Sämtliche Werke 15

Part 7

Chapter 73,691 wordsPublic domain

„Also: mein Ehrenwort, diesmal wird es ernst,“ sagte ich lachend ...

„Nun, gehen wir!“

„Gehen wir.“

„Sehen Sie den Himmel, Nasstenka, schauen Sie hinauf! Morgen werden wir einen wundervollen Tag haben ... Wie blau der Himmel ist, und sehen Sie nur den Mond! Diese kleine gelbe Wolke wird ihn gleich verdecken ... sehen Sie, sehen Sie! ... Nein, sie gleitet am Rande vorüber ... Sehen Sie doch, sehen Sie! ...“

Doch Nasstenka sah weder die Wolke, noch den Himmel – sie stand wie erstarrt neben mir und dann schmiegte sie sich plötzlich mit einer seltsamen Verzagtheit an mich, immer fester, als suche sie Schutz, und ihre Hand erzitterte in meiner Hand. Ich sah sie an ... noch schwerer stützte sie sich auf mich.

In diesem Augenblick ging ein junger Mann an uns vorüber – er sah uns scharf an, zögerte, blieb stehen und ging ein paar Schritte weiter. Mein Herz erbebte ...

„Nasstenka, wer ist das?“ fragte ich leise.

„Das ist _er_!“ flüsterte sie und klammerte sich zitternd an meinen Arm. Ich hielt mich kaum auf den Füßen.

„Nasstenka! Nasstenka! Bist du es?“ erscholl es da plötzlich hinter uns und zugleich trat der junge Mann wieder ein paar Schritte näher ...

Mein Gott, was klang aus diesem Ruf! Wie sie zusammenfuhr! Wie sie sich von mir losriß und ihm entgegeneilte! ... Ich stand und sah zu ihm hinüber, stand und sah ... Doch kaum hatte sie ihm die Hand gereicht, kaum hatte er sie in seine Arme geschlossen, da befreite sie sich schon von ihm und ehe ich mich dessen versah, stand sie wieder vor mir, umschlang mit beiden Armen fest meinen Hals und drückte mir einen heißen Kuß auf die Lippen. Dann, ohne mir ein Wort zu sagen, lief sie zu ihm zurück, erfaßte seine Hände und zog ihn fort.

Lange stand ich und sah ihnen nach ... bald waren sie meinen Blicken entschwunden.

Der Morgen.

Meine Nächte endeten mit einem Morgen. Der Tag war unfreundlich: es regnete und die Tropfen schlugen in eintöniger Wehmut an meine Fensterscheiben; im Zimmer war es düster, wie gewöhnlich an Regentagen, und draußen trübe. Mein Kopf schmerzte, mich schwindelte und das Fieber einer Erkältung schlich durch meine Glieder.

„Ein Brief, Herr, durch die Stadtpost, der Postbote hat ihn gebracht,“ sagte Matrjona.

„Ein Brief! Von wem?“

„Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, Herr, sehen Sie nach, vielleicht steht es drin, von wem er ist.“

Ich erbrach das Siegel. Der Brief war von ihr.

„Oh, verzeihen Sie, verzeihen Sie mir!“ schrieb mir Nasstenka. „Auf den Knien bitte ich Sie, mir nicht böse zu sein! Ich habe Sie wie mich selbst getäuscht. Es war ein Traum, eine Täuschung ... Der Gedanke an Sie macht mich jetzt krank vor Qual. Verzeihen Sie, oh, verzeihen Sie mir! ...

Beschuldigen Sie mich nicht, denn was ich für Sie empfand, empfinde ich auch jetzt noch: ich sagte Ihnen, ich würde Sie lieben, und ich liebe Sie auch jetzt, ja ich empfinde für Sie jetzt noch viel mehr, als Liebe. Gott, wenn ich Sie doch beide zugleich lieben könnte! Oh, wenn Sie und er doch ein Mensch wären!

