Sämtliche Werke 15

Part 8

Chapter 83,625 wordsPublic domain

Unter der mittleren Kuppel blieb der Alte stehen und verneigte sich nach allen vier Seiten, obschon die Kirche ganz leer war; dasselbe tat auch seine Begleiterin. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum großen Heiligenbilde der Mutter Gottes, der die Kirche geweiht war, und dessen mit Edelsteinen besetzte goldene Bekleidung und reiche Einfassung durch den Flammenschein der vielen Wachskerzen in blendendem Glanz erstrahlte. Der Kirchendiener, der sich noch hier und da etwas zu schaffen machte, grüßte den Alten mit Ehrerbietung; dieser erwiderte den Gruß jedoch nur mit einem kurzen Kopfnicken. Vor dem Heiligenbilde warf sich das junge Weib auf die Knie nieder und berührte mit der Stirn den Fußboden. Der Alte nahm das Ende des Schleiers, der am Fußgestell des Bildes hing, und breitete ihn über ihren Kopf. Dann vernahm man dumpfes Schluchzen in der Kirche.

Ordynoff war betroffen durch die Feierlichkeit der Szene, die sich vor seinen Augen abspielte, und erwartete mit Ungeduld die Beendigung ihres Gebets. Nach einer Weile erhob sie den Kopf und wieder fiel heller Lichtschein auf ihr entzückendes Gesicht. Ordynoff zuckte zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt vor. Sie hatte ihre Hand bereits dem Alten gereicht und beide verließen langsam die Kirche. Tränen standen in ihren dunkelblauen Augen und als sie die Lider mit den langen dunklen Wimpern senkte, rollten diese Tränen über ihre zarten, bleichen Wangen. Auf ihren Lippen erschien flüchtig ein Lächeln, aber es verwischte in ihrem Antlitz doch nicht die Spuren einer fast kindlichen Angst und eines gleichsam mystischen Grauens. Zaghaft schmiegte sie sich an den Alten, und man sah, daß sie vor Erregung zitterte.

Betroffen und im Grunde doch von einem ungeahnt süßen Gefühl, das wie ein Wille war, dazu getrieben, ging Ordynoff den beiden nach – und unter dem Rundbogen vor dem Portal überholte er sie. Der Alte sah ihn feindselig und streng an; auch sie sah nach ihm hin, jedoch so teilnahmslos und zerstreut, daß man ihr anmerkte, wie ein einziger und ganz anderer, fernliegender Gedanke sie beschäftigte. Ordynoff folgte ihnen in einiger Entfernung, ohne eigentlich selbst zu wissen, weshalb er es tat. Es war schon dunkel geworden.

Der Alte und das junge Weib gingen in eine lange, breite, schmutzige Straße, die geradeaus zur Stadtgrenze führte – eine Straße der Buden, billigen Herbergen und Einkehrhöfe, in der die verschiedensten Kleinhändler ihre Läden hatten; dann bogen sie in eine schmale lange Sackgasse ein, die zwischen langen Zäunen zu einer großen vierstöckigen Mietskaserne führte, durch deren Höfe man aber wieder auf eine andere, gleichfalls große und belebte Straße gelangen konnte. Sie näherten sich bereits dem Hause. Plötzlich wandte sich der Alte zurück und sein Blick maß unwillig den jungen Mann, der ihnen so beharrlich folgte. Ordynoff blieb wie gebannt stehen; sein Tun erschien ihm selbst plötzlich sehr sonderbar. Da sah sich der Alte noch einmal nach ihm um, als wolle er sich überzeugen, ob sein drohender Blick die Wirkung nicht verfehlt habe; dann traten sie beide, er und das junge Weib, durch die schmale Fußpforte in den Hof des Hauses. Ordynoff kehrte um.

