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“

„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser Stimme hinzu.

Wieder trat Schweigen ein.

„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann Nelly von neuem. Ein furchtsamer Blick streifte mich dabei.

„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen verwundert. „Hast du es denn schlecht bei mir?“

„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie bereden mich doch, zu ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber möchte ich nicht. – Hat sie eine Magd?“

„Ja.“

„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie bedienen. Ich werde alles für sie tun und werde keine Belohnung von ihr annehmen; ich werde sie lieben und ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“

„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was denkst du eigentlich von ihr: glaubst du denn wirklich, daß sie das zulassen würde? Wenn sie dich schon zu sich nehmen sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr, als ihre jüngere Schwester.“

„Nein, das will ich nicht ...“

„Warum nicht?“

Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen.

„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich.

Ich war erstaunt.

„Woher weißt du das, Nelly?“

„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern fragte ich den Mann von Alexandra Ssemjonowna; er erzählte mir alles.“

„War denn Masslobojeff hier?“

„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder.

„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“

„So ...“

Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum dieser Masslobojeff sich hier geheimnisvoll herumtrieb, und was für Beziehungen er hier angeknüpft haben mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen.

„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“

„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, ohne mich anzusehen. „Wenn Sie sie aber so lieben, so werden Sie sie doch heiraten, wenn der andere fort fährt.“

„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, ja und ich ... Nein, das wird nicht sein, Nelly.“

„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie würden glücklich sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich anzusehen.

„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und mein ganzes Innere tat mir weh. Nelly verstummte und sprach den Abend kein Wort mehr mit mir. Als ich fortgegangen war, weinte sie den ganzen Abend; wie Alexandra Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen ein. Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im Traum phantasierte sie.

Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und verschlossener. Mit mir sprach sie überhaupt nicht mehr. Es geschah wohl, daß ich hin und wieder einen verstohlenen und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll unsäglicher Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur Augenblicke und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer finsterer und verschlossener, sogar der Doktor wunderte sich über diese Veränderung in ihrem Charakter. Inzwischen hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit Erlaubnis des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte. Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. Es war in der Karwoche, als ich eines Morgens ausging; ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber Nelly versprochen, früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren zu gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben.

Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer Schlag mich traf, als ich damals nach Hause zurückkehrte! Schon draußen auf der Treppe fiel es mir auf, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trete ein: es war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben beschrieben:

„Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr wieder. Ich liebe Sie aber sehr.

Ihre treue Nelly.“

Ich schrie auf und stürzte hinaus.

IV.

Kaum war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu werden, wohin ich mich wenden sollte, als plötzlich vor unserem Haustor eine Droschke hielt; aus der Droschke stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly, die sie fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch einmal entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu.

„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich.

„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, dort werden Sie alles erfahren,“ sagte Alexandra Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen zu erzählen habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu. „Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie sollen alles sofort erfahren.“

Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche Neuigkeiten mitzuteilen hatte.

„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu ihr, als wir ins Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es ist doch kein Spaß, nach der Krankheit so herumzulaufen! Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber wollen hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“

Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen.

Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna berichtete mir so schnell als möglich den Tatbestand. Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten.

Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly zwei Stunden vor meiner Rückkunft davongelaufen und hatte sich zuerst zum alten Doktor begeben. Seine Adresse hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der Doktor, wie er erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während ihres Daseins habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ „Ich kann es auch jetzt noch nicht glauben,“ fügte er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde es nie und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock in seinem Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich hineinstürzte und, ehe er zur Besinnung gekommen war, sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte sich an ihn, weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos sie zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei mir nicht mehr leben wolle noch könne und darum von mir fortgegangen sei; daß sie leide; daß sie nie mehr über ihn lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde, sondern sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie sich unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt gehorsam sein und jeden Tag, so viel er wolle, Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war vor Schreck so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen.

