Part 3
Pawel Alexandrowitsch wandte sich im Augenblick zu Sina. Er war unbeschreiblich erregt, seine Stimme zitterte.
„Sinaïda Afanassjewna, Sie sind mir doch nicht böse?“ fragte er mit zaghafter und flehender Miene.
„Ihnen böse? Weshalb denn?“ fragte Sina, die leicht errötete und ihre wundervollen Augen zu ihm erhob.
„Weil ich früher als verabredet hergekommen bin! Sinaïda Afanassjewna, ich hielt es nicht aus, ich konnte nicht noch ganze zwei Wochen warten ... Sie sind mir sogar im Traume erschienen. Ich bin hergeeilt, um meinen Schicksalsspruch zu erfahren ... Doch Sie ziehen die Brauen zusammen, Sie ärgern sich! Werde ich denn wirklich auch jetzt nichts Positives erfahren?“
Sina hatte tatsächlich die Stirn gerunzelt.
„Ich habe es nicht anders erwartet, als daß Sie wieder darauf zurückkommen würden,“ antwortete sie, nachdem sie den Blick gesenkt hatte, mit fester und strenger Stimme, die deutlich ihren Ärger verriet. „Und da mir diese Erwartung sehr unangenehm war, so ist es – je schneller abgetan, um so besser. Sie verlangen oder bitten wieder um eine Antwort. Wie Sie wünschen, ich kann sie Ihnen noch einmal wiederholen, denn meine Antwort ist dieselbe: warten Sie. Ich sage es Ihnen nochmals – ich habe mich noch nicht entschlossen und kann Ihnen daher auch nicht das Versprechen geben, Ihre Frau zu werden. Ein solches Versprechen soll man nicht zu erzwingen versuchen, Pawel Alexandrowitsch. Doch um Sie zu beruhigen, füge ich hinzu, daß ich Ihnen noch nicht endgültig absage. Und merken Sie sich noch eines: wenn ich Ihnen jetzt noch eine Hoffnung lasse, so tue ich es einzig aus dem Grunde, weil ich mit Ihrer Ungeduld und Unruhe Nachsicht habe. Ich wiederhole es: ich will vollkommen frei sein und wenn ich Ihnen schließlich sagen sollte, daß ich nicht will, so dürfen Sie mich nicht beschuldigen, mir nicht vorwerfen, daß ich Ihnen falsche Hoffnungen gemacht habe. So, das ist alles!“
„Aber ... aber was ist denn das!“ rief Mosgljäkoff mit kläglicher Stimme aus. „Ist denn das eine Hoffnung! Kann ich denn auch nur auf die geringste Hoffnung aus Ihren Worten schließen, Sinaïda Afanassjewna?“
„Denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe, und dann schließen Sie daraus, auf was Sie wollen. Das steht Ihnen frei. Ich aber kann nichts mehr hinzufügen. Ich sage Ihnen noch nicht ganz ab, sondern sage nur: warten Sie. Nur eines, bitte nicht zu vergessen: daß ich die volle Freiheit habe, Ihnen endgültig abzusagen, sobald ich will. Und dann noch eines, Pawel Alexandrowitsch: wenn Sie vor dem für die Antwort verabredeten Termin gekommen sind, um auf Umwegen etwas zu erreichen, in der Hoffnung, vielleicht auf Befürwortung von anderer Seite, nehmen wir an, zum Beispiel, den Einfluß meiner Mutter, so haben Sie sich in Ihrer Berechnung sehr getäuscht. Dann werde ich Ihnen rund absagen, hören Sie? Doch jetzt – genug davon, und, bitte, erinnern Sie mich bis dahin mit keinem Wort mehr daran.“
Diese ganze Rede war trocken, sehr bestimmt und ohne die geringsten Stockungen gesprochen, als hätte sie sie früher schon auswendig gelernt. Monsieur Paul fühlte, daß er mit einer langen Nase abzog. In dem Augenblick kehrte Marja Alexandrowna zurück. Ihr folgte fast auf dem Fuße Frau Sjäblowa.
„Er wird, glaube ich, sogleich erscheinen, Sina! Nastassja Petrowna, bereiten Sie schnell neuen Tee!“ – Die Dame schien nicht wenig erregt zu sein.