Er befand sich in der unangenehmsten Stimmung und ärgerte sich über sich selbst: ganz umsonst hatte er einen Tag verloren, umsonst hatte er sich ermüdet und überdies noch diesen sowieso schon mißlungenen Tag mit einer großen Dummheit gekrönt, indem er eine ganz gewöhnliche Begegnung für eine Gott weiß wie besondere Begebenheit gehalten!

Am Vormittage hatte er sich noch darüber geärgert, daß er so weltfremd und menschenscheu geworden war. Und doch war es nur sein Instinkt gewesen, der ihn veranlaßt hatte, alles zu fliehen, was ihn in seinem äußeren und dadurch vielleicht auch in seinem inneren Leben, das nun einmal ganz seiner Idee gehörte, hätte zerstreuen, beeinflussen und erschüttern können. Jetzt wenigstens gedachte er mit Wehmut und einer gewissen Reue seines ungestörten Winkels; dann erfaßte ihn eine seltsame Traurigkeit und Sorge befiel ihn beim Gedanken an seinen künftigen Verbleib: wo er ein neues Unterkommen finden könne und wie lange er wohl noch ein solches werde suchen müssen. Dabei aber verstimmte es ihn wieder am meisten, daß ihn solche Nichtigkeiten überhaupt so beschäftigen konnten. Ermüdet und unfähig, zwei Gedanken aneinanderzureihen, langte er endlich – es war mittlerweile schon ziemlich spät geworden – wieder bei seiner alten Wohnung an, und erst als er ins Haus trat, kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er fast daran vorübergegangen wäre, ohne es zu bemerken, noch zu erkennen. Verwundert über seine Zerstreutheit schüttelte er den Kopf, schrieb sie aber doch nur seiner Müdigkeit zu und trat, im letzten Stockwerk unter dem Dach angelangt, in sein kleines Zimmer. Er zündete ein Licht an, setzte sich und brütete gedankenverloren vor sich hin. Da stand plötzlich wieder das Bild des weinenden jungen Weibes greifbar deutlich vor seiner Seele. Und so glühend heiß, so tief und stark war der Eindruck, so voll Liebe hatte sein Geist diese sanften und frommen Züge in sich aufgenommen und gab seine Phantasie sie ihm jetzt wieder, diese Züge, aus denen mystische Rührung und Grauen, kindliche Demut und hingebender Glaube sprachen, daß seine Augen sich verdunkelten und gleichsam Feuer seine Glieder durchströmte. Doch die Erscheinung zerrann. Dem Rausch folgte dumpfes Grübeln, dann Ärger und schließlich eine gewisse ohnmächtige Wut. Ohne sich auszukleiden, wickelte er sich in die Decke und warf sich auf sein hartes Lager ...

Ordynoff erwachte am anderen Morgen ziemlich spät und in unruhiger und niedergedrückter Stimmung. Er mußte sich nahezu Gewalt antun, um nur an seine nächstliegenden Sorgen zu denken. Als er sich dann wieder auf den Weg machte, schlug er die entgegengesetzte Richtung ein, um nur ja nicht den Weg zu gehen, den er tags zuvor gegangen war. Endlich fand er bei einem armen Deutschen, Spieß mit Namen, der mit seiner Tochter Tinchen eine Giebelstube bewohnte, ein Stübchen für seine Ansprüche. Spieß entfernte sogleich, nachdem er das Handgeld erhalten, den Mietszettel, fand Ordynoffs Liebe zur Wissenschaft, um derentwillen er ganz ungestört zu leben wünschte, sehr, sehr lobenswert und versprach zum Schluß, sich seiner recht annehmen zu wollen. Ordynoff erklärte, daß er gegen Abend einziehen werde. Als das erledigt war, wollte er sich wieder nach Haus begeben, änderte aber unterwegs seine Absicht und schlug einen anderen Weg ein: im Augenblick wurde auch seine Stimmung besser, obschon er innerlich selbst über sich lächeln mußte. Der Weg erschien ihm diesmal in seiner Ungeduld ungeheuer weit, wenigstens bedeutend weiter, als er gedacht. Endlich erreichte er die Kirche, in der er am vergangenen Abend gewesen war. Es wurde gerade die Messe gelesen. Er suchte sich einen Platz, von dem aus er fast alle Betenden sehen konnte: doch die, die er suchte, waren nicht darunter. Mit gerötetem Antlitz verließ er nach langem vergeblichem Warten die Kirche. Hartnäckig bemühte er sich, ein gewisses ungewolltes Gefühl in sich zu ersticken und zwang sich mit aller Gewalt, seine Gedanken nach seinem Willen zu lenken. Er wollte an ganz gewöhnliche Dinge denken, und da fiel ihm denn ein, daß es ja Zeit zum Mittagessen sei – und da er Hunger verspürte, ging er in dasselbe Speisehaus, in dem er tags zuvor eine Kleinigkeit genossen hatte. Dann streifte er wieder umher, ging durch unbekannte, aber belebte Straßen und dann wieder durch menschenleere Gassen, bis er sich schließlich in einer Gegend jenseits der Stadtgrenze fand, wo sich weit das herbstlich fahl gewordene Feld hinzog. Er wäre unversehens noch weiter gegangen, wenn ihn nicht die Stelle ringsum mit einem neuen, lange nicht mehr empfundenen Eindruck aus seiner Gedankenversunkenheit geweckt hätte. Es war ein trockener kalter Tag, wie sie nicht selten sind im Petersburger Oktober. Nicht allzu fern war eine Hütte zu sehen, und neben ihr zwei Heuschober. Ein kleines verhungertes Bauernpferd, dessen Rippen man fast zählen konnte, stand mit gesenktem Kopf und hängenden Lefzen, als dachte es über irgend etwas nach, abgeschirrt neben einer zweiräderigen Tarataika. Ein gewöhnlicher Hofhund, der in der Nähe eines zerbrochenen Wagenrades einen Knochen benagte, begann zu knurren, und ein etwa dreijähriger Bengel, der mit nichts weiter als einem Hemdchen bekleidet war, kratzte sich seinen weißblonden Lockenkopf und starrte verwundert den einsamen Städter an. Hinter der Hütte dehnten sich Gemüseplätze und Felder aus. Am Horizont zogen sich Streifen dunkler Wälder hin und drüber war der Himmel klar und blau. Von der anderen Seite aber zogen langsam trübe Schneewolken auf, die vereinzelte Wölkchen vor sich herschoben, als trieben sie eine Schar schwebender Zugvögel lautlos, ohne einen Schrei, ohne einen Flügelschlag, hoch oben am Himmel vorüber. Es war so ruhig und gleichsam feierlich schwermütig, alles erfüllt von einer verborgenen, atembeklemmenden Erwartung ... Ordynoff ging weiter und weiter, doch die Öde bedrückte ihn nur noch mehr. Er kehrte wieder um und ging zurück nach der Stadt, von wo jetzt fernes Kirchengeläut, das zum Abendgottesdienst rief, zu ihm drang. Er beschleunigte seine Schritte, und nach kurzer Zeit betrat er wieder die Kirche, die ihm seit dem gestrigen Tage so vertraut war.

Die junge Unbekannte war schon da.

Sie kniete nicht weit vom Eingang unter vielen anderen Betenden. Ordynoff drängte sich durch das eng beieinander stehende Volk, durch die Schar von Bettlern, alten zerlumpten Weibern, Kranken und Krüppeln, die alle bei der Kirchentür auf Almosen warteten, und kniete dicht neben ihr nieder. Seine Kleider berührten die ihrigen, er hörte ihr erregtes Atmen und das inbrünstig betende Flüstern ihrer Lippen. Wieder war ihr Antlitz von einem Gefühl hingebenden Glaubens durchgeistigt und wieder rannen Tränen aus ihren Augen und versiegten auf ihren glühenden Wangen, als hätten sie ein furchtbares Verbrechen von ihrer Seele abzuwaschen. An der Stelle, wo sie beide knieten, war es so gut wie ganz dunkel, nur hin und wieder, wenn die Flamme im Lämpchen vor dem nächsten Heiligenbilde im Winde aufflackerte, der durch eine geöffnete Zugklappe des schmalen Fensters strich, huschte zitternder Lichtschein über ihr Gesicht und jeder Zug desselben schnitt sich in das Gedächtnis des jungen Mannes ein, umflorte seinen Blick und bohrte sich unter unerträglicher Pein in sein Herz. Nur lag in der Qual zugleich auch eine trunkene Wonne, eine rasende Lust. Doch zuletzt ging dieser Zustand über seine Kraft. Er vermochte es nicht länger auszuhalten. Seine Brust erbebte vor Schmerz, und es war ihm, als verginge etwas in ihm vor unsagbar süßem Sehnsuchtsweh – ein tiefes Schluchzen erschütterte ihn plötzlich und er beugte seine heiße Stirn auf die kalten Fliesen der Kirche. Er fühlte nichts als den Schmerz in seinem Herzen, das in süßer Qual vergehen zu wollen schien.

Es wäre schwer zu sagen, was diese seine aufs äußerste gesteigerte Eindrucksfähigkeit bewirkt hatte: ob sie unaufhaltsam, wie sie durchbrach, auf das qualvoll bedrückende, erlösungslose Schweigen der langen schlaflosen Nächte zurückzuführen war, als eine Folge des oft durchlebten Zustandes, in dem ein unbewußter Drang, eine unklare Sehnsucht und das herrisch ungeduldige, ringende Streben seines Geistes ihm das Herz mit einer unausgesprochenen Qual so überfüllt hatten, daß es nun an einem Punkt angelangt war, an dem es ihn unfehlbar zerrissen hätte, wenn es nicht eine Erlösung in ebendiesem Ausbruch gefunden. Oder war einfach nur die Zeit des Ausbruches gekommen, wie alles einmal kommt, was im natürlichen Verlauf der Dinge kommen muß – wie an einem drückend schwülen Sommertage der Himmel plötzlich dunkel wird und ein Gewitterregen unter Donner und Blitz zur Erde niederrauscht, um alles, was in der Sonnenglut zu vergehen droht, von Hitze und Durst zu erlösen, um in klaren Regentropfen an smaragdenen Zweigen hängen zu bleiben, das Gras niederzudrücken und die zarten Blumenkelche zur Erde zu biegen, auf daß dann bei den ersten Sonnenstrahlen alles sich wieder erhebe, um wie befreit von neuem zur Sonne zu streben und sieghaft seinen köstlichen frischen Duft zum Himmel emporzusenden in der Freude über das erneute Leben. Dieselbe berauschende Lebenswonne, die nach dem Gewitter die ganze Natur zu empfinden scheint, jedes Blatt, das noch feucht vom Regen glänzt, jeder Blütenkelch, der unter der Last der Tropfen sich geneigt hat und nun sich wieder zur Sonne aufrichtet – dasselbe Gefühl hatte auch Ordynoff ... Nur hätte er selbst nicht zu sagen vermocht, was mit ihm geschah: so wenig, so gar nicht war er sich seiner selbst bewußt.

Deshalb bemerkte er auch nicht, wie der Gottesdienst zu Ende ging, und kam erst zu sich, als er, seiner Unbekannten folgend, sich abermals durch die Volksmenge drängte. Sie wurden immer wieder durch das hinausströmende Volk aufgehalten: dabei aber hatte sie ihn dann, beim Stehenbleiben und Warten, zum erstenmal bemerkt, hatte sich mit merklich wachsender Verwunderung wieder und wieder nach ihm umgesehen, und plötzlich, als seine Augen ihrem erstaunten hellen Blick begegneten, war sie errötet – ganz plötzlich wie in einem jähen Begreifen, das ihr die Glut ins Gesicht trieb. In demselben Augenblick aber tauchte auch schon die hohe Gestalt des Alten im Gedränge vor ihnen auf: und er nahm sie wortlos bei der Hand. Und wieder traf der Blick des Alten Ordynoff mit einem so gehässigen, boshaft spöttischen Ausdruck, daß Ordynoffs Herz plötzlich von einer ganz seltsamen rasenden Wut erfaßt wurde. In der Dunkelheit verlor er sie bald aus den Augen: er drängte sich erschrocken weiter durch die Menge, machte sich rücksichtslos Platz und trat aus der Kirche. Die Abendluft berührte ihn kalt, aber sie erfrischte ihn nicht: sie benahm ihm den Atem, beengte seine Brust und sein Herz begann langsam und stark zu schlagen, mit einer Wucht, als wolle es seine Brust zersprengen. Er suchte sie lange, mußte es aber dann doch aufgeben, da er sie nirgends mehr finden konnte: sie waren weder auf der Straße noch in der Sackgasse zu sehen. Doch zugleich entstand in ihm bereits ein Gedanke, der sich alsbald zu einem jener Pläne entwickelte, die zwar in der Regel mehr oder weniger wahnwitzig zu sein pflegen, deren Ausführung aber in solchen Fällen fast immer glänzend gelingt – ganz abgesehen davon, daß gerade diese unsinnigen Pläne am ehesten in die Tat umgesetzt werden, vernünftigere dagegen sehr oft nur Pläne bleiben.

Ordynoff begab sich am nächsten Morgen gegen acht Uhr zu jenem Hause, trat von der Gasse aus durch das Tor und befand sich auf einem schmalen, schmutzigen Hinterhof. Der Hausknecht, der dort mit einem Spaten hantierte, sah von seiner Arbeit auf, stützte sich auf den Spatenstiel, musterte Ordynoff vom Kopf bis zu den Füßen und fragte schließlich, was er hier wünsche.

Dieser Hausknecht war ein noch junger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, dabei von eigentümlich altväterischem Aussehen, klein, mit runzligem Gesicht und von offenbar tatarischer Abstammung.

„Ich suche ein Zimmer,“ sagte Ordynoff ungeduldig.

„Was für eins denn?“ fragte der Kerl spöttisch und sah ihn mit einer Miene an, als wisse er bereits um sein ganzes Vorhaben.

„Ich will hier ein Zimmer mieten.“

„Im Vorderhaus gibt’s keins,“ versetzte der Tatar etwas rätselhaft.

„Aber hier?“

„Hier auch nicht.“ Und damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

„Vielleicht gibt es doch einen Mieter, der mir eins abtreten würde?“ fragte Ordynoff und drückte dem Hausknecht ein Trinkgeld in die Hand.

Der Tatar sah ihn an, steckte das Geld in die Tasche und machte sich dann wieder etwas mit seinem Spaten zu schaffen – erst nach einigem Schweigen erklärte er nochmals: „Nein, hier gibt’s keins.“ Der junge Mann hörte ihn aber nicht mehr: er ging bereits auf den halbverfaulten schwankenden Brettern, die über eine Pfütze führten, zum einzigen Eingang des Hinterhauses, zu einer Treppe, die ebenso schmutzig war, wie das ganze Haus schmutzig aussah, und deren unterste Stufe in einer zweiten Pfütze halbwegs versank. Unten, neben dem Eingang, wohnte ein armer Sargmacher, an dessen Werkstätte Ordynoff ohne zu fragen vorüberging, um auf der halbzerbrochenen gewundenen Treppe hinaufzusteigen. Im oberen Stockwerk angelangt, fand er, mehr tastend als sehend, eine schwere Tür, die einst mit Bastmatten beschlagen gewesen war, von denen jetzt jedoch nur noch wenig mehr als einzelne Stücke an ihr hafteten. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür. Er hatte sich nicht geirrt. Vor ihm stand der Alte, den er in der Kirche gesehen, und blickte ihn mit äußerster Verwunderung starr an.

