Part 2
Es liegt etwas unsagbar Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie im Frühling erwacht und plötzlich ihre ganze Macht offenbar und alle ihre vom Himmel verliehenen Kräfte entfaltet: wenn sie sich mit jungem weichem Laub umhüllt und mit bunten Blumen und zarten Blüten schmückt ... Dann erinnert sie mich unwillkürlich an ein sieches Mädchen, auf das man zuweilen mit Bedauern, zuweilen mit einer seltsam mitleidigen Liebe blickt oder das man zuweilen auch überhaupt nicht bemerkt, das dann aber plötzlich, auf einen Augenblick und ganz unverhofft, nahezu märchenhaft schön wird, so schön, daß man bestürzt und berauscht vor ihr steht und sich verwundert fragt: welche Macht hat in ihren traurigen, verträumten Augen dieses Leuchten erweckt? Was hat das Blut in ihre bleichen abgezehrten Wangen getrieben und läßt nun diese zarten Züge tiefe Leidenschaft widerspiegeln? Weshalb hebt sich ihre Brust? Was hat so plötzlich Kraft, Leben und Schönheit in das Antlitz des armen Mädchens gebracht, daß es in süßem Lächeln erglänzt und zu sprühendem Lachen fähig wird? Und man sieht sich im Kreise um, man sucht jemand, man beginnt zu ahnen, zu erraten ... Doch der Augenblick ist vergänglich und vielleicht morgen schon werden wir wieder dem zerstreuten, verträumten Blick begegnen, wie früher, und werden wieder das blasse Gesicht wahrnehmen und dieselbe Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen und sogar so etwas wie Reue, sogar Spuren eines lähmenden Kummers und Ärgers über dieses kurze Aufleben ... Und es tut einem leid, daß die Schönheit so schnell und unwiderruflich verwelkt ist, daß sie so trügerisch und vergeblich vor einem geleuchtet hat – leid, weil man nicht einmal Zeit gehabt, sie liebzugewinnen ...
Und doch war meine Nacht noch schöner als der Tag.
Ich kehrte erst spät in die Stadt zurück und es schlug bereits zehn, als ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte am Kanal entlang, wo zu dieser Stunde gewöhnlich keine lebende Seele zu sehen ist. Freilich lebe ich auch in einem sehr stillen entlegenen Stadtteil. Ich ging und sang, denn wenn ich glücklich bin, muß ich unbedingt irgend etwas vor mich hinsummen, wie eben jeder glückliche Mensch, der weder Freunde noch gute Bekannte hat, noch einen Menschen, mit dem er seine frohen Augenblicke teilen kann. Da nun, in dieser Nacht, hatte ich plötzlich ein überraschendes Abenteuer.
Nicht weit vor mir erblickte ich eine Gestalt in Frauenkleidern: sie stand und stützte die Ellbogen auf das Geländer des Kais und sah, wie es schien, aufmerksam in das trübe Wasser des Kanals. Sie trug ein entzückendes gelbes Hütchen und eine kokette kleine schwarze Mantille. „Das ist ein junges Mädchen und sicherlich ist sie brünett,“ dachte ich. Sie schien meine Schritte nicht zu hören, denn sie rührte sich nicht, als ich langsam mit angehaltenem Atem und laut pochendem Herzen an ihr vorüberging. „Sonderbar!“ dachte ich, „jedenfalls muß sie ganz in Gedanken versunken sein“ – und plötzlich zuckte ich zusammen und blieb wie gebannt stehen: ich hörte dumpfes Schluchzen ... Ja! ich täuschte mich nicht: das junge Mädchen weinte – nach einer Weile klang es wieder wie ein Aufschluchzen, und dann wieder. Mein Gott! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Wie befangen ich auch sonst Frauen gegenüber bin, diesmal – es waren aber auch so seltsame Umstände! ... Kurz, ich entschloß mich im Augenblick, trat auf sie zu und – würde unbedingt „Meine Gnädigste!“ gesagt haben, wenn ich nicht gewußt hätte, daß diese Anrede in allen russischen Romanen, die die höheren Gesellschaftskreise schildern, mindestens tausendmal vorkommt. Das allein hielt mich davon ab. Doch während ich noch nach einer passenden Anrede suchte, kam das junge Mädchen wieder zu sich, sah sich um, erblickte mich, schlug die Augen nieder und huschte an mir vorüber. Ich folgte ihr sogleich, was sie jedoch zu fühlen schien, denn sie verließ den Kai, überschritt die Straße und ging auf dem anderen Trottoir weiter. Ich wagte nicht, ihr dorthin zu folgen. Mein Herz zitterte wie einem gefangenen Vogel. Da kam mir ein Zufall zu Hilfe.