„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so wie ich Sie verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie bei mir aufnehme. Doch, das ist – unmöglich! Sie sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über wenig Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu überlegen ... Das ist schrecklich! Und außerdem sind Sie, so weit es mir scheint, einfach davongelaufen. Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und schließlich habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, Sie aber verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach zu mir, wo Sie sich doch schonen und ... und ... Medizin einnehmen sollten. Und schließlich ... schließlich, verstehe ich überhaupt nichts ...“

Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an zu weinen, ihn anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen des Alten nahm immer mehr zu und er konnte schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag unwohl,“ schloß der Alte seine Erzählung, „und nahm zur Nacht ein Pulver ein.“

Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich ihr die Adresse bekannt war, fand sie die Wohnung doch nur mit großer Mühe. Masslobojeff war zu Haus. Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, vortrug. Auf ihre Fragen: warum es ihr Wunsch sei und ob sie es bei mir so schwer habe, antwortete Nelly nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl. „Sie schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna, „daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly flehte, sie als Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, daß sie waschen und plätten könne. Darauf schienen sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die Meinung Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei sich zu behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten und man mich davon benachrichtigt hätte. Doch Filipp Filippytsch hatte sich dem durchaus widersetzt und befohlen, mir den Flüchtling sofort einzuhändigen. Unterwegs habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und getröstet, doch dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen angefangen. Auch Alexandra Ssemjonowna hatte dann vor Rührung geweint.

„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; hat er dich denn etwa beleidigt, wie?“ fragte sie Nelly unter Tränen.

„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“

„Nun, warum willst du denn ...“

„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann nicht ... ich bin so böse zu ihm ... er aber ist gut ... bei Ihnen würde ich nicht böse sein, ich würde arbeiten,“ antwortete sie, krampfhaft schluchzend.

„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“

„So ...“

„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ schloß Alexandra Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. „Warum ist sie nur so trübsinnig? Wohl von Geburt so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“

Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem Bett nieder, nahm ihre Hände und küßte sie. Sie entriß sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der alte Ichmenjeff ins Zimmer.

„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ Verwundert sah er uns alle an.

Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war ganz zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er wollte aber auf die Ermahnungen seiner Frau nicht hören, legte sich nicht, sondern fuhr fort – wie er sagte – „seine Geschäfte zu erledigen“.

„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna mit neugierigen Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch hat mir befohlen, so schnell als möglich zurückzukommen. Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich auf ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“

„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an ganz was anderes denkend.

Ich beantwortete ihm seine Frage.

„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit zu dir gekommen, Iwan ...“

Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen Besuch bereits erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna Andrejewna hatte endlich eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Das war nach einem geheimen Übereinkommen zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: ich hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, deren Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht worden war, sein Herz rühren und seinen Sinn ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen, daß sie jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. Er seinerseits wollte natürlich vor allem seine Anna Andrejewna befriedigen und dann hatte er selbst ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich später ausführlicher erzählen ...

Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem ersten Besuch nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte sogar einen gewissen Haß aus, wenn man seinen Namen nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle Umstände sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die ihr Gesicht noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand ergriff und sie fragte: ob sie an Stelle seiner Tochter zu ihm kommen wolle?

„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich selbst,“ schloß der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. Sie ist tot. Willst du ihren Platz in unserem Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“

Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, erglänzte eine Träne.

„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den Kopf zu erheben.

„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz allein in der Welt. Du kannst doch nicht immer bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie im Elternhause.“

„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ fügte sie hinzu, richtete sich auf und setzte sich dem Alten gegenüber aufs Bett. „Ich selbst bin böse, böser als alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“

Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar ihre Lippen erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog sich vor innerer Erregung. Der Alte sah sie ganz verwundert an.

„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht vergeben; sie wollen sie auf immer vergessen und an ihrer Stelle ein anderes Kind annehmen ... kann man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen werden, so müssen Sie sich erinnern, daß ich Ihnen fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die Sie vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will nicht bei so grausamen Menschen leben; ich will nicht, ich will nicht! ...“

Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen Blick zu.

„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist erstanden, alles umarmt sich, alles versöhnt sich, allen wird vergeben ... Nur Sie ... Sie allein ... wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“

Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien sie sich bereits lange vorbereitet zu haben, für den Fall, daß der Alte sie noch einmal auffordern sollte, zu ihm ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig erbleicht, auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid.

