Sämtliche Werke 14

Part 13

Chapter 133,833 wordsPublic domain

„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon – kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten, schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben! Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“

Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren. (Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen, eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet. Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten, heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!

Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht ... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise Gerechtigkeit widerfahren!

Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen, vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist, ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.

Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.

Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln, zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war, sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka, daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.

Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern vorgeht.

Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster: bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf, meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht, sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln ... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“

Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht, beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen!

Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch, machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –, macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen. Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte, entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß. Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen vermag!

„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn.

Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“

Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:

„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade, daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.

Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.

„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau ... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar Alexejewitsch!“

Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um „nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.

„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar Alexejewitsch ...“

Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.

Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt. Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen, worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit, so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte, noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.

Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen. Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.

Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge, so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.

Ihr aufrichtiger Freund Makar Djewuschkin.

9. September.

Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!

Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen!

Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es mir eingibt.

Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin, setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument, das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.

Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es hörten:

„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ – und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen, sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe. Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen. Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe: „Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er sagt:

„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte, aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden, mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten. Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren Exzellenz nie zu ihm getreten.

Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:

„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten zu bereiten ...“

Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht. Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun, hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles – und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf, erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht – statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja, bei Gott, ich lächelte noch!

Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:

„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem Zustande! ... Was ist das mit ihm?“

Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet, wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch antwortet ihm:

„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“

„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie ihm Vorschuß ...“

„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos ...“

Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben, das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.

„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –

„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und damit drückten sie mir den Schein in die Hand.

Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er selbst einer ist.