Auf jenem Trottoir tauchte plötzlich in der Nähe meiner Unbekannten ein Herr auf – ein Herr in zweifellos soliden Jahren, jedoch mit einer Gangart, die sich nicht gerade als solid bezeichnen ließ. Er ging wankend und stützte sich mitunter an die Häuser. Das junge Mädchen schritt indes gesenkten Blicks weiter, ohne sich umzusehen, und so schnell, wie es alle jungen Mädchen tun, die nicht wünschen, daß jemand sich ihnen nähere und sich erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu begleiten. Der wankende Herr hätte sie auch niemals eingeholt, wenn er nicht mit einer gewissen Schlauheit auf etwas Nichtvorherzusehendes verfallen wäre: ohne ein Wort oder einen Anruf, raffte er sich nämlich plötzlich auf und lief ihr möglichst leise nach. Sie ging wie der Wind, doch der Herr kam ihr schnell näher und holte sie ein – das Mädchen schrie auf, und ... ich dankte dem Schicksal für den Rohrstock, den ich in meiner Rechten hielt! Im Augenblick war ich auf der anderen Seite, im Augenblick begriff auch der Herr, um was es sich handelte, und die Vernunft siegte in ihm: er schwieg, trat zurück, und erst als wir fast schon außer Hörweite waren, protestierte er in ziemlich energischen Ausdrücken gegen meine Handlungsweise. Doch wir hörten ihn kaum.
„Nehmen Sie meinen Arm,“ sagte ich zu der Unbekannten, „dann wird er es nicht mehr wagen, Sie zu belästigen.“
Schweigend legte sie ihr Händchen, das von der Aufregung und dem Schreck noch zitterte, auf meinen Arm. Oh, du ungerufener Herr! Wie segnete ich dich in diesem Augenblick! Ich warf einen schnellen Blick auf meine Begleiterin: sie sah reizend aus und war brünett, wie ich es mir gleich gedacht hatte. An ihren dunkeln Wimpern glänzten noch Tränen – ob vom Schreck oder von dem Kummers, über den sie am Kai geweint, das lasse ich dahingestellt. Aber ihre Lippen versuchten schon, zu lächeln. Auch sie sah mich heimlich an, errötete, als ich es bemerkte, und senkte den Blick.
„Sehen Sie, nun, warum liefen Sie vorhin von mir fort? Wäre ich bei Ihnen gewesen, so wäre nichts geschehen ...“
„Aber ich kannte Sie doch nicht! Ich dachte, daß Sie ebenso ...“
„Ja, kennen Sie mich denn jetzt?“
„Ein wenig. Aber – weshalb zittern Sie?“
„Oh, da haben Sie gleich alles erraten!“ versetzte ich entzückt, denn ich glaubte aus ihrer Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß sie, die so schön war, auch klug war. „Wie Sie gleich auf den ersten Blick erkennen, mit wem Sie es zu tun haben! Es ist wahr, ich bin Frauen gegenüber befangen, und ich leugne auch nicht, daß ich mich im Augenblick erregt fühle, ebenso wie Sie vor ein paar Minuten, als jener Herr Sie erschreckte ... Auch ich fühle jetzt so etwas wie einen Schreck: die ganze Nacht erscheint mir wie ein Traum, mir, der ich es mir niemals habe träumen lassen, daß ich jemals in die Lage kommen könnte, mit einem jungen Mädchen in dieser Weise zu sprechen.“
„Was? Wirklich?“
„Mein Wort darauf; und wenn mein Arm jetzt bebt, so kommt das nur daher, daß er noch nie von einer so reizenden kleinen Hand, wie die Ihrige, berührt worden ist. Ich bin jetzt des Umgangs mit Frauen vollständig ungewohnt; das heißt, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich früher einmal einen solchen Umgang gewohnt gewesen bin. Nein, ich lebe von jeher allein und für mich ... Ich weiß nicht einmal, wie man mit ihnen spricht. Auch jetzt zum Beispiel weiß ich nicht, ob ich Ihnen nicht irgendeine Dummheit gesagt habe. Ist das der Fall, so sagen Sie es mir, bitte, ganz offen. Ich werde es Ihnen nicht übelnehmen ...“
„Nein, nein, gar nicht, im Gegenteil. Und wenn Sie schon einmal verlangen, daß ich aufrichtig sein soll, dann will ich Ihnen sagen, daß solche Befangenheit den Frauen sogar sehr gefällt. Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann will ich gleich gestehen, daß sie auch mir gefällt, und ich werde Sie nicht früher fortschicken, als bis ich bei unserem Hause angelangt bin.“
„Sie sind ja so reizend, daß ich gleich meine ganze Befangenheit verliere,“ rief ich entzückt, „und dann – lebt wohl alle meine Chancen! ...“
„Chancen? Was für Chancen, und wozu? Nein, das gefällt mir nun wieder gar nicht!“
„Verzeihung, es war mir auch nur so ... entschlüpft, ganz gegen meinen Willen! Aber wie können Sie auch verlangen, daß in einem solchen Augenblick nicht der Wunsch erwachen soll ...?“
„Zu gefallen etwa?“
„Nun ja, versteht sich. Aber seien Sie – oh, um Gottes willen, seien Sie großmütig! Bedenken Sie, wer ich bin! Ich bin schon sechsundzwanzig Jahre alt – und noch habe ich mit keinem Menschen Verkehr gehabt. Wie sollte ich da plötzlich nach allen Regeln der Kunst eine Unterhaltung anzuknüpfen verstehen? Aber Sie werden mich um so besser begreifen, wenn alles offen vor Ihnen liegt ... Ich verstehe nicht zu schweigen, wenn das Herz in mir spricht. Nun, gleichviel ... Glauben Sie mir, ich kenne keine einzige Frau, keine einzige! Ich habe überhaupt keine Bekanntschaft. Ich träume nur jeden Tag, daß ich endlich irgend einmal irgendwo doch irgend jemand treffen und kennen lernen werde. Ach, wenn Sie wüßten, wie oft ich schon auf diese Weise verliebt gewesen bin ...“
„Aber wie denn das, in wen denn?“
„Ja, in niemand, einfach in ein Ideal, das ich im Traum vor mir sehe. Ich ersinne in meinen Träumen gewöhnlich ganze Romane. Oh, Sie kennen mich noch nicht! Doch was sage ich! – natürlich habe ich mit zwei oder drei Frauen gesprochen, aber was waren denn das für Frauen? Das waren ja nur solche Wirtinnen, daß ... Aber ich will Sie lieber fröhlich machen und Ihnen etwas erzählen: Ich habe schon mehrmals die Absicht gehabt, so ganz ohne weiteres irgendeine Aristokratin auf der Straße anzureden. Selbstverständlich, wenn sie allein ist, und ebenso selbstverständlich mit aller Ehrerbietung, aber doch mit Bangen, und um ihr dann voll Leidenschaft zu sagen, daß ich so allein umkomme, und um sie zu bitten, daß sie mich nicht fortjage und daß ich sonst keine Möglichkeit habe, auch nur je irgendeine Frau kennen zu lernen. Ich würde ihr sagen, daß es sogar die Pflicht jeder Frau sei, die bescheidene Bitte eines so unglücklichen Menschen, wie ich einer bin, nicht abzuschlagen. Daß schließlich alles, um was ich sie bitte, nichts weiter sei, als daß sie mir erlaube, ihr brüderlich zwei Worte sagen zu dürfen, daß sie mir nur etwas Teilnahme zeigen und mich nicht gleich im ersten Augenblick davonjagen solle, daß sie mir vielmehr aufs Wort glauben und daß sie anhören möge, was ich ihr zu sagen wünsche, und sollte sie mich auch auslachen, gleichviel! – aber daß sie mir wenigstens etwas Hoffnung geben und mir zwei Worte sagen müsse, nur zwei Worte, damit würde ich mich zufrieden geben, und sollten wir uns auch nie wiedersehen! ... Aber Sie lachen ... Übrigens rede ich ja auch nur deshalb ...“
„Seien Sie mir nicht böse. Ich lache, weil Sie ja Ihr eigener Feind sind ... wenn Sie es versuchten, so würde es Ihnen schon gelingen, und wäre es auch auf der Straße: je einfacher, desto besser. Kein einziges Mädchen, wenn sie nur nicht schlecht oder dumm ist oder in dem Augenblick gerade sehr geärgert über irgend etwas, würde es übers Herz bringen, Sie fortzuschicken, ohne Ihre zwei Worte anzuhören – wenn Sie so bescheiden darum bitten ... Doch nein, was sage ich! Natürlich würde sie Sie für einen Verrückten halten! Im übrigen habe ich da nach meinem Empfinden geurteilt. Ich weiß doch auch ein wenig, wie die Menschen sind.“
„Oh, ich danke Ihnen,“ rief ich, „Sie wissen nicht, was Sie mir mit Ihrer Antwort gegeben haben!“
„Gut, gut! Aber sagen Sie mir, woran haben Sie es erkannt, daß ich ein Mädchen bin, mit dem man ... nun, das Sie für würdig halten ... Ihrer Aufmerksamkeit und Freundschaft ... Mit einem Wort, keine Hauswirtin, wie Sie sagten ... Warum entschlossen Sie sich, sich gerade mir zu nähern?“
„Warum? Warum! Sie waren allein, jener Herr benahm sich so dreist und jetzt ist es Nacht: da werden Sie doch zugeben, daß es meine Pflicht war ...“
„Nein, nein, vorher, dort, auf der anderen Seite, am Kai. Da wollten Sie sich mir doch schon nähern?“
„Dort, auf jener Seite? Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll ... Ich fürchte ... Ja sehen Sie, ich war heute so glücklich: ich ging und sang, ich war draußen vor der Stadt ... ich habe mich noch nie so glücklich gefühlt. Sie dagegen ... aber vielleicht schien es mir nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie daran erinnere – es schien mir, daß Sie weinten, und ich ... ich vermochte das nicht mitanzuhören ... es preßte mir das Herz zusammen ... Mein Gott, konnte ich Ihnen denn nicht helfen? Durfte ich nicht Ihren Kummer teilen? War es denn Sünde, daß ich brüderliches Mitleid mit Ihnen empfand? ... Verzeihen Sie, ich sagte Mitleid ... Nun gleichviel, mit einem Wort – konnte es Sie denn beleidigen, wenn ich da unwillkürlich das Verlangen empfand, mich Ihnen zu nähern? ...“
„Schon gut, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter ...“ unterbrach mich das Mädchen. Sie sah verwirrt zu Boden und ich fühlte, wie ihre Hand zuckte. „Es ist meine Schuld, daß ich überhaupt davon anfing. Aber es freut mich, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe ... So, jetzt bin ich gleich zu Hause, ich muß hierher in die Querstraße, nur noch zwei Schritte ... Leben Sie wohl, und ich danke Ihnen ...“
„Ja, sollen wir uns denn wirklich niemals wiedersehen? ... Soll das denn schon das Ende sein?“
„Sehen Sie, wie Sie sind!“ sagte sie lachend, „anfangs wollten Sie nur zwei Worte reden, und jetzt! ... Übrigens will ich nichts verschwören ... Vielleicht werden wir einander noch begegnen ...“
„Ich werde morgen wieder hier sein,“ sagte ich schnell. „Verzeihen Sie, ich fordere bereits ...“
„Ja, Sie sind recht ungeduldig ... fast fordern Sie bereits ...“
„Hören Sie, hören Sie!“ unterbrach ich sie, „verzeihen Sie, wenn ich Ihnen wieder irgend so etwas sage ... Aber sehen Sie: ich kann nicht anders, ich muß morgen hierherkommen. Ich bin ein Träumer, ich kenne so wenig wirkliches Leben, und einen solchen Augenblick, wie diesen, erlebe ich so selten, daß es mir ganz unmöglich wäre, ihn mir in meinen Träumen nicht immer wieder zu vergegenwärtigen. Von Ihnen werde ich jetzt die ganze Nacht träumen, die ganze Woche, das ganze Jahr! Ich werde unbedingt morgen hierherkommen, gerade hierher, wo wir jetzt stehen, und um dieselbe Zeit, und ich werde glücklich sein in der Erinnerung an die heutige Begegnung. Schon jetzt ist mir diese Stelle hier lieb. So habe ich noch zwei oder drei andere Stellen in Petersburg, die mir lieb sind. Ich habe einmal sogar geweint, ganz wie Sie vorhin, als plötzlich eine Erinnerung in mir erwachte ... Vielleicht haben Sie heute dort am Kai gleichfalls nur deshalb geweint, weil eine Erinnerung über Sie kam ... Verzeihen Sie, ich habe wieder davon gesprochen! Sie waren dort vielleicht einmal ganz besonders glücklich ...“
„Nun gut,“ sagte das Mädchen plötzlich, „also hören Sie: ich werde morgen auch hierherkommen, um zehn Uhr. Ich sehe, daß ich es Ihnen doch nicht verwehren kann ... Aber Sie wissen noch nicht, um was es sich handelt – ich muß nämlich sowieso unbedingt hierherkommen. Denken Sie deshalb nicht, daß ich Ihnen ein Stelldichein gebe. Ich muß vielmehr aus einem ganz besonderen Grunde und in meinem eigenen Interesse hierherkommen, damit Sie’s wissen. Aber ... nun gut, ich will ganz aufrichtig sein: es tut nichts, wenn auch Sie kommen. Erstens könnte es wieder eine Unannehmlichkeit geben, wenn ich allein bin, wie heute, aber das ist nicht so wichtig ... Nein, kurz, ich würde Sie gern wiedersehen, um ... um ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nur, sehen Sie, Sie werden mich doch jetzt nicht verurteilen? Denken Sie deshalb nicht, daß ich so leicht ein Stelldichein gebe ... Ich würde es auch nicht tun, wenn nicht ... Nein, das mag noch mein Geheimnis bleiben! Aber zuvor eine Bedingung ...“
„Eine Bedingung?! Sagen Sie, sprechen Sie es aus – ich bin mit allem einverstanden, bin zu allem bereit!“ rief ich förmlich begeistert. „Ich stehe für mich ein – ich werde gehorsam, werde ehrerbietig sein ... Sie kennen mich –“
„Gerade deshalb, weil ich Sie kenne, fordere ich Sie auch für morgen auf,“ sagte das Mädchen lachend. „Ich kenne Sie bereits ganz genau. Aber wie gesagt, kommen Sie nur unter einer Bedingung: seien Sie so gut und erfüllen Sie meine Bitte, ja? Sie sehen, ich rede ganz offen: Also: daß Sie sich nicht in mich verlieben ... Das darf nicht geschehen, auf keinen Fall. Zur Freundschaft bin ich herzlich gern bereit, hier, meine Hand darauf ... Aber verlieben, nein, nur das nicht, ich bitte Sie!“
„Ich schwöre Ihnen,“ rief ich und ergriff ihre Hand.