Gott sieht und weiß, was ich alles für Sie tun würde! Ich weiß, daß Sie nun schwer zu tragen haben und daß Sie traurig sind. Ich habe Sie gekränkt und habe Ihnen weh getan, aber Sie wissen doch – wenn man liebt, gedenkt man der Kränkung nicht lange. Sie aber lieben mich!

Ich danke Ihnen! Ja! Ich danke Ihnen für diese Liebe. Denn in meiner Erinnerung wird sie mich durchs ganze Leben begleiten wie ein süßer Traum, den man auch nach dem Erwachen nimmer vergessen kann. Nein, nie werde ich vergessen, wie Sie mir so brüderlich Ihr Herz offenbarten und in Ihrer Güte für Ihr ganzes Herz mein krankes, verwundetes annahmen, um es mit Zartheit und Liebe zu pflegen und wieder gesund zu machen ... Wenn Sie mir verzeihen, wird die Erinnerung an Sie sich verklären durch das Gefühl ewiger Dankbarkeit, die in meiner Seele niemals erlöschen kann. Und diese Erinnerung werde ich heilig halten und nie vergessen, denn mein Herz ist treu. Es ist auch gestern nur zu dem zurückgekehrt, dem es von jeher gehörte.

Wir werden uns wiedersehen, Sie werden zu uns kommen, Sie werden uns nicht verlassen, werden ewig unser Freund sein und mein Bruder ... Und wenn wir uns wiedersehen, dann geben Sie mir Ihre Hand – ja? Sie werden Sie mir entgegenstrecken, wenn Sie mir verziehen haben, nicht wahr? Sie lieben mich doch unverändert?

Ja, lieben Sie mich, verlassen Sie mich nicht, denn jetzt liebe ich Sie so tief, weil ich Ihrer Liebe würdig sein will, weil ich sie verdienen will ... mein lieber Freund! In der nächsten Woche wird unsere Hochzeit sein. Er ist voll Liebe zu mir zurückgekehrt, er hat mich niemals vergessen ... Seien Sie nicht böse, daß ich von ihm geschrieben habe. Aber ich will mit ihm zu Ihnen kommen, und Sie werden ihn auch liebgewinnen, nicht wahr?

So verzeihen Sie mir denn und vergessen Sie mich nicht und behalten Sie lieb Ihre

Nasstenka.“

Lange las ich diesen Brief, las ihn immer wieder, und Tränen traten mir in die Augen; schließlich entfiel er meiner Hand und ich vergrub mein Gesicht in den Händen.

„Nun, Herr, sehen Sie denn gar nichts,“ hörte ich nach einer Weile Matrjonas Stimme.

„Was, Alte?“

„Nu, ich hab’ doch das Spinngewebe von überall runtergeholt, können jetzt heiraten, wenn Sie wollen, können Gäste einladen, wenn’s Ihnen einfällt, mir soll’s recht sein ...“

Ich sah sie an. Sie ist eine rüstige, noch _junge_ Alte, aber ich weiß nicht, weshalb ich sie plötzlich mit erloschenem Blick, mit tiefen Runzeln im Gesicht, alt und schwächlich vor mir zu sehen glaubte ... Ich weiß nicht, weshalb es mir plötzlich schien, daß auch mein Zimmer um ebensoviel Jahre älter geworden sei wie sie. Die Farbe der Wände sah ich verblichen, an der Zimmerdecke sah ich noch mehr Spinngewebe, als sich bisher dort angesammelt hatten. Ich weiß nicht, weshalb es mir, als ich durch das Fenster hinausblickte, schien, als ob das Haus gegenüber gleichfalls gealtert sei, trübseliger und baufälliger geworden, die Stukkatur von den Säulen abgebröckelt, die Karniese rissig und geschwärzt und die hellbraunen Wände fleckig und schmutzig.

Vielleicht war der Sonnenstrahl daran schuld, der plötzlich durch die Wolken brach, um sich gleich wieder hinter einer noch dunkleren Regenwolke zu verstecken, so daß alles noch trüber, düsterer wurde ... Oder hatten meine Augen in meine Zukunft geschaut und etwas Ödes, Trauriges in ihr erblickt, etwa mich selbst, wie ich jetzt bin, nur um fünfzehn Jahre älter, in demselben Zimmer, ebenso einsam, mit derselben Matrjona, die in all den Jahren doch um nichts klüger geworden ist ...?

Aber die Kränkung nicht verzeihen, Nasstenka, dein helles seliges Glück mit dunkeln Wolken trüben, dir Vorwürfe machen, damit dein Herz sich quäle und gräme und kummervoll poche, während es doch nichts soll als jauchzen vor Seligkeit, oder auch nur ein Blatt der zarten Blüten, die du zur Trauung mit ihm in deine braunen Locken flichst, mit rauher Hand berühren ... o nein, Nasstenka, das werde ich nie, nie! Möge dein Leben Glück sein und so hell und lieb, wie dein süßes Lächeln, und sei gesegnet für den Augenblick der Seligkeit und des Glücks, den du einem anderen einsamen, dankbaren Herzen gegeben hast!

Mein Gott! Einen ganzen Augenblick der Seligkeit! Ja, ist dann das nicht genug für ein ganzes Menschenleben? ...

Das junge Weib

I.

Ordynoff mußte sich eine neue Wohnung suchen, so ungern er es auch tat. Die Frau, bei der er bis dahin als Zimmermieter gelebt, eine arme bejahrte Beamtenwitwe, hatte sich durch unvorhergesehene Verhältnisse gezwungen gesehen, Petersburg zu verlassen, um in eine öde Provinz zu ihren Verwandten zu reisen, und zwar ganz plötzlich, noch vor Ablauf ihres Mietskontraktes. Der junge Mann, der das Recht hatte, bis zum Ersten des nächsten Monats in der Wohnung zu bleiben, dachte mit Bedauern an sein stilles Leben in den gewohnten vier Wänden und empfand ein ausgesprochenes Unbehagen bei dem Gedanken, dieses ihm lieb gewordene Zimmer nun verlassen zu müssen. Er war arm, die Wohnung übrigens für seine Verhältnisse ziemlich teuer: so nahm er denn schon am Tage nach der Abreise der Witwe kurz entschlossen seine Mütze und ging, um die Petersburger Straßen zu durchwandern, und dabei Ausschau zu halten nach Mietszetteln, die an den Haustüren angeschlagen waren, namentlich nach solchen an älteren und schlechteren Häusern und Mietskasernen, in denen er am ehesten Aussicht hatte, bei irgendwelchen armen Leuten ein Zimmer für sich zu finden.

Er suchte schon lange und war mit seinen Gedanken anfangs auch gewissenhaft bei der Sache, doch nach und nach wurde seine Aufmerksamkeit von ganz anderen, ihm bis dahin völlig unbekannten Empfindungen abgelenkt. Er begann um sich zu blicken – zunächst nur flüchtig, wie aus Zerstreutheit, ohne sich etwas Bestimmtes dabei zu denken, bald jedoch aufmerksamer und schließlich mit ausgesprochener Neugier. Die vielen Menschen um ihn her, das ganze bewegte, rastlose, lärmende Straßenleben, all das Neue, das ihm dort begegnete, die ungewohnte Umgebung – dieses ganze kleinliche Leben und alltägliche Hasten nach Erwerb, das dem im tätigen Leben stehenden, stets beschäftigten Petersburger schon so zuwider ist, daß er bis an sein Lebensende stets nach Mitteln und Wegen sucht, um sich einmal irgendwo in ein warmes Nest zurückzuziehen, sich mit sich abzufinden und zufrieden geben zu können – diese ganze schale Prosa und Langeweile erweckte jetzt im Gegenteil in Ordynoff eine seltsam still-frohe, helle Empfindung. Seine bleichen Wangen röteten sich leicht, in seine Augen trat der Glanz einer neuen Hoffnung, und fast gierig begann er, die kalte, frische Luft einzuatmen. Es wurde ihm so wundervoll leicht zumute.

Er hatte von jeher ein stilles, vollkommen einsames Leben geführt. Vor etwa drei Jahren, nachdem er sein Examen bestanden und in gewissem Sinne ein freier Mensch geworden war, hatte er eines Tages einen alten kleinen Herrn aufgesucht, den er bis dahin nur vom Hörensagen gekannt, und hatte lange gewartet, bis der galonierte Kammerdiener ihm die Ehre antat, ihn zum zweitenmal bei seinem Herrn zu melden. Dann trat Ordynoff in einen hohen, dämmerigen, öden Saal, einen jener langweiligen großen Räume, wie sie sich noch in einzelnen herrschaftlichen Häusern aus früherer Zeit erhalten haben, und erblickte in ihm einen silberhaarigen, mit Orden über und über behängten Greis, der seines Vaters ehemaliger Freund und Kollege im Staatsdienst gewesen war und der für ihn, den Sohn, die Vormundschaft übernommen hatte. Der Alte händigte ihm ein, was ihm noch zukam. Die Summe war nicht groß: der Rest einer einst wegen Schulden unter den Hammer gekommenen und noch von den Ureltern stammenden Erbschaft. Ordynoff nahm das Päckchen gleichgültig in Empfang, verabschiedete sich für immer und trat wieder auf die Straße. Es war ein Herbstabend, kalt und düster; der junge Mann war nachdenklich und eine seltsame, eigentlich ihm selbst unbewußte Traurigkeit überkam ihn. Seine Augen brannten; er fühlte, daß ihn fieberte und daß er sich erkältet hatte. Unterwegs rechnete er nach, daß er mit seinen Mitteln etwa zwei bis drei Jahre auskommen konnte, und wenn er hungerte, vielleicht sogar vier. Es dunkelte bereits, ein feiner Regen sprühte nieder und erfüllte die Luft mit einer Feuchtigkeit, die bis ins Mark drang. Er mietete im ersten besten Hause ein kleines Zimmer – eben bei jener armen Beamtenwitwe, die ihn jetzt im Stich gelassen hatte – und in einer Stunde war er auch schon eingezogen. Dort lebte er dann wie ein Einsiedler, ganz, als hätte er sich von aller Welt losgesagt. So kam es, daß er in zwei Jahren vollkommen weltfremd geworden war.

Er wurde es, ohne es selbst zu merken; und vorläufig kam es ihm auch gar nicht zu Bewußtsein, daß es noch ein anderes Leben gab – ein rauschendes, lautes, wogendes, ewig wechselndes, ewig rufendes Leben, eines, das früher oder später doch nicht zu umgehen war. Natürlich wußte er, daß es ein solches Leben gab – wie hätte er das schließlich nicht wissen sollen! – aber er kannte es nicht und suchte es niemals auf. Schon von Kindheit an hatte er einsam gelebt; doch jetzt, nachdem er herangewachsen, hatte diese Einsamkeit ihre eigene, besondere Gestalt angenommen. Ihn verzehrte eine Leidenschaft, eine von jenen tiefen, unersättlichen Leidenschaften, die das ganze Leben eines Menschen erschöpfen, und die solchen Wesen, wie Ordynoff war, keinen auch noch so geringen Platz in der Sphäre des anderen Lebens gewähren. Diese seine Leidenschaft war – die Wissenschaft. Zunächst verzehrte sie seine Jugend, nahm ihm langsam mit ihrem berauschenden Gift den Schlaf und seine Seelenruhe, nahm ihm die gesunde Nahrung und die frische Luft, die niemals Gelegenheit hatte, in seine dumpfe Stube einzudringen: doch Ordynoff gewahrte alles das gar nicht in seinem Rausche, und wollte es auch nicht gewahren. Er war jung und vorläufig verlangte er nach nichts anderem. Die Leidenschaft machte ihn der äußeren Welt gegenüber völlig zum Kinde und für immer unfähig, gewisse gute Leute zum Platzmachen zu veranlassen, wenn das einmal erforderlich sein sollte, um für sich selbst ein Unterkommen zwischen ihnen zu verschaffen. Die Wissenschaft ist für manch einen ein Kapital, das er fest in Händen hat; die Leidenschaft Ordynoffs dagegen war wie eine gegen ihn selbst gerichtete Waffe.