„Anna Nikolajewna hat sich erkundigen lassen. Ihre Zofe Anjutka ist in unsere Küche gekommen, um auszuforschen. Die wird sich jetzt ärgern!“ rief Nastassja Petrowna Sjäblowa aus und eilte zu ihrem Ssamowar.
„Was geht das mich an!“ fragte Marja Alexandrowna über die Schulter. „Als ob ich mich dafür interessiere, was Ihre Anna Nikolajewna denkt! Sie können mir glauben, daß ich meine Zofe nicht in ihre Küche schicken werde. Und es wundert mich, es wundert mich aufrichtig, weshalb Sie mich immer für eine Feindin dieser armen Anna Nikolajewna halten, und nicht nur Sie allein, sondern die ganze Stadt. Ich verlasse mich auf Sie, Pawel Alexandrowitsch! Sie kennen uns beide, – sagen Sie doch selbst, weshalb sollte ich ihre Feindin sein? Wegen des Vorranges? Dieser Vorrang läßt mich gleichgültig. Mag sie doch, mag sie doch die Erste sein! Ich werde als erste zu ihr hinfahren, um sie zu beglückwünschen. Und schließlich, – das ist doch alles ungerecht. Ich nehme sie stets in Schutz, es ist meine Pflicht, sie zu verteidigen! Sie wird von allen verleumdet. Aber weshalb fallen denn alle so über sie her? Sie ist jung und putzt sich gern, – deswegen vielleicht? Meiner Meinung nach ist es aber doch besser, Putz zu lieben, als etwas anderes, wie zum Beispiel Natalja Dmitrijewna, die ... so etwas liebt, daß man es nicht einmal aussprechen darf. Oder deshalb, weil Anna Nikolajewna ewig zu Besuch fährt und nie zu Hause sitzen kann? Aber, mein Gott! Sie hat ja doch überhaupt keine Erziehung, keine Bildung genossen, und daher fällt es ihr natürlich schwer, ein Buch aufzuschlagen und sich zwei Minuten nacheinander mit ein und demselben zu beschäftigen. Sie kokettiert und liebäugelt mit jedem, der an ihrem Hause vorübergeht. Aber weshalb versichert man ihr denn ewig, daß sie hübsch sei, wenn sie nur ein weißes Gesicht hat und nichts weiter? Sie erheitert beim Tanz die Zuschauer – schön! Aber weshalb beteuert man ihr denn fortwährend, daß sie so wundervoll tanze? Sie trägt ganz entsetzliche Hüte und noch ärgeren Kopfputz, – aber was kann sie denn dafür, daß Gott ihr keinen Geschmack verliehen hat, sondern statt dessen nur so viel Leichtgläubigkeit? Sagen Sie ihr, daß es gut sei, ein Konfektpapier ins Haar zu stecken – und sie wird es tun. Sie ist eine Klatschbase, – aber das ist doch hier nichts Außergewöhnliches: wer klatscht hier nicht? Ssuschiloff mit seinem schönen Bart fährt morgens und abends zu ihr und womöglich auch noch in der Nacht. Ach, mein Gott! wenn der Mann noch bis fünf Uhr morgens am Kartentisch sitzt! Und zudem gibt es hier so viel schlechte Beispiele! Und schließlich ist das alles _vielleicht_ nur Verleumdung. Wie gesagt, ich werde sie immer, immer in Schutz nehmen! ... Aber, mein Gott! ... Da ist ja der Fürst! Das ist er, er! Jetzt würde ich ihn unter Tausenden erkannt haben! Endlich sehe ich Sie wieder, ^mon prince^!“ rief Marja Alexandrowna aus und eilte dem eintretenden Fürsten entgegen.
IV.
