Sämtliche Werke 17

Part 9

Chapter 93,070 wordsPublic domain

„Und sicherlich aus derselben schmutzigen Quelle?“ fragte Marja Alexandrowna mit verächtlichem Lächeln. „Ja, Pawel Alexandrowitsch, ich habe Sie angeschwärzt, ich habe nur Schlechtes von Ihnen gesagt, und ich gestehe Ihnen, daß ich mir sehr viel Mühe gegeben habe. Aber beweist das nicht – daß ich gezwungen war, Sie anzuschwärzen, ja sogar, zu verleumden – beweist das nicht gerade, wie schwer Sinas Einwilligung, sich von Ihnen loszusagen, zu erringen war? Wie können Sie so kurzsichtig sein? Wenn Sina Sie nicht lieben würde, wozu hätte ich es dann nötig gehabt, Sie anzuschwärzen, Sie lächerlich zu machen, in so unvorteilhaftem Licht zu zeigen – kurz, zu diesen äußersten Mitteln zu greifen? Aber Sie wissen noch nicht alles! Ich mußte sogar zu meiner Autorität als Mutter greifen, um Sie aus ihrem Herzen herauszureißen, und erst nach unglaublichen Anstrengungen habe ich nur eine äußerliche Einwilligung erreicht. Wenn Sie uns jetzt belauscht haben, so muß es Ihnen doch aufgefallen sein, daß sie meine Bemühungen um den Fürsten mit keinem Wort, keinem Blick unterstützt hat. Während dieser ganzen Zeit hat sie fast kein einziges Wort gesprochen, und gesungen hat sie wie ein Automat. Ihre ganze Seele wand sich vor Qual. Und aus Mitleid mit ihr machte ich der Sache schnell ein Ende und führte den Fürsten fort. Ich bin überzeugt, daß sie geweint hat, sobald sie allein war. Als Sie eintraten, müssen sie ihre Tränen bemerkt haben ...“

Mosgljäkoff entsann sich allerdings, daß er, als er ins Zimmer gestürzt war, Tränen in ihren Augen bemerkt hatte.

„Aber ... aber weshalb sind Sie denn so gegen mich gewesen, Marja Alexandrowna? Warum haben Sie mich denn angeschwärzt und verleumdet – was Sie jetzt obendrein selbst eingestehen!?“

„Ah, das ist eine andere Frage! Sehen Sie, wenn Sie gleich zu Anfang so vernünftig gefragt hätten, dann hätten Sie schon längst die Antwort. Ja, Sie haben recht! Alles das habe _ich_ getan und nur _ich_ allein. Sina lassen Sie hier ganz aus dem Spiel. Und weshalb ich es getan habe? Meine Antwort ist: in erster Linie für Sina. Der Fürst ist reich, von altem Adel, hat Verbindungen, und wenn Sina ihn heiratet, macht sie eine glänzende Partie. Und schließlich, wenn er sterben sollte, was vielleicht sogar sehr bald geschehen kann – denn wir sind ja alle mehr oder weniger sterblich – dann ist Sina junge Witwe, Fürstin, in der besten Gesellschaft und unermeßlich reich. Dann kann sie heiraten, wen sie will, sie kann die glänzendste Partie machen – doch wird sie selbstverständlich nur den nehmen, den sie früher geliebt hat und dessen Herz sie zerrissen, als sie den Fürsten nahm. Allein schon die Reue würde sie zwingen, ihre Schuld an demjenigen, den sie früher geliebt, wieder gut zu machen ...“

„Hm!“ brummte Mosgljäkoff, der nachdenklich seine Stiefel betrachtete.

„Zweitens – und das will ich nur nebenbei bemerken,“ fuhr Marja Alexandrowna fort, „denn Sie werden das vielleicht nicht einmal begreifen. Sie lesen Ihren Shakespeare, schöpfen aus ihm alle Ihre hohen Gefühle, in der Wirklichkeit, im Leben aber sind Sie, wenn auch _sehr gutmütig_, so doch noch zu jung, – ich aber bin Mutter, Pawel Alexandrowitsch! So hören Sie denn: ich gebe meine Sina dem Fürsten zum Teil auch um seinetwillen, denn durch diese Heirat will ich ihn retten. Ich habe diesen edlen, diesen herzensguten, geradezu ritterlichen Greis auch früher schon geliebt. Wir waren Freunde. Er ist tief unglücklich in den Krallen dieses höllischen Weibes. Sie wird ihn noch unter die Erde bringen! Gott hat es gesehen, daß ich Sina nur deshalb zu dieser Heirat habe bewegen können, weil ich ihr die ganze Heiligkeit dieser Tat der Selbstverleugnung vorgehalten habe. Sie hat sich von dem Edelmut, von der Begeisterung für die große Überwindung fortreißen lassen. Sie hat selbst viel Ritterliches. Ich habe ihr gesagt, daß es eine Christenpflicht ist, die Stütze, der Trost, der Freund, das Kind, die Sonne, der Abgott eines Menschen zu sein, dem vielleicht nur noch ein einziges Lebensjahr vergönnt ist. Ihn würde dann nicht dieses schändliche Frauenzimmer, nicht Furcht und Einsamkeit in den letzten Tagen seines Lebens umgeben, sondern Licht, Freundschaft und Liebe. Diese letzten Tage würde er im Paradiese verleben! Wo ist hier Egoismus – sagen Sie doch, bitte? Das ist doch eher das Opfer einer barmherzigen Schwester, aber nicht Egoismus!“

„Dann ... dann haben Sie es also nur für den Fürsten getan und aus Nächsten-, nicht aus Eigenliebe?“ brummte Mosgljäkoff spöttisch.

„Ich verstehe auch diese Frage, Pawel Alexandrowitsch, sie ist recht deutlich. Sie glauben vielleicht, daß hier die Vorteile des Fürsten mit den eigenen Vorteilen jesuitisch verknüpft sind? Was soll ich sagen? Vielleicht habe ich auch diese Berechnung gehabt, nur war sie nicht jesuitisch, sondern ... unfreiwillig. Ich weiß, daß Sie sich über ein so offenes Geständnis wundern werden, aber ich bitte Sie nur um eines, Pawel Alexandrowitsch: glauben Sie nicht, daß Sina hier mit im Spiel ist! Sie ist unschuldig wie ein Engel: sie berechnet nicht, sie versteht nur zu lieben – mein liebes Kind! Wenn hier überhaupt jemand berechnet hat, so bin ich es, _ich allein_! Aber fragen Sie doch in allem Ernst Ihr Gewissen und sagen Sie dann: wer hätte an meiner Stelle im gegebenen Fall nicht berechnet? Wir berechnen unsere Vorteile sogar bei unseren uneigennützigsten Handlungen, wir berechnen fast unbewußt, unwillkürlich! Natürlich betrügen sich dabei alle, indem sie sich selbst versichern, daß sie es nur aus Edelmut täten. Ich jedoch will mich nicht betrügen: ich gestehe mir offen, daß ich bei aller Erhabenheit meiner Liebe dennoch – berechnet habe. Aber fragen Sie, ob ich _meinen_ Vorteil berechnet habe? Ich brauche nichts mehr, Pawel Alexandrowitsch! Ich habe mein Leben abgelebt. Ich habe nur an sie gedacht, an meinen Engel, mein Kind, und – welche Mutter würde mir das in diesem Fall zum Vorwurf machen?“

Tränen glänzten in den Augen Marja Alexandrownas. Mosgljäkoff hörte in höchster Verwunderung diese ganze offenherzige Beichte an und blinzelte nur verständnislos mit den Augen.

„Nun schön, welche Mutter ...“ stotterte er endlich. „Sie verstehen gut zu reden, Marja Alexandrowna, – aber ... aber Sie hatten mir doch Ihr Wort gegeben! Sie hatten mir Hoffnung gemacht ... Was glauben Sie wohl, wie mir jetzt zumute ist? Denken Sie doch nach! Ich kann jetzt mit einer langen Nase abziehen!“

„Aber glauben Sie denn, daß ich nicht auch an Sie gedacht habe, ^mon cher Paul^! Ich sage Ihnen: in allen diesen Berechnungen lag für Sie ein so großer Vorteil, daß ich mich hauptsächlich deshalb zu diesem Unternehmen entschlossen habe.“