Es lebte in ihm mehr ein unbewußter Trieb, zu lernen, zu ergründen und Wissen in sich aufzunehmen, als daß es ganz bestimmte Gründe und Schlußfolgerungen waren, die ihn dazu veranlaßten, – und so war es bei ihm mit allem, gleichviel womit er sich nun beschäftigte, selbst mit den kleinsten Dingen. Schon als Kind hielt man ihn für einen Sonderling, da er seinen Kameraden so durchaus unähnlich war. Seine Eltern hatte er früh verloren, er erinnerte sich ihrer überhaupt nicht mehr; von den Kameraden aber mußte er wegen seines seltsamen menschenscheuen Wesens gar manche kindlichen Angriffe und Roheiten ertragen, was ihn dann erst recht menschenscheu und verschlossen machte. Doch seinen einsamen Beschäftigungen lag niemals, auch jetzt nicht, ein Plan oder gar ein System zugrunde: statt dessen leitete ihn einzig und allein die Begeisterung für die Idee, der Drang, das Fieber des Künstlers. Er schuf sich eine eigene Anschauung der Dinge; sie entwickelte und formte sich in ihm im Laufe von Jahren und in seiner Seele erstand allmählich, vorläufig noch dunkel und unklar, aber dabei doch schon wundervoll beseligend, seine neue Idee, die in einer ebenso neuen, gleichsam erleuchtenden Form Gestalt gewinnen sollte; und indem sie in dieser Gestalt aus ihm hervordrängte, peinigte, quälte, zerriß sie seine Seele. Noch fühlte er bloß schüchtern ihre Originalität, ihre Selbständigkeit und Richtigkeit, die ihm wie eine Offenbarung der Wahrheit erschien: mit allen seinen Kräften spürte er, daß es ihn zu der Schöpfung hindrängte, die sich vorerst freilich noch in ihm bildete, denn der Zeitpunkt der Gestaltung selbst war ja noch weit, vielleicht sehr weit entfernt, und vielleicht war diese Gestaltung überhaupt ganz unmöglich!

Jetzt ging er also durch die Straßen wie ein weltfremder Einsiedler, der plötzlich aus seiner stummen Einöde in eine laut lärmende Stadt geraten ist. Alles erschien ihm neu und seltsam. Er war aber dieser Welt, die hier rings um ihn wogte und rauschte, so fremd geworden, daß er nicht einmal daran dachte, sich über seine sonderbaren Empfindungen zu wundern. Es war vielmehr, als bemerke er seine Weltfremdheit selbst gar nicht; im Gegenteil, es bemächtigte sich seiner sogar eine ganz eigenartig berauschende Empfindung der Freude, ähnlich dem Gefühl, wie es ein Hungriger empfindet, wenn man ihm nach langem Fasten wieder zu essen und zu trinken gibt – obschon es natürlich seltsam erscheinen muß, daß eine so geringfügige Änderung in der äußeren Lebenslage, wie ein Wohnungswechsel, einen Petersburger, und wäre er selbst ein Ordynoff, noch derart aus dem Geleise bringen konnte. Freilich ist zu berücksichtigen, daß er all diese Jahre hindurch fast nur in seinem Zimmer verbracht hatte, und jedenfalls niemals aus einem solchen oder ähnlichen Grunde wie heute, der unbedingte Aufmerksamkeit für die Umgebung erheischte, durch die Straßen der Stadt gegangen war.

Er fand aber mehr und mehr Gefallen daran, in dieser Weise durch die Straßen zu schlendern. Alles sah er an, auf alles horchte er hin.