Auf den ersten flüchtigen Blick werden Sie diesen Fürsten durchaus nicht für einen alten Mann, geschweige denn für einen Greis halten. Erst nach näherem und aufmerksamerem Beobachten werden Sie sehen, daß er gewissermaßen eine auf Federn gespannte Leiche ist. Alle Künste sind angewandt, um diese Mumie als Jüngling zu verkleiden. Die erstaunlich naturgetreue Perücke, der Backenbart, der Schnurrbart und die Fliege glänzen im schönsten Schwarz und bedecken die Hälfte des Gesichts. Das übrige Gesicht ist überaus kunstvoll gepudert und hat so gut wie überhaupt keine Runzeln. Wo sind sie geblieben? – Das vermag niemand zu erklären. Gekleidet ist er nach neuester Mode, als wäre er aus einem Modejournal ausgeschnitten: Er hat eine Art Jackett an oder etwas Ähnliches, bei Gott, ich weiß nicht, was es eigentlich ist, jedenfalls etwas höchst Modernes und Neues, das ausschließlich für Morgenvisiten geschaffen ist. Handschuhe, Binde, Weste, Wäsche – alles ist von blendender Frische und zeugt von gutem Geschmack. Der Fürst hinkt ein wenig, tut es aber so geschickt, als wäre auch das Hinken von der Mode vorgeschrieben. In dem einen Auge trägt er ein Monokel, und zwar in demselben, das ohnehin schon gläsern ist. Ihn umgibt eine Wolke von Wohlgeruch. Wenn er spricht, zieht er manche Worte ganz besonders in die Länge, – vielleicht tut er es aus greisenhafter Schwäche, vielleicht deshalb, weil alle seine Zähne falsch sind, vielleicht jedoch auch um des größeren Eindrucks willen. Einige Silben spricht er ganz ungewöhnlich süß aus, den Vokal a fast wie e. Das Wort „Ja“ zum Beispiel, klingt bei ihm wie „Je“, nur noch etwas süßlicher, wenn möglich. In seinem ganzen Auftreten ist eine gewisse Nachlässigkeit, in der er sich im Laufe seines langjährigen Lebemannslebens fleißig geübt hat. Übrigens, wenn sich auch noch etwas von diesem früheren galanten Leben in oder an ihm erhalten hat, so ist das von ihm aus gewissermaßen unbewußt geschehen, wie etwa eine alte, unklare Erinnerung, eine längst durchlebte Vergangenheit, die – leider! – alle Kosmetik, alle Korsetts, Parfums und Perücken nicht wieder auferstehen machen können. Und deshalb tun wir besser, wenn wir vorausschicken, daß der alte Herr zwar nicht gerade seinen Verstand, jedenfalls aber sein Gedächtnis schon vor langer Zeit verloren hat, oft sogar vergißt, was er vor einer Minute gesprochen, sich beständig versieht, viel zusammenlügt und aufschneidet. Es gehört sogar eine gewisse Übung dazu, um mit ihm ein Gespräch führen zu können. Marja Alexandrowna aber verläßt sich auf sich und so gerät sie beim Erscheinen des Fürsten in unbeschreibliche Begeisterung.
„Aber Sie haben sich ja nicht im geringsten, nicht im geringsten verändert!“ ruft sie aus, ergreift beide Hände des Gastes und führt ihn zu einem bequemen Ruhestuhl. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich, Fürst. Sechs Jahre, ganze sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und keinen Brief, keine Zeile haben wir in dieser ganzen Zeit von Ihnen erhalten! O, Sie haben mir großes Unrecht getan, Fürst! Und wie böse ich Ihnen gewesen bin, ^mon cher prince^! Aber, – Tee, Tee! Ach, mein Gott! Nastassja Petrowna, Tee!“
„Ich danke, i–ich danke, meine Schuld!“ lispelt der Fürst (wir haben zu erwähnen vergessen, daß er auch ein wenig lispelt, aber auch dieses tut er, als wäre es von der Mode vorgeschrieben). „Mei–ne Schuld! und den–ken Sie sich, noch im vergan–genen Jahr wollte ich Sie un–be–dingt be–suchen,“ fährt er langsam, sich im Zimmer umsehend, fort. „Doch man riet mir ab: hier soll die Cho–lera geherrscht haben ...“
„Nein, Fürst, bei uns hat nie die Cholera geherrscht,“ sagt Marja Alexandrowna.
„Eine Viehseuche herrschte hier, Onkelchen!“ mischt sich Mosgljäkoff ein, da er sich bemerkbar zu machen wünscht. Marja Alexandrowna mißt ihn mit einem strengen Blick.
„Nun ja, eine Vieh–seuche oder etwas Der–artiges ... Und so unterblieb es. Und was macht Ihr Herr Gemahl, meine liebe Anna Nikolajewna? Immer noch in seinem Amt als Staats–an–walt?“
„N–nein, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna stockend. „Mein Mann ist nicht Staatsanwalt ...“
„Ich wette, daß Onkelchen sich täuscht und Sie für Anna Nikolajewna Antipowa hält!“ rief der scharfsinnige Mosgljäkoff aus, verstummte aber sogleich, denn Marja Alexandrowna ist ohnehin zum Götzenbild geworden.
„Nun ja, An–na Nikola–jewna, und ... und ... es entfällt mir immer! – nun ja, Antipowna, wie gesagt, Antipowna,“ bestätigt der Fürst.
„N–nein, Fürst, Sie haben sich sehr geirrt,“ sagt Marja Alexandrowna mit bitterem Lächeln. „Ich bin nicht Anna Nikolajewna, und daß ich es nur gestehe – ich habe es wirklich nicht erwartet, von Ihnen nicht erkannt zu werden. Sie haben mich in Erstaunen gesetzt, Fürst. Ich bin Ihre einstige Freundin, bin Marja Alexandrowna Moskalewa. Entsinnen Sie sich ihrer noch? ...“
„Marja A–lexan–drowna! Denken Sie sich! Und ich war ge–rade der Mei–nung, daß Sie eben – wie hieß sie doch? – nun ja! eben Anna Wassil–jewna seien ... ^C’est délicieux!^ Al–so, ich bin nicht dorthin gefahren. Ich aber meinte, mein Lieber, daß du mich gerade zu dieser Anna Mat–wejewna brächtest. ^C’est charmant!^ Anbei ... das kommt nicht selten bei mir vor ... Ich fahre oftmals nicht dahin, wohin ich will. Überhaupt ... bin ich zufrieden, im–mer zufrieden, was auch geschehen möge. Dann sind Sie al–so nicht Na–stassja Wassiljewna? Das ist in–teressant ...“
„Ich bin Marja Alexandrowna, Fürst, Marja Alexandrowna. O wieviel ich Ihnen jetzt verzeihen muß! Wie kann man nur seine besten, seine besten Freunde vergessen!“
„Nun ja, bes–ten Freunde ... pardon, pardon!“ lispelt der Fürst und mustert Sina.
„Das ist meine Tochter Sina. Sie kennen Sie noch nicht, Fürst. Sie war damals nicht hier, als Sie uns besuchten, wissen Sie noch, vor sechs Jahren?“
„Das ist Ihre Tochter! ^Charmante! charmante!^“ brummt der Fürst und mustert gierig das junge Mädchen. „^Mais quelle beauté!^“ flüstert er, sichtlich überrascht, erstaunt.
„Bitte, bedienen Sie sich, Fürst,“ sagt Marja Alexandrowna und lenkt die Aufmerksamkeit des Fürsten auf den kleinen Kosakenknaben, der mit dem Präsentierteller vor ihm steht. Der Fürst nimmt eine Tasse und betrachtet den Knaben, der hübsche rosa Bäckchen hat.
„A–a–a, das ist Ihr Sohn?“ fragt er. „Was für ein net–ter Knabe! U–u–nd sicherlich ... führt er sich gut auf?“
„Ach, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna eilig, „ich habe ja von einem so entsetzlichen Unglück gehört! Glauben Sie mir, ich war außer mir vor Schreck ... Haben Sie nicht Schaden genommen? Sehen Sie sich vor! So etwas darf man nicht vernachlässigen.“
„In den Graben! In den Graben! In den Graben hat mich der Kutscher geworfen!“ ruft der Fürst in ungewöhnlicher Erregung aus. „Ich glaubte, es käme das Ende der Welt oder etwas Derartiges, und ich erschrak dermaßen, sage ich Ihnen, daß – vergieb mir, Herr! ... Der Himmel erschien mir so klein ... nicht größer als ein Schaffell! Das hatte ich nicht erwartet, nicht erwartet! Durch–aus nicht erwartet! Und schuld daran ist ganz allein mein Kutscher Fe–o–fil. Ich habe mich in allem auf dich verlassen, mein Lieber: sorge du dafür und untersuche die Angelegenheit gründ–lich. Ich bin ü–ber–zeugt, daß er es auf mein Leben abgesehen hatte.“
„Gut, gut, Onkelchen,“ antwortet Pawel Alexandrowitsch, „werde alles untersuchen. Nur hören Sie mal, Onkelchen, können Sie ihm nicht zur Feier des heutigen Tages verzeihen, was meinen Sie?“
„Unter kei–ner Be–dingung werde ich ihm verzeihen! Ich bin ü–ber–zeugt, daß es von ihm ein Anschlag auf mein Leben war! Von ihm und auch von Lawrentij, den ich zu Haus gelassen hatte. Denken Sie sich: er hat, wis–sen – Sie, einige neue Ideen auf–ge–schnappt! Es hat sich in ihm eine ge–wis–se Verneinung heraus–gebildet ... Wie gesagt: ein Kommunist im wah–ren Sinn des Wortes. Ich habe sogar Angst, ihm auch nur zu begegnen!“
„Ach, was für ein wahres Wort Sie ausgesprochen haben, Fürst!“ ruft Marja Alexandrowna aus. „Sie werden es mir nicht glauben, wie sehr ich selbst unter diesen untauglichen Menschen zu leiden habe! Stellen Sie sich vor, ich habe zwei meiner Leute gewechselt, aber sie sind so dumm, daß ich wirklich vom Morgen bis zum Abend meine liebe Not mit ihnen habe. Sie können es sich nicht denken, wie dumm sie sind, Fürst!“
„Nun ja, nun ja. Aber ... was ich sagen wollte ... ich habe es sogar ganz gern, wenn der Die–ner zum Teil dumm ist,“ bemerkt der Fürst, der wie alle alten Leute froh ist, wenn man seinem Geschwätz ehrerbietig zuhört. „Es paßt gewissermaßen zum Lakei – und es macht seine Wür–de aus, wenn er treuherzig und dumm ist. Al–lerdings nur in manchen Fällen. Es verleiht ihm mehr Statt–lichkeit, eine gewisse Fei–erlichkeit kommt in sein Gesicht, wie gesagt, es verleiht ihm eine gewisse Wohlerzogenheit, ich aber verlange von einem _Menschen_ vor allen Dingen _Wohl–erzogenheit_. Da habe ich meinen Terentij. Du erinnerst dich doch noch Terentijs, mein Lieber. Nach meinem ersten Blick auf ihn bestimmte ich ihn von vornherein zum Portier. Du sollst mein Portier sein, sagte ich. Phä–no–menal dumm! Schaut drein, wie ein Schaf im Wasser! Aber welch eine Erscheinung, welche Feierlichkeit! Sein Doppelkinn so frisch und rosig! Nun, und in der weißen Binde, und über–haupt so in vol–ler Gala macht er einen vor–züg–lichen Eindruck. Ich habe ihn von Herzen lieb gewonnen. Es kommt vor, daß ich ihn ansehe und schließlich alles darüber vergesse: entschieden, als wenn er eine Dis–ser–tation schriebe, – so wichtig sieht er aus! Wie gesagt, genau so wie der deutsche Philosoph Kant, oder richtiger wie ein gepeppelter, fetter Truthahn. Vollkommenes Comme-il-faut eines bedienenden Menschen! ...“
Marja Alexandrowna lacht von ganzem Herzen und klatscht sogar leise Beifall. Pawel Alexandrowitsch sekundiert ihr bereitwillig: ihn interessiert der Onkel außerordentlich. Auch Nastassja Petrowna Sjäblowa lacht. Und sogar Sina lächelt.
„Aber wieviel Humor, wieviel Heiterkeit, wieviel Esprit Sie haben, Fürst!“ ruft Marja Alexandrowna aus. „Welch eine seltene Gabe, jeden noch so kleinen Zug wahrzunehmen! Und so plötzlich aus der Gesellschaft zu verschwinden, sich auf ganze fünf Jahre in seinen vier Wänden einzuschließen! Bei solchem Talent! Aber Sie könnten ja sogar schriftstellern, Fürst! Sie könnten Vonwiesen, Gribojedoff, Gogol wiederholen! ...“
„Nun ja, nun ja!“ sagte der Fürst, äußerst angenehm berührt. „Ich könnte wieder–ho–len ... und, wissen Sie, ich war früher un–ge–mein geistreich. Ich habe sogar für die Bühne ein Vau–de–ville geschrieben. Und es kamen darin auch einige ex–qui–site Couplets vor! Wie gesagt, es ist aber nie gespielt worden ...“
„Ach, wie reizend wäre es doch, wenn man Ihr Vaudeville lesen könnte! Und, weißt du, Sina, gerade jetzt käme es uns so zustatten! Man plant hier nämlich eine Liebhaberaufführung – zu einem patriotischen Zweck, Fürst, zum Besten der Verwundeten ... und da nun Ihr Vaudeville!“
„Gewiß! Ich bin so–gar bereit, es nochmals zu schreiben ... nur, wie gesagt, habe ich es voll–kommen vergessen. Ich weiß nur noch, es waren da zwei oder drei solche Bonmots, daß ...“ (der Fürst küßt graziös seine Fingerspitzen). „Und überhaupt, als ich im Aus–lande war, machte ich tat–säch–lich Fu–rore. Entsinne mich noch Lord Byrons. Wir standen auf freund–schaft–lichem Fuß. Auf dem Wiener Kongreß tanzte er be–zau–bernd den Krakowjak.“
„Lord Byron! Aber, Onkelchen, was sagen Sie!“
„Nun ja, Lord Byron. Übrigens, wie gesagt, vielleicht war es auch nicht Lord Byron, sondern irgend ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord Byron, ein anderer. Ganz recht, es war nicht Lord Byron, sondern ein Po–le. Jetzt, jetzt besin–ne ich mich vollkommen. Das war ein äußerst origi–neller Pole: er gab sich für einen Grafen aus, später aber stellte es sich heraus, daß er nur so etwas wie ein Koch war. Nur tanzte er ent–zück–end den Krakowjak und zu gu–ter Letzt brach er sich das Bein. Ich machte da–mals noch ein Gedicht auf ihn:
Unser wun–der–voller Po–le Tanzt den Krakowjak auf einer Soh–le ...
Und dann ... und dann ... das habe ich nun lei–der vergessen ... wie es weiter ging ...
Doch als er sich brach das Bein, Da stellte er das Tanzen ein ...“
„Sicherlich wird es so gewesen sein, Onkelchen!“ ruft Mosgljäkoff aus, dessen Stimmung immer heiterer wird.
„Es scheint mir auch, daß es so war,“ antwortet Onkelchen, „oder in der Art we–nigstens. Wie gesagt, vielleicht war es auch anders, nur war es ein sehr ge–lun–genes Gedicht ... Überhaupt ... ich habe jetzt einige Er–leb–nisse vergessen. Das kommt bei mir von der Beschäftigung ...“
„Aber sagen Sie doch, Fürst, womit haben Sie sich denn während dieser ganzen Zeit in Ihrer Einsamkeit beschäftigt?“ erkundigt sich Marja Alexandrowna interessiert. „Ich habe so oft an Sie gedacht, ^mon cher prince^, daß ich diesmal geradezu brenne vor Ungeduld, Näheres darüber zu erfahren ...“
„Womit ich mich be–schäftigt habe? Nun, überhaupt, wissen Sie, verschiedenes. Wenn man ... sich zum Beispiel erholt. Zuweilen aber, wissen Sie, gehe ich und bilde mir verschiedenes ein ...“
„Sie haben wohl eine sehr große Einbildungskraft, Onkelchen?“
„Eine sehr große, mein Lieber. Zuweilen bilde ich mir so etwas ein, daß ich mich später über mich selbst wun–dere. Als ich in Kadujeff war ... A propos! Du warst doch, glaube ich, der Vi–ze-Gou–ver–neur von Kadujeff?“
„Ich, Onkelchen? aber nein! was Ihnen einfällt!“ ruft Pawel Alexandrowitsch aus.