„Schon gut, schwören Sie nicht, ich weiß ja doch, daß Sie fähig sind, sich wie Pulver zu entzünden. Verübeln Sie es mir nicht, wenn ich Ihnen so etwas sage. Aber wenn Sie wüßten ... Ich habe auch keinen Menschen, mit dem ich ein Wort sprechen oder den ich um Rat fragen könnte. Natürlich sucht man im allgemeinen seine Ratgeber nicht auf der Straße, aber Sie sind eine Ausnahme. Ich kenne Sie schon so gut, als wären wir zwanzig Jahre Freunde. Nicht wahr, Sie sind doch kein Ungetreuer, Sie werden Ihr Versprechen doch halten? ...“
„Sie werden sehen, Sie werden sehen ... nur freilich, wie ich die nächsten vierundzwanzig Stunden überleben soll, das weiß ich nicht!“
„Schlafen Sie so fest wie möglich. Und nun, gute Nacht – und vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen schon mein Vertrauen geschenkt habe. Aber es war so hübsch, was Sie vorhin sagten, und Sie haben recht, man kann einander doch wirklich nicht über jedes Gefühl Rechenschaft geben, und wenn es auch nur brüderliches Mitgefühl ist! Wissen Sie, das sagten Sie so lieb, daß mir sogleich der Gedanke kam, mich Ihnen anzuvertrauen ...“
„Ja, aber worin denn?“
„Morgen sag’ ich’s Ihnen. Bis dahin mag es noch mein Geheimnis bleiben. Um so besser für Sie: das Ganze wird so wenigstens wirklich wie ein Roman aussehen. Vielleicht werde ich es Ihnen schon morgen sagen, vielleicht aber auch morgen noch nicht ... Ich werde mit Ihnen vorher noch von anderem sprechen: wir müssen uns erst näher kennen lernen ...“
„Oh, was mich betrifft, so erzähle ich Ihnen morgen meinetwegen alles von mir! Aber was ist das nur? Mir kommt es vor, als geschehe ein Wunder mit mir ... Wo bin ich, mein Gott?! So sagen Sie doch, sind Sie nun wirklich nicht ungehalten darüber, daß Sie mich nicht gleich zu Anfang fortgeschickt haben? Es waren nur zwei Minuten: und Sie haben mich für immer glücklich gemacht. Ja, glücklich! Wer weiß, vielleicht haben Sie mich sogar mit mir selbst versöhnt und alle meine Zweifel aufgehoben ... Vielleicht habe ich Augenblicke ... Ach nein, morgen erzähle ich Ihnen alles, dann werden Sie alles erfahren, alles ...“
„Gut, abgemacht! Und Sie erzählen zuerst.“
„Einverstanden.“
„Dann also auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“
Wir trennten uns. Ich lief noch die ganze Nacht umher: ich konnte mich nicht entschließen, nach Haus zurückzukehren. Ich war so glücklich ... ich dachte nur an dieses Wiedersehen!
Die zweite Nacht.
„Da hätten wir’s also glücklich überlebt!“ sagte sie zum Gruß und drückte mir lachend beide Hände.
„Ich bin schon seit zwei Stunden hier. Sie wissen nicht, wie ich den Tag verbracht habe.“
„Ich weiß, ich weiß ... Doch zur Sache! Was meinen Sie wohl, weshalb ich hergekommen bin? Doch nicht, um solchen Unsinn zu reden, wie gestern! Nein, hören Sie mich an: wir müssen hinfort klüger sein. Ich habe mir das reiflich überlegt.“
„Warum denn, warum denn klüger? Ich meinerseits bin ja gern dazu bereit: nur ist mir sowieso schon in meinem Leben nichts Klügeres geschehen, als gestern ...“
„Wirklich? Aber hören Sie – erstens bitte ich Sie, meine Hände nicht so zu drücken; und zweitens teile ich Ihnen mit, daß ich heute lange über Sie nachgedacht habe.“
„Nun, und? Was war das Ergebnis?“
„Das Ergebnis? Ich kam zu der Einsicht, daß wir von neuem anfangen müssen, denn zum Schluß sagte ich mir doch, daß ich Sie ja noch gar nicht kenne und daß ich mich gestern recht wie ein Kind, wie ein ganz kleines Mädchen benommen habe. Dabei stellte es sich aber heraus, daß an allem natürlich nur mein gutes Herz schuld war, das heißt, ich habe zum Schluß vor mir selbst ordentlich groß getan, wie das ja zu guter Letzt immer geschieht, wenn wir uns über uns selbst Rechenschaft geben. Und deshalb, um den Fehler wieder gutzumachen, habe ich mir vorgenommen, zunächst alles über Sie ganz genau in Erfahrung zu bringen. Da ich nun aber niemand kenne, bei dem ich mich nach Ihnen erkundigen könnte, so müssen Sie selbst mir alles erzählen, aber auch alles und ganz ausführlich. Nun also: was für ein Mensch sind Sie? Schnell – so fangen Sie doch an, erzählen Sie Ihre Geschichte!“
„Geschichte?“ rief ich erschrocken, „meine Geschichte? Aber wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich eine Geschichte habe? Ich habe keine Geschichte ...“
„Ja – Wie haben Sie denn überhaupt gelebt, wenn Sie keine Geschichte haben?“ fragte sie lachend.
