Sämtliche Werke 13

Part 35

Chapter 353,606 wordsPublic domain

Die Lösung des Orientproblems ist eine Aufgabe, die das moskowitische Zarentum fast schon am Tage seiner Entstehung auf sich nahm, und die Peter der Große durchaus anerkannte und deshalb auch, als er Moskau verließ, keineswegs abschüttelte, sondern mit sich nach Petersburg hinübernahm. Peter begriff die organische Verbindung dieser Idee mit dem Russischen Reiche und der russischen Seele. Darum ist sie auch in Petersburg nicht nur nicht untergegangen, sondern von allen Nachfolgern Peters geradezu als _russische Bestimmung_ angesehen worden. Darum können wir sie auch jetzt nicht aufgeben – das wäre ein Verrat an uns selbst. Die slawische Idee nicht mehr tragen und das Problem einer Schicksalsentscheidung des östlichen Christentums – das Wesen der Orientfrage – ungelöst aufgeben, wäre dasselbe, wie ganz Rußland zerbrechen, in Splitter zerhauen und an seiner Stelle sich irgend etwas Anderes und Neues ausdenken, was dann aber nichts mehr mit Rußland zu tun hätte. Das wäre sogar nicht einmal Revolution, sondern einfach Vernichtung, und darum ganz undenkbar: denn wie sollte man solch ein Ganzes vernichten und es in einen von Grund auf neuen Organismus umgebären können? So sind es denn auch nur noch die auf beiden Augen blinden russischen „Europäer“, die diese Idee nicht einsehen können und sie daher verleugnen, und mit ihnen höchstens noch die Börsenspekulanten, – so nenne ich nun einmal grundsätzlich alle Russen, die keine andere Sorge haben als die um ihren Geldbeutel, und die infolgedessen auf Rußland nur vom Standpunkt ihrer Tasche aus sehen. Jetzt klagen sie alle im Chor über die Stockung des Handels, über die Börsenkrisis und das Sinken des Rubels. Wären aber diese Börsenspekulanten nur so weit aufgeklärt, daß sie irgend etwas auch außerhalb ihrer Sphäre verstünden, dann würde ihnen wohl aufgehen, daß sie weit schlimmer daran wären, wenn Rußland diesen Krieg nicht begonnen hätte. Damit es ein „Steigen“ gibt – selbst ein Steigen des Rubels an der Börse –, muß die Nation auch wirklich leben, muß sie ein lebendiges Leben führen und ihre natürliche Bestimmung erfüllen, nicht aber wie eine galvanisierte Leiche in den Händen der Juden und Börsenjobber liegen. Wenn wir nach allen zynischen, beleidigenden Herausforderungen unserer Feinde diesen Krieg nicht begonnen hätten und den erschöpften Märtyrern nicht zu Hilfe gekommen wären, so würden wir uns jetzt selbst verachten müssen. Selbstverachtung aber, moralisches Sinken, und nach ihm Zynismus, – sind sogar für die Geschäfte der Börsenjobber nicht günstig. Die Nationen leben durch große Gefühle, durch große, alle vereinende und alles erhellende Gedanken, und endlich durch die Einheit des ganzen Volkes, die dann entsteht, wenn das Volk unwillkürlich seine führende Intelligenz als mit ihm übereinstimmend anerkennt, woraus dann die stärkste Nationalkraft strömt. Das ist es, wodurch die Nationen leben, nicht aber durch Börsenspekulationen und die Sorge um den Wert des Rubels! Je geistig reicher eine Nation ist, desto materiell reicher wird sie sein ... Übrigens, was sind das doch wieder für alte Worte, die ich da rede!

Zur Orientfrage

Lakaientum oder Zartgefühl

Bekanntlich sind alle intelligenten Russen außerordentlich taktvoll in Fällen, in denen es sich um Europa handelt, oder wenn sie glauben, daß Europa auf sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals beachtet.[48] Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: zu Hause wird der ganze Europäismus in den allermeisten Fällen beiseite geschoben ... Und wer von ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, manch ehrlicher und guter Mensch glaubt einfach aus Herzensgüte an sie; aber gibt es denn viele solcher Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter uns; denn wir sind ja überhaupt nicht fähig, Europäer zu sein. Unsere Börsengeister und andere führende Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, die glauben freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; denn da ist auch wirklich nichts, woran zu glauben sich lohnte. Nichts ist uns unklarer, nebelhafter, unbestimmbarer als dieser Zyklus von Ideen, den wir in der Periode unserer zweihundertjährigen europäischen Nachahmung uns angeeignet haben, – in Wahrheit kein Zyklus, sondern ein Chaos abgerissener Gefühle, fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem doch nur Worte und Worte, europäische liberale Worte vielleicht, aber für uns doch nur Worte und Worte.

Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch nicht erklären, ebensowenig mit einem Lakaientum russischer Gedanken Europa gegenüber. Lakaiengedanken gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der höhere Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch wohl nicht ein Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes Zartgefühl Europa gegenüber. Man wird sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, aber nicht in allen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von den Geistern, die ich vorhin erwähnte; diesen „Europäern“ ist es niemals weder um Europa noch um Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen im Trüben gut fischen, und das taten sie denn auch zwei Jahrhunderte lang.

Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone über den jetzigen russischen Krieg mit den Türken folgendermaßen:

„Was man auch sonst über einige Kapitel der russischen Geschichte sagen könnte, durch die Befreiung vieler Millionen Menschen unterdrückter Völker von einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland der Menschheit einen der größten Dienste, deren sich die Geschichte der Menschheit erinnern wird.“

Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein russischer Europäer je auszusprechen wagen? Nie und nimmer! Eher würde er sich die Zunge abbeißen, würde aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches nur hörte oder es womöglich noch von einem Russen auf russisch geschrieben lesen müßte. „Um Gottes willen! Wie sollten wir uns unterstehen ... _und noch dazu für die ganze Menschheit_ ... wir Russen? Wir, die wir noch nicht einmal mit der Nase an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem schiefen, unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit befreien‘! Welch unliberaler Gedanke! _Rußland_ befreit die Völker!!“

Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen Europäers, und er schlüge sich eher die Finger ab, als daß er Gladstones Worten Ähnliches niederschriebe. „Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ würde er behaupten. Einige von unseren Europäern aber würden nicht ohne Stolz noch hinzufügen: „Wir russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler als die europäischen Europäer; denn wer von unseren nüchternen Köpfen würde jetzt auch nur mit einer Silbe von der Befreiung der Völker reden? Welch ein Rückschritt! Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so etwas zu sagen!“

Wie soll man das nun nennen, meine Herren? Lakaientum oder Zartgefühl Europa gegenüber?

Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen Periode unserer Geschichte das Zartgefühl eine große Rolle gespielt hat. Viele von unseren Europäern sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer fremden, anerzogenen und von diesen unseren Rittern selbst nicht allemal verstandenen Ehre –, aber immerhin irgendeiner Ehre; sind Leute, die es nicht erlauben, daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie nur so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, das Zartgefühl beherrscht sie, nicht das Lakaientum!

Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken Konfekt und Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls nur aus Zartgefühl. Jetzt haben einige undelikate Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber vorher ... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge mit den gefangenen Türken, denen unsere Damen Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter Zug mit echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten Landwehr, die sich ganz besonders durch das Zerreißen von Säuglingen auszeichnet und durch die Kunst, aus den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit einem Schrei des Entzückens empfangen, würden die interessante Landwehr mit Süßigkeiten überschütten und in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium für sie erwirken. O, man glaube mir, meine Voraussetzung ist durchaus nicht so phantastisch: dieses Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten steigern. Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken sie sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie liberal wir doch sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! Dieser hochmütige Blick, zum Beispiel, den der sogenannte russische Europäer für unser Volk nur übrighat, und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des Volkes kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – „außer einigen schreiend blöden Einfällen von einigen tausend Bauernköpfen und irgendeinem Dummkopf“ –: kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen gesagt habe?

Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, verläßt uns bei keiner Gelegenheit. Die türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und sie erhielten es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen weigerten sich sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski schreibt in seinem „Tagebuch“ als Augenzeuge aus dem Kaukasus:

Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte sie in offenen Wagen transportieren, sie aber revoltierten und erdreisteten sich, zu erklären, daß sie in solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin gab man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs Pferden bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit aus. Die Folge davon aber war, daß aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig Stunden warten mußten. Die russischen Offiziere aber, die die gefangenen Türken begleiteten, und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man nicht in die Equipage, sondern wie Bediente in einen Omnibus! Das nennt man dann „Humanität“! (Moskauer Nachrichten.)

Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben jenes besagte Zartgefühl der europäischen Meinung gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß man in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“

Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem auch von dem Erstaunen der Moskowiter bei der Ankunft der gefangenen Türken, als sie sahen, wie man sie transportierte:

Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem in Waggons dritter Klasse untergebracht, die Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und der Pascha nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. „Warum wird ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte man im Publikum fragen. „Unsere Grenadiere wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, diese türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“

„Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge ein Kaufmann – „sogar unsere verwundeten Soldaten wurden in Viehwaggons transportiert, und dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. Diesen feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, den hätte man in den Viehwagen einsperren sollen, damit er wenigstens etwas von seinem Fett verliert!“

„Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu Tode gequält, ihnen die Sehnen herausgezogen, sie mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt werden sie bei uns dafür verhätschelt ...“

Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, waren nicht vereinzelt; in ihnen tat sich die Volksmeinung kund: ist es doch schmerzlich zu sehen, daß diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum besser behandelt wird als unsere eigenen Soldaten.

Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: es ist eben Zartgefühl oder richtiger die äußere Form eines Zartgefühls der europäischen Meinung gegenüber – und weiter nichts. Das ist doch schon zweihundert Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, sich daran zu gewöhnen!

Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. Ich las diese Geschichte vor kurzem in der Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen hatte.

In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt Herr Krestowski unter anderem von einem spaßigen Fall. „In der Suite des Großfürsten erschien ein sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und einen Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er sei Mitglied des Parlaments und benutze seine freie Zeit, um vom Kriegsschauplatz an eine der großen Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten. Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, wiederum andere, er sei einfach ein Russenfreund. Doch wie dem nun auch sei, jedenfalls führt sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In Gegenwart des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit nicht ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und bei Tisch erhebt er sich, wann es ihm gefällt. Vor kurzem wandte er sich an einen bekannten Offizier mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in den Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur flüchtig mit der Hand den Schirm seines Korkhelms ...“

Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. Zu meinem Bedauern kann ich wirklich nichts Spaßiges in ihm entdecken, sondern nur sehr viel Ärgerliches. Bei uns hat sich aus Romanen und französischen Vaudevilles der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder Engländer ein Sonderling sei. Aber was ist denn ein Sonderling? Nicht immer braucht so ein Sonderling gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal erraten zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben Sitten und Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in England allgemein angenommen sein mögen. Die Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, haben sie mit ihrem scharfen Blick besser als alle Europäer die Völker aller Erdteile und ihre Sitten zu beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch dazu einer, der Mitglied des Parlaments ist, sollte nicht wissen, wo und wann er stehen, wo und wann er sitzen muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette eine so große Rolle spielt wie gerade in England. Die englische Hofetikette ist die komplizierteste der ganzen Welt. Wenn dieser Engländer Parlamentarier ist, so muß er als solcher doch wenigstens wissen, wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des Oberhauses zu verhalten haben, und zwar gerade in dem Sinne: wer vor wem sitzen bleiben, und wer vor wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu als bei den Diners und auf den Bällen oder in den Empfangssälen der Londoner Aristokratie? Nein, dieser Engländer scheint mir keineswegs ein Sonderling zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung beurteilen kann. Nein, das ist englischer Stolz, und nicht nur Stolz, sondern ist einfach Anmaßung, Herausforderung. Dieser „Russenfreund“ kann doch kein großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und denkt bei sich über die russischen Offiziere: „Meine Herren, ich weiß, daß Sie ein Löwenherz haben! ... Sie unternehmen ja fast Unmögliches und führen es auch aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder einzelne von Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, wissen Sie alle nur zu gut. Ich kann nicht abstreiten, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch nichtsdestoweniger bin ich Engländer, Sie aber sind nur Russen; ich bin Europäer, und Europa gegenüber sind Sie verpflichtet, zartfühlend und aufmerksam zu sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – im Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben ein höherer Typ Mensch. Es ist mir sehr angenehm, sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu beobachten ... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten sind, aber gerade diese Kleinigkeiten sind es, die mich amüsieren. Ich habe diese Vergnügungsreise gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich werde wieder einmal mit der Überzeugung heimkehren, daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein Herz erbebt vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten Ranges bin und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind als Russen doch nur zweitrangige Kreaturen ...“

Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos die letzten Zeilen: „Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in seinen Mantel. _Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig._“

Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes übrig? Im Gegenteil, da hätte man gerade das Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick messen, ironisch lächeln, mit den Schultern zucken und vorübergehen sollen, ohne den Mantel anzurühren. Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der aufgeklärte Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß der feinste Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, um seinen kleinlichen Stolz zu befriedigen? Das ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf verfallen konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. Doch, das war nicht etwa Zartgefühl _diesem_ Engländer gegenüber – weder als Mitglied des Parlaments, noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern unser Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung gegenüber, unser Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen sind, und das uns bis zum Verlust unserer eigenen Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. Die Lieferung von Patronen an die Türkei, die England und Amerika besorgen, soll wirklich enorm sein. Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: die Türkei aber hat weder so viel Geld, noch solch einen Kredit, um ihre Armee dermaßen mit Munition versehen zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder Beziehung helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe bringen den Türken alles, was zum Kriege nötig ist. Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus „Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, werfen Sie doch nur nicht solche Fragen auf, wir wollen nichts davon sehen, nichts hören, sonst würden wir die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und dann ...“

Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? Wahrlich, über dieses Thema „Zartgefühl“ könnte man noch vieles hinzufügen.

Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen gibt, die wir Europa in Gestalt verschiedener Versprechungen eingehändigt haben sollen, so ist doch auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und aus Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig will ich dieses Thema fallen lassen. Ich erinnere mich, zu Anfang dieses Kapitels noch hinzugefügt zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, bei uns zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. Ich möchte nun die Gelegenheit benutzen, zu zeigen, wie wir es verstehen, uns dafür zu entschädigen.

Der größte Beweis unseres Lakaientums

Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall.

Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt, daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen, um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen. Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ... Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr, aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder, im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht, zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es. Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören.

Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch _empfinden_ und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben. Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr?