Sämtliche Werke 18

Part 11

Chapter 113,713 wordsPublic domain

Ich habe schon davon gesprochen, daß im Ostrogg alles so verrottet war, daß Spionage und heimliche Anzeigen geradezu blühten, die Arrestanten aber über die Spione oder Hinterbringer nicht den geringsten Unwillen bekundeten. Im Gegenteil, mit A–ff z. B. standen sie sich sogar sehr gut und verkehrten mit ihm unvergleichlich freundschaftlicher als mit uns übrigen. Das Wohlwollen, das unser Major in trunkenem Zustande für ihn an den Tag legte, gab ihm in den Augen der anderen Bedeutung und Gewicht. Unter anderem hatte er auch den Major versichert, daß er Porträts malen könne – den Arrestanten hatte er gesagt, er sei Gardeleutnant gewesen –, worauf jener ihn zu sich ins Haus zur Arbeit kommen ließ, um ihn, den Major, zu porträtieren. Bei der Gelegenheit war er denn auch mit Fedjka zusammengekommen, der auf seinen Herrn und folglich auch auf alle und alles im Ostrogg einen großen Einfluß hatte. A–ff spionierte im Ostrogg auf Verlangen des Majors, dieser aber schimpfte ihn deswegen, wenn er ihm in betrunkenem Zustande Ohrfeigen gab, nannte ihn einen Ohrenbläser, gemeinen Hinterbringer und Spion. Es kam vor, und sogar sehr oft, daß der Major sich im nächsten Augenblick nach den Ohrfeigen wieder auf seinen Stuhl setzte und ihm weiterzumalen befahl. Unser Major schien in der Tat zu glauben, daß A–ff ein bedeutender Künstler sei, womöglich ein zweiter Brüloff, von dem auch er einmal gehört haben mochte, doch ungeachtet aller Genialität, glaubte er, der Major, sich doch berechtigt, den anderen links und rechts zu schlagen, denn wenn jener auch ein noch so großer Künstler und selbst ein doppelter Brüloff gewesen wäre, so war er, der Major, ihm doch noch über, nämlich als sein Vorgesetzter, und folglich konnte er mit jenem machen, was er wollte. Übrigens ließ er sich von A–ff auch die Stiefeln ausziehen, verschiedene Gefäße aus dem Schlafzimmer hinaustragen, konnte sich aber trotz allem lange Zeit noch nicht von dem Gedanken lossagen, daß A–ff ein großer Künstler sei. Mit dem Porträtieren ging es unendlich langsam vorwärts, fast ein ganzes Jahr lang zog sich das Malen hin, bis der Major dann doch endlich erriet, daß er betrogen worden war. Da sah er denn auch bald ein, daß das Bild ihm mit jedem Tage unähnlicher wurde und seine Vollendung noch weit im Felde lag: er verprügelte den Künstler und schickte ihn zur Strafe in den Ostrogg zur schwersten Arbeit. A–ff bedauerte diese Schicksalswendung natürlich sehr, und es fiel ihm schwer, auf die schönen müßigen Tage, die Abfälle von der Majorstafel, seinen Freund Fedjka und auf alle schönen Dinge, die sie sich in der Küche zu bereiten gewußt hatten, ein für allemal Verzicht zu leisten. Jedenfalls hörte der Major nach der Entfernung A–ffs auf, einen gewissen M. zu verfolgen, einen Sträfling, den A–ff unaufhörlich bei ihm verleumdet hatte, und zwar aus folgendem Grunde: Dieser M. war vor der Ankunft A–ffs im Ostrogg völlig allein gewesen. Er hatte große Sehnsucht nach einem Menschen, mit dem er hätte sprechen können, hatte aber für die übrigen Arrestanten nur Entsetzen und Widerwillen übrig, und bemerkte natürlich nichts von all dem, was ihn hätte aussöhnen und sie ihm näherbringen können. Die Arrestanten zahlten ihm mit derselben Münze heim. Überhaupt ist im Ostrogg die Stellung solcher Leute wie M. einfach grauenvoll. Der Grund, warum man A–ff verschickt hatte, war ihm unbekannt. A–ff dagegen, der bald erriet, mit wem er es zu tun hatte, versicherte ihn, er, A–ff, sei so gut wie für das Gegenteil einer Denunziation verschickt worden, also fast für dasselbe Vergehen, aufgrund dessen auch M. in den Ostrogg gekommen war. M. war glückselig über den Schicksalsgenossen und Freund, pflegte, tröstete ihn in den ersten Tagen, da er glaubte, jener müsse sehr leiden, gab ihm sein letztes Geld, gab ihm zu essen, teilte mit ihm seine ganze Habe. A–ff aber fing sofort an, ihn zu hassen, vor allem deshalb, weil jener ein edler Mensch war und mit solchem Entsetzen auf jede niedrige Handlung sah, und hauptsächlich, weil er selbst diesem M. so unähnlich war. Und schon bei der ersten Gelegenheit beeilte sich A–ff, alles dem Major mitzuteilen, was M. ihm in den Gesprächen über den Ostrogg und den Major gesagt hatte.

Der Major schwor dafür Rache, haßte M. und versuchte ihm zu schaden, wo er nur konnte, und wenn nicht der Kommandeur noch mit seiner Autorität dagewesen wäre, hätte der Major es richtig noch zu etwas Schlimmerem gebracht. Doch all das verwirrte A–ff nicht im geringsten, als M. von seiner Schändlichkeit erfuhr; es behagte ihm sogar, jenem zu begegnen und ihn mit höhnischem Lächeln anzusehen. Das schien ihm geradezu ein Genuß zu sein. M. wies mich mehr als einmal selbst darauf hin. Dieses verkommene Subjekt floh später mit einem anderen Arrestanten und einem Eskortesoldaten, aber von dieser Flucht werde ich später ausführlicher erzählen. Anfangs versuchte er, auch bei mir sich einzuschmeicheln, da er im Glauben war, ich wüßte nichts von seiner Vergangenheit. Ich wiederhole es, dieses Subjekt machte mir die erste Zeit im Ostrogg noch schwerer, als sie ohnehin gewesen wäre. Mich entsetzte diese furchtbare Gemeinheit und Niedrigkeit, in die ich mich mitten hineinversetzt sah, als ich wieder zu mir kam und erwachte. Ich glaubte, daß hier im Ostrogg alle so schändlich und gemein wären. Aber ich hatte mich getäuscht: ich hatte nach A–ff auf alle geschlossen.

In diesen drei arbeitslosen Tagen schlenderte ich in meiner gedrückten, qualvollen Stimmung im Ostrogg umher, lag auf der Pritsche und gab einem zuverlässigen Arrestanten, den Akim Akimytsch mir empfohlen hatte, die mir ausgelieferte Leinwand ab, um mir Hemden nähen zu lassen, – natürlich für Bezahlung, das Hemd kostete nur wenige Kopeken –, schaffte mir auf den dringenden Rat Akim Akimytschs hin eine zusammenlegbare Matratze an, die aus Filz bestand, mit Leinwand überzogen und dünn wie ein Pfannenkuchen war, und außerdem noch ein Kopfkissen, das mit Wolle ausgestopft war und mir entsetzlich hart vorkam, da ich mich an so etwas noch nicht gewöhnt hatte. Akim Akimytsch bemühte sich eifrig um die Herstellung all dieser Sachen und nähte mir noch eigenhändig eine Decke aus alten Tuchstücken, alten Beinkleidern und Jacken, die ich von den anderen Arrestanten aufgekauft hatte.

Die ausgelieferten Kleidungsstücke wurden, wenn sie ihre vorschriftsmäßige Zeit vorgehalten hatten, Eigentum des Arrestanten, der sie dann sofort verkaufte; wie abgetragen das Ding auch sein mochte – im Ostrogg hatte es immer noch einen Wert. Überhaupt kam ich anfangs aus der Verwunderung gar nicht heraus; war es doch meine erste unmittelbare Berührung mit dem Volke. Ich selbst wurde plötzlich ganz ebenso Volk, ebenso ein sibirischer Arrestant, wie sie. Ihre Angewohnheiten, Begriffe, Meinungen, Sitten – wurden gleichsam auch die meinen, wenigstens der Form, dem Gesetz nach, wenn es auch in Wirklichkeit nicht der Fall war. Ich war erstaunt und verwirrt, als hätte ich vorher noch nichts von alledem geahnt oder gehört, obgleich ich schon vieles gewußt und gehört hatte. Aber die Wirklichkeit bringt immer einen ganz anderen Eindruck hervor, als das Wissen und Hören. Wie hätte ich zum Beispiel früher denken können, daß solche Sachen, solche Lumpen auch noch als Gegenstände oder gar als kaufkräftige Ware angesehen werden könnten. – Und da nähte ich mir nun aus ihnen noch eine Schlafdecke! Auch ist es schwer, sich vorzustellen, von welcher Art der Stoff war, der dem Arrestanten für die Kleider ausgeliefert wurde. Dem Ansehen nach schien er tatsächlich dickes Militärtuch zu sein; kaum aber war er getragen, so verwandelte er sich förmlich in ein Netz und zerriß empörend leicht. Übrigens mußte man mit dem Tuchanzug nur ein Jahr auskommen, aber selbst das war schwer. Ein Zwangsarbeiter muß naturgemäß arbeiten, er muß schwere Lasten tragen; seine Kleider werden abgerieben und zerreißen bald. Mit dem Pelze dagegen mußte man drei Jahre lang auskommen und diese Pelze dienten in der Regel noch als Schlafdecken und als Unterlage, da nur wenige Matratzen besaßen. Doch die Pelze sind stark. Trotzdem aber sah man nicht selten jemand, dessen Pelz zu Ende des dritten Jahres mit gewöhnlicher Leinwand geflickt war. Nichtsdestoweniger wurden sie, wenn sie auch noch so abgetragen waren, nach Ablauf der Tragefrist für fünfzig Kopeken in Silber verkauft. Für besser erhaltene wurden sogar sechzig bis siebzig Kopeken gezahlt, das aber ist in der Kátorga viel Geld.

Das Geld selbst hatte dort, wie ich schon mehrmals erwähnt habe, eine ungeheure Bedeutung, ja sogar Macht. Man kann ohne weiteres behaupten, daß ein Sträfling, der Geld hatte – und wenn es auch noch so wenig war – zehnmal weniger litt, als einer, der gar keines besaß, obwohl auch für diesen vom Staat gesorgt wurde. Wozu braucht ein Sträfling Geld? Das war etwas, was unsere „Obrigkeit“ nicht begreifen konnte. Ich aber sage nochmals: hätten die Sträflinge keine Möglichkeit gehabt, ihr eigenes Geld zu besitzen, so wären sie entweder irrsinnig geworden, oder sie wären wie die Fliegen gestorben – ungeachtet dessen, daß für sie in allem gesorgt war – oder, schließlich, sie hätten unerhörte Verbrechen begangen, die einen aus Sehnsucht, die anderen, um irgendwie so schnell als möglich vernichtet, hingerichtet zu werden, oder einfach irgendwie „sein Schicksal zu verändern“, wie der technische Ausdruck lautete. Wenn nun der Arrestant die Kopeken, die er im Schweiße seines Angesichts erworben hat, oder zu deren Erwerb er sich das Schlaueste ersonnen, was zugleich mit Diebstahl und Schurkereien verknüpft ist, wenn er sich für dieses Geld in die größte Gefahr begeben hat, dann aber dieses sauer erworbene Geld in einem Augenblick und so unklug, mit solchem kindischen Leichtsinn verschleudert, so beweist das noch lange nicht, daß er das Geld nicht schätzte, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Geldgierig ist er bis zur Krampfhaftigkeit, bis zum vollkommenen Verlust jeglicher Vernunft, und wenn er es beim „Durchgehen“ auch tausendmal wie Hobelspäne verschleudert, so verschleudert er es doch nur für das, was er noch höher hält als das Geld.

Was aber ist denn für den gefesselten Arrestanten noch höher als Geld?

Die Freiheit oder auch nur ein Traum, eine Vortäuschung von Freiheit.

Die sibirischen Zwangsarbeiter sind große Träumer. Doch davon werde ich später erzählen. Nur will ich, da ich soeben darauf zu sprechen gekommen bin, noch ein Beispiel anführen, ich weiß aber nicht, ob man es mir glauben wird: ich habe von den schwersten Verbrechern, die zu _zwanzig_ Jahren verurteilt waren, gehört – sie haben es mir selbst gesagt: „Nur ein bißchen Geduld, wenn Gott will, erledige ich hier noch meine Strafzeit, und dann ...“

Die ganze Bedeutung des Wortes „Arrestant“ bezeichnet einen Menschen ohne Willen, verschwendet er aber Geld, so handelt er nach _eigenem Willen_. Ungeachtet aller Brandmale, Ketten und des verhaßten Palissadenzauns, der ihm Gottes Welt abschließt, und ihn wie ein Tier im Käfige gefangen hält – kann er sich doch Branntwein verschaffen, d. h. soviel wie einen strengstens verbotenen Genuß, für Geld kann er sogar Frauenzimmer besuchen, kann er zuweilen sogar – wenn auch nur sehr selten – seine nächsten Vorgesetzten bestechen, die Invaliden und selbst den Unteroffizier, die dann ein Auge halb zudrücken, wenn er gegen das Gesetz und die Disziplin verstößt und ihm in manchen Dingen durch die Finger sehen, und obendrein kann er sich sogar ihnen gegenüber in die Brust werfen – das aber tut er ganz außerordentlich gern, – kann er sich vor den Kameraden den Anschein geben und sogar sich selbst überzeugen – wenn auch nur _auf kurze Zeit_, – daß er weit mehr Willen und Macht besitze, als es scheine. Mit einem Wort, er kann prassen und Lärm schlagen, kann sogar einen anderen unter die Füße treten und ihm beweisen, daß er alles das wirklich _kann_, daß es _in seiner Macht_ liegt, d. h., er kann sich im Besitz einer Sache glauben, an die der arme Teufel nicht einmal denken darf. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man bei den Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, eine so allgemeine Neigung zur Prahlerei findet, zu mutigem Auftreten, zu einer oft lächerlichen und naiven Erhebung der eigenen Persönlichkeit, wenn auch nur einer scheinbaren. Endlich kommt noch hinzu, daß diese ganze Prasserei nicht so ungefährlich ist, – folglich ist das Ganze immerhin eine gewisse Lebensvortäuschung, ein gewisser Schimmer von Freiheit. Und was gibt man nicht für die Freiheit! Welcher Millionär würde nicht, wenn der Strang seinen Hals schon schnürte, alle seine Millionen für einen einzigen Atemzug hingeben?

Da wundern sich zuweilen die Vorgesetzten, daß ein Arrestant, der lange Jahre so musterhaft sich aufgeführt hat, und womöglich zum Aufseher erhoben worden ist, ganz plötzlich und ohne jede Veranlassung – als wäre er rein des Teufels geworden – es plötzlich so toll treibt, wie man es von ihm nie und nimmer erwartet hätte, mitunter läßt er es sogar auf ein Kriminalverbrechen ankommen, oder er zeigt sich offenkundig unehrerbietig gegen die höchsten Vorgesetzten, oder er erschlägt oder überfällt irgend einen. Man sieht ihn an und wundert sich. Indessen ist die ganze Ursache dieses plötzlichen Ausbruchs in dem bis dahin friedlichsten Menschen, von dem man Ähnliches nie erwartet hätte – der plötzliche Durchbruch der Persönlichkeit, die instinktive Sehnsucht nach seinem eigenen Menschen, das Verlangen, diesen Menschen zu beweisen, seine erniedrigte Persönlichkeit hervorzukehren, und dieses Bedürfnis erwacht nun plötzlich mit einer Wucht in ihm, die zur Raserei, zur Tollwut, zu völliger Besinnungslosigkeit, zu einem Anfall, einem Krampf wird. So mag vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er unter der Erde erwacht, an seinen Sargdeckel schlagen und sich anstrengen, ihn aufzubrechen, obgleich ihm doch seine Vernunft sagen müßte, daß alle seine Anstrengungen vergeblich sind. Aber das ist es ja eben, daß es sich hier nicht um Vernunft handelt, sondern gewissermaßen um – Krämpfe. Jetzt bedenke man noch, daß jede eigenwillige Äußerung der Persönlichkeit beim Arrestanten für Verbrechen angesehen wird, in dem Falle aber ist es ihm natürlich gleichgültig, ob es ein größerer oder kleinerer Ausbruch ist. Geht er durch, dann geht er durch, wagt er einmal, dann wagt er eben – dann kommt es ihm auch auf einen Totschlag nicht an. Und die Hauptsache ist ja nur der Anfang: ist er erst einmal betrunken, dann läßt er sich nicht mehr halten. Daher ist es wohl besser, es nicht so weit kommen zu lassen. Alle hätten es besser.

Ja, aber wie läßt sich das machen?

VI.

Der erste Monat, Fortsetzung

Bei meinem Eintritt in den Ostrogg besaß ich einiges Geld; bei mir aber, in der Tasche, hatte ich nur wenig, aus Furcht, es könnte mir abgenommen werden, doch auf alle Fälle waren im Einband meiner Bibel einige Rubel verborgen, d. h. einfach eingeklebt. Dieses Buch mit dem eingeklebten Gelde war mir in Tobolsk von Leuten geschenkt worden, die gleichfalls in der Verbannung litten, die bereits seit Jahrzehnten dort leben mußten und die schon längst in jedem Unglücklichen einen Bruder zu sehen gewohnt waren. Es gibt dort in Sibirien fast überall solche Menschen, die, wie es scheint, ihre Lebensaufgabe darin sehen, den „Unglücklichen“ brüderliche Pflege angedeihen zu lassen, mit ihnen zu leiden und sie wie eigene Kinder zu lieben – mit einer uneigennützigen, heiligen Liebe.

Ich kann es nicht unterlassen, von einer Begegnung zu erzählen, die jetzt wieder so deutlich vor mir steht, als hätte sie erst gestern stattgefunden.

In der Stadt, in der sich unser Ostrogg befand, lebte eine Witwe, Nastaßja Iwanowna. Natürlich konnte niemand von uns, solange wir im Ostrogg waren, persönlich mit ihr bekannt werden. Sie hatte es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, für die Verschickten zu sorgen, doch am meisten sorgte sie für uns. Vielleicht war in ihrer Familie ein ähnliches Unglück vorgekommen, oder es hatte ein Mensch, der ihrem Herzen besonders teuer gewesen und nahegestanden, unter demselben Schicksal zu leiden gehabt – das weiß ich nicht. Jedenfalls aber war sie glücklich, alles für uns zu tun, was sie nur konnte. Viel tun konnte sie freilich nicht, denn sie war selbst sehr arm. Wir aber, die wir im Ostrogg saßen, fühlten und wußten, daß wir dort jenseits der Palissaden einen treuen Freund hatten. Unter anderem ließ sie uns oft Nachrichten zukommen, nach denen wir uns fast krank sehnten. Als ich dann den Ostrogg verließ und in eine andere Stadt zur Ansiedlung geschickt wurde, fand ich noch Gelegenheit, zu ihr zu gehen und sie persönlich kennen zu lernen. Sie lebte bei einem ihrer nahen Verwandten. Sie war weder alt noch jung, weder hübsch noch häßlich; ja man konnte nicht einmal feststellen, ob sie klug, ob sie gebildet war? Man sah in ihr nur auf jedem Schritt und Tritt eine unendliche Güte, den unbezwingbaren Wunsch zu helfen, zu erleichtern, einem etwas Angenehmes zu tun. Alle ihre Gefühle lagen in ihrem stillen, guten Blick. Ich verbrachte zusammen mit einem meiner Ostroggkameraden einen ganzen Abend bei ihr. Sie sah uns nur an, lachte, wenn wir lachten, beeilte sich, allem zuzustimmen, was wir auch sagen mochten. Sie bewirtete uns, womit sie nur konnte: sie reichte Tee, einen kleinen Imbiß, eingemachte Früchte, und wenn sie Tausende besessen hätte – sie würde sich über das Geld nur aus dem einen Grunde gefreut haben, weil sie dann uns und unseren im Ostrogg zurückgebliebenen Kameraden noch mehr hätte helfen können. Beim Abschied brachte sie noch mir und meinem Kameraden je ein Zigarettenetui zum Andenken. Diese Etuis klebte sie eigenhändig für uns – Gott weiß, wie sie geklebt waren! Sie bestanden aus Pappe und waren mit buntem Glanzpapier überzogen, genau demselben, in das die kurzgefaßten Rechenbücher der kleinen Schulen eingebunden sind (vielleicht bestanden sie auch tatsächlich aus den Deckeln eines solchen Arithmetikbuches). An den Rändern aber waren beide Hälften des Etuis zur Verzierung mit einer schmalen Bordüre von Goldpapier eingefaßt, die sie wahrscheinlich lange in den Läden gesucht hatte.

„Sie rauchen doch Zigaretten, vielleicht können Sie dann dieses hier gebrauchen,“ sagte sie schüchtern, als wolle sie sich ihres Geschenkes wegen entschuldigen.

Es gibt Menschen, die da sagen – ich selbst habe es gehört und gelesen, – daß die größte Liebe zum Nächsten zu gleicher Zeit der größte Egoismus sei. Worin nun hier Egoismus gewesen sein sollte, werde ich nie verstehen.

Wenn ich nun auch bei meinem Eintritt in den Ostrogg durchaus nicht viel Geld besaß, so vermochte ich es doch nicht, über jene ungehalten zu sein, die schon in den ersten Stunden von mir Geld geborgt und mich natürlich betrogen hatten, und dann höchst naiv zum zweiten, dritten und sogar fünften Male zu mir kamen, um noch weiteres Geld zu borgen. Eines aber muß ich ganz offen gestehen: es ärgerte mich nicht wenig, daß alle diese Banditen mit ihrer naiven Schlauheit mich unbedingt, wie es mir schien, für einen echten rechten Einfaltspinsel, für einen dummen Jungen hielten und sich über mich lustig machten, weil ich ihnen auch zum fünften Male das Geld gab. So mußte es ihnen unbedingt scheinen, daß ich mich von ihrer Schlauheit und Gewandtheit betrügen ließ, während sie, wenn ich ihnen nichts gegeben und sie fortgejagt hätte, – davon war ich überzeugt – mich unvergleichlich mehr geachtet haben würden. Aber wie sehr ich mich auch ärgerte, abschlagen konnte ich es ihnen doch nicht. Und ich ärgerte mich, weil ich in diesen ersten Tagen ernstlich und besorgt darüber nachdachte, wie ich mich im Ostrogg verhalten, oder richtiger, auf welchen Fuß ich mich mit ihnen stellen sollte. Ich fühlte und begriff, daß diese ganze Umgebung für mich völlig neu war, daß ich völlig im Dunkel saß, in demselben aber unmöglich so lange Jahre sitzen bleiben konnte. Folglich hieß es, sich vorbereiten. Versteht sich, ich kam mit mir überein, daß man vor allen Dingen offen sein und offen handeln müsse, wie es das innere Gefühl und das Gewissen befahlen. Andererseits aber wußte ich, daß dieses nur Theorie war und vor mir jedenfalls noch die unerwartetste Praxis erscheinen würde.

Und darum quälte mich, ungeachtet all der kleinen Sorgen um meine Einrichtung in der Kaserne (von denen ich schon erzählt habe und in die mich der vorsorgliche Akim Akimytsch hineinzog) und ungeachtet dessen, daß sie mich immerhin ein wenig zerstreuten, – trotzdem quälte mich eine nagende Sehnsucht immer unerträglicher.

„Ein Totenhaus!“ sagte ich zu mir, wenn ich zuweilen in der Dämmerung von der kleinen Treppe unserer Kaserne auf die Arrestanten blickte, die schon von der Arbeit heimkehrten und faul über den Hof in die Küchen schlenderten und aus den Küchen wieder zurück in die Kasernen. Ich betrachtete sie, betrachtete jeden einzelnen, und bemühte mich, an ihren Gesichtern und ihren Bewegungen zu erkennen, was für Menschen sie waren und was für Charaktere sie hatten. Sie aber schlenderten vor mir mit finster gerunzelten Stirnen, oder aber in sorgloser Heiterkeit – diese beiden Erscheinungen trifft man am häufigsten, sie sind zugleich die Charakteristik der Kátorga, – sie schimpften sich gegenseitig oder sie sprachen ganz gewöhnlich miteinander, oder sie gingen einzeln umher, gleichsam in Gedanken versunken, langsam, gleichmütig, einige müde und teilnahmslos, andere wiederum – selbst hier! – mit einem Ausdruck anmaßender Überlegenheit, die Mützen auf einem Ohr, die Halbpelze nur über die Schultern geworfen, mit frechem, listigem Blick und frechem, spöttischem Lächeln.

„Das ist jetzt meine Umgebung, meine neue Welt,“ dachte ich, „in der ich, ob ich will oder nicht, leben muß ...“

Ich machte auch wiederholt den Versuch, von Akim Akimytsch etwas über sie zu erfahren, wenn ich mit ihm Tee trank, um nicht allein trinken zu müssen. Tee war in dieser ersten Zeit so gut wie meine einzige Nahrung. Akim Akimytsch sagte nie ab, wenn ich ihn aufforderte, was ich gerne tat, und stellte selbst unseren, d. h. von M. geliehenen selbstverfertigten kleinen Blechssamowar auf, der spaßig anzusehen war. Akim Akimytsch trank nie mehr als ein Glas, – er besaß sogar Gläser – trank schweigend und würdevoll, reichte es mir mit einem Dank zurück und machte sich dann sofort an meine Schlafdecke, die er, wie ich schon sagte, aus alten Zeugstücken zusammennähte. Das aber, was ich von ihm erfahren wollte, – das erfuhr ich nicht, ja er schien es nicht einmal begreifen zu können, weshalb ich mich so besonders für die Charaktere der uns umgebenden und am nächsten stehenden Sträflinge interessierte. Er hörte mir nur mit einem seltsam schlauen, verschlagenen Lächeln zu, das ich noch lebhaft vor mir sehe. Nein, wie man sieht, muß man hier selbst alles erfahren und nicht durch andere zu erfahren suchen, dachte ich bei mir.

Am Morgen des vierten Tages stellten sich die Arrestanten wieder so auf, wie damals, als ich mit ihnen zur Schmiede gegangen war: auf dem Platz vor der Wache in zwei Reihen. An der Spitze, mit dem Gesicht zu ihnen, und hinter ihnen standen die Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Der Soldat hat das Recht, auf den Gefangenen zu schießen, wenn dieser den Versuch macht, seiner Eskorte zu entfliehen; andererseits aber ist er auch verantwortlich für den Schuß, wenn er ihn nicht im äußersten Notfall abgefeuert hat; dasselbe galt auch für den Fall einer allgemeinen Empörung der Gefangenen. Aber wem wäre es wohl eingefallen, an eine offene Flucht zu denken!