„Mein Vorteil!“ Mosgljäkoff war baff. „Wie denn das?“

„Mein Gott! Wie kann man nur dermaßen einfältig sein!“ rief Marja Alexandrowna mit beredtem Augenaufschlag aus. „O, Jugend, Jugend! Da sehen wir, was daraus folgt, wenn man diesen Shakespeare liest, träumt und sich einbildet zu leben – während man nur mit fremdem Verstande und mit fremden Gedanken lebt! Mein _guter_ Pawel Alexandrowitsch, Sie fragen mich, worin hier Ihr Vorteil bestehe? Erlauben Sie, daß ich zur besseren Übersicht etwas abweiche: Sina liebt Sie – darüber kann kein Zweifel bestehen! Nun habe ich aber bemerkt, daß sich trotz ihrer offenbaren Liebe dennoch ein gewisses Mißtrauen zu Ihnen in ihr verbirgt, ja – sie mißtraut Ihren Gefühlen, Ihren Neigungen. Ich habe bemerkt, daß sie sich bisweilen wie mit Absicht bezwingt und kühl zu Ihnen ist – die Folge ihrer Nachdenklichkeit und ihres Mißtrauens. Haben Sie das nicht auch selbst bemerkt, Pawel Alexandrowitsch?“

„J–ja ... es ist mir aufgefallen ... und sogar heute ... Aber was wollen Sie denn damit sagen, Marja Alexandrowna?“

„Nun, sehen Sie! Sie haben es sogar selbst bemerkt! Folglich täusche ich mich nicht. Und sie mißtraut gerade der Beständigkeit Ihrer guten Neigungen. Ich bin ihre Mutter – wie sollte ich nicht erraten, was im Herzen meines Kindes vorgeht? Und nun stellen Sie sich vor, daß Sie, anstatt mit Vorwürfen und fast sogar Flüchen ins Zimmer zu stürzen, sie zu reizen, zu kränken, zu beleidigen, sie, die schuldlos, schön und stolz vor Ihnen steht, und sie damit unwillkürlich in diesem Argwohn bezüglich Ihrer schlechten Neigungen zu bestärken, – stellen Sie sich jetzt vor, daß Sie statt dessen diese Nachricht ruhig, mit Tränen des Bedauerns oder sogar der Verzweiflung, aber immerhin mit hohem Edelmut, der Ihren Seelenadel bezeugen würde, vernommen hätten ...“

„Hm! ...“

„Nein, unterbrechen Sie mich nicht, Pawel Alexandrowitsch. Ich will Ihnen dieses ganze Bild ausmalen, das auch unfehlbar Eindruck auf Sie machen wird. Stellen Sie sich jetzt vor, daß Sie hierauf zu ihr getreten wären und gesagt hätten: ‚Sinaïda! Ich liebe dich mehr als mein Leben, doch Familienrücksichten trennen uns. Ich begreife die Gründe, die uns scheiden. Sie machen dein Glück aus und so wage ich nicht mehr, mich gegen sie aufzulehnen. Sinaïda! Ich verzeihe dir. Sei glücklich, wenn du es kannst!‘ und hierauf hätten Sie sie noch einmal angesehen, mit einem Blick – mit dem Blick eines geopferten Lammes, wenn man sich so ausdrücken darf, stellen Sie sich das alles vor und sagen Sie sich dann, welch einen Eindruck diese Worte auf ihr Herz gemacht hätten!“

„Schön, Marja Alexandrowna, nehmen wir an, daß es sich so verhält; ich begreife das sehr wohl ... aber – wie denn? – ich hätte es gesagt und wäre dann doch leer abgezogen ...“