„Was willst du?“ stieß er halblaut mit rauher Stimme hervor.

„Haben Sie ein Zimmer zu vermieten?“ fragte Ordynoff, ohne eigentlich selbst zu wissen, was er sagte oder sagen wollte. Hinter dem Alten hatte er seine Unbekannte erblickt.

Der Alte sagte nichts, er bemühte sich nur, die Tür zu schließen, um Ordynoff auf diese Weise hinauszudrängen.

„Ja doch! – wir haben ein Zimmer!“ sagte da plötzlich das junge Weib mit freundlicher Stimme.

Der Alte wandte sich nach ihr um.

„Ich brauche nicht viel mehr als einen Winkel,“ sagte Ordynoff, indem er schnell eintrat und sich an das junge Weib wandte.

Doch das Wort erstarb ihm auf den Lippen: etwas Seltsames spielte sich plötzlich vor seinen Augen ab, eine stumme und doch beredte Szene. Der Alte war so leichenblaß geworden, als würde er im Augenblick ohnmächtig zusammenbrechen, und sah mit einem bleischweren, unbeweglichen, durchdringenden Blick das junge Weib an. Auch sie erblaßte zunächst, dann aber stieg ihr mit einem Male jäh das Blut ins Gesicht und in ihren Augen blitzte etwas Seltsames auf. Ohne ein weiteres Wort führte sie Ordynoff in das Nebenzimmer.

Die ganze Wohnung bestand aus einem einzigen, allerdings recht großen Zimmer, das durch zwei Scheidewände in drei Räume geteilt war. Aus dem ziemlich dunklen und schmalen Vorzimmer, in das man vom Flur aus trat, führte geradeaus eine Tür offenbar in das Schlafzimmer. Rechts von dieser führte eine andere Tür nach dem Zimmer, das vermietet werden sollte. Es war das ein schmaler, enger Raum, der durch die Scheidewand gewissermaßen an die zwei niedrigen Fenster angedrückt erschien. Überdies war er noch vollgepackt mit den verschiedensten Sachen, die nun einmal zu einem Haushalt gehören. Es war ärmlich und eng, aber doch nach Möglichkeit sauber. Die Einrichtung bestand aus einem einfachen ungestrichenen Tisch, zwei ebenso einfachen Stühlen und zwei Bettladen, die eine an der Scheidewand, die andere an der der Tür gegenüberliegenden Wand. Ein großes altertümliches Heiligenbild mit einer vergoldeten Strahlenkrone stand in der Ecke auf einem Winkelbrett und vor ihm brannte das Öllämpchen. Ein mächtiger russischer Ofen, an den sich die Scheidewand anschloß, stand zur Hälfte in diesem Zimmer, zur Hälfte im Vorzimmer. Eigentlich bedurfte es keiner Versicherung, daß diese Wohnung für drei erwachsene Menschen zu eng war.

Sie begannen, das Notwendige zu besprechen, sprachen aber so verwirrt und zusammenhanglos, daß sie einander kaum verstanden. Ordynoff, der zwei Schritte von ihr entfernt stand, glaubte ihr Herz pochen zu hören: er sah, daß sie vor Erregung und anscheinend auch vor Angst zitterte. Schließlich verständigten sie sich doch irgendwie und die Sache ward abgeschlossen. Der junge Mann erklärte, daß er sogleich einziehen wolle, und blickte sich unwillkürlich nach dem Alten um. Der war zwar immer noch bleich, aber auf seinen Lippen lag bereits ein stilles, sogar nachdenkliches Lächeln, das jedoch schnell verschwand, als er Ordynoffs Blick begegnete: sofort runzelte er wieder finster die Stirn.

„Hast du einen Paß?“ fragte er plötzlich mit lauter, rascher Stimme, indem er gleichzeitig schon die Tür zum Flur öffnete.

Ordynoff bejahte die Frage, die ihn etwas stutzig machte.

„Wer bist du?“

„Wassilij Ordynoff. Habe keine Anstellung. Lebe ganz für mich,“ antwortete er, ebenso kurz angebunden, wie der Alte in seiner rauhen Art.

„Ich gleichfalls,“ versetzte der Alte. „Ich bin Ilja Murin, Kleinbürger. Genügt dir das? – Gut, dann geh!“ ...

Innerhalb zweier Stunden war Ordynoff eingezogen, eigentlich selbst nicht weniger darüber verwundert, als es Herr Spieß und seine Tochter Tinchen waren, die nach vergeblichem Warten zu der Überzeugung kamen, daß der verschwundene Mieter sie nur habe betrügen wollen. Ordynoff freilich begriff selbst nicht, wie das alles so gekommen war, aber im Grunde wollte er es auch gar nicht begreifen.

II.

Sein Herz pochte so stark, daß er vor den Augen grüne Punkte tanzen sah, und hin und wieder erfaßte ihn ein Schwindel. Der Kopf tat ihm weh. Mechanisch machte er sich daran, sein geringes Hab und Gut auszupacken, entnahm einem Bündel, das seine Wäsche enthielt, das Notwendigste, schloß den Bücherkasten auf und begann die Bände und Schriften auf dem Tische zu ordnen. Bald aber entfiel auch diese Arbeit seinen Händen. Was er tun mochte – immer wieder erschien vor ihm das Bild des jungen Weibes, das vom ersten Augenblick an sein Herz mit so unlösbaren Banden gleichsam umkrampft hatte, – und so viel Glück war plötzlich in sein armes Leben geflutet, daß seine Gedanken wie in einem Rausch untergingen und sein Geist ganz wirr ward und er selbst nicht mehr wußte, was er wollte. Er nahm seinen Paß, um ihn dem Alten, dessen Mieter er nun geworden war, einzuhändigen – natürlich in der Hoffnung, bei der Gelegenheit sie zu sehen. Murin öffnete aber die Tür nur ein wenig, nahm den Paß in Empfang, nickte bloß und sagte „Gott mit dir!“, worauf er die Tür wieder schloß. Ein unangenehmes Gefühl überkam Ordynoff. Es wurde ihm, ohne daß er wußte warum, so schwer, diesen Alten anzusehen. In seinem Blick lag stets so etwas wie Verachtung und Bosheit. Doch der unangenehme Eindruck verwischte sich bald. Er lebte ja schon den dritten Tag wie in einem Wirbel, im Vergleich zu seinem früheren stillen Leben. Nur denken konnte er jetzt nicht, ja, er fürchtete sich förmlich davor. Alles hatte sich für ihn plötzlich verändert: er hatte die dunkle Empfindung, als sei sein Leben in zwei Hälften gebrochen und von seinen Gedanken galt kein einziger mehr der ersten Hälfte. Er empfand nur den einen Trieb, nur die eine Erwartung ...

Ohne zu wissen, wie er das Benehmen des Alten deuten sollte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Beim Ofen, in dem das Essen kochte, machte sich ein kleines, vor Alter krummes Weib zu schaffen. Sie war so schmutzig und zerlumpt gekleidet, daß man sie nur mit Widerwillen ansehen mochte. Dabei schien sie eine unglaublich böse Person zu sein. Das war die Dienstmagd. Ordynoff, der sie etwas vor sich hinbrummen hörte und ihren zahnlosen Unterkiefer sich bewegen sah, redete sie an, erhielt aber keine Antwort: es war, als schwiege sie vor lauter Bosheit. Endlich kam die Mittagsstunde. Die Alte nahm das Essen aus dem Ofen – Kohlsuppe, Pasteten und Rindfleisch – und brachte es in das andere Zimmer. Dasselbe Essen brachte sie auch Ordynoff. Nach dem Mittagessen trat in der Wohnung Totenstille ein.