Part 4
„Hydropathisch. Ich habe mich einmal hy–dro–pa–thisch behandeln lassen. Ich war damals in einem Kurort. Dort war auch eine Dame aus Moskau, ich habe ihren Namen vergessen, nur war sie eine sehr poetische Dame, sie wird sieb–zig Jahre alt gewesen sein. Und bei ihr befand sich auch ihre Tochter, die war fünfzig Jahre alt, eine Witwe, und auf dem einen Auge hatte sie den Star. Die sprach gleichfalls fast nur in Ver–sen. Später hat–te sie noch ein Miß–geschick: sie hatte ihre leibeigene Magd erschlagen und war dafür vor Ge–richt gekommen. Und da fiel es ihnen ein, mich mit Wasser zu ku–rie–ren. Mir fehlte, wie gesagt, nichts. Nun ja, sie aber bestanden darauf: ‚Tun Sie es und tun Sie es!‘ Bis ich, aus Höf–lich–keit, denn auch rich–tig Wasser zu trinken begann; denke: vielleicht wird dir davon auch wirk–lich leichter werden. Ich trank und trank, trank und trank, trank einen ganzen Was–ser–fall aus, und, wissen Sie, diese Hy–dro–pathie ist eine gute Sache und hat mir viel Nutzen gebracht, so daß ich, wenn ich nicht zu guter Letzt erkrankt wäre, jetzt, Ehrenwort, vollkommen gesund sein würde ...“
„Das ist doch mal eine vollkommen richtige Folgerung, Onkelchen! Sagen Sie, Onkelchen, haben Sie jemals Logik getrieben?“
„Mein Gott! Was für Fragen Sie stellen!“ bemerkt streng die pikierte Marja Alexandrowna.
„Ich habe, ich habe Logik getrieben, mein Lieber, nur ist es sehr lange her. Ich habe auch Phi–lo–sophie gelernt in Deutsch–land, habe einen ganzen Kursus durch–gemacht, nur habe ich gleich damals alles wieder ver–gessen. Aber ... wie gesagt ... Sie haben mich mit diesen Krankheiten der–ma–ßen erschreckt, daß ich ganz er–schüttert bin. Wie gesagt, ich werde sogleich wiederkommen ...“
„Aber wohin gehen Sie denn, Fürst?“ ruft die verwunderte Marja Alexandrowna aus.
„Ich werde sogleich, sogleich ... Ich will nur einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ... ^au revoir^ ...“
„Na! Wie gefällt er Ihnen!“ fragt Pawel Alexandrowitsch und biegt sich vor Lachen.
Marja Alexandrowna verliert endlich die Geduld.
„Ich verstehe nicht, ich verstehe absolut nicht, worüber Sie lachen!“ beginnt sie mit Eifer. „Über einen alten, ehrwürdigen Herrn, einen Verwandten, zu lachen, über jedes seiner Worte Ihren Spott zu ergießen, und nur wegen seiner Engelsgüte! Ich bin für Sie errötet, Pawel Alexandrowitsch! Aber so sagen Sie doch, was denn Ihrer Meinung nach so lächerlich an ihm ist? Ich kann wirklich nichts Lächerliches an ihm finden!“
„Aber – daß er keinen Menschen erkennt, daß er den größten Unsinn zusammenschwatzt? ...“
„Das ist doch nur eine Folge seines entsetzlichen Lebens, seines fünfjährigen Gefängnislebens unter der Aufsicht dieses höllischen Weibes! Man muß ihn bemitleiden, aber nicht verspotten! Er hat sogar _mich_ nicht erkannt; Sie waren ja selbst Zeuge! Das ist doch sicherlich, wie man sagt, himmelschreiend! Man muß ihn unbedingt retten! Ich berede ihn nur aus dem Grunde zu einer Reise ins Ausland, weil ich hoffe, daß er dann diese – dieses Marktweib verlassen wird!“
„Wissen Sie was! Man muß ihn verheiraten, Marja Alexandrowna!“ ruft Pawel Alexandrowitsch aus.
„Schon wieder! Aber Sie sind ja unerträglich, Monsieur Mosgljäkoff!“
„Nein, Marja Alexandrowna, nein! Diesmal rede ich ganz im Ernst! Warum soll man ihn denn nicht verheiraten? Das ist doch eine Idee! ^C’est une idée comme une autre!^ Was kann ihm das schaden, sagen Sie doch, bitte! Er ist, im Gegenteil, in einer solchen Lage, daß dieses Mittel ihn retten könnte! Nach dem Gesetz kann er doch noch heiraten. Und erstens wird er dann von diesem abgefeimten Weibsbild – verzeihen Sie den Ausdruck – befreit sein. Zweitens – und das ist die Hauptsache – nehmen wir an, daß er ein Mädchen erwählt, oder noch besser, eine Witwe, eine nette, gute, kluge, zärtliche und vor allen Dingen arme Witwe, die ihn wie eine Tochter pflegt, und die auch begreift, wie viel sie ihm dafür Dank schuldig ist, daß er sie zu seiner Frau gemacht hat. Was aber kann man ihm mehr wünschen, als ein ihm nahestehendes, herzliches und edles Wesen, das beständig bei ihm ist, anstelle dieses ... Weibes? Versteht sich, sie darf nicht häßlich sein, denn Onkelchen liebt noch immer die Netten. Haben Sie bemerkt, wie er Sinaïda Afanassjewna fixiert hat?“
„Wo aber werden Sie denn für ihn eine solche Braut finden?“ fragte Nastassja Petrowna Sjäblowa, die aufmerksam zuhört.
„Wer da fragt, der ist es! Warum schließlich nicht Sie, wenn Sie nur wollen! Erlauben Sie: weshalb sollten Sie zum Fürsten _nicht_ passen? Erstens – Sie sehen nett aus, zweitens – Sie sind eine Witwe, drittens – adlig, viertens – arm (denn Sie sind ja tatsächlich nicht reich), fünftens – Sie sind eine sehr vernünftige Dame, folglich werden Sie ihn lieben, auf den Händen tragen, jene andere, die jetzt dort Herrin ist, mit Püffen zur Tür hinausjagen; Sie werden ihn ins Ausland bringen, werden ihn mit Brei und Konfekt füttern, und alles das bis zu der Minute, in der er das Irdische segnet, was vielleicht nach einem Jahre geschehen wird, vielleicht aber auch schon nach zweieinhalb Monaten. Dann sind Sie Fürstin, Witwe, reich, und zur Belohnung heiraten Sie einen Marquis oder einen Generalintendanten! ^C’est joli, n’est-ce pas?^“
„O du mein Himmel! Ich würde mich ja, glaube ich, aus lauter Dankbarkeit in ihn verlieben, wenn er mir nur einen Heiratsantrag machen würde!“ ruft Frau Sjäblowa aus, und ihre dunklen ausdrucksvollen Augen blitzen auf. „Nur ist das alles – Scherz!“
„Scherz? Soll es kein Scherz sein? Bitten Sie mich mal recht nett, und dann schneiden Sie mir einen Finger ab, wenn Sie nicht heute noch verlobt sind! Es ist ja überhaupt nichts leichter, als Onkelchen zu irgend etwas zu bereden! Er sagt zu allem ‚nun ja, nun ja!‘ Sie haben es doch selbst gehört. Wir verheiraten ihn so, daß er selbst nichts davon merkt. Wir können ihn ja offen betrügen, denn es geschieht doch nur zu seinem Wohl, ich bitte Sie! ... Wenn Sie sich wenigstens auf alle Fälle etwas aufputzen wollten, Nastassja Petrowna!“
Die Begeisterung Mosgljäkoffs wird zur Leidenschaft. Und wie vernünftig Frau Sjäblowa auch sein mag – ihr wässert dennoch der Mund.
„Ach, ich weiß es auch ohne Ihren Hinweis, daß ich heute ganz unmöglich angekleidet bin,“ antwortet sie. „Ich habe mich ganz vernachlässigt und schon lange jede Hoffnung aufgegeben ... Sehe ich denn heute nicht wirklich wie – eine – Köchin aus?“
Während dieses ganzen Gesprächs saß Marja Alexandrowna mit eigentümlich starrer Miene unbeweglich auf ihrem Stuhl. Ich täusche mich nicht, wenn ich sage, daß sie den sonderbaren Vorschlag Pawel Alexandrowitschs mit einem gewissen Schreck vernahm und im Augenblick geradezu erstarrte ... Endlich besann sie sich.
„Alles das ist ja, sagen wir, wunderschön, aber es bleibt doch ein Scherz und eine Ungereimtheit, und vor allem ist es hier durchaus unschicklich,“ unterbricht sie Mosgljäkoff scharf.
„Aber weshalb denn, gütigste Marja Alexandrowna, weshalb soll es denn eine Ungeschicklichkeit und unschicklich sein?“
„Aus sehr vielen Gründen, vor allem aber deshalb, weil Sie in meinem Hause sind und der Fürst mein Gast ist, und weil ich niemandem erlauben werde, die meinem Hause schuldige Achtung zu vergessen. Ich fasse Ihre Worte nur als Scherz auf, Pawel Alexandrowitsch. Aber Gott sei Dank! Da ist ja der Fürst!“
„Da bin auch ich wieder!“ ruft der Fürst aus, ins Zimmer eintretend. „Es ist er–staunlich, ^cher ami^, wie viel neue Gedan–ken ich heute habe. Zu–wei–len aber, vielleicht wirst du es nicht für möglich halten, zuwei–len habe ich sie so gut wie über–haupt nicht. Und so sitze ich oft einen ganzen Tag.“
„Das kommt wahrscheinlich von dem heutigen Fall im Wagen, Onkelchen. Das hat Ihre Nerven erschüttert und nun ...“
„Mein Lieber, ich schreibe es auch selbst diesem Um–stande zu, und finde den Fall sogar nütz–lich. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, meinem Fe–o–fil zu verzeihen. Weißt du, es scheint mir, daß er es nicht auf mein Leben abgesehen hatte. Was meinst du dazu? Zudem ist er sowieso vor kurzem bestraft worden, als ihm der Bart ab–genom–men wurde.“
„Sein Bart abgenommen, Onkelchen? Aber er hat doch einen Bart von der Größe des Königreichs Preußen!“
„Nun ja, von der Größe des Königreichs Preußen. Wie gesagt, mein Lieber, du hast voll–kom–men recht in deiner An–nahme. Nur ist es ein künst–licher Bart. Und denken Sie sich, welch ein Zu–fall: plötzlich schickt man mir einen Preis-Kurant zu. Man hat eine neue Sendung Bär–te aus dem Aus–lande erhalten, vor–züg–liche Kutscher- und Herren–bär–te, sowie Backenbärte, Schnurrbärte, Mouches usw., und alle von vor–züglicher Arbeit und zu er–mäßigten Prei–sen. Wart, denke ich, ich werde doch einen Ba–art verschreiben, um doch ein–mal zu sehen, wie ein falscher aussieht. Und ich bestellte einen Kut–scherbart, denn so ein Bart macht doch stattlicher. Aber da zeigte es sich, daß Fe–o–fil einen natürlichen Ba–art hat, der fast zweimal so groß ist. Wie gesagt, was tun: soll man den echten abnehmen lassen oder den geschickten zurücksenden und den natürlichen tragen? Ich dachte und dachte, und beschloß, ihn doch den künstlichen tragen zu lassen.“
„Wahrscheinlich deshalb, weil die Kunst über der Natur steht, Onkelchen?“
„Gerade deshalb. Und wie er gelit–ten hat, als ihm der Bart abgeschnit–ten wurde! Als hätte er mit seinem Bart seine ganze Karrie–re verloren ... Aber ist es nicht Zeit, daß wir fahren, mein Lieber?“
„Ich bin bereit, Onkelchen.“
„Aber ich hoffe, Fürst, daß Sie nur zum Gouverneur fahren werden!“ ruft Marja Alexandrowna erregt aus. „Sie gehören jetzt _mir_, mein Fürst, Sie gehören den ganzen Tag mir und meiner Familie. Ich werde Ihnen natürlich nichts über die hiesige Gesellschaft sagen. Vielleicht wollen Sie auch Anna Nikolajewna besuchen, und – wozu Ihnen da die Illusionen nehmen! Außerdem bin ich ja vollkommen überzeugt, daß die Zeit Ihnen die Augen öffnen wird. Vergessen Sie nur nicht, daß ich heute Ihre Hausfrau, Ihre Schwester, Ihre Mutter, Ihre Wärterin bin, und glauben Sie mir, Fürst, ich zittere für Sie! Sie kennen sie nicht, nein, Sie kennen diese Menschen noch nicht, wenigstens vorläufig nicht ...“
„Verlassen Sie sich auf mich, Marja Alexandrowna. Es wird so sein, wie ich es Ihnen versprochen habe,“ sagt Mosgljäkoff.
„Ach, Sie kennt man! Auf Sie sich zu verlassen! Ich erwarte Sie zum Mittag zurück, Fürst. Wir speisen früh. Ich bedauere unsäglich, daß mein Mann auf dem Gute ist! Wie er sich freuen würde, Sie zu sehen! Wenn Sie wüßten, wie er Sie verehrt, wie er Sie liebt!“
„Ihr Mann? Al–so dann haben Sie auch einen Mann?“ fragt der Fürst.
„Ach, mein Gott! Wie vergeßlich Sie sind, Fürst! Sie haben ja alles, alles vergessen, was früher war! Mein Mann Afanassij Matwejitsch – entsinnen Sie sich seiner wirklich nicht? Er ist jetzt auf dem Gut, aber Sie haben ihn früher tausendmal gesehen. Entsinnen Sie sich nicht, Fürst – Afanassij Matwejitschs? ...“
„Afanassij Matwejitsch! Auf dem Gut, denken Sie sich, ^mais c’est delicieux^! Dann haben Sie also auch einen Mann? Was für ein son–der–barer Zufall indes! Das ist ja ganz wie ein bekanntes Vau–de–ville: Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da ... wie war es doch, da habe ich es nun vergessen! Jedenfalls fuhr die Frau irgendwohin, wie gesagt, sehr geistvoll ...“
„‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem Haus‘, Onkelchen,“ souffliert Mosgljäkoff.
„Nun ja! Nun ja! Ich danke dir, mein Lieber, gerade ‚aus dem Haus‘. Charmant, charmant! So daß es vollkommen einen Vers bildet. Und du verfällst immer auf den richtigen Vers, mein Lieber. Nun ja: ich entsann mich noch ganz genau, daß die Frau irgendwohin fuhr! Charmant, charmant! Wie gesagt, ich habe ein wenig vergessen, wovon die Rede war ... Richtig! Al–so wir fahren jetzt, mein Lieber. ^Au revoir, madame, adieu ma charmante demoiselle!^“ fügt der Fürst hinzu, verbeugt sich vor Sina und küßt seine Fingerspitzen.
„Zum Mittag, zum Mittag, Fürst! Vergessen Sie es nicht, schnell zurückzukehren!“ ruft ihm noch Marja Alexandrowna nach.
V.
„Wenn Sie, Nastassja Petrowna, vielleicht etwas in der Küche nach dem Rechten sehen wollten,“ sagt sie, nachdem sie den Fürsten hinausgeleitet hat. „Ich habe eine Vorahnung, daß dieser schändliche Nikitka das Essen unfehlbar verderben wird! Ich bin überzeugt, daß er betrunken ist ...“
Nastassja Petrowna gehorcht. Im Fortgehen wirft sie Marja Alexandrowna einen mißtrauischen Blick zu und bemerkt sogleich, daß diese sich in ungewöhnlicher Erregung befindet. Anstatt nun nach dem schändlichen Nikitka zu sehen, geht Nastassja Petrowna in den Saal, von dort durch einen Korridor in ihr Zimmer und von dort in eine kleine dunkle Kammer, in der einige Koffer stehen, ein paar alte Kleidungsstücke hängen und in Bündeln die schmutzige Wäsche des Hauses aufbewahrt wird. Auf den Fußspitzen schleicht sie zu einer verschlossenen Tür, hält den Atem an, beugt sich nieder, lauert durch das Schlüsselloch und lauscht. Diese Tür ist eine der drei Türen desselben Zimmers, in dem jetzt Sina und deren Mutter allein zurückgeblieben sind.
Marja Alexandrowna hält Nastassja Petrowna zwar für eine durchtriebene, aber doch mehr leichtsinnige Person. Wohl ist ihr bisweilen schon der Gedanke gekommen, daß Nastassja Petrowna sich nicht schämen würde, an den Türen zu lauschen. In diesem Augenblick ist aber Marja Alexandrowna so beschäftigt und aufgeregt, daß sie keine Zeit hat, an Vorsichtsmaßregeln zu denken. Sie setzt sich in ihren weichen Sessel und blickt bedeutsam ihre Tochter an. Sina fühlt diesen Blick und eine bittere Qual steigt in ihrem Herzen auf.
„Sina!“
Sina wendet langsam ihr bleiches Gesicht der Mutter zu und erhebt den Blick ihrer dunklen, verträumten Augen.
„Sina, ich habe die Absicht, mit dir über etwas sehr Ernstes zu reden.“
Sina wendet sich jetzt vollkommen zur Mutter, faltet die Hände, lehnt sich an den Flügel und wartet. In ihrem Gesicht spiegelt sich Ärger und Spott wieder, was sie übrigens zu verbergen sucht.
„Ich will dich fragen, Sina, wie dir heute _jener_ Mosgljäkoff gefallen hat?“
„Du weißt doch längst, wie ich über ihn denke,“ antwortet Sina gleichsam wider Willen.
„Ja, ^mon enfant^; aber es scheint mir, daß er mit seinem ... Werben gar zu lästig wird.“
„Er sagt, daß er in mich verliebt sei und so dürfte seine Aufdringlichkeit entschuldbar sein.“
„Sonderbar, früher hast du ihn nicht so ... bereitwillig entschuldigt. Im Gegenteil, du fielst immer über ihn her, sobald ich nur von ihm sprach.“
„Sonderbar ist gleichfalls, daß du ihn früher immer verteidigtest und jetzt als erste über ihn herfällst.“
„Ja, beinahe. Ich will nichts verleugnen, Sina: früher wollte ich dich gern mit ihm verheiratet wissen. Es war mir schwer, deinen ewigen Kummer, deine Qual zu sehen, die ich dir nachfühlen kann – gleichviel, was du auch von mir denkst! – und die meinen Schlaf in jeder Nacht vergiftet. Ich hatte mich überzeugt, daß nur eine einschneidende Veränderung in deinem Leben dich retten könnte. Und diese Veränderung soll – eine Heirat sein. Wir sind nicht reich und können zum Beispiel nicht ins Ausland fahren. Die hiesigen Esel wundern sich, daß du dreiundzwanzig Jahre alt und noch unverheiratet bist und erfinden allerlei Geschichten. Aber soll ich dich denn einem unserer Räte geben oder Iwan Iwanowitsch, unserm Ökonom? Gibt es denn hier Männer für dich? Mosgljäkoff ist natürlich dumm, aber er ist doch immer noch der beste von allen. Er ist aus guter Familie, er hat einflußreiche Verwandschaft, er besitzt hundertundfünfzig Seelen – das ist doch immerhin besser, als von Sporteln und Sparen und weiß Gott was für Abenteuern zu leben. Deshalb hatte ich auch mein Auge auf ihn geworfen. Aber, ich schwöre es dir, ich habe nie aufrichtige Sympathie für ihn empfunden. Ich bin überzeugt, daß der Höchste mich selbst zurückgehalten hat. Und wenn Gott dir jetzt etwas Besseres geschickt hat – o! Wie gut ist es dann, daß du ihm noch nicht dein Wort gegeben hast! Du hast ihm doch heute nichts Bindendes gesagt, Sina?“
„Wozu diese Verstellung, Mamachen, wenn sich doch alles mit zwei Worten sagen läßt?“ fragt Sina gereizt.
„Verstellung, Sina, Verstellung? Und dieses Wort kannst du deiner Mutter sagen? Doch was rede ich unnütz! Du glaubst ja deiner Mutter lange nicht mehr. Du hältst mich für deine Feindin, nicht aber für deine Mutter.“
„Ach, schon gut, Mamachen! Sollen wir uns beide noch wegen eines Wortes streiten! Verstehen wir uns denn nicht? Ich dachte, wir hätten doch Zeit genug gehabt, uns kennen zu lernen!“
„Aber du beleidigst mich, mein Kind! Du glaubst nicht, daß ich zu allem, zu allem bereit bin, um dich sicher zu stellen!“
Spöttisch und geärgert blickte Sina ihre Mutter an.
„Willst du mich vielleicht mit diesem Fürsten verheiraten, um mich _sicher zu stellen_?“ fragte sie mit einem seltsamen Lächeln.
„Ich habe das nicht gesagt, mein Kind, doch da du selbst darauf zu sprechen kommst, so will ich dir sagen, daß es dein Glück wäre, wenn du den Fürsten heiraten könntest.“
„Ich aber finde, daß es einfach unsinnig wäre!“ rief Sina heftig aus. „Der größte Unsinn! Und auch finde ich, Mama, daß du gar zu viel dichterische Begeisterung hast, du bist im vollen Sinn des Wortes ein weiblicher Dichter. So wirst du ja auch hier genannt. Du hast beständig Projekte. Deren Unmöglichkeit und Sinnlosigkeit aber – hält dich nie ab. Noch als der Fürst hier saß, ahnte ich, was du im Sinn hattest. Und als Mosgljäkoff diesen Blödsinn schwatzte und beteuerte, daß man den alten Mann verkuppeln müsse, da habe ich in deinem Gesicht alle deine Gedanken gelesen. Ich gebe meinen Kopf darauf, daß du daran denken und gerade _das_ mir jetzt vorschlagen wolltest. Da aber deine unermüdlichen Pläne in bezug auf mich mir tödlich zuwider geworden sind, mich quälen, so bitte ich dich, kein Wort von deinem neuen Projekt mehr zu sprechen, hörst du, Mama, – kein Wort, und es würde mich freuen, wenn du das behieltest!“ Sie war atemlos vor Zorn.