„Nein, nein, nein, mein Freund! Unterbrechen Sie mich nicht! Ich will unbedingt das ganze Bild entrollen, mit allen späteren Folgen, um Sie zu überzeugen. Stellen Sie sich nur vor, daß Sie später, nach einiger Zeit ihr in der höchsten Gesellschaft begegnen. Sie treffen sich irgendwo auf einem Ball, bei strahlender Beleuchtung, bei den Klängen verführerischer Musik, inmitten der schönsten Damen und – trotz des ganzen Frohsinns ringsum, sind Sie allein traurig, nachdenklich, bleich und folgen nur ihr allein mit den Blicken, an eine weiße Säule gelehnt – aber so, daß man Sie sehen kann – während sie sich im Gewühl der Gesellschaft bewegt. Sie tanzt. Die berauschenden Klänge Straußscher Walzer umschmeicheln Sie, der Esprit der höheren Gesellschaft sprüht ringsum – Sie aber sind einsam, bleich und wie zerschlagen in Ihrer Leidenschaft! Was wird dann in Sinaïda vor sich gehen – denken Sie doch nur daran! Mit welchen Augen wird sie dann auf Sie sehen? ‚Und ich,‘ wird sie denken, ‚ich konnte an diesem Menschen zweifeln, der mir alles, alles geopfert und sein Herz um meinetwillen zerrissen hat!‘ Unzweifelhaft: die frühere Liebe würde dann mit unbezwingbarer Leidenschaft in ihr auferstehen!“

Marja Alexandrowna machte eine kleine Pause, um Atem zu schöpfen. Mosgljäkoff rückte so nachdrücklich auf seinem Stuhle, daß dieser zum zweiten Male in den Fugen knackte. Marja Alexandrowna fuhr fort.

„Zur Pflege der Gesundheit des Fürsten fährt Sina mit ihm ins Ausland, nach Italien, nach Spanien, – nach Spanien, wo Myrten und Orangen blühen, wo der Himmel dunkelblau ist, wo der Guadalquivir rauscht, – in das Land der Liebe, in dem man nicht leben kann, ohne zu lieben, wo Rosen und Küsse sozusagen in der Luft schweben! Und Sie fahren gleichfalls dorthin, ihr nach. Sie opfern Ihre Karriere, Ihre Verbindungen, alles! Dort beginnt Ihre Liebe mit unbezwingbarer Leidenschaft. Liebe, Jugend, Spanien – mein Gott! Versteht sich – Ihre Liebe ist lauter, ist heilig, aber schließlich wird der gegenseitige Anblick Sie doch beide quälen. Sie verstehen mich, ^mon ami^! Natürlich werden sich niedrige, boshafte Menschen finden, Abscheuliche, die da behaupten werden, daß durchaus nicht nur die verwandtschaftliche Zuneigung zu dem leidenden alten Manne Sie dorthin gelockt habe. Ich aber habe Ihre Liebe mit Absicht lauter genannt, weil eben diese Leute ihr einen ganz anderen Sinn unterschieben werden. Aber ich bin Mutter, Pawel Alexandrowitsch, – sollte _ich_ Sie Schlechtes lehren? ... Freilich wird der Fürst nicht imstande sein, Sie beide zu beaufsichtigen, aber – was hat das zu sagen! Kann man denn nur auf Grund dessen einer so schändlichen Verleumdung glauben? Und eines Tages wird er sterben und sterbend noch seinen Lebensabend segnen. Jetzt sagen Sie: wen sollte Sina dann heiraten, wenn nicht Sie? Sie sind mit dem Fürsten ja nur weitläufig verwandt, folglich kann gesetzlich nichts gegen diese Verbindung einzuwenden sein. Sie heiraten sie, jung, reich, schön, vornehm, – und das zu welcher Zeit? – wenn die vornehmsten und reichsten Aristokraten es sich zur Ehre anrechnen würden, sich mit ihr verloben zu dürfen! Durch Ihre Frau kommen Sie dann in die höchsten Kreise, durch ihre Frau werden Sie plötzlich eine bedeutende Stellung erhalten, Titel, Orden! Jetzt haben Sie nur hundertundfünfzig Seelen, dann aber werden Sie reich sein. Der Fürst wird in seinem Testament alles vorsehen: dafür werde ich schon Sorge tragen. Und dann, die Hauptsache – sie wird sich endgültig von der Treue Ihres Herzens, von Ihren Gefühlen überzeugt haben und Sie werden ihr plötzlich als Held des Edelmutes und der Selbstverleugnung erscheinen! ... Und Sie, Sie fragen noch, worin hier Ihr Vorteil bestehe? Aber da müßte man ja blind sein, um diesen Vorteil nicht einzusehen, nicht zu verstehen, nicht zu berechnen – wenn sie zwei Schritt vor Ihnen steht, Sie ansieht, Ihnen zulächelt und selbst sagt: ‚Hier bin ich – dein Vorteil!‘ Aber Pawel Alexandrowitsch, ich bitte Sie!“