„Denk dir, mein Lieber! Und ich hielt dich die ganze Zeit für den Vi–ze-Gou–verneur, und denke noch: wie kommt es nur, daß er jetzt ein ganz an–deres Ge–sicht hat? ... Jener, weißt du, hatte ein so wür–de–volles, klu–ges Gesicht. Ein un–ge–wöhnlich kluger Mensch war er und fortwährend schrieb er Gedichte, bei verschiedenen Ge–le–genheiten. Ein wenig, so im Profil, erinnerte er an den Pique-König ...“
„Nein, Fürst,“ unterbricht ihn Marja Alexandrowna, „ich schwöre es Ihnen, mit einem solchen Leben richten Sie sich nur zugrunde! Sich auf ganze fünf Jahre einzuschließen, nichts zu sehen, nichts zu hören! Sie sind ein verlorener Mensch, Fürst! Fragen Sie, wen Sie wollen, von denen, die Ihnen wirklich zugetan sind – und ein jeder wird Ihnen sagen, daß Sie ein verlorener Mensch sind!“
„Ist’s mög–lich?“ ruft der Fürst erstaunt aus.
„Ich versichere Sie! Ich rede wie ein Freund zu Ihnen, wie Ihre Schwester! Ich sage es Ihnen nur deshalb, weil Sie mir teuer sind, weil die Erinnerung an das Vergangene mir heilig ist! Und was hätte ich für einen Vorteil davon, wenn ich Ihnen schmeicheln wollte? Nein, Sie müssen Ihr Leben von Grund aus verändern, – anderenfalls werden Sie erkranken, sich überanstrengen, werden Sie sterben ...“
„O Gott! Werde ich wirklich so bald sterben?“ fragt erschrocken der Fürst. „Und denken Sie sich, Sie haben es erraten: mich quälen ent–setz–lich meine Hä–morrhoiden, na–ment–lich seit einiger Zeit ... Und wenn ich diese Zufälle habe, so gibt es bei der Gelegenheit er–staun–liche Symptome – ich werde sie Ihnen ausführlich beschreiben ... Erstens ...“
„Onkelchen, das werden Sie ein nächstes Mal erzählen,“ unterbricht ihn Pawel Alexandrowitsch, „jetzt aber ... ist es nicht Zeit, zu fahren?“
„Nun ja! Dann al–so ein an–deres Mal. Das ist vielleicht auch nicht so in–ter–es–sant. Ich habe es mir jetzt überlegt ... Aber es ist doch im–mer–hin eine sehr interes–sante Krankheit. Es gibt ver–schie–dene E–pi–soden ... Erinnere mich daran, mein Lieber, ich werde dir am Abend einen Fall aus–führ–lich erzählen ...“
„Aber hören Sie, Fürst, Sie müßten es versuchen, sich im Auslande davon zu heilen,“ unterbricht ihn noch einmal Marja Alexandrowna.
„Im Aus–lande? Nun ja, nun ja! Ich werde un–be–dingt ins Aus–land fahren. Ich entsinne mich, als ich in den zwan–ziger Jahren im Auslande war, da war es dort un–ge–mein lustig. Ich hätte fast geheiratet, ^une Vicomtesse^, eine Fran–zö–sin. Ich war damals sehr ver–liebt und wollte ihr mein ganzes Leben weihen. Aber, wie gesagt, nicht ich hei–ra–te–te sie, sondern ein an–derer. Und welch ein selt–samer Zufall: ich war nur auf zwei Stunden fort–ge–gangen und da siegte der an–dere, ein deutscher Freiherr. Er saß dann noch später eine Zeitlang in einer Irrenanstalt.“
„Aber, ^cher prince^, ich habe einzig deshalb davon gesprochen, weil Sie im Ernst an Ihre Gesundheit denken müssen. Im Auslande gibt es so gute Ärzte ... und außerdem, was nicht eine bloße Lebensveränderung auf sich hat! Sie müssen entschieden Ihr Duchanowo verlassen, wenigstens für einige Zeit!“
„Un–be–dingt! Ich habe mich schon vor langer Zeit entschlossen, und wissen Sie, ich beabsichtige, mich hy–dropa–thisch behandeln zu lassen.“
„Hydropathisch?“