„Du bist ein Kind, Sina, ein reizbares, krankes Kind!“ entgegnete Marja Alexandrowna mit gerührter Stimme, in der Tränen zu zittern schienen. „Du sprichst mit mir ungezogen und kränkst mich. Keine Mutter würde das ertragen, was ich täglich von dir ertrage! Aber du bist gereizt, du bist krank, du leidest, ich aber bin Mutter und vor allem Christin. Ich muß dulden und verzeihen. Doch ein Wort, Sina: wenn ich nun tatsächlich an diese Verbindung gedacht hätte – weshalb hältst du diesen Gedanken für unsinnig? Meiner Meinung nach hat Mosgljäkoff nie klüger gesprochen, als vorhin, – ich meine, als er bewies, daß der Fürst heiraten müsse, nur, versteht sich, nicht diesen Schmierpinsel Nastassja. Darin hat er sich natürlich versehen.“
„Höre, Mama! Sage doch offen: fragst du das nur so, aus Neugierde, oder mit einer bestimmten Absicht?“
„Ich frage nur: weshalb erscheint dir das so unsinnig?“
„Ach, es ist doch wirklich ärgerlich! Daß einem auch ein solches Schicksal beschieden sein kann!“ rief Sina aus und stampfte mit dem Fuß vor Empörung. „Gut, ich werde es dir sagen, weshalb: ganz abgesehen von allen übrigen Dummheiten, – die Geistesschwäche eines Greises auszubeuten, ihn zu betrügen, ihn zu heiraten, diesen Klappergreis, um ihm dann sein Geld abzunehmen und täglich, stündlich seinen Tod zu wünschen, das ist, finde ich, nicht nur unsinnig, sondern außerdem noch so niedrig, so niedrig, daß ich dir zu solchen Gedanken nicht Glück wünschen kann, Mama!“
Eine ganze Minute dauerte das Schweigen.
„Sina! Entsinnst du dich noch dessen, was vor zwei Jahren war?“
Sina zuckte zusammen.
„Mama!“ sagte sie dann mit strenger Stimme, „du hast mir feierlich gelobt, mich nie mehr daran zu erinnern.“
„Und jetzt bitte ich dich feierlich, mein Kind, mir nur dieses eine Mal zu erlauben, das Versprechen, das ich bis jetzt noch niemals vergessen habe, zurückzuziehen. Sina! Die Stunde einer rückhaltslosen Aussprache zwischen uns ist gekommen. Diese zwei Jahre Schweigen waren entsetzlich! So kann es nicht weitergehen! ... Ich bin bereit, dich auf den Knien anzuflehen – erlaube mir nur dieses eine Mal zu sprechen! Hörst du, Sina, deine leibliche Mutter fleht dich auf den Knien an! Und ich gebe dir feierlich mein Wort, – das Wort einer unglücklichen Mutter, die ihre Tochter vergöttert, daß ich niemals, in keiner Form, und in keinem Fall, selbst wenn es sich um die Rettung meines Lebens handelte, davon mehr sprechen werde. Es wird dies das letzte Mal sein – aber diesmal geht es nicht anders, ich muß!“
Marja Alexandrowna rechnete auf einen durchschlagenden Erfolg dieser Worte.
„Sprich,“ sagte Sina, die merklich bleicher wurde.
„Ich danke dir, Sina. Vor zwei Jahren kam zu deinem verstorbenen Bruder Mitjä ein junger Lehrer ...“
„Aber wozu denn diese feierliche Einleitung, Mama! Wozu diese ganze Redekunst, alle diese Einzelheiten, die doch vollkommen überflüssig sind, die doch nur quälen und die uns beiden nur zu gut bekannt sind?“ unterbrach Sina ihre Mutter zornig und wie angeekelt.
„Weil ich, deine Mutter, mein Kind, gezwungen bin, mich vor dir zu rechtfertigen. Zudem will ich dir diese Angelegenheit von einem ganz anderen Standpunkt aus zeigen, nicht von diesem falschen Standpunkt aus, von dem aus du sie zu beurteilen gewohnt bist. Und schließlich, damit du die Folgerung begreifst, die ich hieraus zu ziehen beabsichtige: Glaube nicht, mein Kind, daß ich mit deinem Herzen spielen will! Nein, Sina, du wirst in mir eine wirkliche Mutter finden, und vielleicht wirst du tränenüberströmt zu meinen Füßen, zu den Füßen der ‚_niedrigen Frau_‘, wie du mich soeben genannt hast, die Versöhnung erbitten, die du so lange, die du bis zum heutigen Tage verschmäht hast. Darum will ich alles sagen, Sina, alles, von Anfang an wiederholen. Oder ich schweige.“
„Sprich,“ wiederholte Sina, die von ganzem Herzen die Notwendigkeit dieser Rede verwünschte.