Doch auch jetzt las er, seiner Art getreu, zwischen den Bildern, die sein Auge sah, wie in einem Buch zwischen den Zeilen. Alles machte seinen besonderen Eindruck auf ihn und kein Eindruck entging ihm; mit denkendem Blick sah er sich die Menschengesichter an, schaute er sich hinein in die Physiognomie der ganzen Umgebung, horchte er auf das Gesumm und Gerede und den Volkston, der bisweilen an sein Ohr schlug, – ganz als hätte er die Schlüsse, zu denen er in der Stille einsamer Nächte gekommen war, jetzt an allem, worauf er stieß, auf ihre Richtigkeit hin prüfen wollen. Und manche Kleinigkeit, die andere sonst wohl übersehen, fiel ihm auf und erweckte in ihm einen neuen Gedanken, und zum erstenmal im Leben ärgerte er sich darüber, daß er sich so lange in seiner Zelle lebendig begraben hatte. Hier geschah alles viel schneller: sein Pulsschlag war voll und belebt, sein Verstand, der bedrückenden Einsamkeit entrückt, in der seine Tätigkeit fast schon mehr ein bloßes Reagieren auf den angespannten und begeisterten Willen zur Arbeit geworden war, arbeitete jetzt ganz von selbst, schnell, und doch ruhig, sicher und kühn. Und überdies empfand er fast unbewußt das Verlangen, auch sich selbst hineinzuzwängen in dieses für ihn fremde Leben, das er bisher nicht gekannt, oder das er doch nur, richtiger gesagt, mit dem Instinkt des Künstlers geahnt hatte. Unwillkürlich begann sein Herz schneller zu schlagen, fast wie in einer Art Liebessehnsucht und glühenden Mitempfindens. Immer forschender sah er die Menschen an, die an ihm vorübergingen: sie waren ihm aber alle fremd und alle mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt ... Da schwand allmählich auch Ordynoffs Sorglosigkeit: die Wirklichkeit trat näher an ihn heran, schon empfand er sie als lastenden Druck, und dann kam es über ihn wie das seltsam unwillkürliche Grauen einer großen Ehrfurcht.

Er wurde müde unter der auf ihn eindringenden Flut der neuen Eindrücke, wie ein Kranker, der freudig zum erstenmal aufgestanden ist, doch bald erschöpft vom Licht und Glanz, betäubt und schwindlig von den lauten bunten Bildern des rastlosen Lebens und den wechselnden Eindrücken die Augen schließt und niedersinkt. Bang und traurig ward ihm zumute. Er fing an, für sich zu fürchten, für seine ganze Tätigkeit und sogar für die Zukunft.

Ein neuer Gedanke raubte ihm die Ruhe: es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ja doch sein ganzes Leben lang allein gewesen war, daß es keinen einzigen Menschen gab, der ihn liebhatte, und daß auch er niemals Gelegenheit gehabt, jemanden zu lieben. Einige der Vorübergehenden, mit denen er unter irgendeinen Vorwande ein Gespräch anzuknüpfen versuchte, sahen ihn verwundert und recht sonderbar an. Es schien ihm, daß sie ihn für einen Verrückten oder zum mindesten für irgendeinen Sonderling hielten – was er ja übrigens auch war. Er erinnerte sich, daß ihm eigentlich schon von Kindheit an alle ausgewichen waren und in seiner Gesellschaft sich unbehaglich gefühlt hatten, hauptsächlich wohl seines nachdenklichen und eigensinnigen Charakters wegen. Er wußte, daß das tiefe Mitempfinden, zu dem er wohl fähig war, doch niemals ein Gefühl der seelischen Gleichheit zwischen ihm und den anderen, oder auch dem einzelnen, dem sein Mitempfinden galt, aufkommen ließ, weshalb es von allen, eben von ihrem Gefühl aus, abgelehnt wurde: und das hatte ihn denn schon als Kind unter seinen Spielgefährten gequält. Jetzt fiel es ihm wieder ein und er sagte sich, daß ihn ja tatsächlich schon von jeher und zu jeder Zeit alle Menschen gemieden, und daß man sich niemals um seine Einsamkeit gekümmert hatte.