„Oh, ganz ohne jede Geschichte! Also, ich habe eben gelebt, für mich allein, wie man bei uns zu sagen pflegt, eben ganz allein, immer allein, vollkommen allein – wissen Sie, was das heißt, ‚allein‘?“
„Aber wie denn: allein? So, daß Sie niemals jemand gesehen haben?“
„O nein, gesehen – das schon. Aber trotzdem war ich immer allein.“
„Ja wie, ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie denn mit keinem Menschen?“
„Strenggenommen – mit keinem einzigen.“
„Aber was sind Sie denn für ein Mensch, erklären Sie mir das doch. Nein! Warten Sie, ich errate es schon von selbst: Sie haben ganz sicher auch eine Großmutter, genau wie ich. Die meinige ist blind, wissen Sie, und nun läßt sie mich ihr Lebtag nicht von sich fort, so daß ich fast schon zu sprechen verlernt habe. Als ich ihr nämlich vor zwei Jahren einen kleinen Streich spielte und sie einsehen mußte, daß sie kein Mittel hatte, solchen Streichen vorzubeugen, da rief sie mich zu sich und steckte mein Kleid mit einer Stecknadel an das ihrige – und so sitzen wir denn seitdem tagaus tagein nebeneinander. Sie strickt ihren Strumpf, obschon sie blind ist; ich muß neben ihr sitzen, nähen oder ihr aus einem Buch vorlesen – ... oh, oft kommt es mir selbst ganz sonderbar vor, daß ich nun schon zwei Jahre lang in dieser Weise angesteckt bin ...“
„Mein Gott, das muß allerdings furchtbar sein! Aber ich, ich habe keine solche Großmutter.“
„Dann begreife ich nicht, wie Sie immer zu Hause sitzen können?“
„Hören Sie, Sie wollten ja wissen, wer ich bin?“
„Allerdings!“
„Im Ernst?“
„Natürlich!“
„Gut. Ich bin also: ein – Typ.“
„Was? Ein Typ? Was für ein Typ?“ fragte das Mädchen verwundert und lachte dann so herzlich, als habe sie ein ganzes Jahr lang nicht gelacht. „Aber ich sehe schon, es ist riesig lustig, sich mit Ihnen zu unterhalten! Warten Sie: dort ist eine Bank, setzen wir uns! Hier geht kein Mensch vorüber, niemand kann uns hören. So, nun fangen Sie an mit Ihrer Geschichte! Denn, daß Sie keine haben, glaube ich Ihnen nicht. Sie haben eine, Sie wollen sie nur nicht erzählen. Aber zuerst sagen Sie mir, was ist ein Typ?“
„Ein Typ? Ein Typ ist ein – Original. Das ist so ein komischer Kauz,“ erklärte ich, und mußte gleichfalls lachen. „Es gibt nun einmal solche – wie soll ich sagen – Charaktere. Sie wissen doch, was ein Träumer ist?“
„Ein Träumer? Natürlich! Ich bin selbst eine Träumerin! Manchmal, wenn man so neben Großmutter sitzt – was kommt einem da nicht alles in den Sinn! Fängt man erst einmal an, zu träumen, so spinnen sich die Träume bald von selbst weiter und da kommt es denn vor, daß ich in der Phantasie einfach einen chinesischen Prinzen heirate ... Mitunter ist es auch ganz gut – zu träumen. Nein, übrigens, weiß Gott! Namentlich wenn man auch noch sein anderes hat, woran man denken kann ...“ schloß das Mädchen unvermittelt und diesmal ziemlich ernst.
„Vortrefflich! Wenn Sie einmal einen chinesischen Prinzen geheiratet haben, dann werden Sie mich vollkommen verstehen! Also hören Sie ... Doch erlauben Sie: ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen.“