„Marja Alexandrowna!“ – Mosgljäkoff befand sich in unbeschreiblicher Aufregung. „Jetzt habe ich alles begriffen! Ich habe roh, niedrig, schändlich an ihr gehandelt!“

Er sprang auf und raufte sich das Haar.

„Und unüberlegt,“ fügte Marja Alexandrowna hinzu, „vor allen Dingen unüberlegt!“

„Ich bin ein Esel, Marja Alexandrowna!“ rief er verzweifelt aus. „Jetzt ist alles verloren, denn ich liebe sie bis zum Wahnsinn!“

„Vielleicht ist auch noch nicht alles verloren,“ sagte Frau Moskalewa halblaut vor sich hin, als überlege sie etwas.

„Oh, wenn das wahr wäre! Helfen Sie mir! Sagen Sie mir! Retten Sie mich!“

Und Mosgljäkoff brach in Tränen aus.

„Mein Freund!“ sagte Marja Alexandrowna mitleidig und reichte ihm die Hand, „Sie haben es aus übergroßer Heftigkeit getan, in aufbrausender Leidenschaft, folglich nur aus Liebe zu ihr! Sie waren in Verzweiflung, Sie waren außer sich! Das wird sie doch einsehen müssen ...“

„Ich liebe sie bis zum Wahnsinn und bin bereit, alles für sie hinzugeben!“

„Hören Sie mich an: ich werde Sie zu rechtfertigen versuchen ...“

„Marja Alexandrowna!“

„Ja, ich übernehme es! Ich werde Sie mit ihr zusammenführen. Und Sie werden ihr dann alles so erklären, wie ich es Ihnen soeben erklärt habe!“

„O, Gott! Wie gut Sie sind, Marja Alexandrowna! ... Nur ... könnte man es nicht sofort machen!?“

„Gott behüte! O, wie unerfahren Sie noch sind, mein Freund! Sie ist so stolz! Sie würde es für eine neue Beleidigung halten, für eine Frechheit! Morgen werde ich alles arrangieren, jetzt aber – jetzt gehen Sie irgendwohin fort, etwa zu diesem Kaufmann ... am Abend können Sie vielleicht wiederkommen, aber selbst das würde ich Ihnen nicht raten!“

„Ich gehe, ich gehe! Mein Gott! Sie erretten mich! Nur noch eine Frage: wenn nun aber der Fürst nicht so bald stirbt?“

„Ach, mein Gott, wie naiv Sie sind, ^mon cher Paul^! Im Gegenteil, wir müssen zu Gott beten, daß er ihm noch ein paar Wochen Gesundheit schenkt. Man muß diesem lieben, guten, diesem ritterlichen alten Herrn von ganzem Herzen ein verhältnismäßig langes Leben wünschen! Ich werde unter Tränen Tag und Nacht Gott um das Glück meiner Tochter bitten. Doch leider, leider! – ich glaube, die Gesundheit des Fürsten ist nicht allzu zuverlässig! Zudem wird er jetzt in die Residenz fahren und Sina in der Gesellschaft einführen müssen! Ich fürchte, oh, ich fürchte sehr, daß ihm diese Anstrengungen noch den letzten Gnadenstoß geben werden! Doch wir wollen beten, ^cher Paul^, und das übrige steht in Gottes Hand! ... Sie gehen schon? Ich segne Sie, ^mon ami^! Hoffen Sie, gedulden Sie sich, fassen Sie Mut, und vor allen Dingen – seien Sie ein ganzer Mann! Ich habe nie an dem Adel Ihrer Gefühle gezweifelt ...“

Sie drückte ihm fest die Hand und Mosgljäkoff schlich sich auf den Fußspitzen aus dem Zimmer.

