Part 1
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck
Übertragen von E. K. Rahsin
Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band
F. M. Dostojewski
Helle Nächte
Vier Novellen
R. Piper & Co. Verlag, München, 1920
R. Piper & Co. Verlag, München, 1920 Siebentes bis zwölftes Tausend
Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München
Inhalt
Einleitung VII Vorbemerkung XV Helle Nächte 1 Das junge Weib 99 Ein schwaches Herz 243 Ein Roman in neun Briefen 317
Dostojewski, Petersburg und die Schönheit der Stadt
Die hellen Nächte sind die Lyrik des Nordens. In ihrem Lichte, in der geisternden Unwirklichkeit des finnischen Sumpfes, dort, wo Norden und Osten sich treffen, hat Peter seine Stadt gegründet. Und in dem Od dieser Stadt hat Dostojewski seine Menschen gesehen, Petersburger Menschen, die in dem Widerspruche leben müssen, daß sie als Russen wirkliche und als Europäer unwirkliche Menschen sind. Es ist nicht das Licht des reinen Nordens, das vom Pol kommt und in der Arktis seine harten elektrischen Phänomene empfängt. Es ist nicht das mythische Licht der Edda, in dem die Gestirne wie Runen am Himmel stehen und unter dem von einem großen Magus das Buch von der Welt aufgeschlagen wurde. Es ist auch nicht das Licht jener klaren dualistischen Nacht, in der Kant den bestirnten Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm in Ehrfurcht bewundern lernte. Es ist vielmehr die Macht der finnischen Zauberer, die Kalews Söhne durchbrachen und in der Wanemuine sang: das Licht einer weicheren Helle, in der die Fläche der unendlichen Steppe zwischen Kaukasus und Skandinavien gen Norden zurückgeschlagen wurde. Es ist das Stadtlicht einer Halbhelle, in der die Menschen unsicher gehen, wie Schatten auftauchen, wie Schatten verschwinden, ohne Willen, wie ihn nur einmal Peter an dieser Stelle hatte, aber dafür mit einer äußersten Verinnerlichung, die Dostojewski hier in einer schrecklichen alltäglichen strindbergischen Wirklichkeit aufdeckte.
Der erste Eindruck von Petersburg ist die Häßlichkeit seiner Menschen. Die finnische Urbevölkerung scheint in grauen und unscheinbaren Verkümmerungen fortzuleben. Die Verbindung zu einer neuen Stadtrasse mißlang und in zweihundertjähriger Großstadtinzucht wurde ein Bastardgeschlecht erzeugt, das in der Luft feuchter Stuben in naturlosem Nebelleben vollends verdarb. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch den Gegensatz, daß so viel fade und verdächtige Hübschheit sich hineinmischt, Schönheit, die aus polnischer, grusinischer und wer weiß welcher orientalischen Rasse stammt und hier auf ihren verweichlichten Rest zurückgeführt wurde: Schönheit ganz kleiner spitzer glatter Züge, die doppelt widerlich am Manne ist und über die auch der selbstgefällige Bart eines Würdenträgers nicht hinwegzutäuschen vermag. Wohl sieht man auch Erscheinungen: sieht Rasse zwischen Entrassung. Im Wagen oder Schlitten fährt eine glücklichere Gesellschaft vorüber, die in russischer Ungebundenheit gepflegteste Westlichkeit nachahmt. Doch die Menge ist ohne Bodenständigkeit, haltlos in sich, und auf den Straßen sieht man allenthalben diese leidenden Menschen mit dem Ausdruck von Krankheit, Verlebtheit, Verbrechen: Menschen, denen man alle Laster zutraut, worunter Spitzeltum und Bestechlichkeit, als die amoralischen Grundlagen der russischen Gesellschaft wie des russischen Staates im Volke, noch die gewöhnlichsten und von beinahe bürgerlicher Selbstverständlichkeit sind. Nirgendwo sonst gibt es diese mageren rachitischen Gestalten, diese fahlen hektischen Gesichter, verkümmert durch Not oder durch Ausschweifung, diese zweideutigen Mienen von Winkel- oder Kellermenschen, diesen Zug eines schlechten und doch gleichgültigen Gewissens auf einem gestempelten Gesicht. Abgearbeitetes und schlechtentlohntes Beamtentum mischt sich mit einer mißverstandenen und übertriebenen Halbwelteleganz. Verkommene sind da, von denen man nicht weiß, ob es Schwärmer sind, Ideologen in Entsagung, oder Zuchthäusler in Scheuheit und Frechheit zugleich. Es ist ein Fluch über dieser Stadt: Erbe einer großen Bestimmung auf unsicherem Grunde zu sein, in Entwurzelung und Ziellosigkeit, Erbe des petrinischen Irrtums und Verhängnisses, daß es in Rußland nie eine petrinische Nachfolge in Ebenbürtigkeit geben sollte. Doch immer wieder warf das Land seine Menschen in diese Stadt, Bauern, die hier zu Industriearbeitern wurden, Popensöhne, die als Nihilisten anfingen, um als Kanzlisten zu enden. Man glaubt sie noch herauszukennen, diese Generation der zuletzt Angekommenen. Und an einem Soldaten, an einem Dwornik, oder an diesen herrlichen Kutschern mit den prallen Pelzröcken, diesen steifen ausgestopften breitbärtigen Riesenpuppen, die mit der Würde von Königen die Gesellschaft über den Newskij fahren, erkennt man plötzlich, was Rasse auch hier ist, großrussische Rasse, tatarische Rasse, volklich, eigentümlich, ursprünglich, dort hinten, um Moskau, weit in Rußland.
In dieser belasteten und verdorbenen, dieser unfertigen und doch schon frühalten Stadtbevölkerung, die Peter aufeinander angewiesen hatte und die seitdem von dem Staate in einer fahrlässigen und doch wieder großzügigen Ordnung zusammengehalten wurde, während sie selbst vorwiegend durch Betrug mit sich und dem Staate auskam – in ihr entdeckte Dostojewski den Menschen. Puschkin und Lermontoff hatten den romantischen Helden entdeckt, den byronischen Jüngling mit skeptischen und ironischen, aber auch mit heroischen und enthusiastischen Zügen, der freilich der Gesellschaft, nicht dem Volke angehörte, und hatten ihn mit Gestalten der Nation, der Sphären der Armee und Beamtenschaft, der Kleinbürger und Bauern nur umgeben. Dostojewski dagegen entdeckte den seelischen Menschen, die Tragödie der Unscheinbarkeit, die im Unbemerkten, in einem Mensch-für-sich-sein dahinlebte, und entdeckte, daß er voll von rührenden oder erschütternden inneren Werten war. Er tat es moralisch, mit einer leisen Beinote des Sozialen, in seinen Jugendwerken, von den „Armen Leuten“ bis zu den „Erniedrigten und Beleidigten“, und schließlich religiös, nachdem ihn seine sibirische Zeit mit den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft und dieses Staates zusammengebracht und er selbst im Dulden die Erlösung von allen russischen und petersburgischen Leiden erlebt hatte, in den Heilandgestalten seiner großen Romane. Er tat es wohl auch humoristisch, indem er zu der Allmenschlichkeit, mit der er diesen Leiden in Güte begegnete, die behäbige oder verdrehte Allzumenschlichkeit fügte, die versöhnend in den Menschen selbst lag, oder die er hineinlegte. Und er tat es schließlich lyrisch, mit einer Behutsamkeit der tiefen Empfindung, aber auch der schwebenden Form, indem er die beseligte und beseligende Schönheit offenbar machte, die ihr Leben in der Armut seiner Geschicke und in der Häßlichkeit seiner Umgebung von innen erleuchtete. Die Menschen selbst wurden schön. Mädchen wurden reizend. Jünglinge erhielten, obwohl sie Petersburger blieben, frische Knabenhaftigkeit zurück. Und ein paar Alte bekamen die würdige Schönheit von Philemon und Baucis. Es war nicht klassische, nicht romantische Schönheit, sondern russische und seelische Schönheit, die sich von dem Nerv der Gefühle unmittelbar auf die Linie des Körpers übertrug, auf die Farbe des Ausdrucks, auf die Liebenswürdigkeit der Gestalt. Es war nicht moralische Schönheit im Sinne Kants, der aus der Schönheit eine Tugend gemacht hatte, jenes immer etwas umständliche Symbol des Sittlich-Guten, das man erst mit dem Verstande erfassen muß, ehe man es am Menschen entdecken kann. Es war eine ganz persönliche Schönheit, ohne Umwege, ohne Symbolik, in sich selber kniend, eingeboren in Worten und Handlungen.
Zugleich entdeckte Dostojewski die Schönheit von Petersburg. Puschkin hatte ihr Pathos besungen, die Stadt des ehernen Reiters, die Nadel der Admiralität, den Granit der Newakais, die schreckende Nähe der Peterpaulsfeste, in deren Kirche die Romanoffs ruhen, der kriegerischen Stätte, deren Kanonen alle Ereignisse in der Dynastie und die Taten des Heeres donnernd über den Fluß verkündeten. Petersburg war immer schön, solange es petrinisch blieb. Aber zwischen Puschkin und Dostojewski lag die Entwicklung von der Residenz, die auch in ihren Furchtbarkeiten und Geheimnissen noch vornehm war, zu der grauen und grausamen Großstadt, in der die Menge die weiten Straßenzüge und hohen Mietshäuser zu füllen begann. Nun mußte die weiße Magie der Natur, atmosphärisches Licht und vibrierende Stimmung, die Schönheit des Alltags ersetzen, die Dostojewski, je länger er in ihr lebte, um so stärker empfand. Er hat Petersburg wohl auch mit harten, mit verfluchenden Worten bedacht. Aber er hat die Stadt doch immer wieder geliebt, ja die Liebe zu ihr, die Tatsache, daß er sie lieben konnte, teilte sich ihr selbst mit, wurde durch ihn zur Schönheit an ihr. Es war nicht ihr Stil, den er an ihr so liebte. Er scheint ihn gar nicht gekannt, gar nicht bemerkt zu haben. Dostojewskis Liebe zu Petersburg war unarchitektonisch, rein sensibel. Die majestäthaften Baulichkeiten, die immer der Ruhm der Zaren in dieser Stadt bleiben, werden niemals erwähnt, und nichts deutet darauf hin, daß er überhaupt wußte, daß Petersburg die Stadt eines großartigen Klassizismus und großer Klassizisten, der Sacharoff und Woronichin ist. Aber Dostojewski hat dafür jedes einzelne Haus geliebt und geliebkost. Er scheint mit allen vertraut und befreundet gewesen zu sein, und mit den unscheinbarsten am innigsten. An einer besonders schönen Stelle der „Hellen Nächte“ schildert er einmal, ganz in der treuherzigen Weise bunter russischer Märchen, wie in einer Straße, durch die ihn sein Weg des öfteren führt, jedes einzelne Haus vortritt und ihm sein neuestes Schicksal erzählt. Es war mit den Häusern von Petersburg wie mit den Menschen bei Dostojewski. Er belebte die Häuser menschlich, gab ihnen eine seelische Schönheit, wie es seelische Leidenschaften waren, in denen er seine Menschen leben ließ. Man empfindet diese Geistigkeit doppelt, wenn einmal, wie es in der Erzählung von dem „jungen Weibe“ geschah, südliche und sinnliche Schönheit, südliche und sinnliche Leidenschaft, wenn Menschen von Südrußland, von der Wolga, vom Schwarzen Meere sich in dieses Nebelland und in diese Nebelstadt verirren. Dann verbindet sich der Mythe die Kabbala, und der Dithyrambos einer dunkleren Romantik klingt in die helle Lyrik dieser nordisch-phantastischen Überwirklichkeit. Dann wird Petersburg zu Rußland, und auf den Straßen, die zu seiner Hauptstadt führen, ziehen seine Völker heran, um sich in dieser einsamen grausamen frierenden Schönheit von Petersburg zu verlieren, die sie mit ihrem kalten Lichte aufnimmt und die doch eine so innige Schönheit ist, daß ihr Dichter die Häuser und die Herzen mit der gleichen Liebe umfangen kann.
M. v. d. B.
Vorbemerkung
Der Band enthält die drei kürzeren Petersburger Novellen, die Dostojewski nach dem großen Erfolge der „Armen Leute“ zu Ende der vierziger Jahre geschrieben hat und die in der literarischen Zeitschrift „Vaterländische Annalen“ erschienen.
Dem Bande ist eine kleine Halbhumoreske „Ein Roman in neun Briefen“ hinzugefügt, die in der Zeit der „Hellen Nächte“ mit entstand: als das erste Stück Prosa mit komischem Unterton, in dem sich Dostojewski versuchte, und das so hinüberleiten mag zu seiner nächsten größeren Arbeit, dem Humoreskenroman „Das Gut Stepantschikowo“, den der folgende Band der Ausgabe bringt.
E. K. R.
Helle Nächte
Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers
„... Oder ward er nur erschaffen, um eine kleine Weile lang Deinem Herzen nah zu sein? ...“
Iwan Turgenjeff.
Die erste Nacht.
Es war eine wundervolle Nacht – eine Nacht, wie wir sie vielleicht nur sehen, wenn wir jung sind, mein lieber Leser. Der Himmel war so tief und nachthell, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte, ob denn wirklich unter einem solchen Himmel böse und launische Menschen leben können? Das ist nun freilich eine Frage, auf die man nur in jungen Jahren verfallen kann, nur in sehr jungen sogar, mein lieber Leser! Doch möge der Herr sie öfter in Ihrer Seele erwecken! ... Während ich noch in dieser Weise an die verschiedensten Menschen dachte, mußte ich mich unwillkürlich auch meiner eigenen löblichen Aufführung an diesem Tage erinnern. Schon vom Morgen an hatte mich eine wunderliche Stimmung bedrückt. Ich hatte die Empfindung, daß ich, der ohnehin Einsame, von allen verlassen wurde, daß alle sich von mir zurückzogen. Natürlich hat jetzt ein jeder das Recht, mich zu fragen: ja, wer sind denn diese „alle“? Lebe ich doch bereits das achte Jahr in Petersburg und habe trotzdem noch so gut wie keine einzige Bekanntschaft zu machen verstanden. Wozu brauchte ich auch Bekannte? Ich bin sowieso schon mit ganz Petersburg bekannt. Eben deshalb schien es mir aber, als ob alle mich verließen, als ob sich jetzt ganz Petersburg aufmachte, um in die Sommerfrische zu gehen. Mir wurde es fast unheimlich, allein zu bleiben, und drei Tage lang strich ich tief bekümmert in der Stadt umher, entschieden unfähig zu begreifen, was in mir vorging. Auf dem Newskij, im Sommergarten, an den Kais war kein einziges von den Gesichtern zu sehen, denen ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an derselben Stelle zu begegnen pflegte. Die Betreffenden kennen mich natürlich nicht, aber ich – ich kenne sie. Ich kenne sie sogar ganz genau: ich habe ihre Physiognomien studiert und freue mich, wenn sie froh sind, und fühle mich verstimmt, wenn sie betrübt sind. Ja ich kann sogar sagen, daß ich einmal fast eine Freundschaft geschlossen hätte: das war mit einem alten kleinen Herrn, dem ich jeden Tag, den Gott werden ließ, zur selben Stunde an der Fontanka begegnete. Er hatte eine so wichtige, nachdenkliche Miene und sein Unterkiefer bewegte sich immer, ganz so als kaue er etwas, der linke Arm schlenkerte ein wenig und in der rechten Hand hatte er einen langen Knotenstock mit einem goldenen Knopf. Auch er hatte mich bemerkt und nahm seitdem innigen Anteil an mir. So bin ich überzeugt, daß er, wenn er mich einmal nicht zur gewohnten Stunde an der gewohnten Stelle der Fontanka treffen sollte, sich gleichfalls entschieden verstimmt fühlen würde. Deshalb fehlte denn auch nicht viel, daß wir uns grüßten, namentlich wenn wir beide bei guter Laune waren. Vor kurzem noch, als wir uns ganze zwei Tage nicht gesehen hatten und dann einander am dritten Tage begegneten, hätten wir schon beinahe an die Hüte gegriffen, besannen uns aber zum Glück noch rechtzeitig, ließen die Hände sinken und gingen mit sichtlich anteilnehmender Zuvorkommenheit aneinander vorüber.
Ich bin auch mit den Häusern bekannt. Wenn ich so gehe, dann ist es, als laufe jedes, sobald es mich erblickt, ein paar Schritte aus der Front und sehe mich aus allen Fenstern an und sage gewissermaßen: „Guten Tag, hier bin ich! und wie geht es Ihnen? Auch ich bin, Gott sei Dank, ganz frisch und munter, aber im Mai wird man mir noch ein Stockwerk aufsetzen.“ Oder: „Guten Tag! Wie geht’s? Denken Sie sich, ich werde morgen neu angestrichen!“ Oder: „Bei mir gab’s Feuer und ich wäre um ein Haar niedergebrannt – ich habe mich dabei so erschreckt!“ Und so weiter: in dieser Art. Unter ihnen habe ich natürlich meine Lieblinge, sogar gute Freunde. Eines von ihnen will sich in diesem Sommer von einem Architekten operieren lassen – umbauen, und ähnliches. Werde da unbedingt täglich hingehen, damit man mir den Freund nicht etwa vollkommen umbringt! Gott behüte ihn davor! ... Doch niemals werde ich die Geschichte mit dem einen kleinen allerliebsten hellrosa Häuschen vergessen! Es war das solch ein reizendes Häuschen, so freundlich sah es mich immer an und so stolz war es auf seine Reize unter den plumpen Nachbarn, daß mein Herz jedesmal lachte, wenn ich an ihm vorüberging. Plötzlich, in der vorigen Woche, wie ich in die Straße einbiege und nach meinem kleinen Liebling hinsehe – höre ich ein jammervolles Wehklagen: „Man tüncht mich gelb!“ Diese Barbaren! Diese Bösewichter! Nichts hatten sie verschont. Weder die Pfeiler noch die Karniese! Mein kleiner Freund war in der Tat gelb wie ein Kanarienvogel. Ich war nahe daran, vor Ärger selbst die Gelbsucht zu kriegen, so gallig machte mich der Fall, und bis jetzt bin ich noch nicht imstande gewesen, ihn wiederzusehen, meinen entstellten armen Kleinen, den die Unbarmherzigen in der Farbe des Reichs der Mitte angestrichen haben.
Also folglich – jetzt begreifen Sie wohl, mein verehrter Leser, auf welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.
Ich sagte bereits, daß mich volle drei Tage eine seltsame Unruhe quälte, bis ich endlich ihre Ursache erriet. Auf der Straße fühlte ich mich nicht wohl (der eine war nicht zu sehen, der andere nicht, der dritte und vierte auch nicht – „wo mag wohl jener geblieben sein?“) – und auch zu Hause fühlte ich mich so anders, daß ich mich selbst kaum wiedererkannte. Zwei Abende versuchte ich vergeblich, zu ergründen, was mir nun eigentlich in meinen vier Wänden fehlen mochte. Warum fühlte ich mich mit einem Male so unbehaglich im Zimmer? Prüfend schaute ich mir meine grünen, verräucherten Wände an, musterte die Decke, an der Matrjona mit großem Erfolge das Spinngewebe behütete, besah mir meine Einrichtung, insbesondere jeden Stuhl, und fragte mich in Gedanken, ob nicht hier der Grund liege (denn wenn bei mir auch nur ein Stuhl nicht so steht, wie er gestern stand, dann bin ich nicht mehr ich selbst). Ich blickte nach dem Fenster – doch alles war umsonst ... mir ward deshalb nicht leichter zumute! Ja ich kam sogar auf den Gedanken, Matrjona zu rufen und ihr in väterlichem Tone einen gelinden Vorwurf wegen des Spinngewebes und der allgemeinen Vernachlässigung zu machen; aber sie sah mich nur verwundert an und ging fort, ohne ein Wort zu erwidern, so daß das Spinngewebe auch jetzt noch wohlbehalten an der Decke hängt. Erst heute morgen erriet ich endlich, um was es sich handelte. Also: sie zogen ja alle in die Sommerfrische und ließen mich im Stich! – das war’s: sie kniffen aus! Verzeihen Sie das triviale Wort, aber es war mir in dem Augenblick nicht um einen klassischen Ausdruck zu tun ... Es hatte doch wirklich alles, was in Petersburg lebte, die Stadt bereits verlassen, oder verließ sie noch täglich und stündlich. Wenigstens verwandelte sich in meinen Augen jeder ältere Herr von solidem Äußeren, der sich in eine Droschke setzte, in einen ehrwürdigen Familienvater, der nach den alltäglichen Geschäften in der Stadt hinausfuhr, um den Rest des Tages im Schoße seiner Familie zu verbringen. Jeder Mensch auf der Straße hatte jetzt ein völlig anderes Aussehen, eines, das jedem etwa sagen zu wollen schien: „Wir sind ja nur so, sind nur noch kurze Zeit hier, in zwei Stunden bereits fahren wir hinaus ins Grüne!“ Oder öffnete sich ein Fenster, an dessen Scheiben zuerst schlanke, weiße Fingerchen getrommelt, und beugte sich das hübsche Köpfchen eines jungen Mädchens hinaus, um den Blumenhändler herbeizurufen, – da stellte ich mir vor, daß diese Blumen auch „nur so“ von ihr gekauft wurden und durchaus nicht deshalb, um sich an diesem Blumentopf mit den paar Knospen und Blüten wie an einem Stück Frühling in der dumpfen Stube zu erfreuen, und daß sehr bald alle die Stadt verlassen und auch die Blumen mitnehmen würden. Doch damit noch nicht genug, ich machte vielmehr in meinem neuen Entdeckerberuf solche Fortschritte, daß ich bald schon allein nach dem Äußeren unfehlbar festzustellen vermochte, welchen Villenort ein jeder gewählt hatte. Die Bewohner der fashionablen Inseln[1] oder der Villen an der Peterhofstraße zeichneten sich durch auserlesene Eleganz sowohl im Gang und in jeder Geste, wie in den Sommerkostümen und Hüten aus und besaßen prachtvolle Equipagen, in denen sie zur Stadt gefahren kamen. Die Einwohner von Pargolowo und dort weiter hinaus „imponierten“ einem auf den ersten Blick durch ihre vernünftige Gediegenheit, und die von der Krestowskij-Insel durch ihre unverwüstlich heitere Gemütsverfassung. Traf es sich, daß ich einer langen Prozession von Frachtfuhrleuten begegnete, die, die Leine in der Hand, gemächlich einhertrotteten ... neben ihren hochbeladenen Lastwagen, auf denen ganze Berge von Tischen, Betten, Stühlen, türkischen und nichttürkischen Diwans schaukelten und auf deren Gipfel oft noch eine Küchenfee mit etwas verzagten Mienen thronte, oder auch, wenn sie sich sicherer fühlte, das herrschaftliche Gut mit Argusaugen bewachte, damit nur ja nichts unterwegs verloren ginge, – oder sah ich auf der Newa oder der Fontanka ein paar mit Hausgerät beladene Boote nach den Inseln oder stromaufwärts nach der Tschornaja-rjetschka ziehen, – die Boote wie die Fuhren verzehn-, verhundertfachten sich in meinen Augen –: so schien es mir, als mache alle Welt sich auf und ziehe in Karawanen hinaus, und als verwandle Petersburg sich in eine Wüste, so daß ich mich zu guter Letzt entschieden beschämt und gekränkt fühlte, und natürlich auch betrübt, denn nur ich allein hatte keine Möglichkeit und wohl auch keinen Grund, in die Sommerfrische hinauszuziehen. Und doch war ich bereit, auf jeden Lastwagen zu springen, mit jedem Herrn, der sich in eine Droschke setzte, mitzufahren; aber nicht einer von ihnen, kein einziger forderte mich dazu auf. Es war, als hätten sie mich plötzlich alle vergessen, als wäre ich ihnen allen im Grunde doch vollkommen fremd.
Ich spazierte oft und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit gemäß wieder einmal vergessen hatte, wo ich eigentlich ging, bis ich mich schließlich an der Stadtgrenze fand. Da ward mir im Augenblick fröhlich zumute und ich trat hinter den Schlagbaum und ging weiter zwischen den besäten Feldern und Wiesen, ohne Müdigkeit zu verspüren, fühlte aber, daß mir eine Last von der Seele genommen wurde. Alle, die an mir vorüberfuhren, sahen mich so freundlich an, daß es fast wie ein Gruß war; alle schienen sie über irgend etwas froh zu sein. Und auch ich wurde so froh, wie ich noch nie in meinem Leben gewesen ...
Ganz als befände ich mich plötzlich in Italien – so mächtig wirkte die Natur auf mich, den halbkranken Städter, der zwischen den Häusermauern fast schon erstickt war.