Part 8
Ich will nicht zu beschreiben versuchen, was mit dem Fürsten geschah, als Sina sang. Sie sang eine alte französische Ballade, die einmal sehr beliebt gewesen war. Sina hatte eine prachtvolle Stimme. Ihr reiner, klangvoller Kontraalt drang bis ins Herz hinein; ihr wundervolles Gesicht mit den herrlichen Augen, ihre schmalen, zarten Finger, mit denen sie die Blätter umwandte, ihre dunklen, glänzenden Haare, die zu einem schweren Knoten geschlungen waren, die sich hebende und senkende junge Brust, ihre ganze Gestalt, die stolz, schön und edel vor ihm stand – alles das schlug den armen Alten endgültig in seinen Zauberbann. Er verschlang sie mit den Blicken, als sie sang, er schluckte nur noch vor Aufregung. Sein Greisenherz, das von Champagner, Musik und Erinnerungen, die wohl ein jeder hat, erwärmt wurde, klopfte immer schneller und lauter ... wie es lange nicht mehr geklopft hatte. Er hätte vor Sina niederknieen und weinen mögen, nachdem sie geendet hatte.
„Oh, ^ma charmante enfant^!“ rief er aus und küßte ihre Hand, „^vous me ravissez!^ Erst jetzt, erst jetzt komme ich zur Besinnung ... Aber ... aber ... oh, ^ma charmante enfant^ ...“
Und die Stimme versagte ihm sogar.
Marja Alexandrowna fühlte, daß jetzt ihr Augenblick gekommen war.
„Weshalb begraben Sie sich, Fürst?“ fiel sie feierlich dazwischen. „Soviel Gefühl, soviel Lebenskraft, soviel seelischer Reichtum, und Sie graben sich für Ihr ganzes Leben in der Einsamkeit ein! Wie kann man sich nur so von den Menschen, den Freunden zurückziehen! Das ist doch unverzeihlich! Besinnen Sie sich, Fürst! So sehen Sie doch mit klarem Blick auf das Leben! Erwecken Sie die Erinnerung an Vergangenes in Ihrem Herzen, denken Sie an Ihre goldene Jugend, an die heiteren sorglosen Tage: erwecken Sie sie wieder, lassen Sie sie auferstehen! Leben Sie doch wieder in der Gesellschaft, unter Menschen! Fahren Sie ins Ausland, nach Italien, nach Spanien – nach Spanien, Fürst. Brauchen Sie einen Führer, ein Herz, das Sie liebt, das mit Ihnen fühlt, das für Sie sorgt? Aber Sie haben doch Freunde! Rufen Sie sie, nur ein Wink genügt und sie werden in Scharen angelaufen kommen! Ich werde die erste sein, die alles hinwirft und auf Ihren Ruf hin zu Ihnen kommt. Ich habe unsere Freundschaft noch nicht vergessen, Fürst; ich werde meinen Mann verlassen und Ihnen folgen ... und selbst wenn ich noch jünger wäre, wenn ich so schön und gut wäre, wie meine Tochter, so würde ich Ihre Gefährtin, Ihre Freundin werden, ja selbst Ihre Frau, wenn Sie es nur wünschten!“
„Und ich bin ü–ber–zeugt, daß Sie ^une charmante personne^ waren, zu Ih–rer Zeit,“ sagte der Fürst und schnaubte sich. Seine Augen waren feucht.
„Wir leben in unseren Kindern, Fürst,“ antwortete Marja Alexandrowna mit hohem Gefühl. „Ich habe gleichfalls einen Schutzengel bei mir! Das ist sie – meine Tochter, die Freundin meines Herzens, mit der ich alle meine Gedanken teile, Fürst! Sie hat sieben Bewerber zurückgewiesen, nur um sich nicht von mir trennen zu müssen.“
„Dann wird sie wohl auch mit Ihnen fahren, wenn Sie mich ins Ausland be–glei–ten? In dem Fall werde ich un–be–dingt ins Ausland fahren!“ rief der Fürst begeistert aus, „werde ich un–be–dingt fahren! Und wenn ich mir mit der Hoffnung schmeicheln könnte ... Aber sie ist ja ein be–zau–berndes, ein be–rück–endes Kind! Oh, ^ma charmante enfant^ ...“ Und der Fürst küßte ihr von neuem die Hand. Der Arme, er wollte sogar vor ihr niederknien!
„Aber ... aber, Fürst, Sie fragen: ob Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln könnten?“ griff Marja Alexandrowna auf, die neue Beredsamkeit in sich fühlte. „Sie sind wirklich sonderbar, Fürst! Halten Sie sich denn womöglich für nicht mehr würdig der Beachtung einer Frau? Nicht Jugend macht die Schönheit aus. Vergessen Sie nicht, daß Sie sozusagen ein Stück der Aristokratie sind! Sie sind der Repräsentant der feinsten, der ritterlichsten Gefühle und ... Manieren! Hat sich denn Maria nicht in den alten Mazeppa verliebt? Ich weiß, ich habe gelesen, daß Lausin, dieser bezaubernde Marquis am Hofe Louis ... ich habe vergessen, des wievielten – noch in alten Jahren, als Greis, das Herz einer der ersten Hofschönheiten gewonnen hat! ... Und wer hat Ihnen gesagt, daß Sie ein Greis seien? Wer hat Sie auf diesen Gedanken gebracht? Können denn Menschen wie Sie überhaupt alt werden? Sie mit Ihrem ganzen Reichtum an Gefühlen, Gedanken, Heiterkeit, Geist, Lebenskraft, glänzenden Manieren! Sie brauchen ja nur irgendwo im Auslande, in einem Kurort mit einer jungen Frau zu erscheinen, mit einer Schönheit wie zum Beispiel meine Sina – ich rede nicht unbedingt von ihr, ich führe sie nur als Beispiel an – und Sie werden sehen, was für einen kolossalen Eindruck Sie machen werden! Sie sind ein Stück Aristokratie und sie ist eine Schönheit unter Schönheiten! Sie führen sie am Arm feierlich in die Säle. Sie wird in den glänzendsten Gesellschaften singen und Sie Ihrerseits werden geistvolle Bemerkungen um sich streuen, – aber der ganze Kurort wird ja zusammenlaufen, um dieses Paar zu sehen! Ganz Europa wird davon reden, denn alle Zeitungen, alle Feuilletons in den Kurorten werden davon voll sein! ... Oh, ^mon prince^! Und Sie fragen noch, ob Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln dürften?“
„Feuil–letons ... nun ja, nun ja! ... Das ist in den Zeitungen ...“ murmelte der Fürst, der die Hälfte ihres Geschwätzes nicht versteht und immer gerührter wird. „Mein Kind, wenn es Sie nicht er–mü–det hat – singen Sie mir dann noch einmal diese Ro–man–ze vor, die Sie soeben sangen!“
„Ach, Fürst! Aber sie kennt ja auch noch andere Romanzen, noch bessere ... Entsinnen Sie sich noch des kleinen Liedes ‚L’hirondelle‘? Sie haben es sicherlich gehört!“
„Gewiß, ich entsinne mich ... oder richtiger, ich habe es ver–ges–sen. Nein, nein, dieselbe Ro–man–ze, dieselbe, die sie so–e–ben ge–sun–gen hat! Ich will nicht l’hirondelle! Ich will dieselbe Ro–man–ze hören ...“ bat der Fürst wie ein eigensinniges Kind.
Sina sang sie noch einmal. Da konnte sich der Arme nicht mehr bezwingen und sank vor ihr auf die Knie nieder. Er weinte sogar.
„Oh, ^ma belle châtelaine^!“ Seine Stimme zitterte vor Altersschwäche und Aufregung. „Oh ^ma charmante châtelaine^! O, mein liebes Kind! Sie haben mich an so vieles erin–nert ... an längst Ver–gangenes ... Ich glaubte immer, daß alles besser werden würde, als es dann wurde. Ich sang damals Duette ... mit der Vicomtesse ... dieselbe Ro–man–ze ... jetzt aber ... ich weiß nicht mehr, was jetzt ist ...“
Diese ganze Rede brachte der Fürst atemlos und stockend hervor. Seine Zunge wurde merklich steif. Einzelne Worte waren kaum zu verstehen. Man sah nur, daß er im höchsten Grade erregt und gerührt war – und so beeilte sich Marja Alexandrowna, noch Öl ins Feuer zu gießen.
„^Mon prince!^ Aber Sie werden sich ja schließlich noch in meine Sina verlieben!“ rief sie aus. Sie fühlte, daß der Augenblick entscheidend war.
Die Antwort des Fürsten übertraf ihre besten Erwartungen.
„Ich bin bis zum Wahnsinn in sie verliebt!“ rief der Alte aus, plötzlich wie neu belebt, während er immer noch vor ihr kniete und vor Aufregung am ganzen Körper zitterte. „Ich würde für sie mein Leben hin–geben! Und wenn ich nun hoffen dürf–te ... Aber er–he–ben Sie mich, ich bin ein we–nig schwach ge–wor–den ... Ich ... wenn ich nur wa–gen dürf–te, ihr mein Herz an–zu–bieten, so ... würde ich ... sie würde mir jeden Tag Ro–manzen vorsingen und ich würde sie immer an–se–hen ... im–mer an–se–hen ... Ah, ^mon Dieu^!“
„^Mon prince, mon prince!^ Sie halten um ihre Hand an! Sie wollen sie mir fortnehmen, meine Sina, meinen Liebling, meinen Engel, mein Sinachen! Kind, ich lasse dich nicht von mir! Sina! Möge man dich mir aus den Händen reißen, – freiwillig lasse ich dich nicht! – aus den Mutterarmen!“ Marja Alexandrowna stürzte sich auf die Tochter und umschlang sie krampfhaft, obschon sie fühlte, daß sie ziemlich stark zurückgestoßen wurde ... Die Mama war etwas zu eifrig. Sina litt mit jeder Fiber und sah mit unerträglichem Ekel auf die ganze Komödie. Aber sie schwieg, und das war schließlich alles, was die Mutter zur Durchführung ihres Planes nötig hatte.
„Sie hat neunmal Nein gesagt, nur um sich nicht von ihrer Mutter trennen zu müssen!“ beteuerte Marja Alexandrowna. „Jetzt aber fühlt mein Herz die bevorstehende Trennung! Schon vorhin fiel es mir auf, wie sie Sie ansah ... Sie haben sie mit Ihrem Aristokratismus besiegt, Fürst, mit dieser ausgesuchten Vornehmheit! ... O, Sie werden uns trennen! – das fühle ich!“
„Ich ver–göt–tere sie!“ stieß der Fürst, der immer noch wie ein Espenblatt zitterte, abgebrochen hervor.
„Also du verläßt deine Mutter!“ rief Marja Alexandrowna aus und warf sich von neuem der Tochter an den Hals.
Sina beeilte sich, den schweren Minuten ein Ende zu machen. Sie reichte dem Fürsten stumm ihre wundervolle Hand und zwang sich sogar zu einem Lächeln. Der Fürst ergriff mit wilder Andacht dieses Händchen und bedeckte es mit hundert Küssen.
„Jetzt erst beginne ich zu leben!“ stieß er hervor, hingerissen in seiner Begeisterung.
„Sina!“ hub Marja Alexandrowna feierlich an, „siehe diesen Menschen! Er ist der ehrenhafteste, der edelste Mensch von allen, die ich kenne! Das ist ein mittelalterlicher Ritter! Aber sie weiß es, Fürst, sie weiß es, zu meinem Herzeleid ... Oh! weshalb sind Sie hergekommen! Ich übergebe Ihnen meinen kostbarsten Schatz, meinen Schutzengel! Behüten Sie ihn, Fürst! Eine Mutter bittet Sie darum und welche Mutter würde mir meinen Schmerz nicht nachfühlen?“
„Mama, genug!“ raunte ihr Sina zu.
„Sie werden sie vor jeder Kränkung bewahren, Fürst! Ihr Degen wird den Verleumder oder den Frechen, der es wagt, mein Kind zu beleidigen, zu strafen wissen!“
„Hören Sie auf, Mama, oder ich ...“
„Nun ja, strafen ...“ murmelte der Fürst. „Jetzt erst beginne ich zu leben ... Ich will, daß die Hochzeit sofort sei, im Augenblick ... ich ... Ich will so–fort nach Du–cha–no–wo schicken. Dort habe ich Bril–lanten. Ich will sie ihr zu Fü–ßen legen ...“
„Welche Leidenschaft! Welche Liebe! Welch edle Gefühle!“ rief Marja Alexandrowna aus. „Und Sie konnten, Fürst, Sie konnten sich so vergraben, sich so von aller Welt abschließen? Ich werde es Ihnen tausendmal vorwerfen! Ich bin außer mir, wenn ich an diese höllische ...“
„Was soll–te ich denn tun, ich hat–te solche Angst!“ stammelte der Fürst halb weinend mit unsicherer Stimme. „Sie wollten mich in eine Ir–ren–an–stalt ein–sper–ren ... Da er–schrak ich doch!“
„In eine Irrenanstalt! O, diese Ungeheuer! Diese unmenschlichen Menschen! O, diese Niedertracht! ^mon prince^ – ich habe schon früher davon gehört! Aber das ist doch Irrsinn von seiten dieser Leute! Und weshalb nur, aus welchem Grunde?“
„Ich weiß es ja selbst nicht, aus welchem Grun–de!“ antwortete der Alte, der sich vor Schwäche hinsetzte. „Ich, wissen Sie, ich war auf einem Ball und erzähl–te dort eine A–nek–do–te, und die hat–te ihnen nicht ge–fal–len. Nun ja und daraus ent–stand die Ge–schich–te!“
„Und das allein war der Grund, Fürst?“
„Nein. Ich hatte dann noch Kar–ten gespielt, mit Fürst Pjotr De–men–tjitsch, und war ohne sechs ge–blie–ben. Ich hatte zwei Kö–ni–ge und drei Da–men, oder rich–tiger, drei Da–men und zwei Kö–ni–ge ... Nein! einen König! Und dann erst kamen die Da–men ...“
„Und deshalb? Deshalb! O, diese höllische Unmenschlichkeit! Sie weinen, mein Fürst! Aber jetzt brauchen Sie nichts mehr zu fürchten! Jetzt werde ich bei Ihnen sein, mein Fürst! Ich werde mich nicht von Sina trennen, und dann wollen wir doch sehen, ob sie noch ein Wort zu sagen wagen!! – ... Und Ihre Heirat, Fürst, wird sie mehr als überraschen, sie wird sie beschämen! Sie werden sich doch sagen müssen, daß Sie dann noch fähig sind ... das heißt, sie werden sich sagen, daß eine solche Schönheit doch nicht einen Irrsinnigen heiraten würde! Jetzt können Sie stolz das Haupt erheben, Sie werden jenen offen in die Augen sehen ...“
„Nun ja, nun ja, ich werde ihnen offen in die Augen sehen,“ murmelte der Fürst und die Augen fielen ihm zu.
„Weiß Gott, er ist ja ganz und gar hinfällig,“ dachte Marja Alexandrowna, „ich verliere nur unnütz meine Worte!“
„Mein Fürst, Sie sind erregt, ich sehe es. Sie müssen sich jetzt unbedingt beruhigen, sich erholen,“ sagte sie gütig zuredend, indem sie sich mütterlich zu ihm beugte.
„Nun ja, ich würde gern ein wenig lie–gen,“ sagte er.
„Ja, ja! Beruhigen Sie sich, Fürst! Diese Aufregungen ... Warten Sie, ich werde Sie selbst geleiten ... Ich werde Sie selbst zu Bett bringen, wenn es nötig ist. – Weshalb sehen Sie so starr auf dieses Porträt, Fürst? Das ist das Bild meiner Mutter, – eines Engels, aber nicht einer Frau! O, weshalb weilt sie jetzt nicht mehr unter uns! Sie war eine Heilige! – Ich nenne sie nie anders!“
„Eine Hei–li–ge? ^c’est joli^ ... Ich habe gleich–falls eine Mutter gehabt ... ^une princesse^ ... und – denken Sie sich – es war eine außer–ge–wöhn–lich vol–le Frau ... Aber, wie gesagt, ich wollte etwas an–de–res sagen ... Ich bin etwas er–mü–det. ^Adieu, ma charmant enfant!^ ... Ich werde mit Won–ne ... ich werde heute ... morgen ... Nun ja, gleichviel! ^au revoir, au revoir!^“ Er wollte noch mit der Hand einen Gruß senden, stolperte jedoch bei der Gelegenheit und wäre fast gefallen.
„Vorsichtiger, mein Fürst! Stützen Sie sich auf meinen Arm!“ rief ihm Marja Alexandrowna zu.
„Charmant, charmant!“ murmelte er noch im Fortgehen. „Jetzt erst beginne ich zu leben ...“
Sina blieb allein zurück. Es war ihr, als läge eine erdrückende Last auf ihren Schultern. Ihr ward fast übel vor Ekel. Sie hätte sich selbst verachten mögen. Ihre Wangen brannten. Mit ineinandergekrampften Händen, zusammengebissenen Zähnen stand sie, den Kopf gesenkt und rührte sich nicht. Tränen der Scham rollten aus ihren Augen ... Da wurde die Tür aufgerissen und Mosgljäkoff stürzte ins Zimmer.
IX.
Er hatte alles gehört, alles!
Bleich vor Aufregung und Zorn stürzte er herein – denn eintreten konnte man es wahrlich nicht nennen. Sina sah ihn verwundert an.
„Also so sind Sie!“ schrie er atemlos. „Jetzt habe ich endlich erfahren, was Sie sind!“
„Was ich bin?“ wiederholte Sina, die ihn wie einen Wahnsinnigen verständnislos ansah; plötzlich aber begriff sie und Zorn blitzte in ihren Augen.
„Wie wagen Sie es, so mit mir zu sprechen!“ Sie trat auf ihn zu.
„Ich habe alles gehört!“ wiederholte Mosgljäkoff feierlich, trat aber doch unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurück.
„Sie haben alles gehört? Sie haben an der Tür gelauscht?“
„Ja, ich habe gelauscht! Ja, ich habe mich zu dieser niedrigen Tat entschlossen, dafür aber habe ich jetzt erfahren, daß Sie die aller ... Ich weiß nicht einmal, wie ich mich ausdrücken soll, um Ihnen zu sagen ... als was Sie jetzt dastehen!“ antwortete er, während sein Mut unter ihrem Blick immer mehr dahinschwand.
„Und selbst wenn Sie alles gehört haben, wessen können Sie mich denn beschuldigen? Welch ein Recht haben Sie überhaupt, mir etwas vorzuwerfen? Welches Recht haben Sie, so ungezogen mit mir zu reden?“
„Ich? Welch ein Recht ich habe? Und Sie fragen das noch? Sie heiraten den Fürsten und ich soll kein Recht haben! Aber Sie haben mir doch Ihr Wort gegeben! Ganz einfach!“
„Wann?“
„Wieso wann?“
„Ich habe Ihnen noch heute morgen, als Sie wieder in mich drangen, deutlich gesagt, daß ich Ihnen nichts Bestimmtes versprechen könne.“
„Aber ... einstweilen ... Sie haben mich nicht zurückgewiesen, Sie haben mir nicht endgültig abgesagt! Sie haben mich also für den Notfall aufbewahrt! Sie haben mich angelockt!“
In Sinas bleichem Gesicht spielte sich ein schmerzliches Gefühl wieder; wie etwa von einem scharfen, durchbohrenden inneren Schmerz; doch sie bezwang sich.
„Wenn ich Sie nicht fortgeschickt habe,“ antwortete sie langsam und deutlich, wenn auch in ihrer Stimme ein leises Zittern zu hören war, „so habe ich es nur aus Mitleid getan. Sie selbst haben mich gebeten, noch ein wenig mit der Antwort zu zögern, Ihnen nicht sofort Nein zu sagen, sondern Sie näher kennen zu lernen, und ‚dann,‘ sagten Sie, ‚dann, wenn Sie sich überzeugt haben werden, daß ich ein ehrenwerter Mensch bin, dann werden Sie mich vielleicht doch nicht abweisen‘. Das sind Ihre eigenen Worte, die Sie zu Anfang Ihrer Werbung gesagt haben. Sie können sie nicht verleugnen! Und jetzt haben Sie gewagt, mir zu sagen, daß ich Sie angelockt hätte! Sie haben aber doch meinen Widerwillen bemerkt, als ich Sie zwei Wochen früher, als Sie sich angesagt hatten, wiedersah, und diesen Widerwillen habe ich vor Ihnen nicht verborgen, im Gegenteil, ich habe ihn offen gezeigt. Und Sie haben ihn auch bemerkt, denn Sie selbst fragten mich, ob ich Ihnen deshalb böse sei, weil Sie früher wiedergekommen wären. Merken Sie sich, daß man denjenigen nicht anlockt, vor dem man seinen Widerwillen weder verbergen kann noch _will_. Sie haben es gewagt, mir zu sagen, ich hätte Sie für den Notfall aufbewahrt. Hierauf antworte ich Ihnen, daß ich mir über Sie etwa folgendes gedacht habe: ‚Wenn er auch nicht mit sehr bedeutendem Verstande begabt ist, so kann er vielleicht doch ein guter Mensch sein und folglich könnte man ihn heiraten‘. Jetzt aber, nachdem ich mich zu meinem Glück noch rechtzeitig überzeugt habe, daß Sie ein Dummkopf sind und zum Überfluß noch ein bösartiger Dummkopf, so bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen ein angenehmes Leben und glückliche Reise zu wünschen. Leben Sie wohl!“
Sina wandte sich von ihm ab und verließ langsam das Zimmer.
Mosgljäkoff begriff, daß er jetzt alles verloren hatte und geriet außer sich.
„Ah! So bin ich denn jetzt bereits ein Dummkopf,“ schrie er, „so bin ich denn ein Dummkopf! Gut! Leben Sie wohl! Doch bevor ich fort fahre, werde ich der ganzen Stadt erzählen, wie Sie mit Ihrer Mutter den Fürsten umgarnt haben, nachdem er von Ihnen genügend angeheitert worden ist! Allen werde ich es erzählen! Sie sollen Mosgljäkoff kennen lernen!“
Sina fuhr zusammen und wollte stehen bleiben, um zu antworten, bedachte sich aber, zuckte nur verächtlich mit der Achsel und schlug die Tür hinter sich zu.
Fast im selben Augenblick erschien Marja Alexandrowna in der anderen Tür. Sie hatte Mosgljäkoffs letzten Ausruf vernommen, erriet in einer Sekunde den ganzen Zusammenhang und erschrak. Mosgljäkoff war noch nicht fortgefahren, Mosgljäkoff war noch in der Nähe des Fürsten, Mosgljäkoff konnte ja die Neuigkeit in der ganzen Stadt verbreiten, während doch gerade die Geheimhaltung derselben, und wenn auch nur für noch so kurze Zeit, die erste Bedingung war! Marja Alexandrowna hatte ihre eigenen Berechnungen. Nur einen Augenblick überlegte sie sich die Sachlage und dann hatte sie auch schon den Plan einer Besänftigung Mosgljäkoffs entworfen.
„Was haben Sie, ^mon ami^!“ fragte sie, trat auf ihn zu und streckte ihm freundschaftlich die Hand entgegen.
„Was! Noch ‚^mon ami^‘!“ schrie Mosgljäkoff in rasender Wut. „Nach allem, was Sie getan haben, noch ^mon ami^! Das verbitte ich mir, meine Gnädigste! Und Sie glauben, mich noch einmal betrügen zu können!“
„Es tut mir leid, es tut mir sehr leid, daß ich Sie in einer so _sonderbaren_ Stimmung angetroffen habe, Pawel Alexandrowitsch. Was ist das für ein Ton? Sie bedenken nicht einmal Ihre Ausdrücke, deren Sie sich einer Dame gegenüber bedienen.“
„Einer Dame gegenüber! Sie ... Sie sind alles was Sie wollen, nur keine Dame!“ schrie wieder Mosgljäkoff. Ich weiß nicht, was er eigentlich sagen wollte, jedenfalls aber wird es etwas Vernichtendes gewesen sein.
Marja Alexandrowna sah ihn mit frommen Augen an.
„Setzen Sie sich!“ sagte sie dann mit trauriger Stimme und wies auf denselben Stuhl, auf dem noch vor wenigen Minuten der Fürst gesessen hatte.
„Aber hören Sie, das geht doch nicht, Marja Alexandrowna!“ Mosgljäkoff war ganz verdutzt. „Sie sehen mich an, als wenn nicht Sie vor mir, sondern womöglich noch ich vor Ihnen schuldig wäre! Da – da – das geht doch nicht! ... Dieser Ton! ... Aber das übersteigt doch jedes Maß der menschlichen Geduld! ... Wissen Sie das auch?“
„Mein Freund!“ antwortete Marja Alexandrowna, „Sie werden mir erlauben, Sie immer noch so zu nennen, denn Sie haben keinen besseren Freund als mich. Mein Freund! Sie leiden, Sie quälen sich, Sie sind mitten ins Herz getroffen – und deshalb wundert es mich auch nicht, daß Sie in einem solchen Ton mit mir sprechen. Ich habe mich entschlossen, Ihnen alles aufzudecken, mein ganzes Herz, um so mehr, als ich mich selbst ein wenig schuldbewußt vor Ihnen fühle. Setzen Sie sich also, reden wir.“
Die Stimme Marja Alexandrownas war leidend, weich und auch in ihrem Gesicht drückte sich Leiden aus. Verwundert setzte sich Mosgljäkoff ihr gegenüber.
„Sie haben gelauscht?“ fuhr sie in sanftem Tone fort und sah ihn vorwurfsvoll an.
„Ja, ich habe gelauscht! Das fehlte noch, daß ich es nicht getan hätte! Dann wäre ich ja der richtige Tölpel jetzt! So habe ich wenigstens alles erfahren, was Sie gegen mich unternehmen!“ antwortete er frech. Sein eigener Zorn reizte ihn und stachelte ihn noch mehr auf.
„Und Sie, Sie, bei Ihrer Erziehung haben Sie sich zu einer solchen Handlung entschließen können? – O, mein Gott!“
Mosgljäkoff sprang auf.
„Aber Marja Alexandrowna! Das ist denn doch unerhört! Denken Sie doch gefälligst daran, wozu _Sie_ sich bei _Ihrer_ Erziehung und Ihren Grundsätzen entschlossen haben, und dann verurteilen Sie andere!“
„Noch eine Frage,“ unterbrach sie ihn, ohne seine Heftigkeit zu beachten, „wer hat Sie dazu verleitet, uns zu belauschen, wer hat es Ihnen erzählt, wer hat hier spioniert? – das ist es, was ich zuerst wissen will.“
„Verzeihung – das sage ich nicht.“
„Gut. Ich werde es sowieso erfahren. Ich habe gesagt, ^cher Paul^, daß ich schuldbewußt vor Ihnen dastehe. Wenn Sie aber alles erwägen, dann werden Sie sehen, daß meine Schuld, wenn mir überhaupt eine solche zugesprochen werden kann, nur darin besteht, daß ich Ihnen das Beste gewünscht habe.“
„Mir? Das Beste? Das geht denn doch über die Hutschnur! Glauben Sie mir, daß Sie mich jetzt nicht mehr betrügen können! Ich bin kein dummer Junge!“
Und er rückte seinen Stuhl so heftig, daß dieser in den Fugen knackte.
„Ich bitte Sie, mein Freund, etwas kaltblütiger zu sein, wenn es Ihnen möglich ist. Hören Sie mir aufmerksam zu und dann werden Sie mir selbst in allem beistimmen. Erstens: es war meine Absicht, Ihnen sogleich alles, alles mitzuteilen – Sie hätten von mir den ganzen Sachverhalt bis auf die kleinsten Details erfahren, ohne sich durch Belauschen erniedrigen zu brauchen. Und wenn ich es Ihnen nicht vorher mitgeteilt habe, so geschah das nur deshalb nicht, weil das Ganze doch noch nichts als ein in der Luft schwebender Plan war. Es konnte ja ebensogut auch nichts daraus werden. Sie sehen: ich bin ganz offen zu Ihnen. Zweitens: beschuldigen sie nicht meine Tochter. Sina liebt Sie bis zum Wahnsinn und es hat mir unglaubliche Mühe gekostet, sie von Ihnen abzulenken und durchzusetzen, daß sie den Antrag des Fürsten annahm.“
„Ich habe noch vor wenigen Minuten das Vergnügen gehabt, den glänzendsten Beweis für diese Liebe _bis zum Wahnsinn_ zu vernehmen,“ bemerkte Mosgljäkoff ironisch.
„Gut. Aber wie haben Sie denn mit ihr gesprochen? Soll das die Rede eines Verliebten sein? Und schließlich – welcher wohlerzogene Mensch spricht in diesem Ton? Sie haben sie gekränkt und gereizt.“
„Marja Alexandrowna, jetzt handelt es sich nicht um den Ton! Aber am Vormittag, nachdem Sie so liebenswürdig zu mir gewesen waren, da haben Sie mich, als ich mit dem Fürsten Visiten machte, einfach verleumdet! Sie haben mich angeschwärzt, Sie haben ihr nur Schlechtes von mir gesagt! Ich weiß alles, alles!“