„So, dieser Dummkopf wäre abgetan!“ dachte sie triumphierend. „Jetzt kommen andere an die Reihe ...“

Die Tür ging auf und Sina trat ein. Sie war erschreckend bleich und ihre Augen blitzten.

„Mama,“ sagte sie, „mach damit schnell ein Ende oder ich ertrage es nicht! Es ist dermaßen schmutzig und ekelhaft, daß ich aus dem Hause laufen möchte! Weshalb quälst du mich so, weshalb reizt du mich? Mir wird übel, hörst du: mir wird übel von diesem ganzen Schmutz!“

„Sina! Was hast du nur, mein Engel? Du ... du hast gelauscht!“ rief Marja Alexandrowna aus und sah ängstlich forschend Sina an.

„Ja, ich habe gelauscht. Willst du mich deshalb vielleicht auch so beschämen wie jenen Dummkopf? – Ich schwöre dir: wenn du mich noch lange so quälen und mir in dieser verächtlichen Komödie so schändliche Rollen zuerteilen wirst, so werfe ich alles hin und mache einfach ein Ende damit! Es ist genug, daß ich in die Hauptsache eingewilligt, daß ich mich zu dieser allergrößten Schändlichkeit bereit erklärt habe! Aber ... ich kannte mich noch nicht! Ich ersticke in diesem Schmutz! ...“

Sie lief aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Marja Alexandrowna blickte ihr aufmerksam nach und wurde nachdenklich.

„Ich muß mich beeilen!“ murmelte sie, sich besinnend. „Sina ist die größte Gefahr, und wenn alle diese Schurken uns nicht allein lassen und die Nachricht noch in der ganzen Stadt verbreiten, – was sie bestimmt schon getan haben werden, – so ist alles verloren! Sie würde diesem ganzen Skandal nicht standhalten und sich zurückziehen. Man muß den Fürsten unbedingt aufs Land bringen – was es auch koste! Ich werde sofort hinfahren und zuerst meinen Esel herschleppen. Zu irgend etwas muß er sich doch schließlich verwenden lassen! ... Und dort wird sich der Alte ausschlafen und dann ... – also: fahren wir!“

Sie klingelte.

„Nun, ist der Schlitten vorgefahren?“ fragte sie den eingetretenen Diener.

„Schon längst bereit!“ antwortete dieser.

Den Schlitten hatte sie bestellt, nachdem sie den Fürsten nach oben ins Fremdenzimmer geleitet hatte.

Sie kleidete sich an und eilte noch auf einen Augenblick zu Sina, um dieser in den Hauptzügen ihren Entschluß mitzuteilen, und, wenn möglich, auch noch einzuschärfen, wie sie sich zu verhalten habe. Doch Sina wollte sie nicht mehr anhören: sie lag auf ihrem Bett und hatte das Gesicht in die Kissen gepreßt. Sie weinte verzweifelt. Ihre wundervollen Hände hatte sie in ihre langen dunklen Haare eingekrallt, auf denen sich alabasterweiß ihre bis zum Ellenbogen entblößten Arme abhoben. Zuweilen zuckte sie zusammen, wie wenn plötzlich ein Frostschauer durch alle ihre Glieder lief. Marja Alexandrowna begann zwar zu sprechen, aber Sina erhob nicht einmal den Kopf.

Nachdem sie so eine Weile vor ihr gestanden hatte, ging sie besorgt hinaus und befahl dem Kutscher, um sich anderwärts dafür zu entschädigen, im Galopp auf ihr Gut zu fahren.

„Das Schlimmste ist, daß Sina gelauscht hat!“ dachte sie, als sie in ihrem bequemen Verdeckschlitten saß. „Ich habe Mosgljäkoff fast mit denselben Worten beredet wie sie. Sie ist stolz und wird sich jetzt vielleicht beleidigt fühlen ... Hm! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist doch, daß alles früher erledigt ist ... bevor die anderen davon Wind bekommen! Doch – wenn mein Esel jetzt zum Unglück nicht zu Hause ist!“

Bei diesem Gedanken wurde sie von unbeschreiblicher Wut erfaßt – die dem armen Afanassij Matwejewitsch nichts Gutes verhieß. Sie konnte keinen Augenblick ruhig sitzen.

X.