In Gedanken versunken war er weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten, bis er schließlich merkte, daß er sich in einem vom Zentrum weit entfernten Stadtteil befand. In einem billigen und menschenleeren Speisehaus ließ er sich etwas zu essen geben und machte sich dann wieder auf den Weg. Von neuem streifte er umher, ging durch viele Straßen, über Plätze, an grauen und gelben Zäunen entlang. Dann kamen graue windschiefe Häuschen, dann wieder riesenhafte Gebäude großer Fabriken, rot, rauchgeschwärzt, unförmig mit ragenden Schloten. Dabei war die Umgebung rings doch wie ausgestorben, so verlassen, öde, düster und feindselig – wenigstens machte sie auf Ordynoff diesen Eindruck. Es wurde Abend. Aus einer langen Gasse kam er auf einen freien Platz, an dem eine Pfarrkirche lag.

In seiner Zerstreutheit ging er hinein. Der Gottesdienst war beendet und die Kirche schon ganz leer; nur zwei alte Weiber knieten noch nahe beim Eingang. Der Kirchendiener, ein altes Männlein mit silbergrauem Haar, löschte die Lichter. Die Strahlen der Abendsonne ergossen sich von oben durch ein schmales Fenster der Kuppel in einem Lichtstrom durch das Innere der Kirche bis zu einem der Nebenaltäre, den sie mit flimmerndem Glanz umwoben. Die Sonne sank und das Licht wurde immer schwächer, doch je mehr die tiefe Dämmerung unter den Gewölben dunkelte, um so leuchtender erglänzten an manchen Stellen die vergoldeten Heiligenbilder, vor denen die kleinen Flammen der Wachskerzen und Öllämpchen zuckend brannten. Ordynoff hatte sich in einer Anwandlung tiefer Schwermut, die wie ein bis dahin unterdrücktes Gefühl plötzlich aus der Vergessenheit hervorbrach und ihn nun überflutete, in der dunkelsten Ecke an die Mauer gelehnt und vergaß dort für einen Augenblick sich und alles um ihn her. Da vernahm er den dumpfen Schall von Schritten, die sich gemessen vom Eingang her näherten. Er sah auf und wandte den Kopf, kaum aber hatte er die beiden Eingetretenen erblickt, da bemächtigte sich seiner eine ganz unerklärliche Neugier. Es waren ein alter Mann und ein junges Weib. Der Alte war hoch von Wuchs, noch stramm und rüstig, aber hager und krankhaft bleich. Seinem Äußeren nach konnte man ihn für einen aus weiter Ferne angereisten Kaufmann halten. Er trug einen langen, schwarzen, mit Pelz gefütterten Mantel lose über die Schultern geworfen – offenbar ein Sonntagskleidungsstück – darunter einen gleichfalls langen, von oben bis unten zugeknöpften russischen Leibrock, wie er in alten Zeiten mit zur Nationaltracht gehörte. Um den Hals war nachlässig ein grellrotes Tuch geschlungen. In der Hand hatte er eine Pelzmütze. Ein langer schmaler, halb schon ergrauter Bart fiel auf seine Brust und unter den überhängenden buschigen Brauen glühte ein feuriger, fieberhaft erregter, dabei hochmütiger und scharfer Blick. Das junge Weib, das etwa zwanzig Jahre alt sein mochte, war bezaubernd schön. Sie trug einen hellblauen, mit kostbarem Fell verbrämten kleinen Pelz und um den Kopf ein weißes Atlastuch, das unter dem Kinn zu einem Knoten geschlungen war. Sie ging mit gesenktem Blick, und eine sinnende Hoheit, die seltsam ergreifend aus ihrer ganzen Erscheinung sprach, spiegelte sich in den zarten Linien ihrer kindlich reinen und frommen Züge wie in trauriger Verklärung wieder. Es war etwas Sonderbares an diesem unerwarteten Paar.