„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? Ich mag’s nicht!“ rief Nelly plötzlich außer sich. „Ich werde ... werde ... betteln gehen!“

„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ rief ich unwillkürlich aus, doch goß ich damit nur Öl ins Feuer.

„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, als daß ich hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch meine Mutter hat gebettelt und als sie starb, sagte sie zu mir: sei arm und gehe lieber betteln, als ... Zu betteln ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen bitten ist keine Schande, das hat mir eine alte Bettlerin gesagt; und ich bin klein und kann mir nichts verdienen. Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse, böse, böser als alle; seht, wie böse ich bin!“

Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer Tasse auf dem Tisch und warf sie zu Boden.

„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend hinzu, – „da ist ja noch eine Tasse – ich werde auch die andere zerschlagen ... Woraus werden Sie dann Tee trinken?“

Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, sich in dieser Besessenheit gehen zu lassen. Sie fühlte wohl, daß es nicht gut und eigentlich eine Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst innerlich immer mehr und mehr dazu auf.

„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte der Alte, „oder ... oder ich begreife dieses Kind schon nicht mehr. Lebe wohl!“

Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum Abschied. Er war wie zerschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt; ich war außer mir.

„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als wir allein waren; „du solltest dich schämen, schämen! Nein, du bist nicht gut, du bist wirklich schlecht!“

Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten nach. Ich wollte ihn wenigstens bis zum Haustor begleiten, um ihm ein paar Worte zur Beruhigung zu sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys erblaßtes Gesichtchen.

Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt.

„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen Kummer, und mir fiel es ein, noch von meinem zu reden,“ sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte an ihre Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen nicht verstehen und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige den Hungrigen nicht verstehen kann. Nun, lebe wohl!“

Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß mit der Hand ab.

„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, daß sie dir nicht davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ fügte er mit Erbitterung hinzu und beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, wobei er mit seinem Spazierstock laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug.

Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung gewesen.

Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly nicht im Zimmer vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich suchte sie auf dem Treppenflur, auf der Treppe, rief ihren Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen sei. Und wie konnte sie fortlaufen? Es gab doch nur ein Haustor; sie mußte also an mir vorbeigeschlüpft sein, als ich mit dem Alten gesprochen? Doch bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf der Treppe versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, und um dann hinter meinem Rücken hinauszulaufen. Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr weit gekommen sein.

Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, sie zu suchen, und ließ die Wohnung auf alle Fälle offen.

Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber nicht zu Haus, weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. Ich hinterließ ihnen einen Zettel, in dem ich Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu ihnen kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf ging ich zum Doktor: der war gleichfalls nicht zu Haus, nur die Magd erklärte mir, daß niemand dagewesen sei. Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr dort von der Frau des Sargmachers, daß die Wirtin seit dem gestrigen Tage sich auf der Polizei befinde. Nelly hatte man aber seit jenem Tag nicht mehr wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder zu Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu Hause. Mein Zettel lag noch auf dem Tisch. Was sollte ich tun?

In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach Hause begeben. Ich mußte diesen Abend zu Natascha gehen, sie selbst hatte mich bereits am Morgen rufen lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen; der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir aufkommen lassen.

„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten das wirklich nur die Folgen der Krankheit sein? Hat sie nicht am Ende ihren Verstand verloren? Doch, mein Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum hatte ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand dort an einem Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich wollte auf sie zulaufen, doch blieb ich plötzlich stehen: „Was mag sie hier machen?“ dachte ich und ich beschloß, da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren konnte, hier zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen ungefähr zehn Minuten, sie stand immer noch und blickte auf die Vorübergehenden. Endlich kam ein gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn zu: der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der Tasche und gab’s ihr. Sie schien ihm zu danken. Ich kann es nicht beschreiben, was ich in diesem Augenblick empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, als wäre etwas Teures, das ich liebte und hegte, in diesem Augenblick, vor mir beschmutzt und beschimpft worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen.